Christoph Amend ist Chefredakteur des ZEITmagazins und Herausgeber von WELTKUNST und KUNST UND AUKTIONEN.

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Hans Ulrich Obrist sieht ein Foto

Auf den ersten Blick scheint es wenig, was dem Leiter der Serpentine Gallery ins Auge fiel, aber dieser Star war „bigger than life“

Ein Foto?

Ja, ich habe mir gerade ein Foto von Jeanne Moreau angesehen, das ich vor sechs Jahren von ihr gemacht habe.

Die Schauspielerin Jeanne Moreau, Grande Dame der Nouvelle Vague, ist vor Kurzem mit 89 Jahren gestorben.

Sie war, wie man auf Englisch so schön sagt, larger than life. Ich habe sie über den Schauspieler Melvil Poupaud kennengelernt, einen Freund aus meiner Pariser Zeit. Vor zwölf Jahren spielte er in dem Film „Die Zeit, die bleibt“ von François Ozon die Hauptrolle; einen Modefotografen, der früh stirbt. Jeanne Moreau spielte seine Großmutter. Melvil hat uns damals vorgestellt, und von da an haben wir ziemlich regelmäßig telefoniert.

Längere Telefonate? 

Ja, und es ging auch immer darum, noch mehr Zeit zu finden und einen Ort, an dem wir uns für ein längeres Gespräch treffen könnten. Jeanne Moreau war selbst in ihrem hohen Alter so beschäftigt, dass es zwei oder drei Jahre gedauert hat, bis es schließlich klappte. Sie hat ja nicht nur Filme gedreht, sie war am Theater, hat gesungen, Workshops gegeben. Sie hatte einfach keine Zeit!

Wo hat das Interview schließlich stattgefunden?

In der Brasserie Wepler am Place de Clichy, die ganz in der Nähe ihrer Wohnung lag. Durch unsere zahlreichen Telefonate hatten wir beide das Gefühl, uns schon zu kennen, als wir uns trafen. Das Gespräch wurde in der Zeitschrift Another Magazine veröffentlicht und war Teil von Francesco Vezzolis 24-Stunden-Projekt für die Fondazione Prada. Es ist mir aus mehre-ren Gründen lebendig in Erinnerung. Wir haben uns zunächst über ihre Zusammenarbeit mit so legendären Regisseuren wie Louis Malle unterhalten …

… mit dem sie unter anderem „Fahrstuhl zum Schafott“ drehte.

Dann erwähnte ich, dass sie mir bei einem unserer Telefonate erzählt hatte: Im Leben einer Schauspielerin oder eines Schauspielers seien die Rollen, die man nicht spielt, genauso wichtig wie die Angebote, die man annimmt. Sie sagte: „Ich bereue nie, bestimmte Rollen nicht angenommen zu haben.“

Jeanne Moreau
Jeanne Moreau (Foto: Hans Ulrich Obrist)

Aber beschäftigt hat sie sich offenbar doch damit?

Sie erzählte, ich zitiere jetzt aus der Abschrift des Interviews: „Der amerikanische Film, in dem er mit der Mutter und der Tochter schläft, der Film mit Dustin Hoffman …“

„Die Reifeprüfung“?!?

Ja, sie hat tatsächlich die Rolle der Mrs. Robinson abgelehnt, die Simon & Garfunkel besungen haben.

Warum? 

Sie war, so hat sie es mir erzählt, „schockiert von der Vorstellung“ dieser Dreiecksbeziehung. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass daraus ein guter Film werden könnte. Es ging noch weiter: „Ich habe die Rolle der fiesen Krankenschwester in einem Irrenhaus abgelehnt, in dem Film mit Jack Nicholson.“ Sie meinte natürlich „Einer flog übers Kuckucksnest“.

Eine überaus amüsante Art, über Filme zu reden.

Ich habe sie selbstverständlich gefragt, ob es noch andere bekannte Filme gab, die sie hätte drehen können, aber abgelehnt hat, und ihre Antwort war: „Spartakus“.

Einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Warum hat sie abgelehnt?

Die Begründung ist typisch Moreau: „Der Typ schlief einfach mit jeder, wie hieß er noch gleich? Sein Sohn ist später auch ein Star geworden.“ Sie redete von Kirk Douglas und seinem Sohn Michael. Das Interview mit ihr ist mir aber vor allem aus einem anderen Grund unvergesslich. Als unser Gespräch zu Ende war, fragte sie mich: „Wo ist eigentlich der Fotograf?“ Es gab allerdings gar keinen Fotografen. Das war mir so peinlich, dass ich mein iPhone rauszog und einfach anfing, sie damit zu fotografieren.

Wie hat sie reagiert?

Sie hat sich meine Bemühungen eine Weile angesehen und kommentierte trocken: „So macht man das übrigens nicht.“ Dann erklärte sie mir, worauf man bei einem guten Porträt achten muss. Seitdem fotografiere ich alle meine Freunde, und die Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster ist derzeit -dabei, aus diesen Fotos ein Buch zu machen. All das verdanke ich nur Jeanne! Daran habe ich gedacht, als ich mir das Foto von ihr noch einmal angesehen habe.

Und wofür interessieren Sie sich derzeit noch außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese Homo Deus von Yuval Noah Harari, das sich zwar mit der Zukunft beschäftigt, aber sich den großen Fragen der Gegenwart stellt. In Deutschland ist es bei C.H. Beck erschienen. Großartig!

Hans Ulrich Obrist in Münster

Aus dem verregneten London blickt Hans Ulrich Obrist zurück nach Münster

Hallo zunächst aber aus dem verregneten London! Während wir hier gerade miteinander telefonieren, sehe ich, wie der Regen vom Dach des diesjährigen Sommerpavillons abfließt auf den grünen Rasen der Kensington Gardens um ihn herum. Ein herrliches Bild. Den Pavillon 2017 hat Diébédo Francis Kéré gebaut, ein Architekt, der in Burkina Faso geboren ist und in Berlin studiert hat, wo er bis heute lebt. In unserer Sackler Gallery werden parallel Filme des amerikanischen Regisseurs Arthur Jafa gezeigt, es ist seine erste Ausstellung in Großbritannien. Viele kennen seine Videos für den Rapper Jay-Z und für die Sängerin Solange, der Schwester von Beyoncé, die im vergangenen Jahr ein fantastisches Album veröffentlicht hat.

lch schaue mir den Pavillon gerade auf Bildern an. Er wirkt wie ein Baum, unter den sich die Besucher schützend stellen können …

… und trocken bleiben! In der Serpentine Gallery zeigen wir übrigens noch bis zum 10. September gerade unter dem Titel „The Most Popular Art Exhibition Ever!“ Arbeiten von Grayson  Perry.

Was für ein Sommer, nicht nur das Wetter spielt total verrückt, auch in Hamburg sind Sie in einen heftigen Trubel gekommen.

Ja, ich komme gerade aus Hamburg zurück, das nach dem G20-Gipfel auch noch sehr aufgewühlt wirkte. Ich war dort zu einem Vortrag an der Hochschule für Bildende Künste eingeladen. 

Was war der Anlass für die Einladung?

Michael Diers und Wim Wenders haben dort gemeinsam ihren Abschied als Professoren gefeiert. Wenders hat seit 2002 an der Hochschule Film unterrichtet, Diers seit 2004 Kunstgeschichte. Und beide haben sich zu ihrem Abschied jeweils einen speziellen  Gast ausgesucht. Laurie Anderson wurde von Wim Wenders eingeladen, ich von Michael Diers. Ich mochte es sehr dort, das Niveau des Fachbereichs Kunstgeschichte ist in Hamburg traditionellerweise hoch, und Diers und Wenders haben als Lehrer dort einen großen Einfluss ausgeübt. Aber ich wollte ja noch über eine andere Stadt reden, über  Münster und die Skulptur Projekte.

Hreinn Friðfinnssons,
Hreinn Friðfinnssons, "fourth house of the house project since 1974", (Skulptur Projekte, Foto: Henning Rogge)

Viele sagen, diese Großausstellung sei in diesem Jahr die bessere Documenta.

Das kann ich nicht beurteilen, weil ich bislang nicht in Kassel war. Von der Documenta in Athen haben wir ja schon gesprochen.

Also zurück nach Münster.

Was für eine fantastische Idee, die der Kurator Kasper König vor vierzig Jahren ins Leben gerufen hat …

… und die immer alle zehn Jahre parallel zur Documenta läuft.

Ja, eine Ausstellung, die sich über die ganze Stadt verteilt, an öffentlichen Plätzen, ohne Eintrittskarten, jeder ist willkommen. Sie  lädt die Besucher ein, zu verweilen. 

Nach vierzig Jahren wurde sie erstmals wieder von Kasper König kuratiert, gemeinsam mit Britta Peters und Marianne Wagner.

Es ist einfach wunderbar, sich überraschen zu lassen. Als wir durch die Stadt spaziert sind, kam plötzlich eine Frau auf uns zu, gab uns die Hand, begrüßte uns, als ob wir uns seit Langem kennen. 

Sie hatten keine Ahnung, wer sie ist? 

Ich hatte sie noch nie gesehen. Dann stellte sich heraus, dass es eine der Performerinnen von Xavier Le Roy war. Dessen Arbeit in Münster besteht darin, lebende Skulpturen auftreten zu lassen, die einfach kommen und verschwinden. Als wären sie Gespenster.

Was haben Sie außerdem gesehen?

Fantastisch ist Hreinn Friðfinnssons Hausskelett aus Edelstahl, das auf einer Wiese im Sternbuschpark steht (Abb.). Durch die glatte Oberfläche des Edelstahls spiegelt sich der Wald darin – und das Objekt verschwindet nahezu. Er hat mir erzählt, dass er diesen perfekten Platz für das Haus gemeinsam mit den Kuratoren gefunden hat, eine echte Kollaboration also. Und Hito Steyerls Arbeit sollten wir unbedingt erwähnen, die komplexe Installation „Hell-Yeah-Fuck-We-Die“ in der Landesparkasse. Sie zitiert Wörter, die heutzutage sehr oft in Popsongs vorkommen.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese immer noch die Gedichte von Friederike Mayröcker. Diese Frau verdient den Lite-raturnobelpreis! Lassen Sie uns das Gerücht, dass sie ihn dieses Jahr bekommt, weiter unauffällig in unserer Kolumne streuen. 

Hans Ulrich Obrist in Italien

Die Venedig-Biennale mit interessanten Pavillons aus Antigua und des Irak sowie einer großartigen Ausstellung des Künstlers Wade Guyton im Madre Museum in Neapel.

Was haben Sie geehen, Herr Obrist?
Italien. Ich war auf Rundreise dort, habe Venedig, Neapel und Mailand besucht. Vielleicht fangen wir mit der Biennale in Venedig an, wobei ich sagen muss: Die beste Ausstellung ist in Neapel.

Ein guter Cliffhanger für das Ende dieses Gesprächs.
Ja. Es ist bereits viel über die Biennale berichtet worden, über die zentralen Pavillons innerhalb der vollen Giardini …

… etwa über die deutsche Gewinnerin des Goldenen Löwen, Anne Imhof …
… sodass ich dachte, wir reden über die Pavillons an der Peripherie, die nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Weil es innerhalb der Giardini so dicht ist, ist ja längst die ganze Stadt Venedig selbst zum Austragungsort geworden. Es kann ja auch niemand ernsthaft rechtfertigen, dass nur die wenigen Länder, die immer schon ihre Pavillons innerhalb der Giardini hatten, ausstellen dürfen.

Welche Pavillons haben Sie besonders begeistert?
Einer der interessanteste ist aus Antigua.

Das Land nimmt zum ersten Mal an der Biennale teil.
Viele haben den verpasst, aber der Besuch lohnt sich! Der Pavillon ist ganz klein, liegt auf einer ebenso kleinen Insel und zelebriert den vor acht Jahren verstorbenen Künstler Frank Walter. Er hat in extremer Armut gelebt, er war das Kind eines Sklavenbesitzers und einer Sklavin, eine zerrissene Identität. Er ist in den Fünfziger- und Sechzigerjahren viel nach Europa gereist, ist heftigem Rassismus begegnet und hat sich anschließend auf dem Land in Antigua intensiv mit Landwirtschaft und Fragen der Ökologie auseinandergesetzt. Er war ein Pionier. Und er hat über 5000 Bilder gemalt! Ein unglaubliches Werk, das bislang nicht zu sehen war. Er hat auch Gedichte geschrieben, fast alle Künste betrieben: Er war der Leonardo da Vinci von Antigua.

Die Ausstellung heißt passenderweise „The Last Universal Man“. Was haben Sie noch gesehen?
Von dort ging mein Spaziergang weiter zum Pavillon des Irak. Im Auftrag der Ruya Stiftung haben Tamara Chalabi und Paolo Colombo die Ausstellung „Archaic“ kuratiert, die vom Einfluss des alten Mesopotamien auf unsere Kunst heute erzählt. Sie präsentieren einerseits irakische Künstler der Moderne, die wegen der Kriege vergessen sind. Den einflussreichsten von allen, Jewad Selim, der von 1919 bis 1961 gelebt hat, und seinen Schüler Shakir Hassan Al Said, der 2004 gestorben ist. Andererseits ist die heutige Generation von irakischen Künstlern zu sehen, von denen viele durch die Kriege vertrieben mittlerweile in Europa leben, Sadik Kwaish Alfraji etwa in den Niederlanden, Nadine Hattom in Deutschland. Ein weiterer unglaublicher Pavillon war Taiwan: der Performance-Künstler Tehching Hsieh und seine Ausstellung „Doing Time“. Sein Werk hatte einen wichtigen Einfluss auf Marina Abramović. Seine Performances dauern oft ein ganzes Jahr, er ist wirklich radikal. Ach, und bevor wir über Neapel reden, noch ein Tipp: Die V-A-C Foundation zeigt in Venedig über 100 Arbeiten von russischen Avantgarde-Künstlern der Zwanziger- und Dreißigerjahre und stellt sie in einen Dialog mit Bildern von zeitgenössischen Künstlern wie ­Barbara Kruger und Wolfgang Tillmans.

Titel der Ausstellung
Titel der Ausstellung "Siamo Arrivati", gleichnamiger Slogan, mit dem McDonalds Werbung gemacht hat (Foto: Ron Amstutz/Wade Guyton)

Und zum Schluss: Neapel!
Das Madre Museum zeigt eine großartige Ausstellung des amerikanischen Künstlers Wade Guyton, geboren 1972, er lebt in New York. Guyton arbeitet nicht mit dem Pinsel, er malt, wenn man so will, mit Scannern und Druckern. Er stellt im dritten Stock des Museums Arbeiten aus, die während seiner Residency in Neapel entstanden sind. Schon jetzt eine der Ausstellungen des Jahres. Der Titel „Siamo Arrivati“, auf Deutsch: „Wir sind angekommen“, verwendet den Slogan, mit dem McDonald’s die Eröffnung neuer Restaurants beworben hat.

Und was beschäftigt Sie außerhalb der Kunstwelt?
Ich lese gerade „Climate of Hope“, geschrieben vom früheren New Yorker Bürgermeister und Unternehmer Michael Bloomberg und dem Umweltaktivisten Carl Pope. Die beiden erklären ganz konkret, wie wir das Klima retten können, was zu tun ist.

Hans Ulrich Obrist in Athen

Athen zur Documenta und eine Ausstellung von der Künstlerin Maria Lassnig.

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?
Athen. Ich war zum Auftakt der Documenta dort und weil im Museum der Stadt eine Ausstellung von Maria Lassnig eröffnet wurde, an der ich lange gearbeitet habe.

Sie zeigen Aquarelle von Lassnig, die in Griechenland entstanden sind, und den Titel hat Ihnen die Schriftstellerin Friederike Mayröcker geschenkt: „Die Zukunft erfinden wir …
… mit Fragmenten der Vergangenheit“, genau.

Maria Lassnig ist vor drei Jahren gestorben, Sie kannten sie gut.
Ich bin ihr zum ersten Mal 1986 begegnet. Ich habe damals viele junge Künstler besucht, und sie haben mir alle gesagt, dass sie von Maria Lassnig inspiriert sind. Also habe ich sie in Wien besucht. Wir haben uns über ihre New Yorker Jahre unterhalten, ihre frühen Filme, über Literatur. Die erste Zusammenarbeit fand ein paar Jahre später statt, für die Ausstellung „Der zerbrochene Spiegel“. Schon zu dieser Zeit ist mir aufgefallen, dass sie viel schreibt. Daraus ist das langfristige Projekt „The Pen Is The Sister Of The Brush“ entstanden mit ihren gesammelten Schriften.

2008 folgte eine große Ausstellung mit ihr in der Serpentine Gallery in London.
Ja, mit über 100.000 Besuchern, die britischen Zeitungen haben sie damals auf eine Stufe mit Francis Bacon und Lucian Freud gehoben. Kurz vor ihrem Tod 2014 hatte sie einen letzten Wunsch. Sie ist früher oft als Pauschaltouristin nach Griechenland gereist, und die dort entstandenen Arbeiten sollten einmal in Griechenland gezeigt werden.

Den Wunsch erfüllen Sie ihr.
Ihre Aquarelle stellen mythologische Figuren wie Sisyphos, Aphrodite, Neptun dar, sie werden jetzt weltweit erstmals gezeigt. Es gibt auch Gemälde von ihr in Athen, da können Sie sehen, wie sie dieses mythologische Bilderreservoir zurückträgt nach Österreich.

Wie meinen Sie das?
Es geht in ihren Gemälden immer auch um Selbstporträts. Plötzlich tauchen die mythologischen Gestalten, die sie im Urlaub kennengelernt hat, in der Landschaft Kärntens auf. Griechisches Licht trifft auf das Grün der Landschaft ihrer Heimat. Sie benutzt die Vergangenheit als eine Werkzeugkiste, um die Zukunft zu erfinden. Einmal sieht man sie mit dem Stier von Kreta um ihre Schultern im Meer. Sie geht die sehr männlich dominierte griechische Bilderwelt von ihrem feministischen Standpunkt aus an. Auf einmal steht die Frau sehr bewusst da und ist nicht mehr das schwache Opfer, als das sie oft dargestellt wurde.

Unvollendeter Brief von Maria Lassnig an Hans Ulrich Obrist (Foto: Archiv Maria Lassnig Stiftung)
Unvollendeter Brief von Maria Lassnig an Hans Ulrich Obrist (Foto: Archiv Maria Lassnig Stiftung)

Wie war Ihre letzte Begegnung mit Maria Lassnig?
Es sind drei wichtige Dinge passiert. Erstens haben wir die Ausstellung geplant, die jetzt zu sehen ist. Zweitens hat sie mir gesagt, ich müsse unbedingt ihre gute Freundin, die Schriftstellerin Friederike Mayröcker, treffen. Sie hat uns noch einander vorgestellt, und wir sind seitdem miteinander im Gespräch. Immer wenn ich früher nach Wien bin, war das Erste, was ich gemacht habe: direkt vom Flughafen zur Lassnig zu fahren. Heute fahre ich zuerst zu Mayröcker.

Maria Lassnig hat also eine Stabübergabe eingefädelt.
Ja, von einer Legende zur nächsten. Gemeinsam mit der Künstlerin Sarah Ortmeyer führe ich Interviews mit Friederike Mayröcker, acht Mal haben wir sie schon gesprochen, daraus soll ein Buch werden.

Und was ist das Dritte, das bei Ihrem letzten Treffen passiert ist?
Maria Lassnig hat mir einen Brief angekündigt, den sie mir schicken wollte. Dann habe ich nichts mehr von ihr gehört – und einige Monate danach ist sie gestorben. Aber ihr Mitarbeiter hat den unvollendeten Brief an mich gefunden, und er hat ihn mir geschickt.

Was hat sie geschrieben?
Ich kann es Ihnen vorlesen: „Lieber Hans Ulrich Obrist! – Mit der Kunst zusammen, da verkommt man nicht! Ohne Kunst verkommt man und ich besonders. Auch ein sehr lauter Um-Hilfe-Ruf hilft nicht mehr!“

Das ist ja herzzerreißend. Lassen Sie uns den Brief hier abdrucken.
Gerne.

Und zum Schluss wie üblich: Was beschäftigt Sie außerhalb der Kunstwelt?
Ich lese die Gedichte von Friederike May­röcker! Was sonst!

Hans Ulrich Obrist in Russland

Die erste Garage Triennial für zeitgenössische russische Kunst in Moskau, der Künstler Aslan Gaisumov und die Ausstellung „Dream Machine“.

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?
Russland.

Aber ich erreiche Sie gerade in New York.
Ja, ich bin hier für einen Workshop, und leider habe ich heute auch nicht so viel Zeit für unser Gespräch, weil ich wegen der angekündigten Schneestürme an der amerikanischen Ostküste spontan früher abfliegen muss als geplant. Sonst komme ich hier nicht mehr weg.

Sie sind nicht allein mit Flugproblemen. Angela Merkel musste heute ihre erste Reise zu Donald Trump verschieben wegen des Schnees an der Ostküste. Also gut: Dann legen wir los und springen von Amerika nach Russland. Was haben Sie dort gesehen?
Ich war auf der ersten Garage Triennial für zeitgenössische russische Kunst in Moskau, die sich darauf konzentriert hat, heimische Kunst zu zeigen, die seit dem Jahr 2012 entstanden ist.

Warum 2012?
Das war das Jahr der letzten Präsidentschaftswahlen. Die Triennale hat im Koolhaas-Gebäude des Garage Museum im Gorki-Park stattgefunden. Zur Vorbereitung ist eine Gruppe von sechs Kuratoren ein Jahr lang durch das ganze Land gereist, hat über dreißig Städte und Gemeinden besucht, um sich einen Überblick zu verschaffen. Insgesamt haben sie über 200 Künstlerinnen und Künstler besucht. Ein enormes Projekt der Chefkuratorin Kate Fowle und des Direktors des Garage Museums, Anton Belov. Sie dürfen nicht vergessen, wie riesig das Land ist: Allein eine Flugreise von Kaliningrad nach Wladiwostok dauert elf Stunden.

Aslan Gaisumov (Foto: Lutz Bertram)
Aslan Gaisumov (Foto: Lutz Bertram)

Was hat Sie besonders beeindruckt?
Die größte Entdeckung für mich ist Aslan Gaisumov.

Warum?
Er ist 1991 geboren, in Grosny in Tschetschenien, wo er jetzt wieder lebt. Er hat bis 2012 in Moskau Kunst studiert. Gaisumov setzt sich in seinen Videoarbeiten mit seiner sehr bewegten Kindheit und Jugend auseinander. In seiner Arbeit „Numbers“ zeigt er beispielsweise Hausnummern von Häusern, wie sie vor dem Krieg in seiner Heimat üblich waren. Das hat mich an Christian Boltanski erinnert. Als Gaisumov vier Jahre alt war, musste seine Familie vor dem Krieg in Tschetschenien fliehen, weil ihr Haus komplett zerstört worden war. Die Familie floh im Auto seines Onkels, 21 Personen.

21 Personen?
Ja, die gesamte Großfamilie hat sich in das Auto gequetscht. Und als er zehn Jahre alt war, musste die Familie, die zwischenzeitlich nach Grosny zurückgekehrt war, noch einmal fliehen, diesmal aufs Land, in das Haus seiner Großmutter. Das Auto war nun größer, und die Mutter hat alle weißen Laken, die sie finden konnte, in Friedensflaggen verwandelt und sie am Fluchtauto angebracht. Diese beiden Szenen hat Aslan Gaisumov jetzt noch einmal inszeniert, er zeigt sie jeweils in einem Video, das in einem Loop lief. Wirklich sehr bewegend.

Aslan Gaisumov,
Aslan Gaisumov, "Numbers" (Foto: Alexei Naroditsky/Garage Museum of Contemporary Art)

Was haben Sie noch gesehen?
Spannende Künstler wie Taus Makhacheva mit einer Arbeit über die Geschichte Dages­tans oder Evgeny Granilshchikov, der all seine Videos mit dem Smartphone produziert. Neben der Triennale habe ich eine wunderbare Ausstellung besucht: „The Dream Machine“ mit Fotografien von Sergey Sapozhnikov, einem der interessantesten jungen russischen Künstler. Er dokumentiert den Verfall des fantastischen Maxim-Gorki-Theaters, eines Meisterwerks der konstruktivistischen Architektur, gebaut von Wladimir Helfreich und Wladimir Schtschuko in den frühen 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Wenn man die Fotos sieht, denkt man nur noch: Dieses Gebäude muss gerettet werden! Ich hoffe, Sapozhnikovs Bilder tragen dazu bei, ein öffentliches Bewusstsein dafür zu erzeugen. Die Ausstellung ist ein Smart-Art-Projekt und wurde kuratiert von Irene Calderoni und Teresa Iarocci Mavica, sie wird jetzt erstmals in Moskau gezeigt.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunst?
Auf meiner Reise habe ich den Dichter Lew Rubinstein kennengelernt, dessen Werke auch ins Deutsche übersetzt wurden. Er schreibt alles auf Karteikarten! Ist das nicht wunderbar?

Hans Ulrich Obrist in der Schweiz

Alexander Kluge im Neujahrsgespräch, Künstlerateliers und ein Projekt auf 1049 Metern Höhe

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?
Die Alpen. Ich war gerade im Engadin und in Gstaad. Die Kunst gibt sich in den vergangenen Jahren ja immer öfter ein Stelldichein in den Bergen …

… und Sie fahren auch jedes Jahr hin, oder?
Ja, ich habe gemerkt: das Engadin ist der Ort, an dem ich am besten meine Bücher schreiben kann.

Warum können Sie dort besonders gut schreiben?
Das lässt sich nicht so leicht erklären. Vielleicht hat es mit dem Sauerstoff in 2000 Meter Höhe zu tun, vielleicht mit dem besonderen Licht? Vielleicht ist es diese Mischung aus allem, die auch Friedrich Nietzsche dazu inspiriert hat, hier oben auf den Gedanken der Ewigen Wiederkunft zu kommen. Ich beginne das Jahr immer im Engadin mit einem Neujahrsgespräch mit dem Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge, wir reden­ über die Themen, um die es gerade in der Welt geht.

Was war diesmal der rote Faden?
Wir haben darüber gesprochen, dass es angesichts der politischen Entwicklungen noch wichtiger geworden ist, sich zu begegnen, miteinander zu sprechen und gemeinsam nachzudenken. Anschließend habe ich, wie überall, wo ich bin, die Gelegenheit genutzt, ein Künstleratelier zu besuchen, diesmal im Bergell, das ja in einem Tal in Richtung Italien liegt.

Wen haben Sie besucht?
Die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn, sie ist in den Achtzigerjahren durch ihre großformatigen, aktionsbezogenen Zeichnungen bekannt geworden. Ihre unglaubliche Energie kanalisiert sie jetzt in große Gemälde, zurzeit von Flüchtlingen, ein Thema, das sie beschäftigt, aber auch von Landschaften, Seen. Seit einigen Jahren gehöre ich zu einer Gruppe von Kuratoren, die auf Einladung von Cristina Bechtler die Engadin Art Talks, kurz E. A. T., veranstaltet, diesmal waren es Daniel Baumann von der Kunsthalle Zürich, Bice Curiger von der Fondation Van Gogh Arles und Philip Ursprung aus ­Zürich. Unser Thema war „Schnee und Wüste“.

Warum das?
Uns hat interessiert, wie diese zwei Extreme zusammenkommen, zumal Künstler oftmals mit beidem arbeiten. Wir haben­ die Dichterin Eileen Myles eingeladen, die eine Ballade über die Wüste und den Schnee vorgetragen hat, den Architekten Francis Kéré, der heute in Berlin lebt, aber aus Burkina Faso stammt, wo er gemeinsam mit Christoph Schlingensief an dessen Operndorfprojekt gebaut hat. Und Not Vital, der einerseits über seine chamäleonartigen Architekturen in der Schneelandschaft gesprochen hat – und andererseits über seine Arbeit in Niger, wo er in der Wüste arbeitet. Und natürlich Heinz Mack …

… dessen Bilder aus der Sahara berühmt sind …
… und dessen goldene Säulen jetzt im Engadin zu sehen sind. Die Talks sind öffentlich, sie haben vor sechs Jahren als kleiner Salon mit vielleicht 20 Gästen angefangen, jetzt waren da 300, 400 Leute im Publikum. Das zeigt die magnetische Wirkung des Engadins.

Und die magnetische Wirkung der Kunst.
Ja! Vom Engadin bin ich nach Gstaad gefahren, dort ist die Kunst jetzt auch: mit der „Elevation 1049“, einem Projekt der Luma-Stiftung, kuratiert von Neville Wakefield und von Olympia­ Scarry, der Enkelin des berühmten Kinderbuch-Autors Richard Scarry, der in Gstaad gelebt hat.

"Monarch", Sarah Morris, 2017, courtesy of the artist and LUMAS Foundation (Foto: Stefan Altenburger)

Was bedeutet „1049“?
Gstaad liegt 1049 Meter hoch, ist also erheblich niedriger als das Engadin. Das Prinzip ist wie bei einer Biennale, alle zwei Jahre reagieren Künstler auf die Landschaft und auf die kleine Stadt. Douglas Gordon inszeniert ein Happening mit Feuer und Wölfen, Sarah Morris hat einen Zug bemalt, der herumfährt (Abb.), Thomas Schütte hat ein Gebäude  entworfen, „Kristall II“, das sich auf unglaubliche Weise im Schnee und in der Sonne spiegelt. Es gibt die erste Skulptur überhaupt des Malers Michael Borremans zu sehen. Und eine Kartografie von Tatiana Trouvé: Sie führt die Besucher in das örtliche Schwimmbad, und erst wenn man sich unter Wasser begibt, hört man die Gedichte von Grace Hall. Man muss also eintauchen, im ganz wörtlichen Sinne. Man flaniert von einem Ort zum nächsten und erfährt die Kunst in der Landschaft.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunst?
Ich lese gerade wieder Peter Bichsel. Mit seinen Büchern bin ich aufgewachsen, in der Schweiz ist er eine Art Nationalschriftsteller. Er wurde gerade von Lydia Davis in der ­Paris Review gefeiert, und davon inspiriert bin ich zu ihm nach Solothurn gefahren und habe ihn besucht. Mein Lieblingsbuch von ihm: „Eisenbahnfahrten“ ist wie alle ­anderen seiner Bücher im Suhrkamp-Verlag erschienen.