Sebastian Preuss

ist stellvertretender Chefredakteur der WELTKUNST und von KUNST UND AUKTIONEN. Er kommentiert, was ihn aufregt oder erfreut im Kunstbetrieb.

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Christoph Amend

ist Chefredakteur des ZEITmagazins und Herausgeber von WELTKUNST und KUNST UND AUKTIONEN. Jeden Monat befragt er den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen.

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Tillmann Prüfer

ist Style Director des ZEITmagazin. Er stellt jeden Monat herausragende Leistungen der Handwerkskunst vor.

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Annegret Erhard

Annegret Erhard ist ehemalige Chefredakteurin von KUNST UND AUKTIONEN. Den Markt beobachtet sie seit vielen Jahren.

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10.02.2017 Annegret Erhard

Spektakel für die Einlieferer

Kuratoren sind allgegenwärtig und mächtig im Kunstbetrieb. Neuerdings werden selbst Auktionen modisch „kuratiert“. Doch was bringt das?

Neulich gab es Nachwuchs im Berliner Tierpark, in einer Tageszeitung war zu lesen, dass der Eisbärkurator die Öffentlichkeit nun regelmäßig über das Befinden im Gehege informieren werde. Da war sie also, die Ausweitung der Kampfzone für einen außerordentlich beliebten Berufszweig. Oder schleicht sich da lediglich eine Vokabel von einem Begriffsfeld ins andere? Vor zehn Jahren noch standen vergleichsweise wenige freischaffend tätige Experten dem Museumskustos bei der Ausstellungsvorbereitung zur Seite; heute sind all die Biennalen ohne eine Armada von Kuratoren kaum vorstellbar. Dem Zeitgeist verpflichtet, reisen und netzwerken Kuratoren ohne Unterlass. Sie sind die diplomatischen Attachés des Kunstbetriebs. Geschickt, gescheit, diskret, dabei eitel und ehrgeizig genug, um die mit ihrer Tätigkeit verbundenen Strapazen (und Anfechtungen) auszuhalten. Was sie aber besonders auszeichnet, ist die Suggestivkraft, die ihrer Arbeit zugeschrieben wird. Wo sie Hand an- oder auflegen, ist Idee, Vision und Wirksamkeit. Irgendwie.

Von jeher waren die Kojen auf den Kunst- und Antiquitätenmessen kuratiert. Nur hieß das nicht so. Der Händler hat mit seinen kostbaren Objekten ein Ambiente arrangiert, das kultivierte Lebensart auf hohem Niveau simulierte. Heute funktioniert das nicht mehr so richtig. Wirkt auf Jüngere befremdlich, und Ältere sind nur noch schwer zu beeindrucken. Es genügt nicht mehr, Salonatmosphäre herzustellen. Das allerorten und von jedem bemühte respektive geforderte (wegen inflationären Gebrauchs wahrscheinlich bald wieder abgenutzte) Narrativ muss Funken sprühen.

Neuromarketing soll bei den „Curated Sales“ die Entscheidung nun kräftig befeuern.

Schwieriger wird das bei den Messen mit alten Meistern, moderner und zeitgenössischer Kunst. Außer einer Konzentration auf Epochen, Regionen, Motive oder Künstlerdialoge gibt es wenig Spielraum. Umso gelungener war der Coup der Galerie Helly Nahmad auf der Londoner Frieze Masters 2014. Sie verwandelte ihre Koje in ein Bühnenbild mit ziemlich runtergerocktem Sechzigerjahre-Interieur: Bücher- und Zeitungsstapel, Plakate mit sozialistischen Parolen, dazwischen ein Picasso, überquellende Aschenbecher neben der Schreibmaschine, darüber ein Miró, ein Fontana über dem Schwarz-Weiß-Fernseher – die Höhle eines intellektuellen Junggesellen, der gerade raus ist, um sich mit einem Freund auf ein Glas zu treffen. Ach, war das romantisch und so illusionistisch und so wahrhaftig und dabei so falsch (schon in den Sechzigern, mäkelten die Puristen und Märchenhasser unter den Besuchern, war Picasso ganz schön teuer und hätte nie so schlampig irgendwo gehangen). Ob sich die Bilder so besser oder überhaupt verkauft haben, war nicht zu erfahren; auch nicht, ob die Inszenierung den Erkenntnissen des Neuromarketings folgte, um bestimmte ­Gehirnareale des Konsumenten zu aktivieren.Neuromarketing soll bei den „Curated Sales“ die Entscheidung nun kräftig befeuen.

Versteht sich von selbst, dass auch die Auktionshäuser die Synapsen – nein, nicht der Konsumenten, sondern natürlich der kunstsinnigen Sammler – zum Glühen bringen wollen. Hatte es früher genügt, die wirklich hochpreisigen Werke in einer Abendauktion mit ausgewählten Werken zu versteigern und den ganzen großen Rest am nächsten Tag, so stellt man nun in New York diesem Evening Sale noch einen „Curated Sale“ voran. Das Motto des Spektakels ist lyrisch bis kryptisch („Looking Forward to the Past“), die Zusammenstellung der Werke nach Qualität und Taxen exquisit, ansonsten naturgemäß beliebig.

Diese Variante mit höchstens vierzig Losen ist ein aggressiv (auch mit Garantien) geführtes Akquise-Instrument. Mit fantasieberauschtem Gefuchtel, im Gedränge zwischen Exzellenz und Konkurrenz, suggeriert sie den abwägenden Einlieferern eine Sonderbehandlung und höchste Aufmerksamkeit des Markts. Ob die interessierten Käufer später tatsächlich einen gravierenden Entscheidungsschub erleben, sei dahingestellt. Picassos „Femmes d’Alger“ hätte es, das behaupten wir jetzt mal, auch ohne derartige Stimulanz zum Superrekord (knapp 180 Millionen Dollar) geschafft.

Die Auktionshäuser hierzulande könnten sich bei Nachahmungsversuchen schnell verheben. Für eine derart magische Veranstaltung fehlt es einfach an weißen Kaninchen, die sie aus dem Hut zaubern könnten. Ohnehin dürften sich die wenigsten Einlieferer allein mit dem Versprechen, die Offerte klangvoll zu kuratieren, zufriedengeben. Ausschlaggebend sind neben vorteilhaften Vertragsbedingungen immer noch so altmodische Beweggründe wie Vertrauen. Übrigens, auch in London und New York ist man sich nicht sicher, ob ein Versteigerungstermin mit Toplosen, anderntags gefolgt von einem weiteren Termin mit Toplosen, die beste aller Strategien ist. Vielleicht sollte man das Kuratieren jenseits von Ausstellungen und Eisbärgehegen doch eher den Online-Auktionshäusern überlassen. Die können dann eine Architekturfotografie von Axel Hütte mit einem Kinderbild von Margret Hofheinz-Döring und ein paar Designersachen auf dem Bildschirm zusammenpferchen und behaupten, es ginge um „Concrete Love“.

13.01.2017 Sebastian Preuss

Avantgarde gab es in ganz Europa

Auf nach Karlsruhe: Im ZKM bietet eine denkwürdige Ausstellung einen völlig neuen Blick auf die europäische Nachkriegskunst beiderseits des Eisernen Vorhangs

Mehr als 25 Jahren sind seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vergangen, aber immer noch haben die Europäer (und wohl nicht nur sie), die unselige Zweiteilung des Kontinents fest in ihrem bewussten wie unbewussten Bildungsreservoir eingebrannt. Westeuropa und Osteuropa, oder pauschaler noch: der Westen und der Osten – das ist immer noch ein Dualismus, der tief unser Verständnis der politischen und vor allem auch kulturellen Mächteverteilung prägt. In der Kunst hat sich das besonders hartnäckig gehalten. Nicht nur in den deutsch-deutschen Bilderstreitereien nach der Wiedervereinigung, als der lange noch rheinisch dominierte Markt- und Museumsbetrieb rücksichtslos die Ostdeutschen aus dem Geschehen fernhielt und sie meist undifferenziert als „Staatskünstler“ eines autoritären Regimes diffamierte.

Mit der Kunst in den anderen osteuropäischen Ländern war (und ist) es im Grunde nicht anders. Im totalitären Sozialismus habe einfach keine freie Avantgarde aufblühen können, lautet bis heute das hartnäckige Verdikt. Gute Kunst brauche Freiheit und Demokratie und (meist unausgesprochen) die Heilsbotschaften der amerikanischen Kultur nach 1945. Dass die Wahrheit anders aussah, wissen etwa diejenigen, die nach Polen reisen und in den dortigen Museen bestaunen, was für eine weltoffene Kunst dort neben dem sozialistischen Realismus entstand.

Zum Glück gibt es Freigeister unter den Kunstkennern und Kuratoren, die statt Schwarz und Weiß die Grauzonen und Nischen, die ober- und untergründigen Kulturströme über alle Grenzen untersuchen und ein ganz anderes Bild von der Kunstgeschichte entwerfen. Einer von ihnen ist der Berliner Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher Eckhart Gillen. In zahlreichen Projekten hat er die Kunstplantagen in Ost und West intensiv durchforstet, hat unerwartete Parallelen und Verbindungslinien zwischen Ost- und Westkunst aufgezeigt, ohne die ideologischen Gegensätze wie die äthetischen Antagonismen zu verhüllen. Er hat Klischees entlarvt, vielfältige Verbindungen zwischen Ost und West während des Kalten Krieges aufgezeigt und Entdeckungen großartiger Künstler befördert. Für ein enormes trinationales Ausstellungsprojekt, das hierzulande viel zu wenig Beachtung gefunden hat und dessen deutsche Station am 29. Januar zu Ende geht, hat Gillen sich mit Peter Weibel zusammen getan, dem umtriebigen Chef des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM). Ganz lapidar „Kunst in Europa 1945–1968“ heißt die gewaltige Schau, mit 500 Objekten von über 200 Künstlern ein Epochenpanorama, wie man es noch nie erleben konnte.

Gillen und Weibel haben die Schau, die zuvor im Bozar in Brüssel zu sehen war und danach ins Moskauer Puschkin-Museum wandert, im Grunde schlagend einfach konzipiert: Sie zeigen die Kunst Europas in grenzenloser Gesamtheit vom Atlantik bis nach Russland, einträchtig nebeneinander, als hätte es die brutalen und menschenverachtenden Demarkationslinie nicht gegeben. Die Machtblöcke werden nicht voneinander getrennt, aber es wird auch nichts verharmlost. In ausführlichen Wandtafeln kann man sich über die so unterschiedlichen Kultursysteme in Ost und West informieren, während die Kunstwerke einträchtig nebeneinander platziert sind und so die oft verblüffende Nähe demonstrieren. Mit 500 Objekten von über 200 Künstlern ist die Schau schier unerschöpflich. Immer wieder reibt man sich fassungslos die Augen, was man hier entdecken kann.

Das beginnt mit einem großen Kapitel zu einer Kunst, die 1944/45 und in den Jahren danach das entsetzliche Grauen des Weltkriegs beklagte. Ossip Zadkine, Picasso, Beckmann, Hannah Höch, Karl Hofer steigern sich ebenso in eine pathetische, oft grenzenlos verzweifelte Trauerästhetik wie der schillernde Sowjetkünstler Alexander Deineka, der mit bewegenden Ruinenbildern aus Berlin vertreten ist. Die traumatischen Erinnerungen sind, folgt man der Ausstellungen, bis in die Sechzigerjahre ein wesentlicher Impuls der Künstler in beiden Machtblöcken. Selbst der von den kommunistischen Regimes verordnete Realismus mit seinem oft hohlen Optimismus vermochte das nicht zu verhindern. Übrigens ebenso wenig wie der gern als frei und demokratische „International Style“ einer gegenstandslosen Kunst im Westen. Die Kriegserlebnisse, der Terror von Hitler und Stalin, die Albträume, die blieben – all das sind in der Ausstellung die roten Fäden während der Vierziger und Fünfziger.

Dabei sind aufregende Entdeckungen zu machen, etwa die Kunstwerke der Ausstellung „Gegen den Krieg – gegen den Faschismus“, die 1955 im Arsenal in Warschau stattfand. Sie trotzte dem Staatsrealismus und dem Trauerverbot, und es ist eine der Sensationen dieser Schau, dass sich im polnischen Gorzów (Landsberg an der Warthe) ein Großteil der bewegenden Bilder von Stefan Gierowski, Teresa Mellerowicz-Galla und anderen im Museum fanden. Und sieht man das morbide Stillleben „Schädel und offenes Buch“ des Russen Wladimir Tatlin, dann wird einem klar, dass selbst Stalin die melancholische, oft auch depressive Erinnerungskunst nicht verhindern konnte.

Doch nicht nur die gemeinsame Schreckensgeschichte verband die Künstler in Ost und West, auch der Drang, neue Formen zu entwickeln, den Kunstbegriff zu erweitern und innovativer Weise zu erweitern. Fotografie, Performance, bald auch Film und Video wurden erprobt. Die amerikanischen Impulse von Konzeptkunst, Minimal oder Pop-Art stießen – auch wenn die Informationswege nach Osteuropa oft mühselig waren – überall auf fruchtbaren Boden. Der Wille zur Avantgarde war in allen Staatssystem groß. Die Sechzigerjahre waren künstlerisch überall eine große Aufbruchszeit, auch trotz empfindlicher Rückschläge wie 1968 die Niederschlagung des Prager Frühlings. Ob Paris oder Düsseldorf, Bratislava oder Warschau, Helsinki oder Budapest: Die Künstler schauten über die Grenzen, vernetzten sich und setzten dem Mainstream die Ideale, Utopien, oft auch subversiven Strategien ihrer neuen Ansätze entgegen.

Die Ausstellung bietet nicht weniger als ein gewaltiges Panorama der europäischen Kunst bis zum Epochenjahr 1968. Die relevante Westkunst von Picasso bis Gerhard Richter und unzähligen anderen ist mit Hauptwerken vertreten – allein das schon ein großes Erlebnis. Und dann aber all die uns kaum bekannten, nicht weniger bedeutenden Künstler! Ich könnte jetzt lange schwärmen von dem atemberaubenden Polen Andrzej Wróblewski, von den rätselhaften Skulpturen des Russen Vadim Sidur, von der Budapester Avantgarde um Laszló Lakner oder Ilona Keserü, von dem konzeptuellen Slowaken Stano Filko und vielen anderen. Stattdessen will ich Sie lieber nachdrücklich ermuntern: Nutzen Sie die einmalige Gelegenheit, buchen Sie sofort ein Ticket und fahren Sie nach Karlsruhe. Ihnen werden die Augen aufgehen.

„Kunst in Europa 1945–1968“, ZKM, Karlsruhe, bis 29. Januar

05.01.2017 Sebastian Preuss

Abschied von den Dahlemer Museen

Bis Sonntag, 8. Januar, waren in Berlin-Dahlem noch die herrlichen Museen für außereuropäische Kunst zu erleben. Ein Wiedersehen wird es im Humboldt Forum im teilrekonstruierten Schloss geben. Doch das kann noch lange dauern

Selbst viele Berliner machen sich dieser Tage nicht klar, dass am Sonntagabend einer der bedeutendensten Museumskomplexe Europas ein für alle Mal schließen wird. In Dahlem, weit weg vom Zentrum im Süden der Stadt gelegen, beenden das Ethnologische Museum mit seinen berühmten Afrika- und Altamerika-Sammlungen sowie das Asiatische Museum endgültig ein jahrzehntelanges Kapitel ihrer Geschichte. Es sind Häuser, die für ihre Konzepte aus den frühen Siebzigern in aller Welt bewundert wurden und im alten, ummauerten West-Berlin als Epizentrum der Kunst ihre Strahlkraft entwickelten. Dahlem, das war gleichbedeutend mit Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“, dem einst populärsten Gemälde der Stadt, das die Experten in den Achtzigerjahren als Werkstattbild entlarvten; aber auch mit der tollen Halle der Südseeboote, einer hochbedeutenden Altamerikasammlung, dem grandiosen Bestand an afrikanischer Kunst oder den kostbaren Werken aus China, Japan, Korea und Indien.

Das alles war hier Saal an Saal zu erleben: von Jan van Eyck bis zu den japanischen Holzschnitten, von Rubens bis zu Indianermasken, von Riemenschneider bis zur Azteken-Figur oder den aufregenden Benin-Bronzen – ein überbordendes Schatzhaus der Weltkulturen, wie es unter einem Dach sonst allenfalls im Metropolitan Museum in New York zu erleben ist. Seit dem Auszug der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung in den späten Neunzigern fehlte Europa in diesem Kunstkosmos, der vor der Wiedervereinigung ein Fixpunkt jedes Berlin-Touristen war. Dadurch ebbten die Besucherströme drastisch ab, die großen Kunstattraktionen waren nun im Stadtzentrum. Dahlem wurde zum Stiefkind der Berliner Museen, oft streifte man allein durch die Hallen mit ihren aufregenden Sammlungen. Daran änderte auch nichts, dass 2002 der Trakt der asiatischen Kunst eine höchst elegante Neugestaltung erhielt. Seit dem Bundestagsbeschluss von 2002, das Berliner Schloss als Teilrekonstruktion wieder erstehen zu lassen und im dort entstehenden Humboldt Forum die außereuropäische Kunst unterzubringen, arbeiten die Museen am Stadtrand auf Abruf. Jetzt schließen sie endgültig ihre Pforten.

Ethnologisches Museum: Afrikanische Kunst im mystischen Licht (Foto: Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker)

Eingefleischte West-Berliner werden sentimental, wenn sie an die Dahlemer Museen denken. Hier sind sie an die Kunst herangeführt worden, wehte ihnen womöglich in jungen Jahren zum ersten Mal der Geist der fernen und exotischen Kulturen entgegen, während sie gleich nebenan die europäischen Altmeister auf höchstem Niveau bewundern konnten. Doch auch viele Kunstfreunde pilgerten von weit her nach Dahlem, um dieses einzigartige Gipfeltreffen der Weltkulturen zu erleben.

Mit all dem wird am Wochenende endgültig Schluss sein. Die Gemäldegalerie hat seit 1998 ihren Neubau am Kulturforum, die Skulpturensammlung bezog 2006 das sanierte Bode-Museum, die beliebte Südsee-Abteilung ist seit mehreren Monaten geschlossen, und jetzt werden auch die letzten Galerien geschlossen. Nur das Museum Europäischer Kulturen soll hier als einsames Stiefkind bleiben (wer allerdings wird sich dann noch hierher verirren?).

Voller Wehmut läuft man durch die lichten Hallen im transparenten Stil der frühen Siebziger, bewundert die idealistische Museumsdidaktik, erfreut sich an der spirituellen Ruhe in den Asien-Sälen. Ich bin vor allem immer wieder begeistert von der stimmungsvollen Inszenierung der afrikanischen Kunst. In schwarzen Räumen glühen die unglaublichen Ife-Köpfe des 13. bis 15. Jahrhundert, die der griechischen Klassik oder der italienischen Renaissance nicht nachstehen, verbreiten die rituellen Figuren der Luba, Chokwe oder Fang ihre magische Ausstrahlung. Seit die Dauerausstellung 2005 eingerichtet wurde, ist es einer meiner liebsten Museumsorte in Berlin. Die Präsentation konzentriert sich ganz auf den Kunstcharakter der Stücke, was in Ethnologenkreisen heftig umstritten ist und – nach allem, was man bislang darüber weiß – im Humboldt Forum einer eher kontextualisierenden Präsentation weichen soll. Hoffen wir, dass auf ästhetische Inszenierung nicht vollkommen zugunsten des postkolonialen Diskurses verzichtet wird.

Museum für Asiatische Kunst: Kaiserliches Thronensemble aus China und Teehaus von Ai Weiwei (Foto: Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker)

Nach offizieller Version soll das Humboldt Forum Ende 2019 eröffnen, also in drei Jahren. Doch wer in Berlin mit seinen unglaublichen Bauverzögerungen will diesem Termin ernsthaft Glauben schenken? Eher werden wir uns auf fünf oder sieben (oder gar zehn?) Jahre der Abwesenheit der außereuropäischen Kunst einstellen müssen. Warum bleiben die Häuser nicht einige Jahre länger geöffnet? Warum mutet man dem Publikum neben der absurden und ebenfalls langjährigen Schließung des Pergamonmuseums nun auch diesen Kunstentzug zu?

Gewiss, hunderttausende Objekte müssen in Dahlem für Umzug vorbereitet und in vielen Fällen aufwändig restauriert werden. Die Depots vor Ort sind sehr eng, darum brauchen die Kustoden und Restauratoren auch die Schauräume für ihre Arbeit an den Objekten. Das ist ein triftiger Grund, aber dass so hervorragende Museen dem Publikum auf Jahre versperrt bleiben, ist nicht hinzunehmen. Es ist ein Skandal, aber in Berlin mit seinen vielen Fehlplanungen regt sich darüber leider kaum jemand mehr ernsthaft auf.

 

An den letzten drei Tagen, 6. bis 8. Januar, sind die Museen in Dahlem von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Die Direktoren und Kustoden aus allen drei Häusern geben in 30-minütigen Streifzügen Einblicke in die Umzugsvorbereitungen, die zukünftigen Planungen oder sprechen über ihre Lieblingsstücke. Mehr zum genauen Programm erfahren Sie hier.

Museumsansicht oben (Foto: Staatliche Museen zu Berlin/Achim Kleuker)

31.12.2016 Tillmann Prüfer

Kunst aus der Patisserie

Erst schauen, dann kauen: Mit ihren essbaren Skulpturen überschreitet Kristiane Kegelmann die Grenzen herkömmlicher Patisserie

Das Problem mit der Kunst ist ihre Vergänglichkeit. Der Künstler versucht, ein Werk zu schaffen, mit dem er sich unsterblich macht. Doch kaum ist es da, nagt schon der Zahn der Zeit an ihm. Bilder verdunkeln, Fotos verblassen, Bücher lösen sich auf. Es bedarf einer ganzen Schar von Restauratoren, um der Menschheit die Illusion zu bewahren, dass Kunst unvergänglich sei. Es gibt sogar Experten, die sich darum bemühen, die Fettobjekte von Joseph Beuys zu erhalten.
Die gelernte Konditorin Kristiane Kegelmann schafft in Berlin Objekte, bei denen sich diese Frage von vornherein nicht stellt. Da ihre Werke erst durch Zerstörung perfekt werden. Kegelmann kreiert essbare Skulp­turen, kubische Zucker- und Schokoladen­objekte, die die Grenzen der Patisserie überschreiten. Es kann eine Rose sein, die auf einer Kugel zu balancieren scheint, ein Baum aus Kristallzucker oder eine abstrakt anmutende Torte aus halbierten Scheiben. Jede dieser Skulpturen existiert nur in einem bestimmten Raum zu einer bestimmten Zeit. Und findet ihre Vollendung im Verzehr.

Mit Goldpulver vollendet Kristiane Kegelmann ihre Kreationen (Foto: Pujan Shakupa)
Mit Goldpulver vollendet Kristiane Kegelmann ihre Kreationen (Foto: Pujan Shakupa)

Diesem Moment geht monatelange Planung voraus. Zunächst einmal wird das Projekt mit dem Auftraggeber besprochen. Was ist der Präsentationsort, wie viel Gäste werden er­wartet, was sind ihre geschmacklichen Vorlieben? Denn die essbaren Skulpturen von Kegelmann sind nicht nur Form und Oberfläche – der letztliche Kunstgenuss ist das kulinarische Erlebnis.
Hat Kris­tiane Kegelmann von allem eine Vorstellung, werden erste Skizzen angefertigt, dann folgt der handwerkliche Teil. Viele von ­Kegelmanns Skulpturen bestehen nicht nur aus essbaren Komponenten, sondern auch aus architektonischen Konstruktionen – manche enthalten sogar Betonteile.

Den innneren Kern aus Gurke, Johannisbeere und edelbitterer Schokolade umhüllt eine dünne Schicht Modellierschokolade (Foto: Caroline Prange)
Den innneren Kern aus Gurke, Johannisbeere und edelbitterer Schokolade umhüllt eine dünne Schicht Modellierschokolade (Foto: Caroline Prange)

In den Tagen vor der Veranstaltung müssen Böden gebacken, Füllungen gemischt und die Hohlkörper in verschiedene Formen gegossen werden. Dann werden die einzelnen Elemente gefüllt, geschlossen und zum Bild kombiniert. Der essbare Korpus wird anschließend weiter verschönert, Kegelmann arbeitet dabei mit Modellierschokolade und natürlichen Lebensmittelfarben, die mit Airbrush oder Pinsel aufgetragen werden. Mit dem Skalpell erfolgen letzte Korrekturen. Schließlich wird alles am Veranstaltungsort installiert – und nach einer kurzen Präsentation durch die Künstlerin vereinigt sich die essbare Skulptur mit ihrem Betrachter. Und macht ihn so zum Teil des Werks. Ähnliches soll auch Resten der berühmten „Fettecke“ von Beuys widerfahren sein. Nach der Zerstörung durch einen Hausmeister wurde sie zu Schnaps destilliert. Der soll nach Parmesan geschmeckt haben. Da schafft Kristiane Kegelmann schon mehr Kunstgenuss.

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WELTKUNST Nr. 124/2017

22.12.2016 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Chicago

Eine Schau in der Graham Foundation in Chicago über Rifat Chadirji, der die Architektur Iraks und Syriens seit den 1960ern fotografisch dokumentierte.

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?
Ich war gerade wieder in Chicago, jedes Mal dort denke ich an meine erste Begegnung mit Studs Terkel, dem Pionier der Oral History …

… seine Radiogespräche sind legendär.
Ja, er hat mit ihnen sogar den Pulitzer-Preis gewonnen.

Warum war er für Sie wichtig?
Er hat mich auf die Idee gebracht, Künstlergespräche zu führen, aus denen die Bücher entstehen, die ich seitdem mache. Terkel hat mich übrigens damals schon auf die Fragilität der Aufnahmen hingewiesen und erzählt, dass er immer mehrere Geräte dabeihat, damit nichts passieren kann, falls mal eins ausfällt. Deshalb habe ich immer mindestens drei, manchmal sogar vier Aufnahmegeräte dabei.

Gleich drei oder vier? Wow.
Ja! Wenn du nur eins hast: russisches Roulette! Aber wenn du zwei dabeihast und eins hört plötzlich auf, wirst du auch nervös. Dann schaust du ständig, ob sie noch aufzeichnen. Nur bei drei oder vier musst du nie kontrollieren. Das ist der Trick.

Talk auf der Messe Art Expo Chicago mit Joseph Grigely
Talk auf der Messe Art Expo Chicago mit Joseph Grigely (Foto: Courtesy of/Dialogues and EXPO CHICAGO)

Was war der Anlass für Ihren Chicago-Trip?
Mein Archiv wird seit den Neunzigern dort verwaltet. Von Joseph Grigely, dem großen Künstler, der seit seinem elften Lebensjahr taub ist. Wir hatten einen gemeinsamen Talk auf der Messe Expo Chicago, die hatten mich eingeladen. Ich war jetzt das dritte Jahr in Folge da, die gestalten das Messeprogramm außergewöhnlich gut.

Wie kommt es, dass Ihr Archiv dort ist?
Ursprünglich war es in Lüneburg, ich habe dort eine Weile unterrichtet. Aber dann kam ein neuer Dekan, der gleich McKinsey reingebracht hat. Und die fanden, mein Archiv verschwende Raum. Die klassische Geschichte. Also wurde es rausgeworfen. Deshalb ist mein Archiv in Chicago, und die Bücher sind in meiner Berliner Wohnung.
Dass ein Künstler die Arbeit eines Kurators archiviert …
…  ist ungewöhnlich, stimmt. Grigely möchte daraus ein Kunstprojekt machen. Er hat eine perfekte Bibliografie aller meiner Texte und Vorträge erstellt und arbeitet ständig mit sieben, acht Studenten an meinen Künstlerbüchern. Na ja, und dann habe ich in der Graham Foundation eine fantastische Ausstellung gesehen: „The Rifat Cha­dirji Archives“.

Der Architekt Rifat Chadirji hat in den 60er Jahren begonnen, die Architektur in Bagdad, im Irak und in Syrien fotografisch zu dokumentieren (Foto: Courtesy of the Arab Image Foundation)
Der Architekt Rifat Chadirji hat in den 60er Jahren begonnen, die Architektur in Bagdad, im Irak und in Syrien fotografisch zu dokumentieren (Foto: Courtesy of the Arab Image Foundation)

Wer ist das?
Rifat Chadirji ist einer der prägenden Architekten Bagdads im 20. Jahrhundert. Und gemeinsam mit seinem Bruder Kamil hat er in den Sechzigerjahren begonnen, die Architektur in Bagdad, im gesamten Irak und in Syrien fotografisch zu dokumentieren. Die beiden hatten damals Angst, dass sich ihre Heimat nach dem Ölboom stark verändern würde. Es ist unfassbar traurig, wenn man die Bilder heute sieht: wie dynamisch Bagdad damals war – heute ist durch die Kriege und den Terror alles zerstört. Man sieht, dass Städte auch sterben können. Die Ausstellung zeigt auch Chadirjis eigene Gebäude. Ich musste beim Betrachten an meine verstorbene Freundin, die Architektin Zaha Hadid, denken. Sie ist ja im Bagdad der Fünfziger- und Sechzigerjahre aufgewachsen, und sie hat mir immer davon erzählt, wie modern die Stadt damals aussah. Jetzt konnte ich das erstmals selbst sehen. In ein paar Tagen werde ich Rifat Chadirji in London interviewen, wo er heute lebt.

Wen haben Sie außerdem noch in Chicago wiedergetroffen?
Den unglaublichen sozialen Künstler Theaster Gates. Er ist ja auf der Westside Chicagos aufgewachsen und hat die Stadt verändert. Ganze Viertel hat er neu belebt! Aus Japan ließ er Keramikmeister einfliegen, die mit der lokalen Community Keramikwerkstätten gegründet haben, dadurch sind neue Arbeitsplätze entstanden. Und das in einer Welt, in der Arbeit mehr und mehr verschwindet. Er soll das jetzt auch in Detroit wiederholen, hat er erzählt.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunst?
Das neue Buch von Judith Butler „Notes Toward A Performative Theory of Assembly“. Darin geht es um die Dynamik von öffentlichen Versammlungen unter den heuti­gen politischen und ökonomischen Bedingungen. Sie beschreibt, dass die Versammlung von Körpern eine eigene Kraft entwickelt, die man nicht allein auf die Sprache zurückführen kann.

08.12.2016 Tillmann Prüfer

Ludwig Reiter – Bimsen für die Ewigkeit

Perfekt von oben und unten: Die besondere Machart der Schuhe der Wiener Schuhmanufaktur Ludwig Reiter erkennt man auch beim Blick auf die Sohle

Das Renaissance-Schloss Süßenbrunn am Rand von Wien beherbergt ein ungewöhnliches Handwerk: die Schuhmanufaktur Ludwig Reiter. 1885 gegründet, wird sie – mit Unterbrechungen – in der vierten Generation geführt. Der Betrieb erzählt von einer Zeit, als ein Herrenschuh noch kein Wegwerfartikel war, sondern das Fundament des Mannes. Als ein Mann, um Gutes tun zu können, erst einmal gut stehen musste. Im Hause Reiter spürt man noch den Glanz der Kaiserzeit. Denn die Manufaktur war offizieller Ausstatter der k. u. k. Polizeiwache und hatte auch den Abendschuh zur Uniform im Programm. Der schmucke Offizier sollte ihn tragen, wenn er ausging. 

Die Wiener Schuhmanufaktur zählt zu den ersten Adressen für exklusive, rahmengenähte Schuhe und ist eines der wenigen Unternehmen seiner Art, welches noch das Rahmennähen nach der Goodyear-Methode beherrscht. (Foto: Ludwig Reiter)

Noch heute existiert dieser Schuhtypus in Form des Chelsea Boots. Und noch immer wird dieser bei Ludwig Reiter von Hand produziert. Etwa 50 Mitarbeiter fertigen jährlich 30.000 Paar Ludwig-Reiter-Schuhe. Die Manufaktur ist Spezialist für handgemachte Schuhe nach dem traditionellen Goodyear-Verfahren. Diese Technik wurde einst von der zweiten Reiter-Generation aus Amerika übernommen. Dabei wird der obere Teil des Schuhes nicht direkt, sondern über einen Rahmen und zwei elastische Nähte mit der Sohle verbunden, was einen besonderen Tragekomfort ermöglicht. Für einen rahmengenähten Schuh sind mehr als 300 Arbeitsschritte nötig. Zunächst wird das geeignete Leder ausgewählt. Dann werden die Elemente des Oberteils mit einer Schablone aufgezeichnet und zugeschnitten oder ausgestanzt. 

Im Jahr 1955 war Ludwig Reiter die einzige Schuhmanufaktur für rahmengenähtes Schuhwerk, die dem aufstrebenden Trend klassischer Schuhe mit Erfolg entgegen kam. Für einen rahmengenähten Schuh sind mehr als 300 Arbeitsschritte nötig. (Foto: Ludwig Reiter)

Hernach folgt das „Oberteilsteppen“: Die Teile werden zusammengefügt und mit dem Futter vernäht. Beim ­“Zwicken“ wird dann das Oberteil über den Leisten gespannt, eine dem Fuß nachgebildete Form aus Holz oder Kunststoff. Anschließend werden Laufsohle und Oberteil verbunden. Die ledernen Laufsohlen werden direkt auf den Rahmen, einen etwas drei Zentimeter breiten Lederstreifen, genäht. Dieser wird wiederum mit dem Oberteil verbunden. Nach dem Fräsen der Sohlenkante wird der Lederabsatz aufgedrückt und zurechtgefräst. Eine Besonderheit bei Ludwig Reiter ist das anschließende Bimsen: Damit die Naht an der Laufsohle vor Abrieb geschützt ist, wird sie zum Teil in der Sohle eingearbeitet. 

Die Schuhe werden in aufwändiger Handarbeit in Wien hergestellt und können auch als individuelle Maßanfertigung bestellt werden (Foto: Ludwig Reiter)

Zum Vernähen werden die zähen Ledersohlen in Wasser eingeweicht. Nach dem Trocknen ist die Schuhunterseite uneben und fleckig. Bei einem „gebimsten Boden“ wird die Doppelnaht in einem feinen Riss etwa zur Hälfte in der Sohle versenkt. Nach dem Nähen wird die weiche Sohle zugebügelt, sodass die Doppelnaht unter der Oberfläche verschwindet. Anschließend wird die Sohle mit einem feinen Glaspapier abgeschliffen. Früher wurde hierfür ein Bimsstein verwendet, daher heißt das Verfahren „bimsen“. Zum Schluss wird mit Wachstinkturen eine neue Politur aufgetragen. Durch das Bimsen wird der Schuh besonders haltbar, ein Partner fürs Leben. Schade nur, dass man ihm die besondere Machart von außen nicht ansieht. Denn wer schaut schon Schuhe von unten an?

ABBILDUNGEN

Ludwig Reiter, Wien