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„Wir haben Kunst in diesem Jahr vor allem auf dem Computerbildschirm gesehen“

Christoph Amend befragt jeden Monat den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen. Im August geht es um erste Museumsbesuche nach dem Lockdown, den „Sommer des Zögerns“ und den australischen Dichter Gerald Murnane

Von Christoph Amend
11.08.2020

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Basel und Zürich. Wir waren durch den Lockdown fast zweieinhalb Monate in London eingeschlossen, erst im August eröffnen wir die Serpentine Gallery wieder. Ich bin aber gerade für ein paar Wochen in der Schweiz, ich will hier ein Buch fertig schreiben. Und gestern habe ich zum ersten Mal wieder eine Ausstellung besucht.

Hans-Ulrich Obrist mit Handy (Abb.: Nick Turpin)
Hans-Ulrich Obrist ist Kurator für zeitgenössische Kunst und leitet die Serpentine Gallery in London. (© Nick Turpin)

Wie war das nach dieser langen Pause?

Ich habe in den Wochen des Lockdowns tatsächlich keine einzige Ausstellung gesehen, in London war ja alles zu. Ich habe es extrem vermisst.

Und was war die erste Ausstellung?

„Centropy“ von DEANA LAWSON in der Kunsthalle Basel. Großartig! Die Fotografin, Jahrgang 1979, lebt in Brooklyn und porträtiert die afrikanische Diaspora, ob auf einem Feld in Jamaika, in einer Favela in Brasilien oder in einem Laden in der Bronx – und schafft unglaubliche Bilder. Es ist ihre erste große institutionelle Ausstellung in Europa, ich hatte vor einiger Zeit mal eine Ausstellung von ihr im Underground Museum in Los Angeles gesehen, die auch schon spannend war. In ihrem Werk dreht es sich oft um Intimität, um Familie, um Sexualität, um Spiritualität.

Wie war es, zum ersten Mal wieder in einem Museum zu sein?

Man ist vor allem fast allein! Durch Corona sind ja viel weniger Besucherinnen und Besucher im Museum, das ist schon eine besondere Erfahrung. Und die Bilder, die man im Museum sieht, sind noch einmal auf ganz andere Art aufgeladen.

Warum das?

Durch die Größe. Wir haben Kunst in diesem Jahr vor allem auf den Computerbildschirmen gesehen, und plötzlich läuft man wieder durch Räume! Dazu kommen im Fall von Deana Lawson besonders starke Einzelbilder. Zadie Smith, eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen, hat über ihre Bilder geschrieben, dass sie einen anschauen. Und das stimmt! Dieses Erlebnis hat man natürlich nicht, wenn man sie verkleinert auf einem Bildschirm betrachtet. Entropie bedeutet, dass Dinge sich im Chaos auflösen. „Centropy“ ist das Gegenteil, die Elektrifizierung, die zu einer kreativen Erneuerung führt. Die Direktorin der Kunsthalle, Elena Filipovic, betont, wie wichtig Zentropie in unserer Zeit ist, und wie die große Verwundbarkeit in Lawsons Fotografie ein Appell an uns ist, nicht wegzuschauen.

Deana Lawson Fotografie Vera
Die Fotografin Deana Lawson porträtiert die die afrikanische Diaspora. „Vera“ (2020) ist Teil der Ausstellung „Centropy“, welche noch bis Oktober in der Kunsthalle Basel zu sehen ist. (Courtesy die Künstlerin und Sikkema Jenkins & Co., New York)

Wo in der Schweiz schreiben Sie Ihr neues Buch fertig?

Wie immer im Engadin, da habe ich immer die besten Ideen. Auf dem Weg dorthin war ich in Zürich und habe den Ausstellungsraum Luma Westbau mit der Schau von Felix Bernstein und Gabe Rubin besucht, „The Total Vomitorium“, eine Filminstallation, die auf mehreren Bildschirmen läuft. Im Treppenhaus hingen noch Reste der neuen Ausgabe meines Projekts „It’s Urgent“, das bis Juni in Zürich lief und jetzt im Sommer in Arles gezeigt wird.

Sie laden Künstlerinnen und Künstler dazu ein, Poster zu gestalten, die über das Museum hinaus wirken sollen, zuletzt waren die EU-Wahlen ein Anlass dazu.

Ja, es ist ein generationsübergreifendes Projekt, das immer weiter fortgesetzt wird. Ich habe wirklich viel gesehen an diesem Tag in Zürich. Im Migros Museum war ich in der Ausstellung „Potential Worlds 1: Planetary Memories“, die sich mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur beschäftigt. Und in der Kunsthalle gab es eine sehr interessante Gruppenausstellung, die Daniel Baumann kuratiert. Während des Lockdowns lädt er Züricher Künstlerinnen und Künstler ein, ein Werk hinzuzufügen. Das bedeutet also, dass hier eine Ausstellung organisch wächst, anfangs waren die Räume fast leer, jetzt füllen sie sich. „Sommer des Zögerns“ hat er die Ausstellung genannt…

… eine ziemlich gute Beschreibung unserer Gegenwart.

Ja. „Sommer des Zögerns“ ist bis Mitte September zu sehen, es gibt Arbeiten von Jüngeren wie Lionne Saluz, Jahrgang 1990, über Peter Fischli, Jahrgang 1952, bis zu Walter Pfeiffer, Jahrgang 1946.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese gerade leidenschaftlich und nonstop den australischen Dichter Gerald Murnane, dessen Bücher bei Suhrkamp erscheinen. Er hat vor drei Jahren das Meisterwerk „Die Ebenen“ geschrieben. Er ist seit Langem ein Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Ich habe jetzt neun Bücher von ihm gelesen. Für mich ist er einer der ganz großen Schriftsteller unserer Zeit.

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Weltkunst Nr. 174