Fotografien von Joseph Beuys

Beuys backstage

Die Kölner Van der Grinten Galerie zeigt zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys bislang unveröffentlichte Aufnahmen des großen Kunst- und Weltverbesserers

Von Christiane Meixner
18.01.2021

Franz van der Grinten, Jahrgang 1967, kennt Joseph Beuys aus seiner Kindheit. Persönlich, denn der Künstler war eng mit dem Vater und dessen Bruder befreundet, beide kauften früh Arbeiten an. Die Geschichte von Beuys und den Brüdern begann 1953, währte Jahrzehnte, gipfelte in Schloss Moyland, wo die imposante Kunstsammlung van der Grinten heute zu finden ist, und wurde hinlänglich erzählt. Sie scheint derart ausgeleuchtet, dass es überrascht, wenn Franz van der Grinten dann doch ein unbekanntes Detail entdeckt – pünktlich zum 100. Geburtstag von Beuys, der dieses Jahr international gefeiert wird.

Peter Sevriens Fotografie Mystic Man Joseph Beuys
Den Handabzug „Mystic Man“ (1981) von Peter Sevriens bietet die Galerie Van der Grinten für 3800 Euro an. © courtesy Van der Grinten Galerie, Köln

„Im Dialog mit Joseph Beuys“ heißt die Ausstellung in seiner Kölner Galerie. Zu sehen sind Fotografien aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Stille, eindringliche, teils auch private Momente, die den Künstler im Atelier und in der Düsseldorfer Akademie, versunken eine Zigarette rauchend oder mit der Familie vor dem Fernseher zeigt. Meistens tätig, immer schwarz-weiß. Ein Teil der Bilder stammt von Michael Ruetz. Man kennt ihn als Chronisten wichtiger Aktionen wie „Celtic“ in Basel 1971 oder Beuys’ Boxkampf auf der Documenta 5 in Kassel. Doch Ruetz als unsichtbarer Begleiter eines bereits bekannten Mannes, der damals entweder verehrt oder als Scharlatan abgetan wurde, das ist eine neue, bislang verborgene Facette.

Dem Fotografen ging es um die Erkundung eines Phänomens, um den Menschen hinter diesem großartigen (Selbst-)Inszenierer. Dafür begleitete der 1940 Geborene Beuys immer wieder, seine Aufnahmen entstanden en passant. Sie waren – im Unterschied zu den fotografischen Dokumenten der Auftritte – erst einmal nicht für die Öffentlichkeit gedacht.

Peter Sevriens Joseph Beuys Atelier Fotografie
Der Fotograf Peter Sevriens richtete in den 1980er-Jahren den Blick auf die Details in den Räumen von Joseph Beuys. Den Vintage-Print „Memento Mori I“ bietet die Galerie Van der Grinten für 3800 Euro an. © courtesy Van der Grinten Galerie, Köln

Von Peter Sevriens wusste bislang auch kaum jemand, dass er ebenfalls im Atelier zu Gast gewesen ist. Ein Jahrzehnt später als Ruetz und gar nicht so sehr auf Beuys fokussiert: Sevriens porträtierte seinerzeit diverse in Düsseldorf lebende Künstler. Auf den fotografischen Schatz stieß Franz van der Grinten tatsächlich zufällig während eines Modeshootings für das Kulturmagazin des „Spiegel“, das im vergangenen Frühjahr auf Schloss Moyland stattfand. Der Galerist, Mitglied im Vorstand der Schloss-Stiftung, war dabei und unterhielt sich am Set mit der Stylistin Lesley Sevriens. Irgendwann kamen sie auf die Beuys-Porträts ihres Vaters, die noch nie ausgestellt waren. „Als Lesley mir eine dieser Aufnahmen zeigte, war ich hingerissen von der auratischen Kraft dieser Bilder“, erzählt Franz van der Grinten.

Als Erstes edierten die Galerie und Peter Sevriens gemeinsam eine Covid-Schutzmaske mit dem Konterfei des Künstlers zugunsten von Ärzte ohne Grenzen. Damit schien das Kapitel abgehakt, denn Franz van der Grinten hielt es für zu naheliegend, das Beuys-Jubliäumsjahr ausgerechnet mit einer Ausstellung jenes Protagonisten zu beginnen, dem die Familie so innig verbunden gewesen ist. Als dann jedoch klar wurde, dass neben dem gerade erst gehobenen Schatz der Sevriens-Bilder auch ein Buch von Ruetz mit dessen bislang unbekannten Impressionen erscheint, entschied er sich um.

Porträt Joseph Beuys Peter Sevriens
Das Beuys-Porträt „Grüner Prophet“ nahm Peter Sevriens 1981 auf. © courtesy Van der Grinten Galerie, Köln

Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche Reise zurück. Eine, die Beuys im Jahr seiner endgültigen Inthronisierung als Superstar backstage präsentiert. Der Künstler im Alltag, lesend, laufend, sinnierend. Beide Fotografen würdigen ebenso die Umgebung, nehmen das Material auf den Tischen in den Blick, zeigen Kartons mit Tierknochen, Sense und Ledertasche. So als hofften sie darauf, dass die Accessoires mehr über die Geheimnisse seiner Kunst verraten als Beuys am Ende doch immer unergründlicher Blick.

Service

ANMERKUNG

„Im Dialog mit Joseph Beuys. Fotografien von Michael Ruetz und Peter Sevriens aus den 70er und 80er Jahren“

Van der Grinten Galerie, Gertrudenstraße 29, Köln

bis 27. März

Das Buch „Beuys bleibt/Beuys – A Close Up“ erscheint in den Éditions Facteur Cheval