Sebastian Preuss

ist stellvertretender Chefredakteur der WELTKUNST und von KUNST UND AUKTIONEN. Er kommentiert, was ihn aufregt oder erfreut im Kunstbetrieb.

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Christoph Amend

ist Chefredakteur des ZEITmagazins und Herausgeber von WELTKUNST und KUNST UND AUKTIONEN. Jeden Monat befragt er den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen.

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Tillmann Prüfer

ist Style Director des ZEITmagazin. Er stellt jeden Monat herausragende Leistungen der Handwerkskunst vor.

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Annegret Erhard

Annegret Erhard ist ehemalige Chefredakteurin von KUNST UND AUKTIONEN. Den Markt beobachtet sie seit vielen Jahren.

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05.09.2017 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist sieht ein Foto

Auf den ersten Blick scheint es wenig, was dem Leiter der Serpentine Gallery ins Auge fiel, aber dieser Star war „bigger than life“

Ein Foto?

Ja, ich habe mir gerade ein Foto von Jeanne Moreau angesehen, das ich vor sechs Jahren von ihr gemacht habe.

Die Schauspielerin Jeanne Moreau, Grande Dame der Nouvelle Vague, ist vor Kurzem mit 89 Jahren gestorben.

Sie war, wie man auf Englisch so schön sagt, larger than life. Ich habe sie über den Schauspieler Melvil Poupaud kennengelernt, einen Freund aus meiner Pariser Zeit. Vor zwölf Jahren spielte er in dem Film „Die Zeit, die bleibt“ von François Ozon die Hauptrolle; einen Modefotografen, der früh stirbt. Jeanne Moreau spielte seine Großmutter. Melvil hat uns damals vorgestellt, und von da an haben wir ziemlich regelmäßig telefoniert.

Längere Telefonate? 

Ja, und es ging auch immer darum, noch mehr Zeit zu finden und einen Ort, an dem wir uns für ein längeres Gespräch treffen könnten. Jeanne Moreau war selbst in ihrem hohen Alter so beschäftigt, dass es zwei oder drei Jahre gedauert hat, bis es schließlich klappte. Sie hat ja nicht nur Filme gedreht, sie war am Theater, hat gesungen, Workshops gegeben. Sie hatte einfach keine Zeit!

Wo hat das Interview schließlich stattgefunden?

In der Brasserie Wepler am Place de Clichy, die ganz in der Nähe ihrer Wohnung lag. Durch unsere zahlreichen Telefonate hatten wir beide das Gefühl, uns schon zu kennen, als wir uns trafen. Das Gespräch wurde in der Zeitschrift Another Magazine veröffentlicht und war Teil von Francesco Vezzolis 24-Stunden-Projekt für die Fondazione Prada. Es ist mir aus mehre-ren Gründen lebendig in Erinnerung. Wir haben uns zunächst über ihre Zusammenarbeit mit so legendären Regisseuren wie Louis Malle unterhalten …

… mit dem sie unter anderem „Fahrstuhl zum Schafott“ drehte.

Dann erwähnte ich, dass sie mir bei einem unserer Telefonate erzählt hatte: Im Leben einer Schauspielerin oder eines Schauspielers seien die Rollen, die man nicht spielt, genauso wichtig wie die Angebote, die man annimmt. Sie sagte: „Ich bereue nie, bestimmte Rollen nicht angenommen zu haben.“

Jeanne Moreau
Jeanne Moreau (Foto: Hans Ulrich Obrist)

Aber beschäftigt hat sie sich offenbar doch damit?

Sie erzählte, ich zitiere jetzt aus der Abschrift des Interviews: „Der amerikanische Film, in dem er mit der Mutter und der Tochter schläft, der Film mit Dustin Hoffman …“

„Die Reifeprüfung“?!?

Ja, sie hat tatsächlich die Rolle der Mrs. Robinson abgelehnt, die Simon & Garfunkel besungen haben.

Warum? 

Sie war, so hat sie es mir erzählt, „schockiert von der Vorstellung“ dieser Dreiecksbeziehung. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass daraus ein guter Film werden könnte. Es ging noch weiter: „Ich habe die Rolle der fiesen Krankenschwester in einem Irrenhaus abgelehnt, in dem Film mit Jack Nicholson.“ Sie meinte natürlich „Einer flog übers Kuckucksnest“.

Eine überaus amüsante Art, über Filme zu reden.

Ich habe sie selbstverständlich gefragt, ob es noch andere bekannte Filme gab, die sie hätte drehen können, aber abgelehnt hat, und ihre Antwort war: „Spartakus“.

Einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Warum hat sie abgelehnt?

Die Begründung ist typisch Moreau: „Der Typ schlief einfach mit jeder, wie hieß er noch gleich? Sein Sohn ist später auch ein Star geworden.“ Sie redete von Kirk Douglas und seinem Sohn Michael. Das Interview mit ihr ist mir aber vor allem aus einem anderen Grund unvergesslich. Als unser Gespräch zu Ende war, fragte sie mich: „Wo ist eigentlich der Fotograf?“ Es gab allerdings gar keinen Fotografen. Das war mir so peinlich, dass ich mein iPhone rauszog und einfach anfing, sie damit zu fotografieren.

Wie hat sie reagiert?

Sie hat sich meine Bemühungen eine Weile angesehen und kommentierte trocken: „So macht man das übrigens nicht.“ Dann erklärte sie mir, worauf man bei einem guten Porträt achten muss. Seitdem fotografiere ich alle meine Freunde, und die Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster ist derzeit -dabei, aus diesen Fotos ein Buch zu machen. All das verdanke ich nur Jeanne! Daran habe ich gedacht, als ich mir das Foto von ihr noch einmal angesehen habe.

Und wofür interessieren Sie sich derzeit noch außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese Homo Deus von Yuval Noah Harari, das sich zwar mit der Zukunft beschäftigt, aber sich den großen Fragen der Gegenwart stellt. In Deutschland ist es bei C.H. Beck erschienen. Großartig!

11.08.2017 Tillmann Prüfer

Lebensechter Hummer

Der Goldschmied Georg Hornemann, der mit dem diesjährigen Cologne Fine Art-Preis geehrt wird, fertigt edle Tafelaufsätze aus Silber und wandelt auf den Spuren der Renaissancekünstler.

Das Tier namens Falc wirkt, als wäre es gerade aus der Tiefsee emporgetaucht. Silberschwarz glänzend und lebensgroß. Vom Schwanz bis zur Fühlerspitze misst er mehr als 60 Zentimeter und ist mit seinen mächtigen Scheren fast 30 Zentimeter breit. Der Hummer aus massivem Silber zählt zu einer Serie von mehr als 15 „Kreaturen“, die Georg Hornemann und sein Sohn Alexander als Tafelaufsätze entworfen haben. Zu dieser zählt auch ein Taschenkrebs, von dem wir unten die Schere zeigen. 

Der Renaissance entlehnt

Tafelaufsätze waren früher wichtige Vorzeigeobjekte der Renaissance-Fürstenhäuser, die vom Können der höfischen Kunsthandwerker und dem eigenen Reichtum kündeten. Auch das Herstellungsverfahren haben die Hornemanns den Künstlern der Renaissance entlehnt. Der Hummer ist der Abguss eines echten Tieres. Falc kommt nämlich tatsächlich aus dem Meer. Er wurde bei einem Fischhändler erworben, gekocht, dann mit einem Skalpell zerlegt und für den Abguss präpariert. Das Fleisch wurde entfernt, die Verbindungshäute und Muskeln wurden in Scheren und Beinen getrennt.

Schere eines Taschenkrebses (Abb.: Hornemann)
Schere eines Taschenkrebses (Abb.: Hornemann)

Anschließend wurde von den Einzelteilen des Schalentiers ein Silikonabdruck gefertigt, der als Hohlraum für den Wachsabguss diente. Das ausgehärtete Wachs wiederum gab die Vorlage für die endgültige Gussform der 34 Teile des Silbergusses, die – nach strenger Qualitätsprüfung der Oberfläche – zusammengelötet wurden. Mithilfe von Kugelgelenken und Scharnieren erhielt das silberne Schalentier eine naturgetreue Beweglichkeit an Scheren und Beinen. Die Scherenarme wurden mit einer Schraubverbindung aus Weißgold versehen – zwecks Stabilität. Nachdem der Hummer montiert war, wurde die Oberfläche nachbearbeitet und anschließend das Silber kaltbrüniert, das heißt geschwärzt.

Dabei wurde immer wieder eine Lösung aufgetragen und anschließend abgewaschen. So entstand eine lebendige Oberfläche, die dem Hummer, den es in einer Auflage von sechs Exemplaren zum Preis von 54.600 Euro gibt, seine Plastizität und gefährliche Aura verleiht. 

Natürlich kann er mit seinen Silberscheren nicht wirklich zwicken. Richtig weh tun kann er nur, wenn er einem auf den Fuß fällt. Er wiegt acht Kilogramm.

Hornemann Hummer aus Silber (Abb.: Hornemann)
Alexander Hornemann, "FALC", Silber, 28x17x61cm, Aufl. 6, 54.600 Euro (Abb.: Hornemann)
10.08.2017 Annegret Erhard

Gefährlich erfolgreich

Monopolisten pflügen eine Schneise der Verwüstung durch den Kunstmarkt,  ob im Messe- oder Galeriegeschäft

Wer dachte, dass der Kunstbetrieb in diesem Jahr mit zusätzlichem venezianischem und Kassler Rummel endgültig überstrapaziert wäre, wer mit besorgtem Blick etwas von Messeüberdruss murmelte oder auf die rückläufigen Verkaufszahlen in den großen Auktionshäusern verwies, hat sich bei aller raunenden Zustimmung der Auguren des Markts und des Zeitgeists mächtig getäuscht. Sie lieben es. Sammler, Künstler, Händler, Vermittler, Kuratoren und Beflissene rauschen von hier nach dort, saugen begierig die An- und Aufregungen des weltweiten Kunstspektakels auf. Man inszeniert sich zu gern in einem permanent gesteigerten Lebensgefühl, das Kunstgenuss (und vielmehr noch den Kunstkauf) zum Elixier einer extrem beschleunigten Existenz macht. Mechanische Erschöpfung und Wiederholungsmüdigkeit sind stets rasch überwunden. Mag sein, dass dieses Phänomen – zusammen mit dem anhaltend mager bestückten Investitionssektor, der nur wenig Lukratives zu bieten hat – bislang jede Krise zum Inter­mezzo gemacht hat.

Die großen Messen verknüpfen sich mit den regionalen

Die Art Basel lief wieder einmal blendend. Das Zugpferd der unersättlichen MCH Group, Spezialist für Großveranstaltungen der Luxusgüterbranche, ist mit seinen Dependancen Art Basel Miami und Art Basel Hongkong weltweit strategisch ausgezeichnet vertreten. Mehr von diesen Riesentankern müssen es gar nicht sein, um sich an der Spitze zu behaupten. Ein schönes Monopol lässt sich auch elegant etablieren, indem man sich regionale Messen einverleibt. Jüngster Coup der Basler ist die Beteiligung an der Art Fair International in Köln, der die Art Düsseldorf mit der Tochterschau Bloom gehört.

Daniel Hug, Direktor der Art Cologne, der Urmutter aller Kunstmessen, sprach bei so viel bedrohlicher Nähe prompt von Kolonialismus und verwerflichem Machtstreben. Das ist insofern schon interessant, weil er selbst gerade mit seiner Messe die alljährlich im Herbst stattfindende, in vielerlei Hinsicht überholungsbedürftige abc in Berlin unter die Fittiche genommen hat und damit eigenes Expansionsinteresse signalisiert. Hugs unverblümte, überraschend ethisch unterfütterte Kritik richtet sich wohl auch gegen die frisch aufgelegte Initiative „Art Basel Cities“. Sollte diese zum Erfolgsprojekt werden, könnte das daraus resultierende engmaschige Netzwerk die Konkurrenten langsam, aber sicher strangulieren. Geplant sind herausragende Kunstevents, die von der Art Basel das ganze Jahr über in ausgewählten Metropolen temporär installiert werden und die digital gesteuerte Karawane nicht zur Ruhe kommen lassen. Buenos Aires empfängt als erste Station die Kunstfreunde und ihre Marketender und erhofft sich Profit auch in anderen Luxussparten. 

Rollkommando mit Nebenwirkungen

Innovation ist wichtig, doch dieses Rollkommando birgt ungute Nebenwirkungen. Eine Art-Basel-Paranoia wäre noch die geringste Irritation. Aber eine derartige Monopolisierung mit ihren unweigerlichen Begleiterscheinungen – Selektion der Aussteller, wettbewerbsfeindliche Preisgestaltung für die Teilnehmer, ein Angebot ausschließlich im hochpreisigen, gängigen Rahmen des sattsam Bekannten – macht die inspirierende Vielfalt der Messelandschaft kaputt. Wirtschaftswissenschaftler sehen in einer Zunahme der Monopolbildung ein Alarmzeichen des Niedergangs nach einer hypertrophen Hochphase. Hat man die Konkurrenz ausgeschaltet, steht man wahrscheinlich irgendwann allein auf weiter, allerdings leer gefegter Flur.

Ohne Messeauftritte – unerlässlich für Umsatz und die Akquise von neuen Kunden – sind die mittleren und kleinen Galerien aufgeschmissen. Können sie dem monopo­listischen Kostendiktat nicht mehr folgen, sind sie eines lebenswichtigen Forums beraubt. Das ist ein wesent­licher Grund für das allerorten zu beobachtende Galeriensterben. Wer die Nerven behält, wirkt weiter als Art Consultant, und für die paar treuen Sammler muss man kein teures Etablissement unterhalten.

Hinzu kommt, dass die Großgaleristen Gagosian, Hauser & Wirth oder Zwirner inzwischen ein Gruppenmonopol bilden und mühelos alles, auch die internationale Museums- und Ausstellungspolitik, dominieren. Diese Stellung festigen sie, indem sie sich vielversprechende Nachlässe sichern und so den Markt für möglichst viele wichtige Künstler kontrollieren. Sie streuen die Werke, wie und wann sie es für richtig halten. Beileibe nicht jedem verkauft Hauser & Wirth eine Arbeit von Arshile Gorky oder Eva Hesse, sie diktieren Angebot und Preis, verknappen künstlich und bekommen, wie jetzt auf der Art Basel, 15 Millionen Dollar für ein Gemälde von Philip Guston.

Monopolisten pflügen, egal ob im Messe- oder im Galeriegeschäft, eine Schneise der Verwüstung durch den Markt – das ist keine Übertreibung. Auf der Strecke bleiben diejenigen, die in der Ökonomie der Aufmerksamkeit keinen einigermaßen komfortablen Nischenplatz ergattert haben. Doch ohne sie funktioniert es auf Dauer nicht. 

31.07.2017 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Münster

Aus dem verregneten London blickt Hans Ulrich Obrist zurück nach Münster

Hallo zunächst aber aus dem verregneten London! Während wir hier gerade miteinander telefonieren, sehe ich, wie der Regen vom Dach des diesjährigen Sommerpavillons abfließt auf den grünen Rasen der Kensington Gardens um ihn herum. Ein herrliches Bild. Den Pavillon 2017 hat Diébédo Francis Kéré gebaut, ein Architekt, der in Burkina Faso geboren ist und in Berlin studiert hat, wo er bis heute lebt. In unserer Sackler Gallery werden parallel Filme des amerikanischen Regisseurs Arthur Jafa gezeigt, es ist seine erste Ausstellung in Großbritannien. Viele kennen seine Videos für den Rapper Jay-Z und für die Sängerin Solange, der Schwester von Beyoncé, die im vergangenen Jahr ein fantastisches Album veröffentlicht hat.

lch schaue mir den Pavillon gerade auf Bildern an. Er wirkt wie ein Baum, unter den sich die Besucher schützend stellen können …

… und trocken bleiben! In der Serpentine Gallery zeigen wir übrigens noch bis zum 10. September gerade unter dem Titel „The Most Popular Art Exhibition Ever!“ Arbeiten von Grayson  Perry.

Was für ein Sommer, nicht nur das Wetter spielt total verrückt, auch in Hamburg sind Sie in einen heftigen Trubel gekommen.

Ja, ich komme gerade aus Hamburg zurück, das nach dem G20-Gipfel auch noch sehr aufgewühlt wirkte. Ich war dort zu einem Vortrag an der Hochschule für Bildende Künste eingeladen. 

Was war der Anlass für die Einladung?

Michael Diers und Wim Wenders haben dort gemeinsam ihren Abschied als Professoren gefeiert. Wenders hat seit 2002 an der Hochschule Film unterrichtet, Diers seit 2004 Kunstgeschichte. Und beide haben sich zu ihrem Abschied jeweils einen speziellen  Gast ausgesucht. Laurie Anderson wurde von Wim Wenders eingeladen, ich von Michael Diers. Ich mochte es sehr dort, das Niveau des Fachbereichs Kunstgeschichte ist in Hamburg traditionellerweise hoch, und Diers und Wenders haben als Lehrer dort einen großen Einfluss ausgeübt. Aber ich wollte ja noch über eine andere Stadt reden, über  Münster und die Skulptur Projekte.

Hreinn Friðfinnssons,
Hreinn Friðfinnssons, "fourth house of the house project since 1974", (Skulptur Projekte, Foto: Henning Rogge)

Viele sagen, diese Großausstellung sei in diesem Jahr die bessere Documenta.

Das kann ich nicht beurteilen, weil ich bislang nicht in Kassel war. Von der Documenta in Athen haben wir ja schon gesprochen.

Also zurück nach Münster.

Was für eine fantastische Idee, die der Kurator Kasper König vor vierzig Jahren ins Leben gerufen hat …

… und die immer alle zehn Jahre parallel zur Documenta läuft.

Ja, eine Ausstellung, die sich über die ganze Stadt verteilt, an öffentlichen Plätzen, ohne Eintrittskarten, jeder ist willkommen. Sie  lädt die Besucher ein, zu verweilen. 

Nach vierzig Jahren wurde sie erstmals wieder von Kasper König kuratiert, gemeinsam mit Britta Peters und Marianne Wagner.

Es ist einfach wunderbar, sich überraschen zu lassen. Als wir durch die Stadt spaziert sind, kam plötzlich eine Frau auf uns zu, gab uns die Hand, begrüßte uns, als ob wir uns seit Langem kennen. 

Sie hatten keine Ahnung, wer sie ist? 

Ich hatte sie noch nie gesehen. Dann stellte sich heraus, dass es eine der Performerinnen von Xavier Le Roy war. Dessen Arbeit in Münster besteht darin, lebende Skulpturen auftreten zu lassen, die einfach kommen und verschwinden. Als wären sie Gespenster.

Was haben Sie außerdem gesehen?

Fantastisch ist Hreinn Friðfinnssons Hausskelett aus Edelstahl, das auf einer Wiese im Sternbuschpark steht (Abb.). Durch die glatte Oberfläche des Edelstahls spiegelt sich der Wald darin – und das Objekt verschwindet nahezu. Er hat mir erzählt, dass er diesen perfekten Platz für das Haus gemeinsam mit den Kuratoren gefunden hat, eine echte Kollaboration also. Und Hito Steyerls Arbeit sollten wir unbedingt erwähnen, die komplexe Installation „Hell-Yeah-Fuck-We-Die“ in der Landesparkasse. Sie zitiert Wörter, die heutzutage sehr oft in Popsongs vorkommen.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese immer noch die Gedichte von Friederike Mayröcker. Diese Frau verdient den Lite-raturnobelpreis! Lassen Sie uns das Gerücht, dass sie ihn dieses Jahr bekommt, weiter unauffällig in unserer Kolumne streuen. 

02.06.2017 Annegret Erhard

Chancen und Scheitern von Nischen

Wiederentdeckte Künstler verheißen Gewinne, doch die derzeit so beliebte Nischenpflege erschöpft sich schnell

Der Blick über die Schulter, versonnen, die irritierende Gegenwart ausblendend, ist zweifellos eine ausgesprochen elegante, von Sehnsucht grundierte Haltung. In jeder Hinsicht. Dass sich der Kunstmarkt derzeit verstärkt der jüngeren Vergangenheit, den Jahrzehnten der Nachkriegszeit zuwendet, ist freilich eher Indiz einer fast kollektiven Übereinkunft, die Produktpalette neu zu sortieren. Das historische und kommerzielle Interesse am auszuschöpfenden Potenzial von (vermeintlich) Vergessenem und (schon seinerzeit zu Unrecht) Übersehenem ist überaus reizvoll. Nahezu alle Messen mit Gegenwartskunst haben spezielle Sektionen eingerichtet. „Rediscovery“ oder ähnlich heißen die Abteilungen aufmunternd mit leicht didaktischem Einschlag. Sie richten sich an eine Klientel, die sich nicht mit Pauken und Trompeten, aber in Teilen doch bereitwillig abkehrt von der bis vor Kurzem noch so berauschenden Szene der Gegenwartskunst.

Wer sich bisher die millionenschweren Blue Chips nicht leisten konnte oder wollte (das waren weit mehr als neunzig Prozent der Käufer), kaufte in niedrigeren Preissegmenten und setzte entschieden oder stillschweigend auf die Werke eines fantastischen Genies in den Mittzwanzigern. Das ging nicht immer gut, wie sich in etlichen, nach einer Zeit der Besinnung anstehenden Verkäufen zeigte, und raubte nicht nur finanzielle Ressourcen. Die in der jüngsten Vergangenheit oft himmelschreienden Gewissheiten des Kunstmarkts sind inzwischen arg ins Wanken geraten.

Was auf dem Markt kaum gefragt war, kann keine spektakuläre Preisentwicklung vorweisen

In Zeiten weltpolitischer Turbulenzen und allgemeiner Orientierungslosigkeit besinnt man sich gern und sehr barock auf eitlen Wahn und echte Werte. Man kramt in der jüngeren Kunstgeschichte, man pflegt (der Galerist) und betrachtet (der Kunstfreund) sorgfältig die Künstlernachlässe des 20. Jahrhunderts. Jeder Händler zeitgenössischer Kunst, der auf sich hält, hat mittlerweile mindestens eine solche Wiederentdeckung auf Lager. Diese Marktnischen werden dann fein ausstaffiert, der vorsichtige Sammler nähert sich schnuppernd, der Investor wittert Morgenluft. Die fast nie gesehenen, verschollen geglaubten, von Erben versteckten, von der Kritik nicht anerkannten, aber von Künstlerkollegen hochgeschätzten Werke aus der zweiten Riege der einstigen Avantgarde gelten heute allgemein als unterbewertet. 

Das waren sie natürlich nicht, denn was auf dem Markt kaum gefragt oder gar nicht erst sichtbar war, kann schlicht keine spektakuläre Preisentwicklung vorweisen.

Doch kann sich die frisch installierte Nische bei guter internationaler Pflegestrategie (Presse, Marketing, solide Auftritte im richtigen Umfeld) zum Edelbrutkasten für satte Preise mausern? Da gibt es unterschiedliche Erfahrungen. Die „verschollene“ Generation der Zwischenkriegskünstler, seit Jahren schon gehegt und gepriesen, ist nie über ein paar Achtungserfolge hinausgekommen. Die Liebe zu den Zero-Künstlern explodierte dagegen vor einigen Jahren nach langem, lediglich regional vor sich hindümpelndem Interesse. Nun feierten Uecker, Mack, Piene, Scheggi, Castellani und Schoonhoven Triumphe. Die bisherigen Eigentümer verkauften und belieferten die Auktionen, als gäbe es kein Morgen. Die Preise stiegen exorbitant; aber auf höchstem Niveau angelangt, wird es schon wieder frostiger.

Wie sieht es auf dem Antiquitätenmarkt aus? Der facettenreiche, einst maßgeblich und weltumspannend agierende Handel mit kostbarem Kunsthandwerk schrumpft stetig und unaufhaltsam. Wohlfeiler Kulturpessimismus soll hier nicht gefeiert werde, an eine zukünftige Nischenposition wollen wir gar nicht denken, aber wer die wenigen maßgeblichen Messen mit feinen Antiquitäten vergangener Jahrhunderte besucht, begegnet nicht sonderlich vielen jungen Sammlern. Auf der Suche nach einem (meist tatsächlich nur einem) distinguierten Möbel – was sich leicht finden lässt, denn die Preise sind auf einem sehr moderaten Level gelandet – bewundern sie etwas ratlos die Altmeistergemälde und Tapisserien, Skulpturen und Aufsatzsekretäre. Neugierig inspizieren sie dagegen die Kojen mit den Kunstkammer-Arrangements. Und entscheiden sich für eines der gut dokumentierten Objekte: gefilterte Zeitzeugen vergangener Jahrhunderte, die ästhetisch und formal von Abenteuern, Menschen, Dingen und Verhältnissen erzählen, von Handwerkskunst und Prestige. Und die besonders geeignet sind, im häuslichen Ambiente Bildung, Humor und Weltläufigkeit zu demonstrieren. Nur selten wird daraus eine fokussierte Sammelleidenschaft. Der heutige Zeitgeist sieht das einfach nicht vor.

Der klassische Porzellan-, Silber- oder Glassammler hingegen ist betagt und erfahren. Er sucht in einem stark geschrumpften, qualitativ übrigens durchweg diametral gestiegenen Angebot nur noch das eine, das herausragende Stück, das seine Leidenschaft krönen könnte. Sein Blick über die Schulter ist wissend und melancholisch, eine Spur Optimismus blitzt aber auf in seinen Augen. Es sind die Augen des kundigen Bewahrers.

31.05.2017 Tillmann Prüfer

Königlicher Kaffee

Kaffeegenuss in edelster Form – kunstvoll zubereitet mit dem Coffee Maker aus Paris.

Zur Kunst gehört die ständige Verfeinerung. Besonders beeindruckend war diese in den letzten Jahren beim Kaffee. Früher war dieses Heißgetränk eine simple Sache. Man gab das immer gleiche Pulver in einen Filter – und fertig. Mittlerweile muss man zumindest eine Siebträgermaschine und Bohnen aus kontrolliertem Anbau aufbieten, um nicht als Barbar zu gelten.
Die große Kunst der Kaffeezubereitung ist es, ihn mit einem Glaskolben zu brühen. Dabei wird Wasser in einem Gefäß mit einem Brenner zum Kochen gebracht, das über ein Röhrchen mit einem Glas verbunden ist. In dieses sprudelt das kochende Wasser hinein und wird dort mit dem Pulver vermischt. Anschließend wird der Brenner ausgeschaltet, die Luft kühlt ab und durch den Unterdruck wird der Kaffee in das Ursprungsgefäß gesaugt. Das Pulver bleibt zurück. Solcher Kaffee gilt als sehr wohlschmeckend, weil das Gebräu nicht vom Papiergeschmack des Filters kontaminiert ist.

Königlicher Kaffe, Herstellung (Foto: Royal Paris)
(Foto: Royal Paris)

Besonders raffiniert ist der Royal Coffee Maker, der in Paris von Hand gefertigt wird. Hier treffen Kaffee und Wasser bei der perfekten Temperatur aufeinander, damit die richtigen Öle und Aromen extrahiert werden. Das Wasser wird mit einem Spiritusbrenner erhitzt, steigt vom Messingkessel in einen Glaskolben. Wenn der Kessel leer ist, hebt er sich durch einen Gleichgewichtsmechanismus, eine Klappmechanik löscht die Flamme. Der Kaffee läuft durch den Unterdruck zurück in den Kessel, von wo er mit einen Hahn gezapft wird.
Diese Coffee Maker sind nach Vorbildern aus dem 19. Jahrhundert gefertigt. Die Messingteile werden einzeln gegossenen und dann von Hand verfeinert. Der Kunde kann zwischen einem Gold-, Silber- oder Kupferfinish wählen. Jedes Metallteil wird poliert und anschließend auf eine Basis aus Obsidian, Malachit oder Azurit montiert.
Zum Schluss wird in die Royal-Maschine noch eine Seriennummer graviert. Hernach kann man den vielleicht besten Kaffee der Welt genießen. Im Kolben sorgt ein Goldfilter dafür, dass kein Kaffeepulver in den Messingkessel gelangt. Gold ist geschmacksneutral. Eigentlich schade. Nur zwei Nachteile hat der Royal-Coffeemaker. Man muss für ihn etwa 10 000 Euro ausgeben. Und anschließend wird einem jeder andere Kaffee schmecken, als hätten ihn Barbaren gebraut.