Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Hans Ulrich Obrist in Chicago

Eine Schau in der Graham Foundation in Chicago über Rifat Chadirji, der die Architektur Iraks und Syriens seit den 1960ern fotografisch dokumentierte.

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?
Ich war gerade wieder in Chicago, jedes Mal dort denke ich an meine erste Begegnung mit Studs Terkel, dem Pionier der Oral History …

… seine Radiogespräche sind legendär.
Ja, er hat mit ihnen sogar den Pulitzer-Preis gewonnen.

Warum war er für Sie wichtig?
Er hat mich auf die Idee gebracht, Künstlergespräche zu führen, aus denen die Bücher entstehen, die ich seitdem mache. Terkel hat mich übrigens damals schon auf die Fragilität der Aufnahmen hingewiesen und erzählt, dass er immer mehrere Geräte dabeihat, damit nichts passieren kann, falls mal eins ausfällt. Deshalb habe ich immer mindestens drei, manchmal sogar vier Aufnahmegeräte dabei.

Gleich drei oder vier? Wow.
Ja! Wenn du nur eins hast: russisches Roulette! Aber wenn du zwei dabeihast und eins hört plötzlich auf, wirst du auch nervös. Dann schaust du ständig, ob sie noch aufzeichnen. Nur bei drei oder vier musst du nie kontrollieren. Das ist der Trick.

Talk auf der Messe Art Expo Chicago mit Joseph Grigely
Talk auf der Messe Art Expo Chicago mit Joseph Grigely (Foto: Courtesy of/Dialogues and EXPO CHICAGO)

Was war der Anlass für Ihren Chicago-Trip?
Mein Archiv wird seit den Neunzigern dort verwaltet. Von Joseph Grigely, dem großen Künstler, der seit seinem elften Lebensjahr taub ist. Wir hatten einen gemeinsamen Talk auf der Messe Expo Chicago, die hatten mich eingeladen. Ich war jetzt das dritte Jahr in Folge da, die gestalten das Messeprogramm außergewöhnlich gut.

Wie kommt es, dass Ihr Archiv dort ist?
Ursprünglich war es in Lüneburg, ich habe dort eine Weile unterrichtet. Aber dann kam ein neuer Dekan, der gleich McKinsey reingebracht hat. Und die fanden, mein Archiv verschwende Raum. Die klassische Geschichte. Also wurde es rausgeworfen. Deshalb ist mein Archiv in Chicago, und die Bücher sind in meiner Berliner Wohnung.
Dass ein Künstler die Arbeit eines Kurators archiviert …
…  ist ungewöhnlich, stimmt. Grigely möchte daraus ein Kunstprojekt machen. Er hat eine perfekte Bibliografie aller meiner Texte und Vorträge erstellt und arbeitet ständig mit sieben, acht Studenten an meinen Künstlerbüchern. Na ja, und dann habe ich in der Graham Foundation eine fantastische Ausstellung gesehen: „The Rifat Cha­dirji Archives“.

Der Architekt Rifat Chadirji hat in den 60er Jahren begonnen, die Architektur in Bagdad, im Irak und in Syrien fotografisch zu dokumentieren (Foto: Courtesy of the Arab Image Foundation)
Der Architekt Rifat Chadirji hat in den 60er Jahren begonnen, die Architektur in Bagdad, im Irak und in Syrien fotografisch zu dokumentieren (Foto: Courtesy of the Arab Image Foundation)

Wer ist das?
Rifat Chadirji ist einer der prägenden Architekten Bagdads im 20. Jahrhundert. Und gemeinsam mit seinem Bruder Kamil hat er in den Sechzigerjahren begonnen, die Architektur in Bagdad, im gesamten Irak und in Syrien fotografisch zu dokumentieren. Die beiden hatten damals Angst, dass sich ihre Heimat nach dem Ölboom stark verändern würde. Es ist unfassbar traurig, wenn man die Bilder heute sieht: wie dynamisch Bagdad damals war – heute ist durch die Kriege und den Terror alles zerstört. Man sieht, dass Städte auch sterben können. Die Ausstellung zeigt auch Chadirjis eigene Gebäude. Ich musste beim Betrachten an meine verstorbene Freundin, die Architektin Zaha Hadid, denken. Sie ist ja im Bagdad der Fünfziger- und Sechzigerjahre aufgewachsen, und sie hat mir immer davon erzählt, wie modern die Stadt damals aussah. Jetzt konnte ich das erstmals selbst sehen. In ein paar Tagen werde ich Rifat Chadirji in London interviewen, wo er heute lebt.

Wen haben Sie außerdem noch in Chicago wiedergetroffen?
Den unglaublichen sozialen Künstler Theaster Gates. Er ist ja auf der Westside Chicagos aufgewachsen und hat die Stadt verändert. Ganze Viertel hat er neu belebt! Aus Japan ließ er Keramikmeister einfliegen, die mit der lokalen Community Keramikwerkstätten gegründet haben, dadurch sind neue Arbeitsplätze entstanden. Und das in einer Welt, in der Arbeit mehr und mehr verschwindet. Er soll das jetzt auch in Detroit wiederholen, hat er erzählt.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunst?
Das neue Buch von Judith Butler „Notes Toward A Performative Theory of Assembly“. Darin geht es um die Dynamik von öffentlichen Versammlungen unter den heuti­gen politischen und ökonomischen Bedingungen. Sie beschreibt, dass die Versammlung von Körpern eine eigene Kraft entwickelt, die man nicht allein auf die Sprache zurückführen kann.

Hans Ulrich Obrist in Athen

Künstler und Software-Ingenieure, die sich in Paris austauschen; Andreas Angelidakis und Nanos Valaoritis, die in Athen „Cadavre Exquis“ spielen

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?

Ich habe interessante Dinge in Griechenland gesehen, aber zuvor noch ein paar Sätze zu Paris, wo ich gerade herkomme, von einer Konferenz des Google Cultural Insti­tute. Da ging es um Machine Learning, um künstliche Intelligenz, und ich habe dort Panels veranstaltet, die jeweils einen Künstler oder Architekten mit einem Ingenieur zusammenbringen. Inspiriert von Billy Klüvers „Arts and Technology“-Programm in den Sechzigerjahren, als er im Auftrag der Telefonfirma Bell zum Beispiel Jean Tinguely und Robert Rauschenberg mit Technikern des Konzerns zusammenbrachte und ganz neue Projekte entstanden.

Bell war eine Art Google seiner Zeit.

Exakt. Wir haben jetzt etwa Hito Steyerl mit dem Ingenieur Mike Tyka zusammengebracht und Rachel Rose mit Kenric McDowell. Und dann ist beim Mittagessen etwas Unerwartetes passiert: Ich saß mit meinem Kollegen, dem Kurator und Digitalexperten Ben Vickers, und dem Künstler James Bridle zusammen, und auf einmal fragte mich Ben, wieso ich bei meinem Handschriftenprojekt auf Instagram …

… wo Sie handschriftliche Notizen und Zeichnungen von Künstlern sammeln …

… eigentlich nicht den „Cadavre Exquis“ wieder einführe. Das alte surrealistische Spiel, wo man ein Blatt drei-, viermal faltet, und jemand schreibt oder zeichnet etwas, ohne zu wissen, was der Vorgänger geschrieben oder gezeichnet hat. 

Warum heißt das Spiel eigentlich „Cadavre Exquis“, köstliche Leiche? 

Laut André Breton war der erste gebildete Satz des Spiels: „Der köstliche Leichnam wird den neuen Wein trinken.“

Sie führen das Projekt jetzt als „Exquisite Corps“ auf Instagram fort?

Wir haben gleich beim Mittagessen damit angefangen: Der erste neue „Exquisite Corps“ (Abb.) ist von Hito Steyerl, James Bridle und Mike Tyka. Ist das nicht komisch, dass wir ausgerechnet Google und eine Konferenz über künstliche Intelligenz brauchten, um auf diese Low-Tech-Idee zu kommen? Anschließend sind Ben Vickers und ich nach Athen geflogen, weil wir dort für das kommende Frühjahr eine Maria-Lassnig-Ausstellung vorbereiten. 

Hito Steyerl, James Bridle und Mike Tyka, "Exquisite Corps" (Foto: Instagram)

Was verbindet Lassnig mit Athen?

Sie ist häufig nach Griechenland gereist und hat dort in den Ferien Aquarelle gemalt, überhaupt hat sie oftmals Motive aus der griechischen Mythologie in ihren Werken zitiert. Die Aquarelle wurden noch nie gemeinsam ausgestellt. Friederike Mayröcker hat den Titel für die Ausstellung gefunden: „Die Zukunft erfinden wir mit Fragmenten der Vergangenheit.“

Was haben Sie in Athen außerdem gesehen?

Sie wissen ja, dass ich jedes Mal, bevor ich in eine Stadt komme, frage: „Wer ist eure Louise Bourgeois?“ Damit meine ich: Wer ist der Pionier oder die Pionierin, die ich interviewen kann, um ein knappes Jahrhundert zu erzählen? In Athen wurde mir Nanos
Valaoritis empfohlen, ein wichtiger Surrealist, geboren 1921 in Lausanne, der mit der griechisch-amerikanischen Malerin Marie Wilson zusammenlebt. Ich hatte im Hinterkopf, dass Nanos mir bei unserer letzten Begegnung von seiner Freundschaft zu André Breton erzählt hatte. Vielleicht, dachte ich, hat Nanos auch „Cadavre Exquis“ gespielt – und genauso war es! Er hat es jahrzehntelang mit Freunden und in seiner Familie gespielt. Ich habe ihn gemeinsam mit dem griechischen Architekten Andreas Angelidakis besucht, und so ist in Athen die nächste Folge von „Exquisite Corps“ entstanden. Angelidakis hat mir seine neue Arbeit Parliament Of Bodies (1) gezeigt, das sind mobile Sitzgelegenheiten, die hart aussehen wie Stein, aber unglaublich weich sind – ein wunderschönes Oxymoron. Man kann auf ihnen sitzen, man kann sie ganz leicht verschieben, Mauern bauen, einfach alles.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunst? 

Ich bereite mich gerade auf einen Vortrag in New York vor und lese deshalb wieder die Bücher von Alexander Dorner, dem großen Museumsdirektor, den die Nazis aus Deutschland vertrieben haben. Er war ja besonders prägend in seiner Zeit in Hannover und ist 1937 in die USA emigriert. Besonders zu empfehlen ist sein Buch „The Way Beyond Art“ – „Die Überwindung der Kunst.“

Hans Ulrich Obrist in Lissabon

Das neu eröffnete Museum MAAT in Lissabon, das wunderschön am Tejo liegt, eine quirlige Kunstszene vor Ort und eine Pynchon-Zeitmaschine

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?
Ich war in Lissabon, zur Neueröffnung des Museums MAAT, das von der Stiftung des Energiekonzerns EDP finanziert wird. Dessen CEO, António Mexia, hat als Direktor nicht nur Pedro Gadanho vom MoMA ­geholt, einen portugiesischen Kurator – er ist auch ein Förderer zeitgenössischer Architektur. Die Konzernzentrale ist fantastisch, Aires Mateus haben sie gebaut, die ja auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig gefeiert wurden.

Was ist das Besondere an dem Bau?
Er ist ein Gesamtkunstwerk, vielschichtig und lichtdurchflutet. EDP hat auch Designer wie Jasper Morrison eingeladen, weitere Büros und Restaurants zu gestalten.

Amanda Levete (Foto: Matt Holyoaks)

Und das Museum?
Das MAAT ist die erste Institution in Lissabon, die Kunst, Architektur, Design und Technologie miteinander verbindet. Amanda Levete hat dieses interessante ­Gebäude entworfen, mit weißen Keramiken, die sich im Licht stetig verändern. Da sieht man, warum das einzigartige Licht Portugals immer wieder Künstler und Schriftsteller angezogen hat – wie man ja überhaupt sagen muss, dass derzeit viele Künstler nach Portugal gehen. Das liegt natürlich auch an den günstigen Mieten. Das Museum wird also im richtigen Moment eröffnet.

Warum?
Es ist ein Kristallisationspunkt im bekannten Stadtteil Belém, direkt am Fluss. Die Szenerie erinnert ein wenig an San Francisco, durch die große Brücke. Die Terrasse des Museums ist auf dem Dach, man hat dort oben einen unglaublichen Blick auf die Stadt. Und man sieht endlich über den Fluss, was bisher kaum möglich war. Man überblickt erstmals das gesamte Potenzial Lissabons. Als ich auf dem Dach stand, habe ich mich daran erinnert, wie ich als Schüler, mit 17 oder 18, dem Architekten Jacques Herzog begegnet bin …

… der einen Hälfte des berühmten Büros Herzog & de Meuron.
Und er sagte mir: „Ein gutes Museum ist immer auch ein Stück Urbanismus.“ Das war selten so wahr wie im Falle des MAAT und Lissabon.

Neueröffnung des Mseums MAAT, Lissabon
Neueröffnung des Museums MAAT, Lissabon (Foto: EDP Foundation)

Wie haben Sie die Kunstszene dort erlebt?
Einerseits ziehen viele junge europä­ische Künstler dorthin, andererseits sind aus historischen Gründen viele Künstler aus Afrika und Südamerika da. Der große venezolanische Künstler Juan Araujo lebt jetzt auch in Lissabon. Man spürt, wie global die Szene dort ist. Mir ist zudem eine Begegnung mit dem leider früh verstorbenen, italienischen Schriftsteller Antonio Tabucchi wieder eingefallen, der mir mal sagte: „Man kann nirgends besser schreiben als in Portugal.“ Wie ich überhaupt sagen muss: Ich hatte richtig Lust, eine Wohnung zu mieten, Lissabon wäre auch für mich ein super Ort zum Schreiben. Im November fahre ich gleich wieder nach Portugal, zu einem Vortrag nach Porto.

Die erste Ausstellung im MAAT ist von ­Dominique Gonzalez-Foerster, einer langjährigen Wegbegleiterin von Ihnen. Sie trägt den Titel „Pynchon Park“.
Dominique ist schon lange besessen von dem Schriftsteller Thomas Pynchon, der sich ja vollkommen aus der Öffentlichkeit ­zurückgezogen hat. Sie hat auf einer großen Fläche eine Art Zeitmaschine geschaffen, mit der man die 24 Stunden eines Tages innerhalb von 24 Minuten erleben kann. Überall liegen überdimensionale Objekte herum, die wie aufgeschlagene Bücher von Pynchon aussehen, mit dem Buchrücken nach oben. Man kann diese Bücher wie Wohnobjekte benutzen und dabei die Welt um sich herum vergessen.

(Foto: FinanzBuch Verlag/Münchner Verlagsgruppe)
(Foto: FinanzBuch Verlag/Münchner Verlagsgruppe)

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunst?
Ich lese gerade „Der Fluch des Geldes“ des Harvard-Ökonomen Kenneth S. Rogoff, der dafür plädiert, das Bargeld abzuschaffen, weil es nur Gewalt und Elend produziere. Spannender Gedanke!

Hans Ulrich Obrist in São Paulo

Auf der Biennale von São Paulo das literarische und visuelle Werk des 90-jährigen Wlademir Dias-Pino, einer Vaterfigur für die Generation der Internet-Ära

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?
Guten Morgen erst mal!

Guten Morgen? Hier in Berlin ist es 12 Uhr mittags – wo erreiche ich Sie?
In New York, ich bin gerade aufgewacht, kein Problem. Ich möchte über São Paulo reden, dort war ich gerade und habe die großartige Biennale von Jochen Volz gesehen.

Was ist daran so großartig gewesen?
Es geht diesmal um den Begriff der Ungewissheit: „Incerteza viva“. Was Jochen Volz frei mit „Es lebe die Ungewissheit!“ übersetzt hat. Ungewissheit herrscht ja derzeit überall auf der Welt, politisch wie ökonomisch. Es scheint fast die Grundbedingung unserer Zeit zu sein. In der Kunst spielt das Ungewisse immer schon eine wichtige Rolle, deshalb ist es interessant zu sehen, dass Kunst nicht nur einen Umgang mit der Ungewissheit zeigen, sondern auch Hoffnung geben kann.

Gefaltete Skulptur mit einem Post-it von Wlademir Dias-Pino
Gefaltete Skulptur mit einem Post-it von Wlademir Dias-Pino (Foto: Koo Jeong A/www.instagram.com/hansulrichobrist)

Welche Kunst war am interessantesten?
Zum einen gab es viele junge Talente, aber auch eine Reihe von Wiederentdeckungen. Der 90-jährige Wlademir Dias-Pino war mein Highlight. Er hat ein unglaublich poetisches Universum geschaffen, hat sich mit visueller Poesie und konkreter Kunst beschäftigt. Er hat die Gruppe „Process Poem“ mitgegründet und ist zwischen Rio de Janeiro und Cuiabá gependelt. In den Sechzigerjahren war er außerdem einflussreich als politischer Aktivist und hat Gedichte geschrieben.

Was ist das Besondere an seinen Gedichten?
Sie haben nie einen Anfang und nie ein Ende. Jedes Gedicht ist ein Prozess, bei dem der Leser beteiligt ist. Seine Arbeit vollständig zu dokumentieren erscheint fast unmöglich, weil es so viel ist! In den 1940ern hat er eine erste Gruppe gegründet, die „Intensi­visten“, die mit der Moderne des frühen
20. Jahrhunderts gebrochen haben und später eng verbunden waren mit den Avant­garden der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Es ging bei ihnen um das Spannungsfeld zwischen Kunst, Literatur und Grafikdesign. Er hat auch früh eigene Logos entwickelt.

Das klingt sehr zeitgemäß.
Ja, eigentlich kennt man solche Künstler eher aus unserer Zeit, der Internet-Ära. In ­diesem Sinne ist er eine Vaterfigur für die ­junge Generation.

Schriftstellerisches und visuelle Werk von Wlademir Dias-Pino
Schriftstellerisches und visuelle Werk von Wlademir Dias-Pino (Foto: Wlademir Dias-Pino)

Sie wirken sehr begeistert.
Oh ja! Dazu kommt, dass Wlademir ­Dias-Pino Hunderttausende Bilder nicht nur archiviert, sondern in ein System aus Bild- und Textzuordnungen gebracht hat. Sein Raum auf der Biennale, zeigt sein schriftstellerisches und visuelles Werk. Er bringt beides zusammen, fast so wie vor 100 Jahren die Dada-Bewegung. Übrigens ist ein deutscher Kurator, Tobi Maier, wesentlich an der Wiederentdeckung von Dias-Pino beteiligt. Er hat auch den Biennale-Raum kuratiert. Darf ich noch etwas sagen zu diesem Künstler?

Nur zu.
Seine Gedichte werden perforiert und gefaltet präsentiert. Sie können das auch auf meinem Instagram-Account sehen. Ich bitte ja immer die Künstler, die ich treffe, um einen Beitrag – er hat ein Post-it genommen und es zu einer Skulptur gefaltet! (1) Seiten in seinen Büchern haben oft Löcher, durch die man schon die nächsten Seiten sehen kann, die wiederum farblich unterschiedlich bedruckt sind. Man liest seine Bücher nicht linear, sondern zirkulär. Mich hat das erinnert, wie ich als Gymnasiast den Kybernetiker Heinz von Foerster besuchte: Wir haben uns damals über die Idee, dass sich Gedichte selbst generieren, unterhalten – so wie im Werk von Wlademir Dias-Pino.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?
Ich habe in Brasilien Bücher des Philosophen und Übersetzers Peter Pál Pelbart gekauft. Das Faszinierende daran: Einige sind gestempelt, andere haben Spuren von Verbrennungen oder sind mit Skizzen versehen. Jedes einzelne Exemplar ist ein Original.

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Wlademir Dias-Pino Raum auf der Biennale in São Paulo (Foto: Foto: Ilana Bar/ Estúdio Garagem/ Fundação Bienal de São Paulo)

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Christoph Amend, Herausgeber der WELTKUNST, befragt Hans Ulrich Obrist jeden Monat nach seinen Entdeckungen in der Kunst

Dieser Artikel erschien in

WELTKUNST Nr. 120/2016

Hans Ulrich Obrist in Neapel

Fotografien von Mimmo Jodice und Installationen von Gian Maria Tosatti in Neapel, wo sich dank des Madre, des zeitgenössischen Museums, viel tut

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?
Wir können über Neapel sprechen, da war ich gerade. Aus Südeuropa kommt ja insgesamt eine neue Energie, ein neuer Optimismus, zum Beispiel aus Portugal, auch aus Spanien. Und in Neapel tut sich künstlerisch sehr viel. Wie immer liegt das vor allem an einem Museum.

Warum wie immer?
Sie können das überall beobachten: Wenn eine Stadt ein dynamisches Museum hat, wirkt es wie ein Motor für das kulturelle Leben. In Neapel ist es das Madre, das der junge Direktor Andrea Viliani seit ein paar Jahren auf hochinteressante Weise leitet.

Was hat Sie begeistert?
Vor allem die Ausstellung des 82-jährigen Fotografen Mimmo Jodice: Es könnte keine bessere Einführung in die jüngere Geschichte Neapels geben als seine Bilder. Er hat bereits in den Sechzigerjahren mit konzeptioneller Fotografie experimentiert, inspiriert von den russischen Avantgardisten des frühen 20. Jahrhunderts, Fotografie ohne Film, Camera obscura, chemische Prozesse, ganz ähnlich wie die Experimente von Sigmar Polke zur gleichen Zeit.

Mimmo Judice,
Mimmo Judice, "Teatralità quotidiana a Napoli", Video, ca.25min., Besitz des Künstlers

Was hat das mit Neapels Geschichte zu tun?
Jodice hat sich parallel zu diesen Experimenten auch früh der sozialen Frage genähert. Er hat die Armut Neapels fotografiert, das Leiden in Krankenhäusern dokumentiert. Als sozialer Fotograf ist er bekannt geworden, es gibt Tausende Bilder. Irgendwann in den Siebzigerjahren geschah dann ein Wandel: Auf einmal verschwinden die Menschen aus seinem Werk. Plötzlich zeigt er metaphysische Stadtlandschaften, beinahe post-apokalyptisch. Kokoschka hat ja einmal von der Schwierigkeit gesprochen, das Porträt einer Stadt zu malen, weil die Stadt sich den Versuchen entzieht, in einem Bild zusammengefasst zu werden.

Wie entzieht sich die Stadt?
Kokoschka sagt: Wenn das Bild, das man malt, fertig ist, hat sich die Stadt schon wieder verändert. Jodice gelingt das trotzdem – auf besondere Weise. Er porträtiert seine Heimatstadt wie kein anderer Fotograf. Parallel dazu werden im Madre Zeichnungen von Camille Henrot gezeigt, der französischen Künstlerin, die auch in Deutschland mittlerweile sehr bekannt ist. Ich habe auch den jungen Künstler Gian Maria Tosatti besucht, für meinen Instagram-Account hat er ein Post-it geschrieben mit dem Satz: „We are the last line of defence.“ Er hat sich fünf, sechs Orte in Neapel angeeignet, leer stehende Häuser. Eine besondere Erfahrung: Man geht die Treppen eines der Häuser hoch und fragt sich die ganze Zeit: Wo ist hier die Kunst? Dann kommt man oben an, und als Erlösung hat Tosatti dort einen Altar auf einem Sandboden aufgebaut. Drumherum fliegen Vögel. Diese Stadtexperimente werden im kommenden Winter in einer Ausstellung im Madre zu sehen sein. Außerdem hat die Galerie Alfonso Artiaco die bisher größte Übersichtsschau des albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama gezeigt, über den wir schon mal sprachen. Es sind neue Skulpturen, Keramiken, Zeichnungen von ihm zu sehen, die er während seiner politischen Arbeit anfertigt! Sogar eine Tapete mit seinen Zeichnungen.

Gian Maria Tosatti
(Foto: Gian Maria Tosatti)

Warum waren Sie eigentlich in Neapel?
Ich habe auf Stromboli Urlaub gemacht, ich war übrigens das erste Mal auf dem Vulkan. Die Wanderung dauert drei Stunden, oben kann man den Sonnenuntergang sehen und dann auf der Asche herunterrutschen, so als ob man Ski fährt. Mich als Schweizer hat das natürlich besonders begeistert.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?
Ich lese gerade den neuen Roman von T. C. Boyle, „The Terranauts“. Er beschäftigt sich mit dem Experiment Biosphere 2 aus den Neunzigerjahren, das beweisen wollte, das man ein eigenständiges Ökosystem schaffen kann. 

MADRE · museo d'arte contemporanea Donnaregina, Napoli, Ingresso, Photo © Amedeo Benestante, Courtesy Fondazione Donnaregina per le arti contemporanee, Napoli
MADRE · museo d'arte contemporanea Donnaregina, Napoli, Ingresso, Photo © Amedeo Benestante, Courtesy Fondazione Donnaregina per le arti contemporanee, Napoli

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MADRE · museo d’arte contemporanea Donnaregina, Napoli,
Ingresso,
Foto: Amedeo Benestante,
Courtesy Fondazione Donnaregina per le arti contemporanee, Napoli

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Christoph Amend, Herausgeber der WELTKUNST, befragt Hans Ulrich Obrist jeden Monat nach seinen Entdeckungen in der Kunst

Dieser Artikel erschien in

WELTKUNST Nr. 119/2016

Hans Ulrich Obrist in Südfrankreich

Eine Fotografieausstellung und das Festival Les Rencontres de la Photographie in Arles – und das Meer vor dem Atelier von Pierre Soulages

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?
Ich war wie jeden Sommer in Südfrankreich, es ist unglaublich, was sich kulturell dort alles tut. Die Schweizer Philanthropin Maja Hoffmann gründet in Arles mit ihrer Luma-Stiftung ein Kulturzentrum …

… auf einem stillgelegten Bahngelände.
Im Mittelpunkt steht ein Gebäude von Frank Gehry, das 2018 eröffnet werden soll. In diesem Sommer wurde allerdings schon das Gebäude der New Yorker Architektin Annabelle Selldorf fertiggestellt: La Méca­nique. Zur Eröffnung haben wir mit dem sogenannten Core Team des Projekts …

… was ist das Core Team?
Eine Gruppe, die Hoffmann berät: Tom Eccles, Direktor für Curatorial Studies am Bard College, die Künstler Liam Gillick und Philippe Parreno, Beatrix Ruf, die Direktorin des Stedelijk Museum in Amsterdam, und ich. Wir haben zur Eröffnung des Gebäudes die Fotografieausstellung „Systematically Open?“ zusammengestellt. Fotografie, weil zeitgleich das Fotografiefestival Les Rencontres in Arles stattfindet.

Das Hara Kiri Team mit Maurizio Cattelan, Hara Kiri, 1983. (Foto: Courtesy of Collection Marc Bruckert; Thomas Mailaender)
Das Hara Kiri Team mit Maurizio Cattelan, Hara Kiri, 1983. (Foto: Courtesy of Collection Marc Bruckert; Thomas Mailaender)

Welche Künstler sind zu sehen?
Es sind vier Projekte. Walead Beshty präsentiert seine konzeptionelle Arbeit über die Entwicklung der Bilderproduktion von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu Hito Steyerl im digitalen Zeitalter. Elad Lassry stellt anonyme Bilder aus, und Zanele Muholi zeigt unter dem Titel »Somnyama Ngonyama« – auf Deutsch »Sei gegrüßt, schwarze Löwin« – eine neue Serie von Selbstporträts. Muholi ist eine der einflussreichsten Aktivistinnen Südafrikas, die gegen die Homophobie dort kämpft. Die vierte Arbeit stammt von der Fotografin Collier Schorr, die ihre Kollegin Anne Collier eingeladen hat: Da geht es um Akte und Studien, um gegenseitiges Fotografieren der beiden Fotografinnen, ein intensiver Austausch.

Die fünfte Arbeit, das entnehme ich gerade der Website der Stiftung, ist vom Architekten der Ausstellung, Philippe Rahm?
Genau. Er hat im Gebäude von Annabelle Selldorf eine subtile Ausstellungsarchitektur entwickelt, um ein Gleichgewicht zwischen den Arbeiten der vier Künstler zu finden. Er setzt das natürliche Licht ein, es gibt dunkle und helle Zonen.

Elad Lassry, CNRI Dental Fillings, auf den Rencontres, Arles (Foto: Elad Lassry)
Elad Lassry, CNRI Dental Fillings, auf den Rencontres, Arles (Foto: Elad Lassry)

Was haben Sie auf den Rencontres selbst gesehen?
Ein Highlight ist die Ausstellung des berühmten Kriegsfotografen Don McCullin. Die Schau in Arles zeigt die unbekannte Seite seiner Arbeit, Landschaften etwa und Sozialfotografie aus dem London der 60er-Jahre. Und der Künstler Maurizio Cattelan trifft auf die französische 68er-Satirezeitschrift Hara-Kiri, er macht heute etwas Ähnliches mit seinem Magazin Toiletpaper. Zwei ehemalige Hara-Kiri-Leute sind ja bei dem Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris ums Leben gekommen.

Südfrankreich ist im Sommer ein kulturelles Zentrum: Opern und klassische Musik in Aix-en-Provence …
… und das Theaterfestival in Avignon, wo auf der Bühne auch immer mehr bildende Kunst zu sehen ist. Im Zentrum meiner Reisen stehen ja immer Atelierbesuche. Diesmal war ich bei Pierre Soulages, dem französischen Maler und Grafiker, der wie viele andere Künstler früh vom Licht der Camargue angezogen wurde.  

Soulages ist Jahrgang 1919, wie geht es ihm?
Er ist auf der Höhe seiner Schaffenskraft! Er hat sich bereits in den Fünfzigern dort ein Haus gebaut, mit einem Waldgrundstück davor, deswegen sieht man bis heute von seinem Haus aus nur Bäume und das Meer. Er arbeitet weiter an jedem Tag an neuen Bildern – wie immer ausschließlich in Schwarz!

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?
Passend zum Wald, den ich bei Soulages sah, lese ich von Cesare Leonardi »Die Architektur der Bäume«. Er zeigt, was Architektur von Bäumen lernen kann.

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Les Rencontres, Arles

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Christoph Amend, Herausgeber der WELTKUNST, befragt Hans Ulrich Obrist jeden Monat nach seinen Entdeckungen in der Kunst

Dieser Artikel erschien in der

WELTKUNST Nr. 118 / 2016