Sebastian Preuss

ist stellvertretender Chefredakteur der WELTKUNST und von KUNST UND AUKTIONEN. Er kommentiert, was ihn aufregt oder erfreut im Kunstbetrieb.

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Christoph Amend

ist Chefredakteur des ZEITmagazins und Herausgeber von WELTKUNST und KUNST UND AUKTIONEN. Jeden Monat befragt er den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen.

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Tillmann Prüfer

ist Style Director des ZEITmagazin. Er stellt jeden Monat herausragende Leistungen der Handwerkskunst vor.

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Annegret Erhard

Annegret Erhard ist ehemalige Chefredakteurin von KUNST UND AUKTIONEN. Den Markt beobachtet sie seit vielen Jahren.

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16.01.2018 Tillmann Prüfer

Der richtige Schliff

Schon früh begann die Karriere des Juweliers Harry Winston, seine Werke sind für die Ewigkeit

Manchmal beginnt eine große Geschichte damit, dass man ein etwas besseres Auge hat als andere. So war es bei Harry Winston. Sein Vater war Juwelier, also kannte er sich schon früh mit Steinen aus. Als Zwölfjähriger entdeckte er einen zweikarätigen Smaragd in einem Laden – und kaufte ihn für 25 Cent. Der Wiederverkaufswert lag bei 800 Dollar. In New York eröffnete er 1932 sein erstes Geschäft, das dank seines besonderen Gespürs für Steine schnell wuchs. Ein Meilenstein war der Kauf der Arabella-Huntington-Juwelen. Den als altmodisch geltenden Schmuck der Kunstsammlerin erwarb Winston günstig, er ließ die Teile umarbeiten und veräußerte sie für ein Vielfaches. 

Noch heute ist das Haus Harry Winston eine der wenigen Manufakturen, in der die Steine nicht nur arrangiert, sondern auch bearbeitet werden. Immer wieder wurden große Rohdiamanten gekauft, aufgespalten und zu Juwelen veredelt. 1968 wurde die Spaltung des 601-karätigen Lesotho-Diamanten sogar im Fernsehen übertragen. 

Ring von Harry Winston (Foto: Harry Winston)
Ring von Harry Winston (Foto: Harry Winston)

Diamanten zu schleifen ist ein mühseliges Handwerk, denn sie sind so hart, dass sie sich keinem Material beugen – außer anderen Diamanten. In der Verarbeitung werden die Rohdiamanten zunächst abgerundet. Dazu lässt man einen eingespannten Stein gegen einen anderen rotieren, sodass er sich abschleift. Die endgültige Form, etwa einen Brillantschliff, der aus mindesten 56 Facetten besteht, erhält der Stein an einer Scheibe, die mit Diamantstaub beschichtet ist. Die wertvollsten Diamanten werden von Hand geschliffen, was ihnen eine einzigartige Aura verleiht. Hierbei dauert der Schleifprozess Monate. Erst am Ende der aufwändigen Prozedur steht fest, ob es tatsächlich gelungen ist, das gesamte Potenzial des Steines zu wecken. Es wird an den „4 C“ – Clarity, Color, Carat, Cut – gemessen. Und an den Feinheiten. Ob die Symmetrien stimmen und ob der Stein das richtige Feuer entfacht, sprich: ob er das weiße Licht in die Spektralfarben zerlegt. Harry Winston sagte einmal: „Jeder Diamant muss wie eine eigenständige Person behandelt werden.“ Und da Diamanten bekanntlich ewig halten, sind sie entsprechend nachtragend. Eine schlechte Behandlung verzeihen sie nie.

15.01.2018 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Mailand

Hans Ulrich Obrist wird Augenzeuge, wie sich eine Ausstellung über die Jahre weiterentwickelt

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Mailand. Für mich als Schweizer ist diese Stadt ja immer etwas Besonderes. 

Warum?

Im Grunde ist es die erste Großstadt, die man besucht, wenn man in der Schweiz aufwächst, zumindest die erste internationale … Warten Sie kurz? Ich bin gerade im Taxi hier in ­London. (Zum Taxifahrer: „I need to go to the Victoria and Albert Museum.“) Zurück nach Mailand. Die Stadt hatte ja immer wieder kulturell aufregende Jahre, insbesondere die Sechziger müssen unglaublich gewesen sein. Das kann man jetzt wieder nachvollziehen, wenn man die Ettore-Sottsass-Ausstellung in der Triennale besucht. Es ist immer schwierig, in einer Ausstellung den Geist einer Person einzufangen, die nicht mehr lebt. Oft wirken diese Ausstellungen leblos. 

Warum wirkt die Show in Mailand ­lebendiger?

Es sind die Zeichnungen von Sottsass zu sehen, seine unglaublich ausgeprägte Handschrift. Man spürt seinen Geist als permanenter Erfinder, als Designer, als Architekt, als literarische Figur. Ursprünglich hatte er ja als Maler begonnen, deshalb werden auch frühere Malereien gezeigt, ebenso utopische Konzerthallen, die er entworfen hat, die aber nie gebaut wurden. Wenn Sie fragen, warum man seinen Geist hier besser spürt als in anderen Sottsass-Ausstellungen der letzten Zeit – der Grund ist: In Mailand war seine Witwe Barbara Radice sehr involviert.

Überhaupt ist wieder viel in Mailand los, die Expo hat der Stadt gutgetan.

Ja, die Stadt hat wieder einen starken Moment. Ich habe mich mit Francesco Vezzoli unterhalten, dem Künstler und Filmemacher, der sogar von einem „neuen italienischen Optimismus“ spricht, von einem „Mailänder Wunder“. 

Was hat Sie jetzt nach Mailand gebracht?

Eine alte Ausstellung von mir, „Take me (I’m Yours)“, die ich ursprünglich 1995 gemeinsam mit Christian Boltanski konzipiert habe. Die Idee war, dass die Besucher alles machen dürfen, was sie normalerweise in Museen nicht machen dürfen. Sie dürfen Werke mitnehmen, wegtragen …

Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Foto: Nick Turpin)
Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Foto: Nick Turpin)

Die Ausstellung wird wieder gezeigt?

Aber in veränderter Form, im Hangar Bicocca, einem der neuen Ausstellungsräume Mailands. Mich hat schon immer die Vorstellung fasziniert, dass man auch als Ausstellungsmacher seine Ausstellungen einfach weiterentwickeln kann. 

„Take Me (I’m Yours)“ war in den Neunzigern auch in Deutschland zu sehen.

Ja, in der Kunsthalle Nürnberg. Und vorher war sie in London. Dann ist die Ausstellung etwas eingeschlafen, aber seit zwei, drei Jahren ist sie wieder heftig unterwegs, war in Paris, in New York und jetzt in Mailand zu sehen, wie immer verbunden mit einer intensiven lokalen Recherche. Da gibt es etwa die großartige junge Micol Assaël, die eine Arbeit mit kleinen Marmorstücken gemacht hat, die von einem zitternden Tisch fallen. Oder Riccardo Paratore, der den berühmten Pirelli-Plastikboden zeigt – der Hangar ist ja eine Institution der Pirelli-Stiftung. Auf dem Boden kann man Spuren hinterlassen und die Marmorstückchen kann man mit nach Hause nehmen. Diese Vorstellung liebe ich: dass Hunderttausende Besucher einen Teil der Ausstellung zu Hause haben, wie eines der Bildchen von Hans-Peter Feldmann oder die gedruckten Gedichte von Etel Adnan.

Ein spannender Prozess: Neue und alte Arbeiten nebeneinander zu zeigen, vermutlich auch von Künstlern, die damals unbekannt waren und mittlerweile berühmt sind.

„Take Me (I’m Yours)“ war eine der ersten Museumsausstellungen, in der Arbeiten von Carsten Höller zu sehen waren. Der war ja vor 22 Jahren erst kurz zuvor von der Wissenschaft zur Kunst gekommen. Nun sind aber auch Künstler dabei, die damals gerade erst geboren wurden, wie Ho Rui An aus Singapur. Das Schöne ist auch, dass Christian Boltanski weiterhin involviert ist, wir reden andauernd über die Ausstellung, entwickeln sie weiter. Moment, bitte … (Zum Taxifahrer: „A little bit further down, please, there needs to be an entrance.“) Übrigens, weil ich schon Francesco Vezzoli zitiert habe: Er findet ja, es gibt zu wenig Tränen in der Kunst, deshalb hat er einen Zeichner engagiert, der die Besucher porträtiert, mit -einer großen roten Träne, deren Form Vezzoli vorab ausgesucht hat.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese „Leben 3.0“ von Max Tegmark. Für mich das beste aktuelle Buch über Künstliche Intelligenz! So, jetzt bin ich im Victoria and Albert Museum angekommen, wir hören in vier Wochen wieder voneinander!

26.09.2017 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Brasilien

Weltenbürger: Im virtuellen Raum befindet sich Hans Ulrich Obrist auf Instagram, im realen in Brasilien und schreibt ein Buch

Was haben Sie gesehen, Herr Orbist?

Instagram. Das heißt, meinen Account. Er hilft mir dabei, Revue passieren zu lassen, was in letzter Zeit alles los war. Das ist übrigens wirklich interessant, ich hatte ja nie Zeit, selbst Tagebuch zu führen, aber ich habe festgestellt, dass Instagram mein Tagebuch geworden ist: Es ist chronologisch geordnet, und ich kann immer sehen, wann ich wo welche Künstler getroffen habe.

Und was sehen Sie, wenn Sie jetzt nachschauen? Mir fällt auf, während wir
miteinander telefonieren, dass Sie mittlerweile fast 200.000 Follower haben.

Ich arbeite gerade an einem Buch über Brasilien. Von dort hört man in letzter Zeit nur noch Hiobsbotschaften über die politische Situation. Da ist es wichtig, auch mal ein anderes Signal zu senden. Ich wurde von Frances Reynolds und ihrer Stiftung InclusArtiz eingeladen. Ich konnte dort eine Woche sein, um weiter an meinem Brasilienbuch zu arbeiten. Ich war vorher oft in Brasilien, diesmal habe ich besonders konzentriert Ateliers besucht. Die Dichte der Kunstszene dort ist fantastisch. 

Wann waren Sie zum ersten Mal dort?

1997 in São Paolo, aus Anlass der legendären Biennale von Paulo Herkenhoff, dem Kurator und Kritiker. Damals hat er historische Werke auf der Biennale eingeführt, das war eine der interessantesten Biennalen, die ich je gesehen habe. Der zweite Besuch ging 1999 nach Rio und São Paulo, wo ich Lygia Pape und Oscar Niemeyer besucht habe …

… den legendären Architekten, der fast 105 Jahre alt wurde …

… ja, das war mein erstes Gespräch mit ihm, an das ich mich auch deshalb so gut erinnere, weil es ungeheuer kompliziert war. 

Warum?

Vorher hieß es, man brauche keinen Übersetzer, weil er Italienisch und Französische spreche. Aber an dem Tag, er war damals schon über 90, hatte er keine Lust, Italienisch zu sprechen. Ich habe also meine Fragen auf Italienisch gestellt, und er hat mir in brasilianischem Portugiesisch geantwortet. Ich hatte keine Ahnung, was er sagte! Meine nächste Frage hatte also nichts mit seiner Antwort zu tun. Wir haben jedenfalls ein sehr eigenartiges Interview geführt. Man könnte fast sagen: Es war ein neues Format.

Wen haben Sie diesmal getroffen?

Es gab eine gemeinsame Begegnung mit Arthur Lindsay und Caetano Veloso, der uns an seinen alten Song erinnert hat (Abb.), der auf Deutsch „Es ist verboten zu verbieten“ heißt. Brasilien wird derzeit von einer demokratisch nicht legitimierten Regierung geführt, und so bekommen politische Slogans aus den Sechzigerjahren eine ganz aktuelle Relevanz. Wie ich überhaupt eine hochpolitisierte Kunstszene erlebt habe.

"Es ist verboten zu verbieten" (Abb.: Hans Ulrich Obrist)

Das hat Sie positiv überrascht.

Ich habe viele junge Künstlerinnen und Künstler getroffen wie Cinthia Marcelle, die dieses Jahr auch den brasilianischen Pavillon in Venedig gestaltet hat. Und Pedro Victor Brandão, er arbeitet zum Beispiel mit Computerviren und Geldautomaten. Und in São Paulo gibt es das Cambridge Hotel, das von Obdachlosen, von Migranten aus der ganzen Welt besetzt wurde. Viele Künstler sind dort involviert. Wir haben da den Philosophen Peter Pál Pelbart gesprochen, er ist dort sehr engagiert, publiziert Pamphlete, das ist eine hochspannende junge Szene. 

Darauf konzentrieren Sie sich bei Ihrem Brasilienbuch? 

Nein, es wird eine Mischung aus der jungen zeitgenössischen Szene und den Pionieren. In Rio habe ich Anna Bella Geiger interviewt. Das ist eine ganz wichtige Figur für die Kultur in Brasilien, als Künstlerin, als Lehrerin, als Feministin. Sie ist Jahrgang 1933, hat ursprünglich jüdisch-polnische Wurzeln. Außerdem Antonio Manuel und die sehr bekannte Adriana Varejão, die gerade ihre neue Ausstellung aufbaute. Aber Brasilien ist nicht nur Rio und São Paulo. Zum Beispiel darf man Recife nicht vergessen, die quirlige Hafenstadt im Norden am Atlantik. Dort habe ich Bárbara Wagner und Benjamin de Burca getroffen, die ja im Sommer diese großartige Arbeit über Schlagermusik in der Disco bei den Skulptur Projekten in Münster gezeigt haben. 

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese das neue Buch von Emanuele Coccia, „Das Leben der Pflanzen: Eine Metaphysik der Mischung“. Der italienische Philosoph, der in Freiburg lehrt, sagt: Wir diskriminieren die Pflanzen, wir reden immer über Menschen und Tiere, aber die Pflanzen haben auch ein Leben, wir haben sie vernachlässigt. Für mich ist das Buch, obwohl noch nicht auf Deutsch erschienen, das Buch des Jahres. 

05.09.2017 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist sieht ein Foto

Auf den ersten Blick scheint es wenig, was dem Leiter der Serpentine Gallery ins Auge fiel, aber dieser Star war „bigger than life“

Ein Foto?

Ja, ich habe mir gerade ein Foto von Jeanne Moreau angesehen, das ich vor sechs Jahren von ihr gemacht habe.

Die Schauspielerin Jeanne Moreau, Grande Dame der Nouvelle Vague, ist vor Kurzem mit 89 Jahren gestorben.

Sie war, wie man auf Englisch so schön sagt, larger than life. Ich habe sie über den Schauspieler Melvil Poupaud kennengelernt, einen Freund aus meiner Pariser Zeit. Vor zwölf Jahren spielte er in dem Film „Die Zeit, die bleibt“ von François Ozon die Hauptrolle; einen Modefotografen, der früh stirbt. Jeanne Moreau spielte seine Großmutter. Melvil hat uns damals vorgestellt, und von da an haben wir ziemlich regelmäßig telefoniert.

Längere Telefonate? 

Ja, und es ging auch immer darum, noch mehr Zeit zu finden und einen Ort, an dem wir uns für ein längeres Gespräch treffen könnten. Jeanne Moreau war selbst in ihrem hohen Alter so beschäftigt, dass es zwei oder drei Jahre gedauert hat, bis es schließlich klappte. Sie hat ja nicht nur Filme gedreht, sie war am Theater, hat gesungen, Workshops gegeben. Sie hatte einfach keine Zeit!

Wo hat das Interview schließlich stattgefunden?

In der Brasserie Wepler am Place de Clichy, die ganz in der Nähe ihrer Wohnung lag. Durch unsere zahlreichen Telefonate hatten wir beide das Gefühl, uns schon zu kennen, als wir uns trafen. Das Gespräch wurde in der Zeitschrift Another Magazine veröffentlicht und war Teil von Francesco Vezzolis 24-Stunden-Projekt für die Fondazione Prada. Es ist mir aus mehre-ren Gründen lebendig in Erinnerung. Wir haben uns zunächst über ihre Zusammenarbeit mit so legendären Regisseuren wie Louis Malle unterhalten …

… mit dem sie unter anderem „Fahrstuhl zum Schafott“ drehte.

Dann erwähnte ich, dass sie mir bei einem unserer Telefonate erzählt hatte: Im Leben einer Schauspielerin oder eines Schauspielers seien die Rollen, die man nicht spielt, genauso wichtig wie die Angebote, die man annimmt. Sie sagte: „Ich bereue nie, bestimmte Rollen nicht angenommen zu haben.“

Jeanne Moreau
Jeanne Moreau (Foto: Hans Ulrich Obrist)

Aber beschäftigt hat sie sich offenbar doch damit?

Sie erzählte, ich zitiere jetzt aus der Abschrift des Interviews: „Der amerikanische Film, in dem er mit der Mutter und der Tochter schläft, der Film mit Dustin Hoffman …“

„Die Reifeprüfung“?!?

Ja, sie hat tatsächlich die Rolle der Mrs. Robinson abgelehnt, die Simon & Garfunkel besungen haben.

Warum? 

Sie war, so hat sie es mir erzählt, „schockiert von der Vorstellung“ dieser Dreiecksbeziehung. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass daraus ein guter Film werden könnte. Es ging noch weiter: „Ich habe die Rolle der fiesen Krankenschwester in einem Irrenhaus abgelehnt, in dem Film mit Jack Nicholson.“ Sie meinte natürlich „Einer flog übers Kuckucksnest“.

Eine überaus amüsante Art, über Filme zu reden.

Ich habe sie selbstverständlich gefragt, ob es noch andere bekannte Filme gab, die sie hätte drehen können, aber abgelehnt hat, und ihre Antwort war: „Spartakus“.

Einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Warum hat sie abgelehnt?

Die Begründung ist typisch Moreau: „Der Typ schlief einfach mit jeder, wie hieß er noch gleich? Sein Sohn ist später auch ein Star geworden.“ Sie redete von Kirk Douglas und seinem Sohn Michael. Das Interview mit ihr ist mir aber vor allem aus einem anderen Grund unvergesslich. Als unser Gespräch zu Ende war, fragte sie mich: „Wo ist eigentlich der Fotograf?“ Es gab allerdings gar keinen Fotografen. Das war mir so peinlich, dass ich mein iPhone rauszog und einfach anfing, sie damit zu fotografieren.

Wie hat sie reagiert?

Sie hat sich meine Bemühungen eine Weile angesehen und kommentierte trocken: „So macht man das übrigens nicht.“ Dann erklärte sie mir, worauf man bei einem guten Porträt achten muss. Seitdem fotografiere ich alle meine Freunde, und die Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster ist derzeit -dabei, aus diesen Fotos ein Buch zu machen. All das verdanke ich nur Jeanne! Daran habe ich gedacht, als ich mir das Foto von ihr noch einmal angesehen habe.

Und wofür interessieren Sie sich derzeit noch außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese Homo Deus von Yuval Noah Harari, das sich zwar mit der Zukunft beschäftigt, aber sich den großen Fragen der Gegenwart stellt. In Deutschland ist es bei C.H. Beck erschienen. Großartig!

11.08.2017 Tillmann Prüfer

Lebensechter Hummer

Der Goldschmied Georg Hornemann, der mit dem diesjährigen Cologne Fine Art-Preis geehrt wird, fertigt edle Tafelaufsätze aus Silber und wandelt auf den Spuren der Renaissancekünstler.

Das Tier namens Falc wirkt, als wäre es gerade aus der Tiefsee emporgetaucht. Silberschwarz glänzend und lebensgroß. Vom Schwanz bis zur Fühlerspitze misst er mehr als 60 Zentimeter und ist mit seinen mächtigen Scheren fast 30 Zentimeter breit. Der Hummer aus massivem Silber zählt zu einer Serie von mehr als 15 „Kreaturen“, die Georg Hornemann und sein Sohn Alexander als Tafelaufsätze entworfen haben. Zu dieser zählt auch ein Taschenkrebs, von dem wir unten die Schere zeigen. 

Der Renaissance entlehnt

Tafelaufsätze waren früher wichtige Vorzeigeobjekte der Renaissance-Fürstenhäuser, die vom Können der höfischen Kunsthandwerker und dem eigenen Reichtum kündeten. Auch das Herstellungsverfahren haben die Hornemanns den Künstlern der Renaissance entlehnt. Der Hummer ist der Abguss eines echten Tieres. Falc kommt nämlich tatsächlich aus dem Meer. Er wurde bei einem Fischhändler erworben, gekocht, dann mit einem Skalpell zerlegt und für den Abguss präpariert. Das Fleisch wurde entfernt, die Verbindungshäute und Muskeln wurden in Scheren und Beinen getrennt.

Schere eines Taschenkrebses (Abb.: Hornemann)
Schere eines Taschenkrebses (Abb.: Hornemann)

Anschließend wurde von den Einzelteilen des Schalentiers ein Silikonabdruck gefertigt, der als Hohlraum für den Wachsabguss diente. Das ausgehärtete Wachs wiederum gab die Vorlage für die endgültige Gussform der 34 Teile des Silbergusses, die – nach strenger Qualitätsprüfung der Oberfläche – zusammengelötet wurden. Mithilfe von Kugelgelenken und Scharnieren erhielt das silberne Schalentier eine naturgetreue Beweglichkeit an Scheren und Beinen. Die Scherenarme wurden mit einer Schraubverbindung aus Weißgold versehen – zwecks Stabilität. Nachdem der Hummer montiert war, wurde die Oberfläche nachbearbeitet und anschließend das Silber kaltbrüniert, das heißt geschwärzt.

Dabei wurde immer wieder eine Lösung aufgetragen und anschließend abgewaschen. So entstand eine lebendige Oberfläche, die dem Hummer, den es in einer Auflage von sechs Exemplaren zum Preis von 54.600 Euro gibt, seine Plastizität und gefährliche Aura verleiht. 

Natürlich kann er mit seinen Silberscheren nicht wirklich zwicken. Richtig weh tun kann er nur, wenn er einem auf den Fuß fällt. Er wiegt acht Kilogramm.

Hornemann Hummer aus Silber (Abb.: Hornemann)
Alexander Hornemann, "FALC", Silber, 28x17x61cm, Aufl. 6, 54.600 Euro (Abb.: Hornemann)
10.08.2017 Annegret Erhard

Gefährlich erfolgreich

Monopolisten pflügen eine Schneise der Verwüstung durch den Kunstmarkt,  ob im Messe- oder Galeriegeschäft

Wer dachte, dass der Kunstbetrieb in diesem Jahr mit zusätzlichem venezianischem und Kassler Rummel endgültig überstrapaziert wäre, wer mit besorgtem Blick etwas von Messeüberdruss murmelte oder auf die rückläufigen Verkaufszahlen in den großen Auktionshäusern verwies, hat sich bei aller raunenden Zustimmung der Auguren des Markts und des Zeitgeists mächtig getäuscht. Sie lieben es. Sammler, Künstler, Händler, Vermittler, Kuratoren und Beflissene rauschen von hier nach dort, saugen begierig die An- und Aufregungen des weltweiten Kunstspektakels auf. Man inszeniert sich zu gern in einem permanent gesteigerten Lebensgefühl, das Kunstgenuss (und vielmehr noch den Kunstkauf) zum Elixier einer extrem beschleunigten Existenz macht. Mechanische Erschöpfung und Wiederholungsmüdigkeit sind stets rasch überwunden. Mag sein, dass dieses Phänomen – zusammen mit dem anhaltend mager bestückten Investitionssektor, der nur wenig Lukratives zu bieten hat – bislang jede Krise zum Inter­mezzo gemacht hat.

Die großen Messen verknüpfen sich mit den regionalen

Die Art Basel lief wieder einmal blendend. Das Zugpferd der unersättlichen MCH Group, Spezialist für Großveranstaltungen der Luxusgüterbranche, ist mit seinen Dependancen Art Basel Miami und Art Basel Hongkong weltweit strategisch ausgezeichnet vertreten. Mehr von diesen Riesentankern müssen es gar nicht sein, um sich an der Spitze zu behaupten. Ein schönes Monopol lässt sich auch elegant etablieren, indem man sich regionale Messen einverleibt. Jüngster Coup der Basler ist die Beteiligung an der Art Fair International in Köln, der die Art Düsseldorf mit der Tochterschau Bloom gehört.

Daniel Hug, Direktor der Art Cologne, der Urmutter aller Kunstmessen, sprach bei so viel bedrohlicher Nähe prompt von Kolonialismus und verwerflichem Machtstreben. Das ist insofern schon interessant, weil er selbst gerade mit seiner Messe die alljährlich im Herbst stattfindende, in vielerlei Hinsicht überholungsbedürftige abc in Berlin unter die Fittiche genommen hat und damit eigenes Expansionsinteresse signalisiert. Hugs unverblümte, überraschend ethisch unterfütterte Kritik richtet sich wohl auch gegen die frisch aufgelegte Initiative „Art Basel Cities“. Sollte diese zum Erfolgsprojekt werden, könnte das daraus resultierende engmaschige Netzwerk die Konkurrenten langsam, aber sicher strangulieren. Geplant sind herausragende Kunstevents, die von der Art Basel das ganze Jahr über in ausgewählten Metropolen temporär installiert werden und die digital gesteuerte Karawane nicht zur Ruhe kommen lassen. Buenos Aires empfängt als erste Station die Kunstfreunde und ihre Marketender und erhofft sich Profit auch in anderen Luxussparten. 

Rollkommando mit Nebenwirkungen

Innovation ist wichtig, doch dieses Rollkommando birgt ungute Nebenwirkungen. Eine Art-Basel-Paranoia wäre noch die geringste Irritation. Aber eine derartige Monopolisierung mit ihren unweigerlichen Begleiterscheinungen – Selektion der Aussteller, wettbewerbsfeindliche Preisgestaltung für die Teilnehmer, ein Angebot ausschließlich im hochpreisigen, gängigen Rahmen des sattsam Bekannten – macht die inspirierende Vielfalt der Messelandschaft kaputt. Wirtschaftswissenschaftler sehen in einer Zunahme der Monopolbildung ein Alarmzeichen des Niedergangs nach einer hypertrophen Hochphase. Hat man die Konkurrenz ausgeschaltet, steht man wahrscheinlich irgendwann allein auf weiter, allerdings leer gefegter Flur.

Ohne Messeauftritte – unerlässlich für Umsatz und die Akquise von neuen Kunden – sind die mittleren und kleinen Galerien aufgeschmissen. Können sie dem monopo­listischen Kostendiktat nicht mehr folgen, sind sie eines lebenswichtigen Forums beraubt. Das ist ein wesent­licher Grund für das allerorten zu beobachtende Galeriensterben. Wer die Nerven behält, wirkt weiter als Art Consultant, und für die paar treuen Sammler muss man kein teures Etablissement unterhalten.

Hinzu kommt, dass die Großgaleristen Gagosian, Hauser & Wirth oder Zwirner inzwischen ein Gruppenmonopol bilden und mühelos alles, auch die internationale Museums- und Ausstellungspolitik, dominieren. Diese Stellung festigen sie, indem sie sich vielversprechende Nachlässe sichern und so den Markt für möglichst viele wichtige Künstler kontrollieren. Sie streuen die Werke, wie und wann sie es für richtig halten. Beileibe nicht jedem verkauft Hauser & Wirth eine Arbeit von Arshile Gorky oder Eva Hesse, sie diktieren Angebot und Preis, verknappen künstlich und bekommen, wie jetzt auf der Art Basel, 15 Millionen Dollar für ein Gemälde von Philip Guston.

Monopolisten pflügen, egal ob im Messe- oder im Galeriegeschäft, eine Schneise der Verwüstung durch den Markt – das ist keine Übertreibung. Auf der Strecke bleiben diejenigen, die in der Ökonomie der Aufmerksamkeit keinen einigermaßen komfortablen Nischenplatz ergattert haben. Doch ohne sie funktioniert es auf Dauer nicht.