Sebastian Preuss

ist stellvertretender Chefredakteur der WELTKUNST und von KUNST UND AUKTIONEN. Er kommentiert, was ihn aufregt oder erfreut im Kunstbetrieb.

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Christoph Amend

ist Chefredakteur des ZEITmagazins und Herausgeber von WELTKUNST und KUNST UND AUKTIONEN. Jeden Monat befragt er den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen.

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Tillmann Prüfer

ist Style Director des ZEITmagazin. Er stellt jeden Monat herausragende Leistungen der Handwerkskunst vor.

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Annegret Erhard

Annegret Erhard ist ehemalige Chefredakteurin von KUNST UND AUKTIONEN. Den Markt beobachtet sie seit vielen Jahren.

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30.05.2017 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Italien

Die Venedig-Biennale mit interessanten Pavillons aus Antigua und des Irak sowie einer großartigen Ausstellung des Künstlers Wade Guyton im Madre Museum in Neapel.

Was haben Sie geehen, Herr Obrist?
Italien. Ich war auf Rundreise dort, habe Venedig, Neapel und Mailand besucht. Vielleicht fangen wir mit der Biennale in Venedig an, wobei ich sagen muss: Die beste Ausstellung ist in Neapel.

Ein guter Cliffhanger für das Ende dieses Gesprächs.
Ja. Es ist bereits viel über die Biennale berichtet worden, über die zentralen Pavillons innerhalb der vollen Giardini …

… etwa über die deutsche Gewinnerin des Goldenen Löwen, Anne Imhof …
… sodass ich dachte, wir reden über die Pavillons an der Peripherie, die nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Weil es innerhalb der Giardini so dicht ist, ist ja längst die ganze Stadt Venedig selbst zum Austragungsort geworden. Es kann ja auch niemand ernsthaft rechtfertigen, dass nur die wenigen Länder, die immer schon ihre Pavillons innerhalb der Giardini hatten, ausstellen dürfen.

Welche Pavillons haben Sie besonders begeistert?
Einer der interessanteste ist aus Antigua.

Das Land nimmt zum ersten Mal an der Biennale teil.
Viele haben den verpasst, aber der Besuch lohnt sich! Der Pavillon ist ganz klein, liegt auf einer ebenso kleinen Insel und zelebriert den vor acht Jahren verstorbenen Künstler Frank Walter. Er hat in extremer Armut gelebt, er war das Kind eines Sklavenbesitzers und einer Sklavin, eine zerrissene Identität. Er ist in den Fünfziger- und Sechzigerjahren viel nach Europa gereist, ist heftigem Rassismus begegnet und hat sich anschließend auf dem Land in Antigua intensiv mit Landwirtschaft und Fragen der Ökologie auseinandergesetzt. Er war ein Pionier. Und er hat über 5000 Bilder gemalt! Ein unglaubliches Werk, das bislang nicht zu sehen war. Er hat auch Gedichte geschrieben, fast alle Künste betrieben: Er war der Leonardo da Vinci von Antigua.

Die Ausstellung heißt passenderweise „The Last Universal Man“. Was haben Sie noch gesehen?
Von dort ging mein Spaziergang weiter zum Pavillon des Irak. Im Auftrag der Ruya Stiftung haben Tamara Chalabi und Paolo Colombo die Ausstellung „Archaic“ kuratiert, die vom Einfluss des alten Mesopotamien auf unsere Kunst heute erzählt. Sie präsentieren einerseits irakische Künstler der Moderne, die wegen der Kriege vergessen sind. Den einflussreichsten von allen, Jewad Selim, der von 1919 bis 1961 gelebt hat, und seinen Schüler Shakir Hassan Al Said, der 2004 gestorben ist. Andererseits ist die heutige Generation von irakischen Künstlern zu sehen, von denen viele durch die Kriege vertrieben mittlerweile in Europa leben, Sadik Kwaish Alfraji etwa in den Niederlanden, Nadine Hattom in Deutschland. Ein weiterer unglaublicher Pavillon war Taiwan: der Performance-Künstler Tehching Hsieh und seine Ausstellung „Doing Time“. Sein Werk hatte einen wichtigen Einfluss auf Marina Abramović. Seine Performances dauern oft ein ganzes Jahr, er ist wirklich radikal. Ach, und bevor wir über Neapel reden, noch ein Tipp: Die V-A-C Foundation zeigt in Venedig über 100 Arbeiten von russischen Avantgarde-Künstlern der Zwanziger- und Dreißigerjahre und stellt sie in einen Dialog mit Bildern von zeitgenössischen Künstlern wie ­Barbara Kruger und Wolfgang Tillmans.

Titel der Ausstellung
Titel der Ausstellung "Siamo Arrivati", gleichnamiger Slogan, mit dem McDonalds Werbung gemacht hat (Foto: Ron Amstutz/Wade Guyton)

Und zum Schluss: Neapel!
Das Madre Museum zeigt eine großartige Ausstellung des amerikanischen Künstlers Wade Guyton, geboren 1972, er lebt in New York. Guyton arbeitet nicht mit dem Pinsel, er malt, wenn man so will, mit Scannern und Druckern. Er stellt im dritten Stock des Museums Arbeiten aus, die während seiner Residency in Neapel entstanden sind. Schon jetzt eine der Ausstellungen des Jahres. Der Titel „Siamo Arrivati“, auf Deutsch: „Wir sind angekommen“, verwendet den Slogan, mit dem McDonald’s die Eröffnung neuer Restaurants beworben hat.

Und was beschäftigt Sie außerhalb der Kunstwelt?
Ich lese gerade „Climate of Hope“, geschrieben vom früheren New Yorker Bürgermeister und Unternehmer Michael Bloomberg und dem Umweltaktivisten Carl Pope. Die beiden erklären ganz konkret, wie wir das Klima retten können, was zu tun ist.

19.05.2017 Sebastian Preuss

Preisexzess um Basquiat

Der Kunstmarkt dreht endgültig durch: Ein Kommentar zum Rekordpreis von 110,5 Millionen Dollar für Jean-Michel Basquiat

Dass die Preistreiberei um die zeitgenössische Kunst schon längst nichts mehr mit dem Wert der Werke zu tun hat, die ihnen die unbestechliche Selektion der Kunstgeschichte einmal zubilligen wird, das weiß wohl jeder, der im Kunstbetrieb noch einigermaßen klar denken kann. Aber trotzdem hält die Spirale nach oben nicht an, sondern bringt immer neue Rekordmarken hervor. Nun also 110,5 Millionen Dollar (mit Aufgeld) für ein Gemälde von Jean-Michel Basquiat. Hundertzehn Millionen! Der japanische Milliardär Yusaku Maezawa hat es – mit einem anderen Verrückten – gestern bei Sotheby’s in New York so weit emporgesteigert. Jetzt brüstet er sich damit auf Instagram. Verrückt? Ein böses Wort, ist es nicht Kunstleidenschaft, wenn man ein Gemälde um jeden Preis besitzen will? Nein, das hat mit Passion für die hehre Kunst nichts mehr zu tun. Und wenn Passion nur noch mit viel Geld zu tun hat, dann läuft irgendwas absolut schief.

Jagd nach Rekordpreisen

Das tut es ja schon seit Jahren; längst ist der größeren Öffentlichkeit kaum noch zu vermitteln, dass es am Kunstmarkt um mehr geht als nur eine durchgedrehte Jagd nach Rekordpreisen. Und dem Kunstmarkt selbst schaden diese Preishöhen letztlich viel mehr als dass sie ihm nützen. Sammler, Besitzer, Einlieferer, überhaupt jeder Kunstfreund – ihnen allen wird ein völlig falsches Wertgefüge vorgegaukelt. Zahlen sind messbar und vermeintlich objektiv, darum wird die Wertschätzung von Basquiat künftig vor allem an der Tatsache gemessen werden, dass er der teuerste Gegenwartskünstler ist. Dass er 1988 mit 27 Jahren an einer Überdosis Heroin starb, ist dieser Verklärung nur dienlich. Immerhin ist er damit in der berühmten Reihe der im gleichen Alter unter ähnlichen Umständen gestorbenen Popstars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain oder zuletzt Amy Winehouse. Das ist tragisch und angesichts all der großen Talente (das war auch Basquiat zweifellos) sehr zu bedauern. Aber es betäubt auch die Wahrnehmung des eigentlichen Werks beträchtlich – wie eben die Preisrekorde.

Fatale Schere zwischen Markt und Kunstgeschichte

Bei allem Respekt vor Basquiat: Ein solcher Preis hat mit seiner Bedeutung als Maler nichts mehr zu tun. Er war Teil der weltweiten neoexpressionistischen Strömung der Achtzigerjahre und dabei gewiss eine wichtige Gestalt. Aber ob ihm ein so epochaler Rang gebührt, wie ihn der enorme Preis jetzt suggeriert, ist doch mehr als fraglich. Es gab viele andere Künstler, die das Geschehen in den Achtzigern prägten. Basquiat als einsamer Solitär, noch vor Warhol, der nun wirklich der bedeutendste, innovativste und einflussreichste aller Nachkriegskünstler war? Das Wertesystem am Kunstmarkt und die kunsthistorische Kanonbildung entfernen sich immer mehr voneinander. Eine fatale Schere, die falsche Werte vorgaukelt. Denn am Ende ist die Geschichte doch gnadenlos und unbestechlich. Und eines steht fest: Spätestens in einigen Jahrzehnten (womöglich schon viel früher) werden sich die geldbenebelten Wahrnehmungsschwaden um Basquiat lichten und man kann ihn im größeren Maßstab einordnen und bewerten. Dort, wo er hingehört. Wo genau, darüber lässt sich heute noch streiten und orakeln. Dann jedenfalls – so viel müssen die aufgeputschten Käufer von heute befürchten – werden seine Werke am Markt nur noch ein Bruchteil vom gestrigen Preis wert sein.

10.05.2017 Annegret Erhard

Biennalen und die Documenta sind Teil des Kunstmarkts

Geschäfte laufen überall, auch auf den Biennalen und der Documenta. Dort ganz besonders, denn Galeristen können hier bequem und zudem gratis verkaufen

Haben Sie sich bereits organisiert? Oder haben Sie jetzt schon genug gesehen, waren in Hongkong und São Paulo? Frieze und Tefaf Spring in New York wollten Sie auf keinen Fall versäumen. Wie war die Art Cologne?­ Haben Sie in Brüssel gekauft? Auf ein paar regionaleren Verkaufsevents waren Sie auch? Selbstverständlich, da kann man doch wunderbare Entdeckungen machen. Bald erscheinen die Kataloge von Grisebach und Ketterer, von all den anderen weltweit renommierten Auktionshäusern mit Werken der Gegenwartskunst ganz zu schweigen. Und Basel, die wichtigste aller Messen überhaupt! Und dann noch London (wieder Frieze) und die Pariser Fiac.

Wie wäre es eigentlich mit einer hübschen Übersprungshandlung? Sie holen tief Luft, lassen alles sausen, kaufen sich einen anstrengenden Hund – und genießen die Kunst in kleinsten Dosen. Aber das darf ja nun auf keinen Fall passieren. Stillstand, wo kämen wir da hin? Er muss rasend rasen, der Kunstbetrieb. Geld muss investiert werden, Nischen mit Potenzial müssen wiederentdeckt, neue Künstler und Konzepte gefeiert werden. (Meinetwegen auch verteufelt, Hauptsache, sie sind in aller Munde.) Es ist pure Industrie, mit unendlichem Wachstumspotenzial. Na ja, sagen wir lieber: mit großen Möglichkeiten und viel Innovationskraft.

Diejenigen, die weder sammeln noch investieren wollen oder können, betrachten diese Veranstaltungen allesamt als temporäre Museen. Als Impulsgeber, erfrischend oder ärgerlich, anregend oder gar verstörend. Epiphanie nicht ausgeschlossen, damit wäre allerdings tatsächlich das Äußerste an gewinnbringender Möglichkeit ohne pekuniären Einsatz erreicht. In diesem Jahr kommen nun noch die Biennale in Venedig und die 14. Ausgabe der Documenta hinzu. Sie wurden gleichsam als Leistungsschau nach dem Vorbild der Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten Weltausstellungen konzipiert. Sie folgten – naturgemäß leicht abgewandelt – deren Ziel, die weltweit relevante, in ihrem Fall nun künstlerische Leistungsfähigkeit zu präsentieren und aktuelle Entwicklungen zu demonstrieren, um ein internationales Publikum zu beeindrucken. Freilich auch, um bestehende Märkte zu befeuern und neue zu erschließen.
Schon ab der ersten Biennale 1895 war Venedig ein Erfolg. Nach und nach wurden Länderpavillons errichtet, die dann alle zwei Jahre mit Kunst bestückt wurden. Dabei ging es gar nicht in erster Linie darum, der Avantgarde ein Forum zu geben. Prämisse war, gut zu verkaufen. Das ging so bis in die Sechzigerjahre. Erst dann gab es große zentrale Gruppenausstellungen mit thematischen Vorgaben. Kuratoren verantworteten die ambitionierten, von den Künstlern oft speziell für die Pavillons in den Giardini entworfenen Präsentationen. Der Anspruch stieg, das jetzt als vulgär empfundene Verkaufsargument war verschwunden. Und doch: Die Biennale in Venedig ist wahrscheinlich die erfolgreichste Verkaufsmesse weltweit. Die bestbesuchte mit stetig steigendem Ansturm sowieso. Die Galeristen reisen mit ihren Topsammlern an, führen hier ihre Verkaufsverhandlungen. Argumentationshilfe ist der geheiligte Ort, der Moment und die Aufmerksamkeit von Hunderttausenden Besuchern, die dem Kunstwerk so wohl nie wieder zuteil werden dürfte. Den Galeristen und Kunstvermittlern, auch den Kuratoren kann’s nur recht sein. Sie profitieren hier regelmäßig von einer staatlich organisierten und finanzierten Einrichtung, die ihnen ein kostenlos zu nutzendes, außerordentlich beeindruckendes Forum zur Verfügung stellt.

Nicht selten wechseln in den ersten der hundert Tage der Documenta Werke ihre Besitzer

Die Documenta in Kassel (in diesem Jahr auch in Athen)­ steht dem in nichts nach. Künstler und Kunstwerke, die als teilnahmetauglich eingestuft wurden, erfahren eine Nobilitierung, die sich konsequent (übrigens nicht immer dauerhaft, da braucht es dann schon den mit allen Marketingwassern gewaschenen Galeristen) auf ihre Markttauglichkeit niederschlägt. Nicht selten finden sich schon in den ersten der hundert Tage währenden Schau neue Besitzer der Werke Die Übergänge sind fließend, der kommerzielle Aspekt der Biennalen, der Großereignisse wie einer Documenta ist nur notdürftig von einem gesellschaftspolitischen Kunst- und Kulturauftrag überwoben. Das tut der Kunst freilich nichts. Den Gepflogenheiten auf dem Kunstmarkt und seiner angeblich vorhandenen Bereitschaft zur Transparenz stellt diese absolut überflüssige Scheinheiligkeit jedoch – mal wieder – kein gutes Zeugnis aus.

Doch lassen Sie sich die Biennalen und Documentas nicht verdrießen. Stemmen Sie sich mitsamt der Kunst gegen aufkeimenden Überdruss, hervorgerufen durch schwer zu bewältigende Massen und durch einen manchmal atemberaubend dreisten Kunstbetrieb. Bleiben Sie neugierig auf die Kunst, und halten Sie Kurs. Als Sammler, der sich die bittersüße Erinnerung an eine verpasste Chance ersparen will. Oder als Freund temporärer Museen, der ausgiebig und begeistert die Möglichkeit genießt, seinen verinnerlichten Kunstschatz zu erweitern. Das darf dann auch ruhig mal ein bisschen anstrengend sein.

30.04.2017 Tillmann Prüfer

Relief aus Perlmutt

Die Schweizer Uhrenmanufaktur Breguet verziert mit der Kamee-Handwerkskunst Zifferblätter ihrer Uhren oder Schmuckstücke.

Am schönsten wird Strandgut, wenn daraus eine Kamee-Schnitzerei entsteht. Kamee ist ein uraltes Handwerk – winzige Reliefs aus dem Perlmutt von Weichtierschalen wurden schon vor mehr als viertausend Jahren in Mesopotamien geschnitzt. Später gelangte dieses Können vom antiken Griechenland nach Italien, wo seit dem 19. Jahrhundert die Region um das Städtchen Torre del Greco nahe Neapel das Zentrum der Kamee-Kunst ist.
Die Schweizer Uhrenmanufaktur Breguet verziert mit diesen Kunstwerken Zifferblätter ihrer Uhren oder Schmuckstücke. Die Handwerksmeister können das Material in eine Blüte verwandeln, aber auch in eine vollständige Miniatur von Leonardos Ölgemälde des letztes Abendmahls. Jede Perlmutt-Kamee beginnt mit der strengen Auswahl der Schale. Die Graveure verwenden nur Material höchster Qualität, edelstes Perlmutt mit raffinierten Farbnuancen. Ist der Werkstoff ausgewählt, beginnt der Kameen-Schnitzer die Schale zuzuschneiden und zurechtzuschleifen, bis sie vollkommen rund ist. Das Stück wird auf einen Holzstab aufgeklebt, damit man es beim Bearbeiten besser halten kann und die dünne Schale nicht zerbricht. Eine Kamee ist nur zwei Millimeter dick und äußerst empfindlich. Die Konturen des Motives werden aufgezeichnet. Anschließend beginnt die Gravur. Mit­hilfe eines einfachen Stahlstichels arbeitet der Kamee-Schnitzer die verschiedenen Figuren aus dem Perlmutt heraus.

Schmuckensemble La Rose de la Reine (Foto: Breguet)
Ring La Rose de la Reine (Foto: Breguet)

Die Schnitzarbeit muss auf Bruchteile eines Millimeters genau sein – Fehler werden nicht verziehen. Setzt der Meister mit dem Stahlstichel ein einziges Mal falsch an, ist das Relief zerstört. Wenn die Schnitzarbeit erledigt ist, wird die Kamee gereinigt, poliert und weiterverarbeitet.
Bei Breguet werden Kameen etwa in der Uhr Reine de Naples verwendet. Oder im Schmuckensemble La Rose de la Reine, wo eine Rosen-Kamee mit einem diamantenen Band hervorgehoben und mit Akoya-Perlen in Szene gesetzt wird.
Man spricht bei Perlmutt-Kameen gerne von Muschel-Schnitzereien. Das ist nicht ganz korrekt. Breguet etwa verwendet Teile der Gehäuse großer Meerschnecken. Schnecken-Schnitzerei würde allerdings nicht so gut klingen.

28.04.2017 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Athen

Athen zur Documenta und eine Ausstellung von der Künstlerin Maria Lassnig.

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?
Athen. Ich war zum Auftakt der Documenta dort und weil im Museum der Stadt eine Ausstellung von Maria Lassnig eröffnet wurde, an der ich lange gearbeitet habe.

Sie zeigen Aquarelle von Lassnig, die in Griechenland entstanden sind, und den Titel hat Ihnen die Schriftstellerin Friederike Mayröcker geschenkt: „Die Zukunft erfinden wir …
… mit Fragmenten der Vergangenheit“, genau.

Maria Lassnig ist vor drei Jahren gestorben, Sie kannten sie gut.
Ich bin ihr zum ersten Mal 1986 begegnet. Ich habe damals viele junge Künstler besucht, und sie haben mir alle gesagt, dass sie von Maria Lassnig inspiriert sind. Also habe ich sie in Wien besucht. Wir haben uns über ihre New Yorker Jahre unterhalten, ihre frühen Filme, über Literatur. Die erste Zusammenarbeit fand ein paar Jahre später statt, für die Ausstellung „Der zerbrochene Spiegel“. Schon zu dieser Zeit ist mir aufgefallen, dass sie viel schreibt. Daraus ist das langfristige Projekt „The Pen Is The Sister Of The Brush“ entstanden mit ihren gesammelten Schriften.

2008 folgte eine große Ausstellung mit ihr in der Serpentine Gallery in London.
Ja, mit über 100.000 Besuchern, die britischen Zeitungen haben sie damals auf eine Stufe mit Francis Bacon und Lucian Freud gehoben. Kurz vor ihrem Tod 2014 hatte sie einen letzten Wunsch. Sie ist früher oft als Pauschaltouristin nach Griechenland gereist, und die dort entstandenen Arbeiten sollten einmal in Griechenland gezeigt werden.

Den Wunsch erfüllen Sie ihr.
Ihre Aquarelle stellen mythologische Figuren wie Sisyphos, Aphrodite, Neptun dar, sie werden jetzt weltweit erstmals gezeigt. Es gibt auch Gemälde von ihr in Athen, da können Sie sehen, wie sie dieses mythologische Bilderreservoir zurückträgt nach Österreich.

Wie meinen Sie das?
Es geht in ihren Gemälden immer auch um Selbstporträts. Plötzlich tauchen die mythologischen Gestalten, die sie im Urlaub kennengelernt hat, in der Landschaft Kärntens auf. Griechisches Licht trifft auf das Grün der Landschaft ihrer Heimat. Sie benutzt die Vergangenheit als eine Werkzeugkiste, um die Zukunft zu erfinden. Einmal sieht man sie mit dem Stier von Kreta um ihre Schultern im Meer. Sie geht die sehr männlich dominierte griechische Bilderwelt von ihrem feministischen Standpunkt aus an. Auf einmal steht die Frau sehr bewusst da und ist nicht mehr das schwache Opfer, als das sie oft dargestellt wurde.

Unvollendeter Brief von Maria Lassnig an Hans Ulrich Obrist (Foto: Archiv Maria Lassnig Stiftung)
Unvollendeter Brief von Maria Lassnig an Hans Ulrich Obrist (Foto: Archiv Maria Lassnig Stiftung)

Wie war Ihre letzte Begegnung mit Maria Lassnig?
Es sind drei wichtige Dinge passiert. Erstens haben wir die Ausstellung geplant, die jetzt zu sehen ist. Zweitens hat sie mir gesagt, ich müsse unbedingt ihre gute Freundin, die Schriftstellerin Friederike Mayröcker, treffen. Sie hat uns noch einander vorgestellt, und wir sind seitdem miteinander im Gespräch. Immer wenn ich früher nach Wien bin, war das Erste, was ich gemacht habe: direkt vom Flughafen zur Lassnig zu fahren. Heute fahre ich zuerst zu Mayröcker.

Maria Lassnig hat also eine Stabübergabe eingefädelt.
Ja, von einer Legende zur nächsten. Gemeinsam mit der Künstlerin Sarah Ortmeyer führe ich Interviews mit Friederike Mayröcker, acht Mal haben wir sie schon gesprochen, daraus soll ein Buch werden.

Und was ist das Dritte, das bei Ihrem letzten Treffen passiert ist?
Maria Lassnig hat mir einen Brief angekündigt, den sie mir schicken wollte. Dann habe ich nichts mehr von ihr gehört – und einige Monate danach ist sie gestorben. Aber ihr Mitarbeiter hat den unvollendeten Brief an mich gefunden, und er hat ihn mir geschickt.

Was hat sie geschrieben?
Ich kann es Ihnen vorlesen: „Lieber Hans Ulrich Obrist! – Mit der Kunst zusammen, da verkommt man nicht! Ohne Kunst verkommt man und ich besonders. Auch ein sehr lauter Um-Hilfe-Ruf hilft nicht mehr!“

Das ist ja herzzerreißend. Lassen Sie uns den Brief hier abdrucken.
Gerne.

Und zum Schluss wie üblich: Was beschäftigt Sie außerhalb der Kunstwelt?
Ich lese die Gedichte von Friederike May­röcker! Was sonst!

28.03.2017 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Russland

Die erste Garage Triennial für zeitgenössische russische Kunst in Moskau, der Künstler Aslan Gaisumov und die Ausstellung „Dream Machine“.

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?
Russland.

Aber ich erreiche Sie gerade in New York.
Ja, ich bin hier für einen Workshop, und leider habe ich heute auch nicht so viel Zeit für unser Gespräch, weil ich wegen der angekündigten Schneestürme an der amerikanischen Ostküste spontan früher abfliegen muss als geplant. Sonst komme ich hier nicht mehr weg.

Sie sind nicht allein mit Flugproblemen. Angela Merkel musste heute ihre erste Reise zu Donald Trump verschieben wegen des Schnees an der Ostküste. Also gut: Dann legen wir los und springen von Amerika nach Russland. Was haben Sie dort gesehen?
Ich war auf der ersten Garage Triennial für zeitgenössische russische Kunst in Moskau, die sich darauf konzentriert hat, heimische Kunst zu zeigen, die seit dem Jahr 2012 entstanden ist.

Warum 2012?
Das war das Jahr der letzten Präsidentschaftswahlen. Die Triennale hat im Koolhaas-Gebäude des Garage Museum im Gorki-Park stattgefunden. Zur Vorbereitung ist eine Gruppe von sechs Kuratoren ein Jahr lang durch das ganze Land gereist, hat über dreißig Städte und Gemeinden besucht, um sich einen Überblick zu verschaffen. Insgesamt haben sie über 200 Künstlerinnen und Künstler besucht. Ein enormes Projekt der Chefkuratorin Kate Fowle und des Direktors des Garage Museums, Anton Belov. Sie dürfen nicht vergessen, wie riesig das Land ist: Allein eine Flugreise von Kaliningrad nach Wladiwostok dauert elf Stunden.

Aslan Gaisumov (Foto: Lutz Bertram)
Aslan Gaisumov (Foto: Lutz Bertram)

Was hat Sie besonders beeindruckt?
Die größte Entdeckung für mich ist Aslan Gaisumov.

Warum?
Er ist 1991 geboren, in Grosny in Tschetschenien, wo er jetzt wieder lebt. Er hat bis 2012 in Moskau Kunst studiert. Gaisumov setzt sich in seinen Videoarbeiten mit seiner sehr bewegten Kindheit und Jugend auseinander. In seiner Arbeit „Numbers“ zeigt er beispielsweise Hausnummern von Häusern, wie sie vor dem Krieg in seiner Heimat üblich waren. Das hat mich an Christian Boltanski erinnert. Als Gaisumov vier Jahre alt war, musste seine Familie vor dem Krieg in Tschetschenien fliehen, weil ihr Haus komplett zerstört worden war. Die Familie floh im Auto seines Onkels, 21 Personen.

21 Personen?
Ja, die gesamte Großfamilie hat sich in das Auto gequetscht. Und als er zehn Jahre alt war, musste die Familie, die zwischenzeitlich nach Grosny zurückgekehrt war, noch einmal fliehen, diesmal aufs Land, in das Haus seiner Großmutter. Das Auto war nun größer, und die Mutter hat alle weißen Laken, die sie finden konnte, in Friedensflaggen verwandelt und sie am Fluchtauto angebracht. Diese beiden Szenen hat Aslan Gaisumov jetzt noch einmal inszeniert, er zeigt sie jeweils in einem Video, das in einem Loop lief. Wirklich sehr bewegend.

Aslan Gaisumov,
Aslan Gaisumov, "Numbers" (Foto: Alexei Naroditsky/Garage Museum of Contemporary Art)

Was haben Sie noch gesehen?
Spannende Künstler wie Taus Makhacheva mit einer Arbeit über die Geschichte Dages­tans oder Evgeny Granilshchikov, der all seine Videos mit dem Smartphone produziert. Neben der Triennale habe ich eine wunderbare Ausstellung besucht: „The Dream Machine“ mit Fotografien von Sergey Sapozhnikov, einem der interessantesten jungen russischen Künstler. Er dokumentiert den Verfall des fantastischen Maxim-Gorki-Theaters, eines Meisterwerks der konstruktivistischen Architektur, gebaut von Wladimir Helfreich und Wladimir Schtschuko in den frühen 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Wenn man die Fotos sieht, denkt man nur noch: Dieses Gebäude muss gerettet werden! Ich hoffe, Sapozhnikovs Bilder tragen dazu bei, ein öffentliches Bewusstsein dafür zu erzeugen. Die Ausstellung ist ein Smart-Art-Projekt und wurde kuratiert von Irene Calderoni und Teresa Iarocci Mavica, sie wird jetzt erstmals in Moskau gezeigt.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunst?
Auf meiner Reise habe ich den Dichter Lew Rubinstein kennengelernt, dessen Werke auch ins Deutsche übersetzt wurden. Er schreibt alles auf Karteikarten! Ist das nicht wunderbar?