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„Durch die Krise ist eine Sehnsucht entstanden, kollektiv zu arbeiten“

Christoph Amend befragt jeden Monat den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen. Diesmal geht es um die Arbeit im Homeoffice, einen Anruf von Jane Fonda und #createartforearth

Von Christoph Amend
27.05.2020

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Homeoffice. Im letzten Monat habe ich von meinem Text zur Kunst und der Coronakrise erzählt, der gerade im Guardian erschienen war…

… mit Ihren Vorschlägen dazu, was passieren muss, damit Künstlerinnen und Künstler weiter arbeiten können.

Genau, er ist mittlerweile auch auf Deutsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen, in Brasilien, Japan, China, und ich arbeite gerade weiter daran. Ich habe mich auf den New Deal von Franklin D. Roosevelt in den 1930er-Jahren in den USA bezogen, aber das war natürlich eine ganz andere Zeit. Der amerikanische Publizist Jeremy Rifkin hat in seinem letzten Buch bereits einen Green New Deal adressiert, mit konkreten Vorschlägen, wie man die Industrien wirklich grün machen und ihrer fossilen Befeuerung ein Ende bereiten könnte. Diese Fragen stellen sich jetzt drängender denn je, und interessanterweise hatten wir mit der Serpentine Gallery schon vor einer Weile beschlossen, das Jahr 2020 unter das Motto „Back to Earth“ zu stellen.

Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Copyright: Brigitte Lacombe)
Hans Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London (Copyright: Brigitte Lacombe)

Was machen Sie da genau?

Wir haben über 60 Plakat-Kampagnen von Künstlerinnen und Künstlern initiiert, die weit über den eigentlichen Ausstellungsraum hinausgehen, in die Stadt hinein, ins Internet. Und weil es solch offene Kampagnen sind, können sie auch während des Lockdowns weitergehen. Zum Beispiel die neuen Bilder der Erde, die Olafur Eliasson geschaffen hat. Abstrahierte Zeichnungen, auf denen der Planet sich immer wieder auf einer anderen Achse dreht. Man kann sich die Bilder von unserer Website herunterladen und ausdrucken.

Das ist auch deshalb wichtig für Sie, weil die Serpentine Gallery selbst natürlich geschlossen ist.

Das stimmt. Das Plakat-Projekt „It’s urgent“ entstand in Kooperation mit der Luma Foundation und bezog Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt ein. Darunter auch die Künstlerin Judy Chicago, die ein fantastisches Plakat gestaltet hat mit einem gestrandeten Polarbär und dem Satz: „Every creature on this planet must be hoping that our time of awakening comes soon.“ Die Schauspielerin Jane Fonda war begeistert davon, und so entstand die Idee zu einem weiteren Projekt, unter anderem mit Greenpeace, dem National Museum for Women in the Arts in Washington und der Initiative Fire Drill Friday.

Olafur Eliasson, „Earth perspectives“, 2020 Die Erde, gesehen vom Great Barrier Reef, Australien „Earth perspectives“ ist Teil des Projekts „Back to Earth“ der Serpentine Galleries
Olafur Eliasson, „Earth perspectives“, 2020 Die Erde, gesehen vom Great Barrier Reef, Australien „Earth perspectives“ ist Teil des Projekts „Back to Earth“ der Serpentine Galleries

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jane Fonda?

Der Kontakt kam auf einer Ausstellungseröffnung von Judy Chicago in Washington im letzten Herbst zustande. Jane Fonda machte damals gleichzeitig Protestaktionen in der Stadt. Judy Chicago hat ihr am Eröffnungsabend von unserer Plakataktion erzählt und meine Handynummer gegeben. Am Tag der Eröffnung klingelte dann mein Handy, und Jane Fonda war dran!

Das passiert selbst Ihnen nicht oft.

Es war eine große Überraschung! Jane Fonda arbeitet ja mit Greenpeace, sie hat mit Judy Chicago dann gemeinsam eine Street-Art-Künstlerin mit in das Projekt gebracht, und plötzlich waren wir eine Art Kollektiv. Ich stelle überhaupt fest, dass durch diese Krise eine Sehnsucht entstanden ist, kollektiv zu arbeiten. Während des Lockdowns habe ich fast jeden Tag mit Judy, Jane, Swoon und Greenpeace-Leuten gezoomt, Feminismus, Hollywood, Öko-Aktivismus, Street-Art, Gegenwartskunst – was für eine Allianz der Vielfalt! Gemeinsam haben wir einen Hashtag lanciert, #createartforearth. Mittlerweile haben mehrere Tausend Künstlerinnen und Künstler daran teilgenommen.

Judy Chicago, On Fire; Judy Chicago, 2020 © Judy Chicago/Artists Rights Society (ARS), New York Photo © Donald Woodman/ARS, New York, Courtesy of the artist; Salon 94, New York; Jessica Silverman Gallery, San Francisco; and Cirrus Gallery, Los Angeles, VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Judy Chicago, On Fire; Judy Chicago, 2020 © Judy Chicago/Artists Rights Society (ARS), New York Photo © Donald Woodman/ARS, New York, Courtesy of the artist; Salon 94, New York; Jessica Silverman Gallery, San Francisco; and Cirrus Gallery, Los Angeles, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Eine digitale Demonstration in Zeiten, in denen physische Demonstrationen nicht stattfinden können.

Ja, Jane Fonda hat ein kleines Manifest dazu geschrieben. Sie sagt, dass wir durch diese Gesundheitskrise hindurchgehen und danach zum Normalen zurückkehren können. Oder wir begreifen, dass dieses Normale eben genau das Problem war. Ach ja, wir setzen auch das Do-It-Projekt fort!

Sie lassen sich vom Homeoffice offensichtlich nicht stoppen!

In der letzten Kolumne haben wir ja über das Buch geredet, das alle bisherigen Do-It-Arbeiten versammelt. Jetzt habe ich 50 neue Künstlerinnen und Künstler aus der nächsten Generation eingeladen, dabei mitzumachen.

Normalerweise frage ich Sie zum Schluss, womit Sie sich außerhalb der Kunst gerade beschäftigen, aber zurzeit ist ja alles auch außerhalb der Kunst. Auf Ihrem Instagram-Account habe ich ein gutes Zitat zum Abschluss gefunden, von Ihrer Freundin, der Dichterin Friederike Mayröcker. Es ist geradezu prophetisch, wenn man es heute liest: „Ich kann die Welt retten, wenn ich als Künstler arbeiten darf und kann.“

Und deshalb müssen wir alles dafür tun, damit Künstlerinnen und Künstler weiter arbeiten können.

Service

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 172/2020