Sebastian Preuss

ist stellvertretender Chefredakteur der WELTKUNST und von KUNST UND AUKTIONEN. Er kommentiert, was ihn aufregt oder erfreut im Kunstbetrieb.

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Christoph Amend

ist Chefredakteur des ZEITmagazins und Herausgeber von WELTKUNST und KUNST UND AUKTIONEN. Jeden Monat befragt er den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen.

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Tillmann Prüfer

ist Style Director des ZEITmagazin. Er stellt jeden Monat herausragende Leistungen der Handwerkskunst vor.

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Annegret Erhard

Annegret Erhard ist ehemalige Chefredakteurin von KUNST UND AUKTIONEN. Den Markt beobachtet sie seit vielen Jahren.

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05.01.2017 Sebastian Preuss

Abschied von den Dahlemer Museen

Bis Sonntag, 8. Januar, waren in Berlin-Dahlem noch die herrlichen Museen für außereuropäische Kunst zu erleben. Ein Wiedersehen wird es im Humboldt Forum im teilrekonstruierten Schloss geben. Doch das kann noch lange dauern

Selbst viele Berliner machen sich dieser Tage nicht klar, dass am Sonntagabend einer der bedeutendensten Museumskomplexe Europas ein für alle Mal schließen wird. In Dahlem, weit weg vom Zentrum im Süden der Stadt gelegen, beenden das Ethnologische Museum mit seinen berühmten Afrika- und Altamerika-Sammlungen sowie das Asiatische Museum endgültig ein jahrzehntelanges Kapitel ihrer Geschichte. Es sind Häuser, die für ihre Konzepte aus den frühen Siebzigern in aller Welt bewundert wurden und im alten, ummauerten West-Berlin als Epizentrum der Kunst ihre Strahlkraft entwickelten. Dahlem, das war gleichbedeutend mit Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“, dem einst populärsten Gemälde der Stadt, das die Experten in den Achtzigerjahren als Werkstattbild entlarvten; aber auch mit der tollen Halle der Südseeboote, einer hochbedeutenden Altamerikasammlung, dem grandiosen Bestand an afrikanischer Kunst oder den kostbaren Werken aus China, Japan, Korea und Indien.

Das alles war hier Saal an Saal zu erleben: von Jan van Eyck bis zu den japanischen Holzschnitten, von Rubens bis zu Indianermasken, von Riemenschneider bis zur Azteken-Figur oder den aufregenden Benin-Bronzen – ein überbordendes Schatzhaus der Weltkulturen, wie es unter einem Dach sonst allenfalls im Metropolitan Museum in New York zu erleben ist. Seit dem Auszug der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung in den späten Neunzigern fehlte Europa in diesem Kunstkosmos, der vor der Wiedervereinigung ein Fixpunkt jedes Berlin-Touristen war. Dadurch ebbten die Besucherströme drastisch ab, die großen Kunstattraktionen waren nun im Stadtzentrum. Dahlem wurde zum Stiefkind der Berliner Museen, oft streifte man allein durch die Hallen mit ihren aufregenden Sammlungen. Daran änderte auch nichts, dass 2002 der Trakt der asiatischen Kunst eine höchst elegante Neugestaltung erhielt. Seit dem Bundestagsbeschluss von 2002, das Berliner Schloss als Teilrekonstruktion wieder erstehen zu lassen und im dort entstehenden Humboldt Forum die außereuropäische Kunst unterzubringen, arbeiten die Museen am Stadtrand auf Abruf. Jetzt schließen sie endgültig ihre Pforten.

Ausstellungsansicht Ethnologisches Museum
Ethnologisches Museum: Afrikanische Kunst im mystischen Licht (Foto: Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker)

Eingefleischte West-Berliner werden sentimental, wenn sie an die Dahlemer Museen denken. Hier sind sie an die Kunst herangeführt worden, wehte ihnen womöglich in jungen Jahren zum ersten Mal der Geist der fernen und exotischen Kulturen entgegen, während sie gleich nebenan die europäischen Altmeister auf höchstem Niveau bewundern konnten. Doch auch viele Kunstfreunde pilgerten von weit her nach Dahlem, um dieses einzigartige Gipfeltreffen der Weltkulturen zu erleben.

Mit all dem wird am Wochenende endgültig Schluss sein. Die Gemäldegalerie hat seit 1998 ihren Neubau am Kulturforum, die Skulpturensammlung bezog 2006 das sanierte Bode-Museum, die beliebte Südsee-Abteilung ist seit mehreren Monaten geschlossen, und jetzt werden auch die letzten Galerien geschlossen. Nur das Museum Europäischer Kulturen soll hier als einsames Stiefkind bleiben (wer allerdings wird sich dann noch hierher verirren?).

Voller Wehmut läuft man durch die lichten Hallen im transparenten Stil der frühen Siebziger, bewundert die idealistische Museumsdidaktik, erfreut sich an der spirituellen Ruhe in den Asien-Sälen. Ich bin vor allem immer wieder begeistert von der stimmungsvollen Inszenierung der afrikanischen Kunst. In schwarzen Räumen glühen die unglaublichen Ife-Köpfe des 13. bis 15. Jahrhundert, die der griechischen Klassik oder der italienischen Renaissance nicht nachstehen, verbreiten die rituellen Figuren der Luba, Chokwe oder Fang ihre magische Ausstrahlung. Seit die Dauerausstellung 2005 eingerichtet wurde, ist es einer meiner liebsten Museumsorte in Berlin. Die Präsentation konzentriert sich ganz auf den Kunstcharakter der Stücke, was in Ethnologenkreisen heftig umstritten ist und – nach allem, was man bislang darüber weiß – im Humboldt Forum einer eher kontextualisierenden Präsentation weichen soll. Hoffen wir, dass auf ästhetische Inszenierung nicht vollkommen zugunsten des postkolonialen Diskurses verzichtet wird.

Ausstellungsansicht Museum für Asiatische Kunst
Museum für Asiatische Kunst: Kaiserliches Thronensemble aus China und Teehaus von Ai Weiwei (Foto: Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker)

Nach offizieller Version soll das Humboldt Forum Ende 2019 eröffnen, also in drei Jahren. Doch wer in Berlin mit seinen unglaublichen Bauverzögerungen will diesem Termin ernsthaft Glauben schenken? Eher werden wir uns auf fünf oder sieben (oder gar zehn?) Jahre der Abwesenheit der außereuropäischen Kunst einstellen müssen. Warum bleiben die Häuser nicht einige Jahre länger geöffnet? Warum mutet man dem Publikum neben der absurden und ebenfalls langjährigen Schließung des Pergamonmuseums nun auch diesen Kunstentzug zu?

Gewiss, hunderttausende Objekte müssen in Dahlem für Umzug vorbereitet und in vielen Fällen aufwändig restauriert werden. Die Depots vor Ort sind sehr eng, darum brauchen die Kustoden und Restauratoren auch die Schauräume für ihre Arbeit an den Objekten. Das ist ein triftiger Grund, aber dass so hervorragende Museen dem Publikum auf Jahre versperrt bleiben, ist nicht hinzunehmen. Es ist ein Skandal, aber in Berlin mit seinen vielen Fehlplanungen regt sich darüber leider kaum jemand mehr ernsthaft auf.

 

An den letzten drei Tagen, 6. bis 8. Januar, sind die Museen in Dahlem von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Die Direktoren und Kustoden aus allen drei Häusern geben in 30-minütigen Streifzügen Einblicke in die Umzugsvorbereitungen, die zukünftigen Planungen oder sprechen über ihre Lieblingsstücke. Mehr zum genauen Programm erfahren Sie hier.

Museumsansicht oben (Foto: Staatliche Museen zu Berlin/Achim Kleuker)

31.12.2016 Tillmann Prüfer

Kunst aus der Patisserie

Erst schauen, dann kauen: Mit ihren essbaren Skulpturen überschreitet Kristiane Kegelmann die Grenzen herkömmlicher Patisserie

Das Problem mit der Kunst ist ihre Vergänglichkeit. Der Künstler versucht, ein Werk zu schaffen, mit dem er sich unsterblich macht. Doch kaum ist es da, nagt schon der Zahn der Zeit an ihm. Bilder verdunkeln, Fotos verblassen, Bücher lösen sich auf. Es bedarf einer ganzen Schar von Restauratoren, um der Menschheit die Illusion zu bewahren, dass Kunst unvergänglich sei. Es gibt sogar Experten, die sich darum bemühen, die Fettobjekte von Joseph Beuys zu erhalten.
Die gelernte Konditorin Kristiane Kegelmann schafft in Berlin Objekte, bei denen sich diese Frage von vornherein nicht stellt. Da ihre Werke erst durch Zerstörung perfekt werden. Kegelmann kreiert essbare Skulp­turen, kubische Zucker- und Schokoladen­objekte, die die Grenzen der Patisserie überschreiten. Es kann eine Rose sein, die auf einer Kugel zu balancieren scheint, ein Baum aus Kristallzucker oder eine abstrakt anmutende Torte aus halbierten Scheiben. Jede dieser Skulpturen existiert nur in einem bestimmten Raum zu einer bestimmten Zeit. Und findet ihre Vollendung im Verzehr.

Mit Goldpulver vollendet Kristiane Kegelmann ihre Kreationen (Foto: Pujan Shakupa)
Mit Goldpulver vollendet Kristiane Kegelmann ihre Kreationen (Foto: Pujan Shakupa)

Diesem Moment geht monatelange Planung voraus. Zunächst einmal wird das Projekt mit dem Auftraggeber besprochen. Was ist der Präsentationsort, wie viel Gäste werden er­wartet, was sind ihre geschmacklichen Vorlieben? Denn die essbaren Skulpturen von Kegelmann sind nicht nur Form und Oberfläche – der letztliche Kunstgenuss ist das kulinarische Erlebnis.
Hat Kris­tiane Kegelmann von allem eine Vorstellung, werden erste Skizzen angefertigt, dann folgt der handwerkliche Teil. Viele von ­Kegelmanns Skulpturen bestehen nicht nur aus essbaren Komponenten, sondern auch aus architektonischen Konstruktionen – manche enthalten sogar Betonteile.

Den innneren Kern aus Gurke, Johannisbeere und edelbitterer Schokolade umhüllt eine dünne Schicht Modellierschokolade (Foto: Caroline Prange)
Den innneren Kern aus Gurke, Johannisbeere und edelbitterer Schokolade umhüllt eine dünne Schicht Modellierschokolade (Foto: Caroline Prange)

In den Tagen vor der Veranstaltung müssen Böden gebacken, Füllungen gemischt und die Hohlkörper in verschiedene Formen gegossen werden. Dann werden die einzelnen Elemente gefüllt, geschlossen und zum Bild kombiniert. Der essbare Korpus wird anschließend weiter verschönert, Kegelmann arbeitet dabei mit Modellierschokolade und natürlichen Lebensmittelfarben, die mit Airbrush oder Pinsel aufgetragen werden. Mit dem Skalpell erfolgen letzte Korrekturen. Schließlich wird alles am Veranstaltungsort installiert – und nach einer kurzen Präsentation durch die Künstlerin vereinigt sich die essbare Skulptur mit ihrem Betrachter. Und macht ihn so zum Teil des Werks. Ähnliches soll auch Resten der berühmten „Fettecke“ von Beuys widerfahren sein. Nach der Zerstörung durch einen Hausmeister wurde sie zu Schnaps destilliert. Der soll nach Parmesan geschmeckt haben. Da schafft Kristiane Kegelmann schon mehr Kunstgenuss.

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WELTKUNST Nr. 124/2017

22.12.2016 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Chicago

Eine Schau in der Graham Foundation in Chicago über Rifat Chadirji, der die Architektur Iraks und Syriens seit den 1960ern fotografisch dokumentierte.

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?
Ich war gerade wieder in Chicago, jedes Mal dort denke ich an meine erste Begegnung mit Studs Terkel, dem Pionier der Oral History …

… seine Radiogespräche sind legendär.
Ja, er hat mit ihnen sogar den Pulitzer-Preis gewonnen.

Warum war er für Sie wichtig?
Er hat mich auf die Idee gebracht, Künstlergespräche zu führen, aus denen die Bücher entstehen, die ich seitdem mache. Terkel hat mich übrigens damals schon auf die Fragilität der Aufnahmen hingewiesen und erzählt, dass er immer mehrere Geräte dabeihat, damit nichts passieren kann, falls mal eins ausfällt. Deshalb habe ich immer mindestens drei, manchmal sogar vier Aufnahmegeräte dabei.

Gleich drei oder vier? Wow.
Ja! Wenn du nur eins hast: russisches Roulette! Aber wenn du zwei dabeihast und eins hört plötzlich auf, wirst du auch nervös. Dann schaust du ständig, ob sie noch aufzeichnen. Nur bei drei oder vier musst du nie kontrollieren. Das ist der Trick.

Talk auf der Messe Art Expo Chicago mit Joseph Grigely
Talk auf der Messe Art Expo Chicago mit Joseph Grigely (Foto: Courtesy of/Dialogues and EXPO CHICAGO)

Was war der Anlass für Ihren Chicago-Trip?
Mein Archiv wird seit den Neunzigern dort verwaltet. Von Joseph Grigely, dem großen Künstler, der seit seinem elften Lebensjahr taub ist. Wir hatten einen gemeinsamen Talk auf der Messe Expo Chicago, die hatten mich eingeladen. Ich war jetzt das dritte Jahr in Folge da, die gestalten das Messeprogramm außergewöhnlich gut.

Wie kommt es, dass Ihr Archiv dort ist?
Ursprünglich war es in Lüneburg, ich habe dort eine Weile unterrichtet. Aber dann kam ein neuer Dekan, der gleich McKinsey reingebracht hat. Und die fanden, mein Archiv verschwende Raum. Die klassische Geschichte. Also wurde es rausgeworfen. Deshalb ist mein Archiv in Chicago, und die Bücher sind in meiner Berliner Wohnung.
Dass ein Künstler die Arbeit eines Kurators archiviert …
…  ist ungewöhnlich, stimmt. Grigely möchte daraus ein Kunstprojekt machen. Er hat eine perfekte Bibliografie aller meiner Texte und Vorträge erstellt und arbeitet ständig mit sieben, acht Studenten an meinen Künstlerbüchern. Na ja, und dann habe ich in der Graham Foundation eine fantastische Ausstellung gesehen: „The Rifat Cha­dirji Archives“.

Der Architekt Rifat Chadirji hat in den 60er Jahren begonnen, die Architektur in Bagdad, im Irak und in Syrien fotografisch zu dokumentieren (Foto: Courtesy of the Arab Image Foundation)
Der Architekt Rifat Chadirji hat in den 60er Jahren begonnen, die Architektur in Bagdad, im Irak und in Syrien fotografisch zu dokumentieren (Foto: Courtesy of the Arab Image Foundation)

Wer ist das?
Rifat Chadirji ist einer der prägenden Architekten Bagdads im 20. Jahrhundert. Und gemeinsam mit seinem Bruder Kamil hat er in den Sechzigerjahren begonnen, die Architektur in Bagdad, im gesamten Irak und in Syrien fotografisch zu dokumentieren. Die beiden hatten damals Angst, dass sich ihre Heimat nach dem Ölboom stark verändern würde. Es ist unfassbar traurig, wenn man die Bilder heute sieht: wie dynamisch Bagdad damals war – heute ist durch die Kriege und den Terror alles zerstört. Man sieht, dass Städte auch sterben können. Die Ausstellung zeigt auch Chadirjis eigene Gebäude. Ich musste beim Betrachten an meine verstorbene Freundin, die Architektin Zaha Hadid, denken. Sie ist ja im Bagdad der Fünfziger- und Sechzigerjahre aufgewachsen, und sie hat mir immer davon erzählt, wie modern die Stadt damals aussah. Jetzt konnte ich das erstmals selbst sehen. In ein paar Tagen werde ich Rifat Chadirji in London interviewen, wo er heute lebt.

Wen haben Sie außerdem noch in Chicago wiedergetroffen?
Den unglaublichen sozialen Künstler Theaster Gates. Er ist ja auf der Westside Chicagos aufgewachsen und hat die Stadt verändert. Ganze Viertel hat er neu belebt! Aus Japan ließ er Keramikmeister einfliegen, die mit der lokalen Community Keramikwerkstätten gegründet haben, dadurch sind neue Arbeitsplätze entstanden. Und das in einer Welt, in der Arbeit mehr und mehr verschwindet. Er soll das jetzt auch in Detroit wiederholen, hat er erzählt.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunst?
Das neue Buch von Judith Butler „Notes Toward A Performative Theory of Assembly“. Darin geht es um die Dynamik von öffentlichen Versammlungen unter den heuti­gen politischen und ökonomischen Bedingungen. Sie beschreibt, dass die Versammlung von Körpern eine eigene Kraft entwickelt, die man nicht allein auf die Sprache zurückführen kann.

08.12.2016 Tillmann Prüfer

Ludwig Reiter – Bimsen für die Ewigkeit

Perfekt von oben und unten: Die besondere Machart der Schuhe der Wiener Schuhmanufaktur Ludwig Reiter erkennt man auch beim Blick auf die Sohle

Das Renaissance-Schloss Süßenbrunn am Rand von Wien beherbergt ein ungewöhnliches Handwerk: die Schuhmanufaktur Ludwig Reiter. 1885 gegründet, wird sie – mit Unterbrechungen – in der vierten Generation geführt. Der Betrieb erzählt von einer Zeit, als ein Herrenschuh noch kein Wegwerfartikel war, sondern das Fundament des Mannes. Als ein Mann, um Gutes tun zu können, erst einmal gut stehen musste. Im Hause Reiter spürt man noch den Glanz der Kaiserzeit. Denn die Manufaktur war offizieller Ausstatter der k. u. k. Polizeiwache und hatte auch den Abendschuh zur Uniform im Programm. Der schmucke Offizier sollte ihn tragen, wenn er ausging. 

Die Wiener Schuhmanufaktur zählt zu den ersten Adressen für exklusive, rahmengenähte Schuhe und ist eines der wenigen Unternehmen seiner Art, welches noch das Rahmennähen nach der Goodyear-Methode beherrscht. (Foto: Ludwig Reiter)

Noch heute existiert dieser Schuhtypus in Form des Chelsea Boots. Und noch immer wird dieser bei Ludwig Reiter von Hand produziert. Etwa 50 Mitarbeiter fertigen jährlich 30.000 Paar Ludwig-Reiter-Schuhe. Die Manufaktur ist Spezialist für handgemachte Schuhe nach dem traditionellen Goodyear-Verfahren. Diese Technik wurde einst von der zweiten Reiter-Generation aus Amerika übernommen. Dabei wird der obere Teil des Schuhes nicht direkt, sondern über einen Rahmen und zwei elastische Nähte mit der Sohle verbunden, was einen besonderen Tragekomfort ermöglicht. Für einen rahmengenähten Schuh sind mehr als 300 Arbeitsschritte nötig. Zunächst wird das geeignete Leder ausgewählt. Dann werden die Elemente des Oberteils mit einer Schablone aufgezeichnet und zugeschnitten oder ausgestanzt. 

Im Jahr 1955 war Ludwig Reiter die einzige Schuhmanufaktur für rahmengenähtes Schuhwerk, die dem aufstrebenden Trend klassischer Schuhe mit Erfolg entgegen kam. Für einen rahmengenähten Schuh sind mehr als 300 Arbeitsschritte nötig. (Foto: Ludwig Reiter)

Hernach folgt das „Oberteilsteppen“: Die Teile werden zusammengefügt und mit dem Futter vernäht. Beim ­“Zwicken“ wird dann das Oberteil über den Leisten gespannt, eine dem Fuß nachgebildete Form aus Holz oder Kunststoff. Anschließend werden Laufsohle und Oberteil verbunden. Die ledernen Laufsohlen werden direkt auf den Rahmen, einen etwas drei Zentimeter breiten Lederstreifen, genäht. Dieser wird wiederum mit dem Oberteil verbunden. Nach dem Fräsen der Sohlenkante wird der Lederabsatz aufgedrückt und zurechtgefräst. Eine Besonderheit bei Ludwig Reiter ist das anschließende Bimsen: Damit die Naht an der Laufsohle vor Abrieb geschützt ist, wird sie zum Teil in der Sohle eingearbeitet. 

Die Schuhe werden in aufwändiger Handarbeit in Wien hergestellt und können auch als individuelle Maßanfertigung bestellt werden (Foto: Ludwig Reiter)

Zum Vernähen werden die zähen Ledersohlen in Wasser eingeweicht. Nach dem Trocknen ist die Schuhunterseite uneben und fleckig. Bei einem „gebimsten Boden“ wird die Doppelnaht in einem feinen Riss etwa zur Hälfte in der Sohle versenkt. Nach dem Nähen wird die weiche Sohle zugebügelt, sodass die Doppelnaht unter der Oberfläche verschwindet. Anschließend wird die Sohle mit einem feinen Glaspapier abgeschliffen. Früher wurde hierfür ein Bimsstein verwendet, daher heißt das Verfahren „bimsen“. Zum Schluss wird mit Wachstinkturen eine neue Politur aufgetragen. Durch das Bimsen wird der Schuh besonders haltbar, ein Partner fürs Leben. Schade nur, dass man ihm die besondere Machart von außen nicht ansieht. Denn wer schaut schon Schuhe von unten an?

ABBILDUNGEN

Ludwig Reiter, Wien

07.12.2016 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Athen

Künstler und Software-Ingenieure, die sich in Paris austauschen; Andreas Angelidakis und Nanos Valaoritis, die in Athen „Cadavre Exquis“ spielen

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?

Ich habe interessante Dinge in Griechenland gesehen, aber zuvor noch ein paar Sätze zu Paris, wo ich gerade herkomme, von einer Konferenz des Google Cultural Insti­tute. Da ging es um Machine Learning, um künstliche Intelligenz, und ich habe dort Panels veranstaltet, die jeweils einen Künstler oder Architekten mit einem Ingenieur zusammenbringen. Inspiriert von Billy Klüvers „Arts and Technology“-Programm in den Sechzigerjahren, als er im Auftrag der Telefonfirma Bell zum Beispiel Jean Tinguely und Robert Rauschenberg mit Technikern des Konzerns zusammenbrachte und ganz neue Projekte entstanden.

Bell war eine Art Google seiner Zeit.

Exakt. Wir haben jetzt etwa Hito Steyerl mit dem Ingenieur Mike Tyka zusammengebracht und Rachel Rose mit Kenric McDowell. Und dann ist beim Mittagessen etwas Unerwartetes passiert: Ich saß mit meinem Kollegen, dem Kurator und Digitalexperten Ben Vickers, und dem Künstler James Bridle zusammen, und auf einmal fragte mich Ben, wieso ich bei meinem Handschriftenprojekt auf Instagram …

… wo Sie handschriftliche Notizen und Zeichnungen von Künstlern sammeln …

… eigentlich nicht den „Cadavre Exquis“ wieder einführe. Das alte surrealistische Spiel, wo man ein Blatt drei-, viermal faltet, und jemand schreibt oder zeichnet etwas, ohne zu wissen, was der Vorgänger geschrieben oder gezeichnet hat. 

Warum heißt das Spiel eigentlich „Cadavre Exquis“, köstliche Leiche? 

Laut André Breton war der erste gebildete Satz des Spiels: „Der köstliche Leichnam wird den neuen Wein trinken.“

Sie führen das Projekt jetzt als „Exquisite Corps“ auf Instagram fort?

Wir haben gleich beim Mittagessen damit angefangen: Der erste neue „Exquisite Corps“ (Abb.) ist von Hito Steyerl, James Bridle und Mike Tyka. Ist das nicht komisch, dass wir ausgerechnet Google und eine Konferenz über künstliche Intelligenz brauchten, um auf diese Low-Tech-Idee zu kommen? Anschließend sind Ben Vickers und ich nach Athen geflogen, weil wir dort für das kommende Frühjahr eine Maria-Lassnig-Ausstellung vorbereiten. 

Hito Steyerl, James Bridle und Mike Tyka,
Hito Steyerl, James Bridle und Mike Tyka, "Exquisite Corps" (Foto: Instagram)

Was verbindet Lassnig mit Athen?

Sie ist häufig nach Griechenland gereist und hat dort in den Ferien Aquarelle gemalt, überhaupt hat sie oftmals Motive aus der griechischen Mythologie in ihren Werken zitiert. Die Aquarelle wurden noch nie gemeinsam ausgestellt. Friederike Mayröcker hat den Titel für die Ausstellung gefunden: „Die Zukunft erfinden wir mit Fragmenten der Vergangenheit.“

Was haben Sie in Athen außerdem gesehen?

Sie wissen ja, dass ich jedes Mal, bevor ich in eine Stadt komme, frage: „Wer ist eure Louise Bourgeois?“ Damit meine ich: Wer ist der Pionier oder die Pionierin, die ich interviewen kann, um ein knappes Jahrhundert zu erzählen? In Athen wurde mir Nanos
Valaoritis empfohlen, ein wichtiger Surrealist, geboren 1921 in Lausanne, der mit der griechisch-amerikanischen Malerin Marie Wilson zusammenlebt. Ich hatte im Hinterkopf, dass Nanos mir bei unserer letzten Begegnung von seiner Freundschaft zu André Breton erzählt hatte. Vielleicht, dachte ich, hat Nanos auch „Cadavre Exquis“ gespielt – und genauso war es! Er hat es jahrzehntelang mit Freunden und in seiner Familie gespielt. Ich habe ihn gemeinsam mit dem griechischen Architekten Andreas Angelidakis besucht, und so ist in Athen die nächste Folge von „Exquisite Corps“ entstanden. Angelidakis hat mir seine neue Arbeit Parliament Of Bodies (1) gezeigt, das sind mobile Sitzgelegenheiten, die hart aussehen wie Stein, aber unglaublich weich sind – ein wunderschönes Oxymoron. Man kann auf ihnen sitzen, man kann sie ganz leicht verschieben, Mauern bauen, einfach alles.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunst? 

Ich bereite mich gerade auf einen Vortrag in New York vor und lese deshalb wieder die Bücher von Alexander Dorner, dem großen Museumsdirektor, den die Nazis aus Deutschland vertrieben haben. Er war ja besonders prägend in seiner Zeit in Hannover und ist 1937 in die USA emigriert. Besonders zu empfehlen ist sein Buch „The Way Beyond Art“ – „Die Überwindung der Kunst.“

07.12.2016 Susanne Schreiber

Alte Meister, neu inszeniert

Frischer Messewind aus New York und München belebt die Sammlerszene für alte Kunst. Dabei schlägt das Kojendesign Brücken ins Heute

Neue Händlerkonstellationen erfreuen seit Herbst 2016 in Bayerns Metropole die Messeflaneure, die nur mehr zwei statt drei Standorte ansteuern müssen. Die Veranstalter der Munich Highlights haben verstanden, dass auch im feinen Residenzhof das Bezahlbare die Leitschnur sein muss, nicht das hoch bewertete Museale. Und die vom Nockherberg-Festsaal in den kreisrunden Postpalast umgezogene und ansehnlich erweiterte Kunst & Antiquitäten hat gezeigt, wie attraktiv ihr Angebotsprofil ist. Originelle Volkskunst (Pachmann) ist hier genauso zu entdecken wie romantische Naturskizzen (Spindler) oder kühn geschwungene Stahlmöbel (Martini) – bei überschaubaren Preisen.

Als Trendsetter hat sich jedoch die Tefaf Fall New York erwiesen. Der kürzlich am Hudson gestartete Ableger der Nobelmesse in Maastricht ist zwar ein Nachzügler, was den Export eines zum Markenzeichen gewordenen Messekonzepts betrifft. Er ist aber wie die Muttermesse ein Vorreiter in Sachen Augenschulung und Vermittlung. Von etlichen einzigartigen Standarchitekturen in der Exerzierhalle der Park Avenue Armory seien hier nur zwei vorbildliche herausgegriffen. Beim Altmeisterhändler Otto Naumann aus New York waren Wand und Boden der Koje schwarz getüncht, eine organoide weiße Plastiksitzgruppe aus den 1970ern diente zum Verweilen. Damit war den alten Meistern eine (Guckkasten)-Bühne bereitet. Der entscheidende Kniff bestand nun bei Naumann darin, die geschnitzten Barockrahmen wegzulassen. Die großen wie kleinen Porträts, die Heiligen wie die Märtyrer wurden bei ihm auf Holzplatten mit eidottergelbem, wiesengrünem oder kirschrotem Samt gesetzt. So bekam jedes historische Gemälde noch vor seiner Entschlüsselung Objektcharakter und vermochte sich so selbstbewusst neben zeitgenössischer Kunst zu behaupten. Dem Porzellanexperten Röbbig aus München gelang es hingegen durch radikale Vereinfachung, sein vertikal an einer Wand präsentiertes Schwanenservice des Grafen Brühl zu betonen. Statt einer echten geschnitzten Wandvertäfelung hinterfing in New York nur die als Tapete ausgedruckte Schwarz-Weiß-Zeichnung einer Boiserie Röbbigs zart reliefierte Meissen-Raritäten. Weniger ist – seit dem Bauhaus – eben mehr.

Diese Beispiele zeigen: Wer ein neues, jüngeres Publikum ansprechen will, muss sich von alten Zöpfen trennen. Die curated sales der großen Auktionshäuser machen es erfolgreich vor. Der heutige Kontext für ein Einzelstück alter Kunst spielt dabei eine genauso große Rolle wie das Verkaufsgespräch. Nicht nur Neueinsteiger empfinden einen vom Händler heruntergeleierten Sermon von den, ach, so vorzüglichen Provenienzen als langweilig. Sie sind zweifellos wichtig, aber erst wenn es den Preis zu begründen gilt. Am Anfang des Gesprächs sollten Funken sprühen, die viel eher Begeisterung entfachen, wenn der Händler die Geschichte des Bildes packend erläutert und so ein überzeugendes Narrativ für die Geldausgabe liefert. The Story sells. Nicht nur Neueinsteiger begeistern sich für alte Geschichten von großen Gefühlen, von Liebe und Leid. Die hören wir alle gern. 

Nix für ungut, bleiben Sie den handelbaren Künsten gewogen. Ihre Marktfrau.