Sebastian Preuss

ist stellvertretender Chefredakteur der WELTKUNST und von KUNST UND AUKTIONEN. Er kommentiert, was ihn aufregt oder erfreut im Kunstbetrieb.

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Christoph Amend

ist Chefredakteur des ZEITmagazins und Herausgeber von WELTKUNST und KUNST UND AUKTIONEN. Jeden Monat befragt er den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen.

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Tillmann Prüfer

ist Style Director des ZEITmagazin. Er stellt jeden Monat herausragende Leistungen der Handwerkskunst vor.

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Annegret Erhard

Annegret Erhard ist ehemalige Chefredakteurin von KUNST UND AUKTIONEN. Den Markt beobachtet sie seit vielen Jahren.

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Hans Ulrich Obrist

„Clubhouse erinnert mich an Beuys“

Christoph Amend befragt jeden Monat den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen. Im März geht es um Clubhouse, das Museum als Ort der Empathie und neue Technologien in der Kunst

Von Christoph Amend
03.03.2021
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 182

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Clubhouse. Ich habe mir einiges auf Clubhouse angehört, bin aber noch am Überlegen, was ich damit machen könnte.

Sie reden von der Social-Media-App, die in Deutschland im Januar schlagartig bekannt geworden ist, einer Art Twitter zum Hören.

Ja, genau. Aber wie gesagt, ich recherchiere noch. Ich bin da manchmal etwas langsam. Damals bei Instagram habe ich auch ein Jahr gebraucht, bis ich eine eigene Idee dafür hatte. Was denken Sie über Clubhouse?

Vieles daran ist sehr interessant, der Live-Charakter, die Konzentration auf Audio. Ob es sich durchsetzt? Too early to call.

Was ich spannend finde, ist, dass es oft zu richtig langen Gesprächen kommt, über mehrere Stunden. Clubhouse hat eine faszinierende Slowness. Es erinnert mich an unsere Marathon-Interviewtage, die oft über zehn Stunden gehen. Die Leute im Publikum kommen und gehen, holen sich zwischendurch was zu essen … Und es erinnert mich an die Idee von Beuys, an seine permanente Konferenz.

Kurator Hans Ulrich Obrist mit Handy
Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London. (© Nick Turpin)

Er wollte das Museum zu einem Ort der permanenten Konferenz machen.

Im Grunde ist Clubhouse eine permanente Konferenz, von morgens bis tief in die Nacht.

Wo sind Sie eigentlich gerade?

Ich war gerade im Atelier des großartigen Malers Reggie Burrows Hodges. In unserer letzten Kolumne haben wir ja über digitale Atelierbesuche gesprochen, die ich natürlich weiter mache, aber ich dachte, diesmal drehen wir das Prinzip unserer Gespräche um. Sonst reden wir erst am Ende über ein Buch, können wir heute gleich über Bücher reden? Ich habe so viele gelesen, gerade ist die perfekte Zeit zum Lesen.

Sehr gern. Also: Was haben Sie gelesen?

Die derzeitige Pause ist für die meisten Museen ein Moment des Innehaltens, des Sich-Fragens: Wie geht es mit uns weiter? András Szántó hat diese Frage in dem Buch „The Future of the Museum“ mit 28 Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt erörtert, von Marion Ackermann in Dresden über Anton Belov in Moskau, Sandra Jackson-Dumont in Los Angeles bis Koyo Kouoh vom Zeitz MOCAA in Kapstadt. Ich wurde auch befragt. Bei solchen Übersichtsbüchern achte ich immer darauf, ob sich bestimmte Themen durch die Gespräche ziehen. Hier ist es etwa der Gedanke, dass die Kunst zu uns kommen muss, dass es genauso wichtig ist, was außerhalb eines Museums stattfindet wie innerhalb – das Museum als Ort der Empathie. Oder auch dass mit der globalen Ausbreitung von Museen eine größere Pluralität der Institutionen vorstellbar ist – unterschiedliche Arten von Museen für unterschiedliche Fragestellungen. Und dass wir lernen müssen, die Sammlungen sichtbarer zu machen, und nicht nur das zu zeigen, was ein paar Kuratoren auswählen. Oder die Frage, wie und was können wir von anderen Sektoren lernen, etwa Videogames. Es ist ein überraschend optimistisches Buch, weil es zeigt, dass die Museen widerstandsfähig und offen für Innovationen sind. Ein anderer Aspekt ist die Frage, wie wir mit den neuen Technologien umgehen, und dazu ist gerade der „Atlas of Anomalous AI“ erschienen, herausgegeben von Ben Vickers und K Allado-McDowell.

Atlas of Anomalous AI
Ein Blick in das Buch „Atlas of Anomalous AI“ von Ben Vickers und K Allado-McDowell. © Ignota

Ben Vickers arbeitet mit Ihnen in der Serpentine Gallery zusammen, K Allado-McDowell hat für Google ein Konzept entwickelt, das Kunst und AI verbindet.

Das Buch beschäftigt sich mit dem Einfluss von Aby Warburgs Atlas, das war ja eine meiner Lieblingsausstellungen 2020 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

Was hat Aby Warburgs Atlas mit AI, also mit künstlicher Intelligenz, zu tun?

Das ist eine der Thesen der Herausgeber: dass Warburg das Internet vorausgedacht hat. Und dass AI bislang viel zu sehr nur mit der Industrie in Verbindung gebracht wird, dass wir sie stärker mit Philosophie, mit Mathematik, mit Naturwissenschaften verbinden sollten, auch um die zerstörerischen Kräfte, die sie teilweise in sich trägt, zu bändigen. Und dann liegt noch vor mir die Neuauflage der Tagebücher von Brian Eno …

… dem legendären Musikproduzenten und Mitgründer der Band Roxy Music. Sie arbeiten gerade mit ihm zusammen, richtig?

Ja. In den Neunzigerjahren, als ich nach London gezogen bin, kamen die Tagebücher frisch heraus, es war das erste Buch, das ich mir damals in der Stadt gekauft habe. Brian Eno hat jetzt ein neues Vorwort für die Geburtstagsausgabe geschrieben, das ganz wunderbar ist. Er führt darin Wörter auf, die es vor 25 Jahren noch nicht gab, als das Buch zum ersten Mal erschienen ist: Begriffe mit Zahlen wie 3-D-Drucker oder 9/11. Unter A ist auch AI dabei, das Wort hätte damals niemand verstanden. Und Airbnb, Alexa. Oder nehmen Sie B: Blockchain, Bluetooth, Boomer, Botox, Brexit.

Wie viele Wörter sind es insgesamt, die wir neu lernen mussten?

Warten Sie, ich blättere mal durch, grob geschätzt: 600 bis 700. Am Ende steht beispielsweise Wikipedia – und Zooming.

Wir beide haben unser Gespräch ja heute auch über Zoom geführt – vielen Dank dafür, Herr Obrist.

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Hans Ulrich Obrist

„Der Zoom-Atelierbesuch ist eine Art Prélude“

Christoph Amend befragt jeden Monat den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen. Im Februar geht es um digitale Atelierbesuche, Kunst der Native Americans und den haitianischen Dichter René Depestre

Von Christoph Amend
02.02.2021
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 181

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Ich muss mich zunächst entschuldigen, dass unser Telefonat heute erst so spät stattfindet. Ich habe bis eben gerade ein langes Gespräch mit der Künstlerin Katharina Grosse und dem Architekten Frank Gehry geführt …

… über Zoom, nehme ich an …

… ja, genau, und es hatte sich alles etwas verspätet, aber am Ende war es großartig.

Kurator Hans Ulrich Obrist mit Handy
Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London. (© Nick Turpin)

Man hört es bereits an Ihrer begeisterten Stimme!

Die beiden waren sich noch nie zuvor begegnet. Wie Sie wissen, bringe ich ja gern Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Und die beiden hatten sich viel zu sagen, wir haben uns beispielsweise darüber unterhalten, wie wichtig Überraschungen in den eigenen Arbeiten sind, wie der mit Gehry befreundete Jazzmusiker Wayne Shorter einmal sagte, dass man sie in der Kunst, dem noch nicht Erfundenen, nie proben kann. Aber das nur als Erklärung für meine Verspätung. Wir wollen ja über etwas anderes reden.

Darüber, was Sie gesehen haben.

Eine Frage in einem schwierigen Moment, wir befinden uns ja alle im härtesten Lockdown. Ich habe bereits beim ersten Lockdown festgestellt, dass ich meine Arbeit ohne Atelierbesuche bei Künstlerinnen und Künstlern im Grunde nicht fortsetzen kann, und hatte deshalb die Idee, es mit digitalen Atelierbesuchen über Zoom zu versuchen. Das klappte erstaunlich gut, auch wenn es eine wirkliche Begegnung nicht ersetzen kann. Die amerikanische Künstlerin Willa Nasatir, Jahrgang 1990, habe ich vor Kurzem besucht und Kiyan Williams, 1991 geboren, ebenfalls in den USA, wo ich zurzeit nicht hinreisen kann. Und in Los Angeles war ich per Zoom im Studio von Alake Shilling, Jahrgang 1993, sie arbeitet mit Malerei und Skulptur und erfindet eigene Figuren.

Alake Shilling Gemälde
Alake Shilling erfindet eigene Figuren: „Jubilee and the Green Pea“, 2018 © Courtesy the artist and Loyal, Stockholm

Wie unterscheiden sich die digitalen Atelierbesuche von den analogen?

Besucht man das Atelier eines Malers oder einer Malerin, riecht man die Farben. Dieser Geruch fehlt auf Zoom natürlich, auch das Taktile, die physische Begegnung mit dem Werk, die Vibes. Der Zoom-Atelierbesuch ist also eine Art Prélude für den eigentlichen Besuch. Aber interessanterweise hat es etwas sehr Intimes, wenn ein Maler oder eine Malerin einen mit dem Tablet durch die Studioräume führt. Ich möchte noch von einem besonderen Besuch erzählen, bei Jaune Quick-to-See Smith. Sie ist 1940 geboren und die erste indigene Künstlerin in den USA, von der die National Gallery in Washington eine Arbeit gekauft hat – erst im vergangenen Jahr! Was zeigt, wie sehr die indigene Kultur in den USA vernachlässigt worden ist. Jaune Quick-to-See Smith hat seit den 1970er-Jahren abstrakte Malerei und Drucke geschaffen, auch Slogans geprägt. Sie ist Mitglied der Konföderierten Salish- und Kootenai-Nation in Montana.

Welche Arbeit hat die National Gallery in Washington gekauft?

Das Gemälde I See Red: Target von 1992. Jaune Quick-to-See Smith beschäftigt sich mit der Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika …

… die ja zur Folge hatte, dass die ­indigenen Völker ihr Land verloren.

Sie zeigt mit ihrem Bild, dass der Mythos von den kriegerischen Ureinwohnern, der lange erzählt wurde, überhaupt nicht stimmt. Sehr stark sind übrigens auch ihre Landkarten, zum Beispiel »State Names« von 2000, da zeigt sie ein Amerika ohne die Staaten, die keine indigene Geschichte haben – so wie es früher war. Zu sehen sind Idaho oder Arizona, aber entsprechend kein New York.

Jaune Quick-To-See Smith
Jaune Quick-To-See Smith hinterfragt in ihrem Werk I See Red: Target (1992) den Mythos von den kriegerischen Native Americans. © Courtesy the artist and Garth Greenan Gallery, New York

Wie lief der Besuch bei Jaune Quick-to-See Smith?

Auch wenn ich es vermisst habe, die Bilder dreidimensional zu sehen, war es aufregend, ihre Skulpturen zu sehen, ihr Archiv. Die digitalen Besuche sind eine neue, faszinierende Erfahrung.

Sie schauen plötzlich über die Kamera, die von der Künstlerin geführt wird, auf ihr Werk, nicht wie sonst mit Ihrem eigenen Blick.

Das stimmt. Und selbst wenn das Gerät nicht von der Künstlerin, sondern von Mitarbeitenden geführt wird, sehe ich bei dem Rundgang nicht mehr die Künstlerin, sondern das Werk.

Und womit beschäftigen Sie sich derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich bin vor Kurzem auf den haitianischen Dichter René Depestre gestoßen. Er hat mit 19 sein erstes Buch veröffentlicht, das ihn ins Exil gezwungen hat. Er wurde später von Che Guevara nach Kuba eingeladen, und hat lange dort gelebt. Heute wohnt er in Frankreich. Ich kann seinen Gedichtband »Rage de Vivre« sehr empfehlen.

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„Wir haben Kunst in diesem Jahr vor allem auf dem Computerbildschirm gesehen“

Christoph Amend befragt jeden Monat den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen. Im August geht es um erste Museumsbesuche nach dem Lockdown, den „Sommer des Zögerns“ und den australischen Dichter Gerald Murnane

Von Christoph Amend
11.08.2020

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Basel und Zürich. Wir waren durch den Lockdown fast zweieinhalb Monate in London eingeschlossen, erst im August eröffnen wir die Serpentine Gallery wieder. Ich bin aber gerade für ein paar Wochen in der Schweiz, ich will hier ein Buch fertig schreiben. Und gestern habe ich zum ersten Mal wieder eine Ausstellung besucht.

Kurator Hans Ulrich Obrist mit Handy
Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London. (© Nick Turpin)

Wie war das nach dieser langen Pause?

Ich habe in den Wochen des Lockdowns tatsächlich keine einzige Ausstellung gesehen, in London war ja alles zu. Ich habe es extrem vermisst.

Und was war die erste Ausstellung?

„Centropy“ von DEANA LAWSON in der Kunsthalle Basel. Großartig! Die Fotografin, Jahrgang 1979, lebt in Brooklyn und porträtiert die afrikanische Diaspora, ob auf einem Feld in Jamaika, in einer Favela in Brasilien oder in einem Laden in der Bronx – und schafft unglaubliche Bilder. Es ist ihre erste große institutionelle Ausstellung in Europa, ich hatte vor einiger Zeit mal eine Ausstellung von ihr im Underground Museum in Los Angeles gesehen, die auch schon spannend war. In ihrem Werk dreht es sich oft um Intimität, um Familie, um Sexualität, um Spiritualität.

Wie war es, zum ersten Mal wieder in einem Museum zu sein?

Man ist vor allem fast allein! Durch Corona sind ja viel weniger Besucherinnen und Besucher im Museum, das ist schon eine besondere Erfahrung. Und die Bilder, die man im Museum sieht, sind noch einmal auf ganz andere Art aufgeladen.

Warum das?

Durch die Größe. Wir haben Kunst in diesem Jahr vor allem auf den Computerbildschirmen gesehen, und plötzlich läuft man wieder durch Räume! Dazu kommen im Fall von Deana Lawson besonders starke Einzelbilder. Zadie Smith, eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen, hat über ihre Bilder geschrieben, dass sie einen anschauen. Und das stimmt! Dieses Erlebnis hat man natürlich nicht, wenn man sie verkleinert auf einem Bildschirm betrachtet. Entropie bedeutet, dass Dinge sich im Chaos auflösen. „Centropy“ ist das Gegenteil, die Elektrifizierung, die zu einer kreativen Erneuerung führt. Die Direktorin der Kunsthalle, Elena Filipovic, betont, wie wichtig Zentropie in unserer Zeit ist, und wie die große Verwundbarkeit in Lawsons Fotografie ein Appell an uns ist, nicht wegzuschauen.

Deana Lawson Fotografie Vera
Die Fotografin Deana Lawson porträtiert die die afrikanische Diaspora. „Vera“ (2020) ist Teil der Ausstellung „Centropy“, welche noch bis Oktober in der Kunsthalle Basel zu sehen ist. (Courtesy die Künstlerin und Sikkema Jenkins & Co., New York)

Wo in der Schweiz schreiben Sie Ihr neues Buch fertig?

Wie immer im Engadin, da habe ich immer die besten Ideen. Auf dem Weg dorthin war ich in Zürich und habe den Ausstellungsraum Luma Westbau mit der Schau von Felix Bernstein und Gabe Rubin besucht, „The Total Vomitorium“, eine Filminstallation, die auf mehreren Bildschirmen läuft. Im Treppenhaus hingen noch Reste der neuen Ausgabe meines Projekts „It’s Urgent“, das bis Juni in Zürich lief und jetzt im Sommer in Arles gezeigt wird.

Sie laden Künstlerinnen und Künstler dazu ein, Poster zu gestalten, die über das Museum hinaus wirken sollen, zuletzt waren die EU-Wahlen ein Anlass dazu.

Ja, es ist ein generationsübergreifendes Projekt, das immer weiter fortgesetzt wird. Ich habe wirklich viel gesehen an diesem Tag in Zürich. Im Migros Museum war ich in der Ausstellung „Potential Worlds 1: Planetary Memories“, die sich mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur beschäftigt. Und in der Kunsthalle gab es eine sehr interessante Gruppenausstellung, die Daniel Baumann kuratiert. Während des Lockdowns lädt er Züricher Künstlerinnen und Künstler ein, ein Werk hinzuzufügen. Das bedeutet also, dass hier eine Ausstellung organisch wächst, anfangs waren die Räume fast leer, jetzt füllen sie sich. „Sommer des Zögerns“ hat er die Ausstellung genannt…

… eine ziemlich gute Beschreibung unserer Gegenwart.

Ja. „Sommer des Zögerns“ ist bis Mitte September zu sehen, es gibt Arbeiten von Jüngeren wie Lionne Saluz, Jahrgang 1990, über Peter Fischli, Jahrgang 1952, bis zu Walter Pfeiffer, Jahrgang 1946.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese gerade leidenschaftlich und nonstop den australischen Dichter Gerald Murnane, dessen Bücher bei Suhrkamp erscheinen. Er hat vor drei Jahren das Meisterwerk „Die Ebenen“ geschrieben. Er ist seit Langem ein Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Ich habe jetzt neun Bücher von ihm gelesen. Für mich ist er einer der ganz großen Schriftsteller unserer Zeit.

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Weltkunst Nr. 174

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„Durch die Krise ist eine Sehnsucht entstanden, kollektiv zu arbeiten“

Christoph Amend befragt jeden Monat den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen. Diesmal geht es um die Arbeit im Homeoffice, einen Anruf von Jane Fonda und #createartforearth

Von Christoph Amend
27.05.2020

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Homeoffice. Im letzten Monat habe ich von meinem Text zur Kunst und der Coronakrise erzählt, der gerade im Guardian erschienen war…

… mit Ihren Vorschlägen dazu, was passieren muss, damit Künstlerinnen und Künstler weiter arbeiten können.

Genau, er ist mittlerweile auch auf Deutsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen, in Brasilien, Japan, China, und ich arbeite gerade weiter daran. Ich habe mich auf den New Deal von Franklin D. Roosevelt in den 1930er-Jahren in den USA bezogen, aber das war natürlich eine ganz andere Zeit. Der amerikanische Publizist Jeremy Rifkin hat in seinem letzten Buch bereits einen Green New Deal adressiert, mit konkreten Vorschlägen, wie man die Industrien wirklich grün machen und ihrer fossilen Befeuerung ein Ende bereiten könnte. Diese Fragen stellen sich jetzt drängender denn je, und interessanterweise hatten wir mit der Serpentine Gallery schon vor einer Weile beschlossen, das Jahr 2020 unter das Motto „Back to Earth“ zu stellen.

Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Copyright: Brigitte Lacombe)
Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Copyright: Brigitte Lacombe)

Was machen Sie da genau?

Wir haben über 60 Plakat-Kampagnen von Künstlerinnen und Künstlern initiiert, die weit über den eigentlichen Ausstellungsraum hinausgehen, in die Stadt hinein, ins Internet. Und weil es solch offene Kampagnen sind, können sie auch während des Lockdowns weitergehen. Zum Beispiel die neuen Bilder der Erde, die Olafur Eliasson geschaffen hat. Abstrahierte Zeichnungen, auf denen der Planet sich immer wieder auf einer anderen Achse dreht. Man kann sich die Bilder von unserer Website herunterladen und ausdrucken.

Das ist auch deshalb wichtig für Sie, weil die Serpentine Gallery selbst natürlich geschlossen ist.

Das stimmt. Das Plakat-Projekt „It’s urgent“ entstand in Kooperation mit der Luma Foundation und bezog Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt ein. Darunter auch die Künstlerin Judy Chicago, die ein fantastisches Plakat gestaltet hat mit einem gestrandeten Polarbär und dem Satz: „Every creature on this planet must be hoping that our time of awakening comes soon.“ Die Schauspielerin Jane Fonda war begeistert davon, und so entstand die Idee zu einem weiteren Projekt, unter anderem mit Greenpeace, dem National Museum for Women in the Arts in Washington und der Initiative Fire Drill Friday.

Olafur Eliasson, „Earth perspectives“, 2020 Die Erde, gesehen vom Great Barrier Reef, Australien „Earth perspectives“ ist Teil des Projekts „Back to Earth“ der Serpentine Galleries
Olafur Eliasson, „Earth perspectives“, 2020 Die Erde, gesehen vom Great Barrier Reef, Australien „Earth perspectives“ ist Teil des Projekts „Back to Earth“ der Serpentine Galleries

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jane Fonda?

Der Kontakt kam auf einer Ausstellungseröffnung von Judy Chicago in Washington im letzten Herbst zustande. Jane Fonda machte damals gleichzeitig Protestaktionen in der Stadt. Judy Chicago hat ihr am Eröffnungsabend von unserer Plakataktion erzählt und meine Handynummer gegeben. Am Tag der Eröffnung klingelte dann mein Handy, und Jane Fonda war dran!

Das passiert selbst Ihnen nicht oft.

Es war eine große Überraschung! Jane Fonda arbeitet ja mit Greenpeace, sie hat mit Judy Chicago dann gemeinsam eine Street-Art-Künstlerin mit in das Projekt gebracht, und plötzlich waren wir eine Art Kollektiv. Ich stelle überhaupt fest, dass durch diese Krise eine Sehnsucht entstanden ist, kollektiv zu arbeiten. Während des Lockdowns habe ich fast jeden Tag mit Judy, Jane, Swoon und Greenpeace-Leuten gezoomt, Feminismus, Hollywood, Öko-Aktivismus, Street-Art, Gegenwartskunst – was für eine Allianz der Vielfalt! Gemeinsam haben wir einen Hashtag lanciert, #createartforearth. Mittlerweile haben mehrere Tausend Künstlerinnen und Künstler daran teilgenommen.

Judy Chicago, On Fire; Judy Chicago, 2020 © Judy Chicago/Artists Rights Society (ARS), New York Photo © Donald Woodman/ARS, New York, Courtesy of the artist; Salon 94, New York; Jessica Silverman Gallery, San Francisco; and Cirrus Gallery, Los Angeles, VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Judy Chicago, On Fire; Judy Chicago, 2020 © Judy Chicago/Artists Rights Society (ARS), New York Photo © Donald Woodman/ARS, New York, Courtesy of the artist; Salon 94, New York; Jessica Silverman Gallery, San Francisco; and Cirrus Gallery, Los Angeles, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Eine digitale Demonstration in Zeiten, in denen physische Demonstrationen nicht stattfinden können.

Ja, Jane Fonda hat ein kleines Manifest dazu geschrieben. Sie sagt, dass wir durch diese Gesundheitskrise hindurchgehen und danach zum Normalen zurückkehren können. Oder wir begreifen, dass dieses Normale eben genau das Problem war. Ach ja, wir setzen auch das Do-It-Projekt fort!

Sie lassen sich vom Homeoffice offensichtlich nicht stoppen!

In der letzten Kolumne haben wir ja über das Buch geredet, das alle bisherigen Do-It-Arbeiten versammelt. Jetzt habe ich 50 neue Künstlerinnen und Künstler aus der nächsten Generation eingeladen, dabei mitzumachen.

Normalerweise frage ich Sie zum Schluss, womit Sie sich außerhalb der Kunst gerade beschäftigen, aber zurzeit ist ja alles auch außerhalb der Kunst. Auf Ihrem Instagram-Account habe ich ein gutes Zitat zum Abschluss gefunden, von Ihrer Freundin, der Dichterin Friederike Mayröcker. Es ist geradezu prophetisch, wenn man es heute liest: „Ich kann die Welt retten, wenn ich als Künstler arbeiten darf und kann.“

Und deshalb müssen wir alles dafür tun, damit Künstlerinnen und Künstler weiter arbeiten können.

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WELTKUNST Nr. 172/2020

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„Wir müssen dringend über andere Wege nachdenken“

Christoph Amend befragt jeden Monat den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen. Diesmal geht es um Grundsätzliches: die Vielfliegerei in der Kunstwelt und eine klimafreundliche Ausstellungspolitik

Von Christoph Amend
02.03.2020

Normalerweise frage ich Sie zu Beginn ja immer, was Sie gesehen haben, Herr Obrist. Aber ich habe gerade gelesen, dass Sie künftig weniger fliegen werden, wirklich wahr?

Ja, ich habe schon vor Längerem beschlossen, weniger zu fliegen. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in den Neunzigerjahren vor allem mit Nachtzügen gereist, leider wurden sehr viele seitdem abgeschafft – mit den lobenswerten Ausnahmen in Österreich und Schweden. In England brauchen wir auf jeden Fall mehr Nachtzüge, und ich fordere alle Ihre Leser auf, an die Deutsche Bahn zu schreiben, damit auch sie wieder Nachtzüge einführt!

Sie lieben Nachtzüge.

Das stimmt. Vor allem wegen der zufälligen Begegnungen, die man dort immer wieder machen kann. Diese langsamere Art zu reisen, ist nicht nur besser für das Klima. Sie ist auch besser für uns Menschen. Ich muss gestehen: Viele meiner Texte und Bücher sind während meiner Fahrten in Nachtzügen entstanden.

Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Copyright: Brigitte Lacombe)
Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Copyright: Brigitte Lacombe)

Sie sind bekannt dafür, dass Sie ständig um die ganze Welt fliegen. Mit Nachtzügen alleine kommen Sie da nicht weit.

Es geht natürlich auch darum, die Langstreckenflüge zu reduzieren. Der deutsche Aktionskünstler Gustav Metzger, der lange in England gelebt hat …

… er ist 2017 im Alter von 90 Jahren in London gestorben … 

… hat uns in der Serpentine Gallery schon vor über zehn Jahren darauf gebracht, stärker auf ökologische Fragen zu achten. Mit seiner Kritik am Destruktionspotenzial des kapitalistischen Systems und auch des Kunstbetriebs war er seiner Zeit damals voraus. Es geht, wenn wir über die Kunstwelt insgesamt reden, auch um das Verschicken der Kunstwerke für internationale Ausstellungen und Messen. Hier müssen wir dringend über andere Wege nachdenken. Der CO₂-Verbrauch durch den Transport der Kunstwerke ist einfach zu hoch.

Und Ihre eigenen internationalen Reisen – was wollen Sie da ändern?

Ich versuche, die Flüge zu reduzieren, indem ich längere Reisen unternehme. Das heißt: Ich fliege nicht mehr dreimal im Jahr irgendwohin, sondern nur noch einmal. Dafür bleibe ich dort länger. Übrigens verbraucht auch unsere Kommunikation mit E-Mails jede Menge Energie in den Serverfarmen – ich arbeite gerade daran, meinen E-Mail-Output extrem zu reduzieren. Ganz interessant ist in diesem Zusammenhang die britische Malerin Rose Wylie, die immer gesagt hat, man solle Kleider nicht wegwerfen. Sie ist jetzt 86 Jahre alt und hat seit siebzig Jahren so gut wie keine Kleider gekauft. Dafür hat sie einen unglaublichen Patchwork-Kleidungsstil entwickelt, der Lust auf Nachahmung macht. 

Ich merke, Sie sind tief im Thema!

Oh ja. Noch ein anderes Beispiel: Durch die Werke des großartigen, italienischen, 96-jährigen Künstlers Gianfranco Baruchello werde ich nie wieder Fleisch essen. Er ist 1975 aufs Land gezogen und hat die Bewegung „Agricola Cornelia S.p.A.“ gegründet, die Mythen, Kulturen und Traditionen des Ackerbaus erforscht. Wie immer gilt es, von den Künstlerinnen und Künstlern zu lernen: We need the artists to change the future.

Und jetzt frage ich Sie doch noch: Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Man kann durch Europa mit dem Zug fahren – oder wie in meinem Fall auch innerhalb Englands. Ich bin gerade mit meiner guten Freundin Alice Rawsthorn, der Design-Journalistin, nach Surrey in den Süden von London gefahren. Alice macht meinen absoluten Lieblings-Instagram-Account! Wir waren im Atelier der Keramikkünstlerin Magdalene Odundo. Sie stammt aus Kenia, lebt seit Langem in England und hat ihre Arbeit mit Ton zur höchsten Meisterschaft gebracht.

Magdalene Odundo in ihrem Atelier, Foto: Josh Willdigg
Magdalene Odundo in ihrem Atelier, Foto: Josh Willdigg

Ich sehe gerade die Bilder von dem Besuch auf Ihrem Instagram-Account: Vasen, Teekannen … 

… ja, Odundo sagt, dass ihre Objekte tanzen. Seit den Siebzigerjahren zählt sie zu den besten Töpferinnen der Welt, sie unterrichtet auch am College. Sie produziert nicht nur Skulpturen, sondern zeichnet auch. Gerade wurde sie vom britischen Königshaus zur Dame geschlagen, eine großartige Künstlerin! 

Womit beschäftigen Sie sich derzeit außerhalb der Kunst? 

Ich lese gerade das aktuelle Buch des 100-jährigen Wissenschaftlers James Lovelock, einem der wichtigen ökologischen Denker unserer Zeit. Er hat die Gaia-Theorie geprägt, die besagt, dass die Erde ein Organismus ist, in dem alles mit allem verbunden ist. Sein neues Buch heißt „Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz“, und es macht tatsächlich Hoffnung, dass die Menschheit die Klimakrise vielleicht doch noch in den Griff bekommt.

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Der richtige Schliff

Schon früh begann die Karriere des Juweliers Harry Winston, seine Werke sind für die Ewigkeit

Von Tillmann Prüfer
16.01.2018

Manchmal beginnt eine große Geschichte damit, dass man ein etwas besseres Auge hat als andere. So war es bei Harry Winston. Sein Vater war Juwelier, also kannte er sich schon früh mit Steinen aus. Als Zwölfjähriger entdeckte er einen zweikarätigen Smaragd in einem Laden – und kaufte ihn für 25 Cent. Der Wiederverkaufswert lag bei 800 Dollar. In New York eröffnete er 1932 sein erstes Geschäft, das dank seines besonderen Gespürs für Steine schnell wuchs. Ein Meilenstein war der Kauf der Arabella-Huntington-Juwelen. Den als altmodisch geltenden Schmuck der Kunstsammlerin erwarb Winston günstig, er ließ die Teile umarbeiten und veräußerte sie für ein Vielfaches. 

Noch heute ist das Haus Harry Winston eine der wenigen Manufakturen, in der die Steine nicht nur arrangiert, sondern auch bearbeitet werden. Immer wieder wurden große Rohdiamanten gekauft, aufgespalten und zu Juwelen veredelt. 1968 wurde die Spaltung des 601-karätigen Lesotho-Diamanten sogar im Fernsehen übertragen. 

Diamanten zu schleifen ist ein mühseliges Handwerk, denn sie sind so hart, dass sie sich keinem Material beugen – außer anderen Diamanten. In der Verarbeitung werden die Rohdiamanten zunächst abgerundet. Dazu lässt man einen eingespannten Stein gegen einen anderen rotieren, sodass er sich abschleift. Die endgültige Form, etwa einen Brillantschliff, der aus mindesten 56 Facetten besteht, erhält der Stein an einer Scheibe, die mit Diamantstaub beschichtet ist. Die wertvollsten Diamanten werden von Hand geschliffen, was ihnen eine einzigartige Aura verleiht. Hierbei dauert der Schleifprozess Monate. Erst am Ende der aufwändigen Prozedur steht fest, ob es tatsächlich gelungen ist, das gesamte Potenzial des Steines zu wecken. Es wird an den „4 C“ – Clarity, Color, Carat, Cut – gemessen. Und an den Feinheiten. Ob die Symmetrien stimmen und ob der Stein das richtige Feuer entfacht, sprich: ob er das weiße Licht in die Spektralfarben zerlegt. Harry Winston sagte einmal: „Jeder Diamant muss wie eine eigenständige Person behandelt werden.“ Und da Diamanten bekanntlich ewig halten, sind sie entsprechend nachtragend. Eine schlechte Behandlung verzeihen sie nie.

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