Sebastian Preuss

ist stellvertretender Chefredakteur der WELTKUNST und von KUNST UND AUKTIONEN. Er kommentiert, was ihn aufregt oder erfreut im Kunstbetrieb.

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Christoph Amend

ist Chefredakteur des ZEITmagazins und Herausgeber von WELTKUNST und KUNST UND AUKTIONEN. Jeden Monat befragt er den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen.

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Tillmann Prüfer

ist Style Director des ZEITmagazin. Er stellt jeden Monat herausragende Leistungen der Handwerkskunst vor.

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Annegret Erhard

Annegret Erhard ist ehemalige Chefredakteurin von KUNST UND AUKTIONEN. Den Markt beobachtet sie seit vielen Jahren.

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„Wir haben Kunst in diesem Jahr vor allem auf dem Computerbildschirm gesehen“

Christoph Amend befragt jeden Monat den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen. Im August geht es um erste Museumsbesuche nach dem Lockdown, den „Sommer des Zögerns“ und den australischen Dichter Gerald Murnane

Von Christoph Amend
11.08.2020

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Basel und Zürich. Wir waren durch den Lockdown fast zweieinhalb Monate in London eingeschlossen, erst im August eröffnen wir die Serpentine Gallery wieder. Ich bin aber gerade für ein paar Wochen in der Schweiz, ich will hier ein Buch fertig schreiben. Und gestern habe ich zum ersten Mal wieder eine Ausstellung besucht.

Hans-Ulrich Obrist mit Handy (Abb.: Nick Turpin)
Hans-Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London. (© Nick Turpin)

Wie war das nach dieser langen Pause?

Ich habe in den Wochen des Lockdowns tatsächlich keine einzige Ausstellung gesehen, in London war ja alles zu. Ich habe es extrem vermisst.

Und was war die erste Ausstellung?

„Centropy“ von DEANA LAWSON in der Kunsthalle Basel. Großartig! Die Fotografin, Jahrgang 1979, lebt in Brooklyn und porträtiert die afrikanische Diaspora, ob auf einem Feld in Jamaika, in einer Favela in Brasilien oder in einem Laden in der Bronx – und schafft unglaubliche Bilder. Es ist ihre erste große institutionelle Ausstellung in Europa, ich hatte vor einiger Zeit mal eine Ausstellung von ihr im Underground Museum in Los Angeles gesehen, die auch schon spannend war. In ihrem Werk dreht es sich oft um Intimität, um Familie, um Sexualität, um Spiritualität.

Wie war es, zum ersten Mal wieder in einem Museum zu sein?

Man ist vor allem fast allein! Durch Corona sind ja viel weniger Besucherinnen und Besucher im Museum, das ist schon eine besondere Erfahrung. Und die Bilder, die man im Museum sieht, sind noch einmal auf ganz andere Art aufgeladen.

Warum das?

Durch die Größe. Wir haben Kunst in diesem Jahr vor allem auf den Computerbildschirmen gesehen, und plötzlich läuft man wieder durch Räume! Dazu kommen im Fall von Deana Lawson besonders starke Einzelbilder. Zadie Smith, eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen, hat über ihre Bilder geschrieben, dass sie einen anschauen. Und das stimmt! Dieses Erlebnis hat man natürlich nicht, wenn man sie verkleinert auf einem Bildschirm betrachtet. Entropie bedeutet, dass Dinge sich im Chaos auflösen. „Centropy“ ist das Gegenteil, die Elektrifizierung, die zu einer kreativen Erneuerung führt. Die Direktorin der Kunsthalle, Elena Filipovic, betont, wie wichtig Zentropie in unserer Zeit ist, und wie die große Verwundbarkeit in Lawsons Fotografie ein Appell an uns ist, nicht wegzuschauen.

Deana Lawson Fotografie Vera
Die Fotografin Deana Lawson porträtiert die die afrikanische Diaspora. „Vera“ (2020) ist Teil der Ausstellung „Centropy“, welche noch bis Oktober in der Kunsthalle Basel zu sehen ist. (Courtesy die Künstlerin und Sikkema Jenkins & Co., New York)

Wo in der Schweiz schreiben Sie Ihr neues Buch fertig?

Wie immer im Engadin, da habe ich immer die besten Ideen. Auf dem Weg dorthin war ich in Zürich und habe den Ausstellungsraum Luma Westbau mit der Schau von Felix Bernstein und Gabe Rubin besucht, „The Total Vomitorium“, eine Filminstallation, die auf mehreren Bildschirmen läuft. Im Treppenhaus hingen noch Reste der neuen Ausgabe meines Projekts „It’s Urgent“, das bis Juni in Zürich lief und jetzt im Sommer in Arles gezeigt wird.

Sie laden Künstlerinnen und Künstler dazu ein, Poster zu gestalten, die über das Museum hinaus wirken sollen, zuletzt waren die EU-Wahlen ein Anlass dazu.

Ja, es ist ein generationsübergreifendes Projekt, das immer weiter fortgesetzt wird. Ich habe wirklich viel gesehen an diesem Tag in Zürich. Im Migros Museum war ich in der Ausstellung „Potential Worlds 1: Planetary Memories“, die sich mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur beschäftigt. Und in der Kunsthalle gab es eine sehr interessante Gruppenausstellung, die Daniel Baumann kuratiert. Während des Lockdowns lädt er Züricher Künstlerinnen und Künstler ein, ein Werk hinzuzufügen. Das bedeutet also, dass hier eine Ausstellung organisch wächst, anfangs waren die Räume fast leer, jetzt füllen sie sich. „Sommer des Zögerns“ hat er die Ausstellung genannt…

… eine ziemlich gute Beschreibung unserer Gegenwart.

Ja. „Sommer des Zögerns“ ist bis Mitte September zu sehen, es gibt Arbeiten von Jüngeren wie Lionne Saluz, Jahrgang 1990, über Peter Fischli, Jahrgang 1952, bis zu Walter Pfeiffer, Jahrgang 1946.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese gerade leidenschaftlich und nonstop den australischen Dichter Gerald Murnane, dessen Bücher bei Suhrkamp erscheinen. Er hat vor drei Jahren das Meisterwerk „Die Ebenen“ geschrieben. Er ist seit Langem ein Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Ich habe jetzt neun Bücher von ihm gelesen. Für mich ist er einer der ganz großen Schriftsteller unserer Zeit.

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Weltkunst Nr. 174

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„Durch die Krise ist eine Sehnsucht entstanden, kollektiv zu arbeiten“

Christoph Amend befragt jeden Monat den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen. Diesmal geht es um die Arbeit im Homeoffice, einen Anruf von Jane Fonda und #createartforearth

Von Christoph Amend
27.05.2020

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Homeoffice. Im letzten Monat habe ich von meinem Text zur Kunst und der Coronakrise erzählt, der gerade im Guardian erschienen war…

… mit Ihren Vorschlägen dazu, was passieren muss, damit Künstlerinnen und Künstler weiter arbeiten können.

Genau, er ist mittlerweile auch auf Deutsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen, in Brasilien, Japan, China, und ich arbeite gerade weiter daran. Ich habe mich auf den New Deal von Franklin D. Roosevelt in den 1930er-Jahren in den USA bezogen, aber das war natürlich eine ganz andere Zeit. Der amerikanische Publizist Jeremy Rifkin hat in seinem letzten Buch bereits einen Green New Deal adressiert, mit konkreten Vorschlägen, wie man die Industrien wirklich grün machen und ihrer fossilen Befeuerung ein Ende bereiten könnte. Diese Fragen stellen sich jetzt drängender denn je, und interessanterweise hatten wir mit der Serpentine Gallery schon vor einer Weile beschlossen, das Jahr 2020 unter das Motto „Back to Earth“ zu stellen.

Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Copyright: Brigitte Lacombe)
Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Copyright: Brigitte Lacombe)

Was machen Sie da genau?

Wir haben über 60 Plakat-Kampagnen von Künstlerinnen und Künstlern initiiert, die weit über den eigentlichen Ausstellungsraum hinausgehen, in die Stadt hinein, ins Internet. Und weil es solch offene Kampagnen sind, können sie auch während des Lockdowns weitergehen. Zum Beispiel die neuen Bilder der Erde, die Olafur Eliasson geschaffen hat. Abstrahierte Zeichnungen, auf denen der Planet sich immer wieder auf einer anderen Achse dreht. Man kann sich die Bilder von unserer Website herunterladen und ausdrucken.

Das ist auch deshalb wichtig für Sie, weil die Serpentine Gallery selbst natürlich geschlossen ist.

Das stimmt. Das Plakat-Projekt „It’s urgent“ entstand in Kooperation mit der Luma Foundation und bezog Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt ein. Darunter auch die Künstlerin Judy Chicago, die ein fantastisches Plakat gestaltet hat mit einem gestrandeten Polarbär und dem Satz: „Every creature on this planet must be hoping that our time of awakening comes soon.“ Die Schauspielerin Jane Fonda war begeistert davon, und so entstand die Idee zu einem weiteren Projekt, unter anderem mit Greenpeace, dem National Museum for Women in the Arts in Washington und der Initiative Fire Drill Friday.

Olafur Eliasson, „Earth perspectives“, 2020 Die Erde, gesehen vom Great Barrier Reef, Australien „Earth perspectives“ ist Teil des Projekts „Back to Earth“ der Serpentine Galleries
Olafur Eliasson, „Earth perspectives“, 2020 Die Erde, gesehen vom Great Barrier Reef, Australien „Earth perspectives“ ist Teil des Projekts „Back to Earth“ der Serpentine Galleries

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jane Fonda?

Der Kontakt kam auf einer Ausstellungseröffnung von Judy Chicago in Washington im letzten Herbst zustande. Jane Fonda machte damals gleichzeitig Protestaktionen in der Stadt. Judy Chicago hat ihr am Eröffnungsabend von unserer Plakataktion erzählt und meine Handynummer gegeben. Am Tag der Eröffnung klingelte dann mein Handy, und Jane Fonda war dran!

Das passiert selbst Ihnen nicht oft.

Es war eine große Überraschung! Jane Fonda arbeitet ja mit Greenpeace, sie hat mit Judy Chicago dann gemeinsam eine Street-Art-Künstlerin mit in das Projekt gebracht, und plötzlich waren wir eine Art Kollektiv. Ich stelle überhaupt fest, dass durch diese Krise eine Sehnsucht entstanden ist, kollektiv zu arbeiten. Während des Lockdowns habe ich fast jeden Tag mit Judy, Jane, Swoon und Greenpeace-Leuten gezoomt, Feminismus, Hollywood, Öko-Aktivismus, Street-Art, Gegenwartskunst – was für eine Allianz der Vielfalt! Gemeinsam haben wir einen Hashtag lanciert, #createartforearth. Mittlerweile haben mehrere Tausend Künstlerinnen und Künstler daran teilgenommen.

Judy Chicago, On Fire; Judy Chicago, 2020 © Judy Chicago/Artists Rights Society (ARS), New York Photo © Donald Woodman/ARS, New York, Courtesy of the artist; Salon 94, New York; Jessica Silverman Gallery, San Francisco; and Cirrus Gallery, Los Angeles, VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Judy Chicago, On Fire; Judy Chicago, 2020 © Judy Chicago/Artists Rights Society (ARS), New York Photo © Donald Woodman/ARS, New York, Courtesy of the artist; Salon 94, New York; Jessica Silverman Gallery, San Francisco; and Cirrus Gallery, Los Angeles, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Eine digitale Demonstration in Zeiten, in denen physische Demonstrationen nicht stattfinden können.

Ja, Jane Fonda hat ein kleines Manifest dazu geschrieben. Sie sagt, dass wir durch diese Gesundheitskrise hindurchgehen und danach zum Normalen zurückkehren können. Oder wir begreifen, dass dieses Normale eben genau das Problem war. Ach ja, wir setzen auch das Do-It-Projekt fort!

Sie lassen sich vom Homeoffice offensichtlich nicht stoppen!

In der letzten Kolumne haben wir ja über das Buch geredet, das alle bisherigen Do-It-Arbeiten versammelt. Jetzt habe ich 50 neue Künstlerinnen und Künstler aus der nächsten Generation eingeladen, dabei mitzumachen.

Normalerweise frage ich Sie zum Schluss, womit Sie sich außerhalb der Kunst gerade beschäftigen, aber zurzeit ist ja alles auch außerhalb der Kunst. Auf Ihrem Instagram-Account habe ich ein gutes Zitat zum Abschluss gefunden, von Ihrer Freundin, der Dichterin Friederike Mayröcker. Es ist geradezu prophetisch, wenn man es heute liest: „Ich kann die Welt retten, wenn ich als Künstler arbeiten darf und kann.“

Und deshalb müssen wir alles dafür tun, damit Künstlerinnen und Künstler weiter arbeiten können.

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WELTKUNST Nr. 172/2020

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„Wir müssen dringend über andere Wege nachdenken“

Christoph Amend befragt jeden Monat den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen. Diesmal geht es um Grundsätzliches: die Vielfliegerei in der Kunstwelt und eine klimafreundliche Ausstellungspolitik

Von Christoph Amend
02.03.2020

Normalerweise frage ich Sie zu Beginn ja immer, was Sie gesehen haben, Herr Obrist. Aber ich habe gerade gelesen, dass Sie künftig weniger fliegen werden, wirklich wahr?

Ja, ich habe schon vor Längerem beschlossen, weniger zu fliegen. Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in den Neunzigerjahren vor allem mit Nachtzügen gereist, leider wurden sehr viele seitdem abgeschafft – mit den lobenswerten Ausnahmen in Österreich und Schweden. In England brauchen wir auf jeden Fall mehr Nachtzüge, und ich fordere alle Ihre Leser auf, an die Deutsche Bahn zu schreiben, damit auch sie wieder Nachtzüge einführt!

Sie lieben Nachtzüge.

Das stimmt. Vor allem wegen der zufälligen Begegnungen, die man dort immer wieder machen kann. Diese langsamere Art zu reisen, ist nicht nur besser für das Klima. Sie ist auch besser für uns Menschen. Ich muss gestehen: Viele meiner Texte und Bücher sind während meiner Fahrten in Nachtzügen entstanden.

Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Copyright: Brigitte Lacombe)
Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Copyright: Brigitte Lacombe)

Sie sind bekannt dafür, dass Sie ständig um die ganze Welt fliegen. Mit Nachtzügen alleine kommen Sie da nicht weit.

Es geht natürlich auch darum, die Langstreckenflüge zu reduzieren. Der deutsche Aktionskünstler Gustav Metzger, der lange in England gelebt hat …

… er ist 2017 im Alter von 90 Jahren in London gestorben … 

… hat uns in der Serpentine Gallery schon vor über zehn Jahren darauf gebracht, stärker auf ökologische Fragen zu achten. Mit seiner Kritik am Destruktionspotenzial des kapitalistischen Systems und auch des Kunstbetriebs war er seiner Zeit damals voraus. Es geht, wenn wir über die Kunstwelt insgesamt reden, auch um das Verschicken der Kunstwerke für internationale Ausstellungen und Messen. Hier müssen wir dringend über andere Wege nachdenken. Der CO₂-Verbrauch durch den Transport der Kunstwerke ist einfach zu hoch.

Und Ihre eigenen internationalen Reisen – was wollen Sie da ändern?

Ich versuche, die Flüge zu reduzieren, indem ich längere Reisen unternehme. Das heißt: Ich fliege nicht mehr dreimal im Jahr irgendwohin, sondern nur noch einmal. Dafür bleibe ich dort länger. Übrigens verbraucht auch unsere Kommunikation mit E-Mails jede Menge Energie in den Serverfarmen – ich arbeite gerade daran, meinen E-Mail-Output extrem zu reduzieren. Ganz interessant ist in diesem Zusammenhang die britische Malerin Rose Wylie, die immer gesagt hat, man solle Kleider nicht wegwerfen. Sie ist jetzt 86 Jahre alt und hat seit siebzig Jahren so gut wie keine Kleider gekauft. Dafür hat sie einen unglaublichen Patchwork-Kleidungsstil entwickelt, der Lust auf Nachahmung macht. 

Ich merke, Sie sind tief im Thema!

Oh ja. Noch ein anderes Beispiel: Durch die Werke des großartigen, italienischen, 96-jährigen Künstlers Gianfranco Baruchello werde ich nie wieder Fleisch essen. Er ist 1975 aufs Land gezogen und hat die Bewegung „Agricola Cornelia S.p.A.“ gegründet, die Mythen, Kulturen und Traditionen des Ackerbaus erforscht. Wie immer gilt es, von den Künstlerinnen und Künstlern zu lernen: We need the artists to change the future.

Und jetzt frage ich Sie doch noch: Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Man kann durch Europa mit dem Zug fahren – oder wie in meinem Fall auch innerhalb Englands. Ich bin gerade mit meiner guten Freundin Alice Rawsthorn, der Design-Journalistin, nach Surrey in den Süden von London gefahren. Alice macht meinen absoluten Lieblings-Instagram-Account! Wir waren im Atelier der Keramikkünstlerin Magdalene Odundo. Sie stammt aus Kenia, lebt seit Langem in England und hat ihre Arbeit mit Ton zur höchsten Meisterschaft gebracht.

Magdalene Odundo in ihrem Atelier, Foto: Josh Willdigg
Magdalene Odundo in ihrem Atelier, Foto: Josh Willdigg

Ich sehe gerade die Bilder von dem Besuch auf Ihrem Instagram-Account: Vasen, Teekannen … 

… ja, Odundo sagt, dass ihre Objekte tanzen. Seit den Siebzigerjahren zählt sie zu den besten Töpferinnen der Welt, sie unterrichtet auch am College. Sie produziert nicht nur Skulpturen, sondern zeichnet auch. Gerade wurde sie vom britischen Königshaus zur Dame geschlagen, eine großartige Künstlerin! 

Womit beschäftigen Sie sich derzeit außerhalb der Kunst? 

Ich lese gerade das aktuelle Buch des 100-jährigen Wissenschaftlers James Lovelock, einem der wichtigen ökologischen Denker unserer Zeit. Er hat die Gaia-Theorie geprägt, die besagt, dass die Erde ein Organismus ist, in dem alles mit allem verbunden ist. Sein neues Buch heißt „Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz“, und es macht tatsächlich Hoffnung, dass die Menschheit die Klimakrise vielleicht doch noch in den Griff bekommt.

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Der richtige Schliff

Schon früh begann die Karriere des Juweliers Harry Winston, seine Werke sind für die Ewigkeit

Von Tillmann Prüfer
16.01.2018

Manchmal beginnt eine große Geschichte damit, dass man ein etwas besseres Auge hat als andere. So war es bei Harry Winston. Sein Vater war Juwelier, also kannte er sich schon früh mit Steinen aus. Als Zwölfjähriger entdeckte er einen zweikarätigen Smaragd in einem Laden – und kaufte ihn für 25 Cent. Der Wiederverkaufswert lag bei 800 Dollar. In New York eröffnete er 1932 sein erstes Geschäft, das dank seines besonderen Gespürs für Steine schnell wuchs. Ein Meilenstein war der Kauf der Arabella-Huntington-Juwelen. Den als altmodisch geltenden Schmuck der Kunstsammlerin erwarb Winston günstig, er ließ die Teile umarbeiten und veräußerte sie für ein Vielfaches. 

Noch heute ist das Haus Harry Winston eine der wenigen Manufakturen, in der die Steine nicht nur arrangiert, sondern auch bearbeitet werden. Immer wieder wurden große Rohdiamanten gekauft, aufgespalten und zu Juwelen veredelt. 1968 wurde die Spaltung des 601-karätigen Lesotho-Diamanten sogar im Fernsehen übertragen. 

Diamanten zu schleifen ist ein mühseliges Handwerk, denn sie sind so hart, dass sie sich keinem Material beugen – außer anderen Diamanten. In der Verarbeitung werden die Rohdiamanten zunächst abgerundet. Dazu lässt man einen eingespannten Stein gegen einen anderen rotieren, sodass er sich abschleift. Die endgültige Form, etwa einen Brillantschliff, der aus mindesten 56 Facetten besteht, erhält der Stein an einer Scheibe, die mit Diamantstaub beschichtet ist. Die wertvollsten Diamanten werden von Hand geschliffen, was ihnen eine einzigartige Aura verleiht. Hierbei dauert der Schleifprozess Monate. Erst am Ende der aufwändigen Prozedur steht fest, ob es tatsächlich gelungen ist, das gesamte Potenzial des Steines zu wecken. Es wird an den „4 C“ – Clarity, Color, Carat, Cut – gemessen. Und an den Feinheiten. Ob die Symmetrien stimmen und ob der Stein das richtige Feuer entfacht, sprich: ob er das weiße Licht in die Spektralfarben zerlegt. Harry Winston sagte einmal: „Jeder Diamant muss wie eine eigenständige Person behandelt werden.“ Und da Diamanten bekanntlich ewig halten, sind sie entsprechend nachtragend. Eine schlechte Behandlung verzeihen sie nie.

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Hans Ulrich Obrist in Mailand

Hans Ulrich Obrist wird Augenzeuge, wie sich eine Ausstellung über die Jahre weiterentwickelt

Von Christoph Amend
15.01.2018

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Mailand. Für mich als Schweizer ist diese Stadt ja immer etwas Besonderes. 

Warum?

Im Grunde ist es die erste Großstadt, die man besucht, wenn man in der Schweiz aufwächst, zumindest die erste internationale … Warten Sie kurz? Ich bin gerade im Taxi hier in ­London. (Zum Taxifahrer: „I need to go to the Victoria and Albert Museum.“) Zurück nach Mailand. Die Stadt hatte ja immer wieder kulturell aufregende Jahre, insbesondere die Sechziger müssen unglaublich gewesen sein. Das kann man jetzt wieder nachvollziehen, wenn man die Ettore-Sottsass-Ausstellung in der Triennale besucht. Es ist immer schwierig, in einer Ausstellung den Geist einer Person einzufangen, die nicht mehr lebt. Oft wirken diese Ausstellungen leblos. 

Warum wirkt die Show in Mailand ­lebendiger?

Es sind die Zeichnungen von Sottsass zu sehen, seine unglaublich ausgeprägte Handschrift. Man spürt seinen Geist als permanenter Erfinder, als Designer, als Architekt, als literarische Figur. Ursprünglich hatte er ja als Maler begonnen, deshalb werden auch frühere Malereien gezeigt, ebenso utopische Konzerthallen, die er entworfen hat, die aber nie gebaut wurden. Wenn Sie fragen, warum man seinen Geist hier besser spürt als in anderen Sottsass-Ausstellungen der letzten Zeit – der Grund ist: In Mailand war seine Witwe Barbara Radice sehr involviert.

Überhaupt ist wieder viel in Mailand los, die Expo hat der Stadt gutgetan.

Ja, die Stadt hat wieder einen starken Moment. Ich habe mich mit Francesco Vezzoli unterhalten, dem Künstler und Filmemacher, der sogar von einem „neuen italienischen Optimismus“ spricht, von einem „Mailänder Wunder“. 

Was hat Sie jetzt nach Mailand gebracht?

Eine alte Ausstellung von mir, „Take me (I’m Yours)“, die ich ursprünglich 1995 gemeinsam mit Christian Boltanski konzipiert habe. Die Idee war, dass die Besucher alles machen dürfen, was sie normalerweise in Museen nicht machen dürfen. Sie dürfen Werke mitnehmen, wegtragen …

Die Ausstellung wird wieder gezeigt?

Aber in veränderter Form, im Hangar Bicocca, einem der neuen Ausstellungsräume Mailands. Mich hat schon immer die Vorstellung fasziniert, dass man auch als Ausstellungsmacher seine Ausstellungen einfach weiterentwickeln kann. 

„Take Me (I’m Yours)“ war in den Neunzigern auch in Deutschland zu sehen.

Ja, in der Kunsthalle Nürnberg. Und vorher war sie in London. Dann ist die Ausstellung etwas eingeschlafen, aber seit zwei, drei Jahren ist sie wieder heftig unterwegs, war in Paris, in New York und jetzt in Mailand zu sehen, wie immer verbunden mit einer intensiven lokalen Recherche. Da gibt es etwa die großartige junge Micol Assaël, die eine Arbeit mit kleinen Marmorstücken gemacht hat, die von einem zitternden Tisch fallen. Oder Riccardo Paratore, der den berühmten Pirelli-Plastikboden zeigt – der Hangar ist ja eine Institution der Pirelli-Stiftung. Auf dem Boden kann man Spuren hinterlassen und die Marmorstückchen kann man mit nach Hause nehmen. Diese Vorstellung liebe ich: dass Hunderttausende Besucher einen Teil der Ausstellung zu Hause haben, wie eines der Bildchen von Hans-Peter Feldmann oder die gedruckten Gedichte von Etel Adnan.

Ein spannender Prozess: Neue und alte Arbeiten nebeneinander zu zeigen, vermutlich auch von Künstlern, die damals unbekannt waren und mittlerweile berühmt sind.

„Take Me (I’m Yours)“ war eine der ersten Museumsausstellungen, in der Arbeiten von Carsten Höller zu sehen waren. Der war ja vor 22 Jahren erst kurz zuvor von der Wissenschaft zur Kunst gekommen. Nun sind aber auch Künstler dabei, die damals gerade erst geboren wurden, wie Ho Rui An aus Singapur. Das Schöne ist auch, dass Christian Boltanski weiterhin involviert ist, wir reden andauernd über die Ausstellung, entwickeln sie weiter. Moment, bitte … (Zum Taxifahrer: „A little bit further down, please, there needs to be an entrance.“) Übrigens, weil ich schon Francesco Vezzoli zitiert habe: Er findet ja, es gibt zu wenig Tränen in der Kunst, deshalb hat er einen Zeichner engagiert, der die Besucher porträtiert, mit -einer großen roten Träne, deren Form Vezzoli vorab ausgesucht hat.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese „Leben 3.0“ von Max Tegmark. Für mich das beste aktuelle Buch über Künstliche Intelligenz! So, jetzt bin ich im Victoria and Albert Museum angekommen, wir hören in vier Wochen wieder voneinander!

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Hans Ulrich Obrist in Brasilien

Weltenbürger: Im virtuellen Raum befindet sich Hans Ulrich Obrist auf Instagram, im realen in Brasilien und schreibt ein Buch

Von Christoph Amend
26.09.2017

Was haben Sie gesehen, Herr Orbist?

Instagram. Das heißt, meinen Account. Er hilft mir dabei, Revue passieren zu lassen, was in letzter Zeit alles los war. Das ist übrigens wirklich interessant, ich hatte ja nie Zeit, selbst Tagebuch zu führen, aber ich habe festgestellt, dass Instagram mein Tagebuch geworden ist: Es ist chronologisch geordnet, und ich kann immer sehen, wann ich wo welche Künstler getroffen habe.

Und was sehen Sie, wenn Sie jetzt nachschauen? Mir fällt auf, während wir
miteinander telefonieren, dass Sie mittlerweile fast 200.000 Follower haben.

Ich arbeite gerade an einem Buch über Brasilien. Von dort hört man in letzter Zeit nur noch Hiobsbotschaften über die politische Situation. Da ist es wichtig, auch mal ein anderes Signal zu senden. Ich wurde von Frances Reynolds und ihrer Stiftung InclusArtiz eingeladen. Ich konnte dort eine Woche sein, um weiter an meinem Brasilienbuch zu arbeiten. Ich war vorher oft in Brasilien, diesmal habe ich besonders konzentriert Ateliers besucht. Die Dichte der Kunstszene dort ist fantastisch. 

Wann waren Sie zum ersten Mal dort?

1997 in São Paolo, aus Anlass der legendären Biennale von Paulo Herkenhoff, dem Kurator und Kritiker. Damals hat er historische Werke auf der Biennale eingeführt, das war eine der interessantesten Biennalen, die ich je gesehen habe. Der zweite Besuch ging 1999 nach Rio und São Paulo, wo ich Lygia Pape und Oscar Niemeyer besucht habe …

… den legendären Architekten, der fast 105 Jahre alt wurde …

… ja, das war mein erstes Gespräch mit ihm, an das ich mich auch deshalb so gut erinnere, weil es ungeheuer kompliziert war. 

Warum?

Vorher hieß es, man brauche keinen Übersetzer, weil er Italienisch und Französische spreche. Aber an dem Tag, er war damals schon über 90, hatte er keine Lust, Italienisch zu sprechen. Ich habe also meine Fragen auf Italienisch gestellt, und er hat mir in brasilianischem Portugiesisch geantwortet. Ich hatte keine Ahnung, was er sagte! Meine nächste Frage hatte also nichts mit seiner Antwort zu tun. Wir haben jedenfalls ein sehr eigenartiges Interview geführt. Man könnte fast sagen: Es war ein neues Format.

Wen haben Sie diesmal getroffen?

Es gab eine gemeinsame Begegnung mit Arthur Lindsay und Caetano Veloso, der uns an seinen alten Song erinnert hat (Abb.), der auf Deutsch „Es ist verboten zu verbieten“ heißt. Brasilien wird derzeit von einer demokratisch nicht legitimierten Regierung geführt, und so bekommen politische Slogans aus den Sechzigerjahren eine ganz aktuelle Relevanz. Wie ich überhaupt eine hochpolitisierte Kunstszene erlebt habe.

Das hat Sie positiv überrascht.

Ich habe viele junge Künstlerinnen und Künstler getroffen wie Cinthia Marcelle, die dieses Jahr auch den brasilianischen Pavillon in Venedig gestaltet hat. Und Pedro Victor Brandão, er arbeitet zum Beispiel mit Computerviren und Geldautomaten. Und in São Paulo gibt es das Cambridge Hotel, das von Obdachlosen, von Migranten aus der ganzen Welt besetzt wurde. Viele Künstler sind dort involviert. Wir haben da den Philosophen Peter Pál Pelbart gesprochen, er ist dort sehr engagiert, publiziert Pamphlete, das ist eine hochspannende junge Szene. 

Darauf konzentrieren Sie sich bei Ihrem Brasilienbuch? 

Nein, es wird eine Mischung aus der jungen zeitgenössischen Szene und den Pionieren. In Rio habe ich Anna Bella Geiger interviewt. Das ist eine ganz wichtige Figur für die Kultur in Brasilien, als Künstlerin, als Lehrerin, als Feministin. Sie ist Jahrgang 1933, hat ursprünglich jüdisch-polnische Wurzeln. Außerdem Antonio Manuel und die sehr bekannte Adriana Varejão, die gerade ihre neue Ausstellung aufbaute. Aber Brasilien ist nicht nur Rio und São Paulo. Zum Beispiel darf man Recife nicht vergessen, die quirlige Hafenstadt im Norden am Atlantik. Dort habe ich Bárbara Wagner und Benjamin de Burca getroffen, die ja im Sommer diese großartige Arbeit über Schlagermusik in der Disco bei den Skulptur Projekten in Münster gezeigt haben. 

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese das neue Buch von Emanuele Coccia, „Das Leben der Pflanzen: Eine Metaphysik der Mischung“. Der italienische Philosoph, der in Freiburg lehrt, sagt: Wir diskriminieren die Pflanzen, wir reden immer über Menschen und Tiere, aber die Pflanzen haben auch ein Leben, wir haben sie vernachlässigt. Für mich ist das Buch, obwohl noch nicht auf Deutsch erschienen, das Buch des Jahres.