Sebastian Preuss

ist stellvertretender Chefredakteur der WELTKUNST und von KUNST UND AUKTIONEN. Er kommentiert, was ihn aufregt oder erfreut im Kunstbetrieb.

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Christoph Amend

ist Chefredakteur des ZEITmagazins und Herausgeber von WELTKUNST und KUNST UND AUKTIONEN. Jeden Monat befragt er den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen.

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Tillmann Prüfer

ist Style Director des ZEITmagazin. Er stellt jeden Monat herausragende Leistungen der Handwerkskunst vor.

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Annegret Erhard

Annegret Erhard ist ehemalige Chefredakteurin von KUNST UND AUKTIONEN. Den Markt beobachtet sie seit vielen Jahren.

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23.04.2016 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Hong Kong – Millennial-Künstler

 Ein Gespräch über Hacking von Währungen, Wolkenkratzern oder Städten

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Hongkong! Dazu eine kleine Vorgeschichte: Vor 20 Jahren, im Frühjahr 1996, bin ich mit Hou Hanru nach Rotterdam gefahren, um dort Rem Koolhaas zu treffen. Wir wollten ihn davon überzeugen, mitzumachen bei einer Idee, aus der später die Ausstellung »Cities on the move« wurde.

Wie kamen Sie auf Koolhaas?

Er hatte kurz zuvor eine Studie über den Bauboom im Pearl River Delta veröffentlicht. Obwohl dort lange nicht so viel los war wie heute, wurde bereits 20-mal so viel gebaut wie in einer durchschnittlichen Stadt in Europa. Wir wollten eine Ausstellung machen über diese unglaubliche Energie, die Mutation der Städte.

Art Basel Hong Kong (Foto: Art Basel)

Und wie lief das Treffen in Rotterdam?

Es kam nicht zustande. Koolhaas hatte zu viel zu tun, er kam nur kurz vorbei und sagte: »Es ist sowieso falsch, eine Ausstellung über Asien in Rotterdam zu planen. Lasst uns lieber morgen in Hongkong treffen.« So haben Hou Hanru und ich uns Tickets nach Hongkong gekauft. Die Kunstszene war dort damals klein, nur ein paar Galerien und das Hong Kong Arts Centre. Heute gibt es die Art Basel Hong kong oder das geplante Museum M+. Jetzt habe ich erstmals eine Ausstellung dort kuratiert. Die neue K11 Art Foundation von Adrian Cheng unterstützt die Generation der Millennials, also junge Künstler, die nach dem Jahr 2000 aufgetaucht sind. Sie haben mich gefragt, ob ich mit meiner Kollegin Amira Gad und Simon Denny …

… auch ein Millennial-Künstler, der sich intensiv mit der Start-up-Szene beschäftigt …

… seine Ausstellung »Hack Space« vor Ort weiterentwickeln will.

Wie soll das geschehen?

Mit jungen Künstlerinnen aus China. Also sind Simon und ich durch China gereist und haben Ateliers besucht. Am Ende haben wir elf Künstlerinnen eingeladen. Es geht sehr viel um Shan Zhai, das chinesische Silicon Valley, in dem Hardware wie Mobiltelefone entwickelt wird. In der neuen Ausgabe von Wired war jetzt zu lesen: Nicht ­China kopiert nur den Westen, der Westen kopiert mittlerweile auch China, weil in Shan Zhai oft so gut kopiert wird, dass die Kopie besser ist als das Original.

aaajiao, "Poor Mining I", Mining for Bitcoin, Installation mit Computerteilen, Lautsprechern, Metall, 2011, 65x40x47cm, (Foto: courtesy of the artist)

 

Was fasziniert Sie an dem Thema Hacking?

Walter Benjamin hat beschrieben, dass wir oft das vergessen, was gerade erst vorbei ist. Hacking gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten, seine Geschichte dokumentiert ­Simon Denny und untersucht Firmen, die aus dieser Szene kommen. Wir haben Künstler gewonnen, die Ähnliches tun. Etwa ­aaajiao, der Gründer ist und kürzlich ein Bitcoin-Placebo erfunden hat. Oder Cao Fei, die gerade im MoMA PS1 in New York ausstellt. Dann gibt es Cui Jie, eine Malerin, die sich mit dem Hacking von Gebäuden beschäftigt, und Firenze Lai, eine Malerin aus Hongkong, die die Geschichte der Occupy-Central-Bewegung dokumentiert, also Menschen, die versuchen, eine Stadt zu hacken, wenn man so will. Und Xu Qu zeigt die Schirme von Occupy.

Cao Fei (*1978), Haze and Fog", C-print, 2013, 70x105cm (Foto: Courtesy of Artist and Vitamin Creative Space)

Auch eine Geschichte, die gerade erst passiert und schon fast vergessen ist.

Die Regenschirme waren ja das Symbol der Bewegung: Xu Qu hat sie verbrannt und stellt sie als Art Skelette aus. Besonders ist auch die Arbeit von Li Liao, er hat under­cover beim Hardwarehersteller Foxconn angeheuert, der für seine schlechten Arbeitsbedingungen berüchtigt ist – Li Liao ist der Wallraff der bildenden Kunst!

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich denke viel an die gerade verstorbene Zaha Hadid, die eine gute Freundin war. Sie war nicht nur eine geniale Architektin, sondern auch eine unglaublich einflussreiche Ausstellungsgestalterin. Wir lernten uns vor vielen Jahren in Rom kennen und sind uns immer nah geblieben.

03.04.2016 Sebastian Preuss

Exodus der Museumsdirektoren

Martin Roth, Hartwig Fischer, Max Hollein und viele mehr: Spitzenkräfte aus deutschen Museen sind begehrt und immer mehr gehen ins Ausland. Wenn es so weiter geht, wird Deutschland bald eine Personalkrise für die hohen Museumsämter haben

 

Überrascht hat es eigentlich niemanden, als vor Kurzem Max Holleins Weggang aus Frankfurt bekannt wurde. Wer sein glanzvolles, segensreiches Wirken als Superdirektor von Städel, Schirn und Liebieghaus verfolgt hat, der fragte sich schon seit Jahren nicht mehr, ob er bleibt, sondern nur noch, wann er die Stadt am Main denn verlassen wird? Und: Wird es das MoMA, das Centre Pompidou oder die Tate? In Deutschland, aber auch weit darüber hinaus, wurde der Österreicher wie ein Wundermann bestaunt, der einer mittelgroßen Kulturstadt zu einer nie abreißenden Parade von spektakulären Ausstellungen verholfen hat. Frankfurt wurde wieder festes Reiseziel für Kunstfreunde aus aller Welt. Hollein holte und förderte hervorragende Kuratoren. Er ermunterte sie zu Höchstleistungen, überließ ihnen die fachliche Souveränität und sorgte für den Zustrom förderwilliger Bürger und Firmen. Bei Ankäufen bewies er Mut, auch wenn es um einen strittigen Raffael ging, und für den Anbau eines unterirdischen Gegenwartstraktes wie für viele andere Projekte begeisterte er Tausende von Frankfurtern, das Städel als ihr Museum zu begreifen und sich auch mit kleinen Beträgen zu beteiligen.

Nun geht Hollein, schon im Juni, ans Fine Arts Museum in San Francisco. Er wird dort beste Bedingungen ausgehandelt haben. Seine Fußstapfen in Frankfurt sind groß, und es dürfte der Stadt kaum gelingen, einen ähnlich charismatischen, energiereichen und kreativen Museumsorganisator zu bekommen. Man wird von dem, was er geschaffen hat, erst einmal zehren müssen. Denn der Pool der potentiellen Spitzenkräfte in der deutschen Museumswelt ist ziemlich leer. Fähige Frauen und Männer für die großen Ämter fallen nicht vom Himmel, sie müssen heranreifen und neben der fachlichen Qualifikation auch an die kunstfremden Aufgaben des Museumswesens herangeführt werden. Mit 35 kann man noch nicht Louvre-Chef oder Museumsgeneral in Berlin werden. Da braucht es Erfahrung, eine gereifte Persönlichkeit und kulturpolitisches Geschick; so etwas muss heranwachsen. Die Förderung der jungen Führungstalente wird aber in den deutschen Museen sträflich vernachlässigt. Oft liegt es am übergroßen Ego der Chefs, oder die Arbeitsbedingungen in unterfinanzierten Häusern sind so prekär, dass begabte Kustoden ihre Talente nicht zur Geltung bringen können.

Jedenfalls ist bei der Nachwuchsförderung in den letzten zehn, zwanzig Jahren einiges schief gelaufen. Jetzt haben die deutschen Museen ein ausgewachsenes Personalproblem; und dies paradoxerweise bei verbreiteter Arbeitslosigkeit unter Kunsthistorikern und massenhaften Bewerbungen für die wenigen frei werdenden Museumsstellen. Doch geht es um die Chefposten in den großen Häusern oder gar um die Lenker der Museumstanker in Berlin, München oder Dresden, dann wird die Luft dünn. München hat es gerade noch einmal geschafft, mit Bernhard Maaz (vorher Dresden) einen hervorragenden Mann – sehr guter Ausstellungsmacher, universaler Kenner, Intellektueller, erfahrener Bauorganisator und Diplomat in einem – für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zu finden. Doch was passiert in Dresden, wo der Museumsgeneral Hartwig Fischer nach nur vier Jahren ans British Museum in London wechselt? Dort trifft er auf seinen Dresdner Vorgänger Martin Roth – auch er ein brillanter Kandidat für höchste Museumsaufgaben, der ins Ausland auswich und jetzt mit viel Fortüne das Victoria and Albert Museum führt. In Dresden ist derweil noch völlig unklar, wie die Lücke an der Spitze zu schließen ist, während Hamburg erst nach einem quälend langen Prozess mit Christoph Vogtherr endlich einen geeigneten neuen Direktor gefunden hat.

Vogtherr, noch leitet er die Wallace Collection in London, ist einer der wenigen Rückkehrer nach Deutschland. Der Migrationsstrom der Direktoren indes geht eindeutig die Gegenrichtung. Nicht nur London profitiert davon, auch in Zürich ist man sehr froh über den Schwaben Christoph Becker, der im Kunsthaus viel bewegt hat und dem man törichterweise die Generaldirektion der Berliner Museen nicht geben wollte – die Schweizer haben den gescheiterten Wechsel dankbar zur Kenntnis genommen. Auch Christoph Heinrich, der jahrelang die Gegenwartsabteilung der Hamburger Kunsthalle leitete und dort mit legendären Ausstellung in bester Erinnerung ist, wurde von deutschen Kulturdezernenten in seinem Potential verkannt und zog schließlich ans Art Museum in Denver. Dort ist er mittlerweile zum allseits beliebten Chef des Hauses aufgestiegen. Wie es heißt, verspürt er keinerlei Neigung, nach Deutschland zurückzukehren.

Ist Deutschland nicht mehr attraktiv genug für ehrgeizige Museumsleute? Bietet das Ausland bessere Möglichkeiten für eine Direktorenkarriere als die reiche Bundesrepublik mit ihrer unvergleichlich dichten Museumslandschaft? Man kann es sich eigentlich kaum vorstellen, aber der Eindruck drängt sich auf, wenn man allein die Postenbesetzungen der letzten zwei Jahre verfolgt hat. Nicht nur London mit Fischer und San Francisco mit Hollein, auch Florenz hat mit Eike Schmidt und Cecilie Holberg zwei Deutsche für die Chefsessel der Uffizien und der Accademia (Heimstatt von Michelangelos „David“) gewonnen. Julia Nauhaus, die trotz gewichtiger Proteste von ignoranten Lokalpolitikern aus dem Lindenau-Museum in Altenburg vertrieben wurde, hat in der Gemäldegalerie der Wiener Akademie dankbare neue Arbeitgeber gefunden. In die Donaumetropole zog es auch Stefan Weppelmann, der als Kustos der Berliner Gemäldegalerie für frischen Wind sorgte und Publikumsmagneten wie „Gesichter der Renaissance“ oder die jüngste Botticelli-Ausstellung konzipierte. Er leitet jetzt die weltberühmte Bildersammlung des Kunsthistorischen Museums – während die Berliner Gemäldegalerie den freiwerdenden Direktorenposten gar nicht erst neu besetzt, sondern der bislang nicht sehr energetische Museumsgeneral Michael Eissenhauer das Museum in Personalunion mit übernehmen wird: keine sehr kühne Entscheidung für die deutsche Hauptstadt. Eine tolle Museumsfrau, der man jedes Amt bedenkenlos zutrauen würde, ist Nina Zimmer, die am Basler Kunstmuseum rasch zur Vizedirektorin aufstieg. Jetzt wird die Deutsche das Kunstmuseum und das Paul-Klee-Zentrum in Bern übernehmen – und damit auch das heikle Erbe von Cornelius Gurlitt.

Bitte nicht falsch verstehen: Es geht hier keineswegs um einen Museumsnationalismus, schon gar nicht um eine Forderung nach Deutschen in deutschen Museen. Das wäre mehr als dumm, so international wie die Kunstwelt ausgerichtet ist. Da gehören Direktorenwanderungen ganz selbstverständlich dazu. Trotzdem muss es zu denken geben, wenn eine so ansehnliche Riege von Spitzenkräften das Ausland als Arbeitsplatz vorzieht. Woran liegt es? Fördern Bürokratie, kulturlose Politiker und Sparzwänge den Strom ins Ausland? Sicher liegt es auch an der kunsthistorischen Ausbildung, die hierzulande auch ohne Privatschulen und teure Eliteuniversitäten immer noch sehr gut ist; ein lohnendes Reservoir für ausländische Personalchefs. Die deutschen Museen arbeiten sehr international, sind also gute Schulen für künftige Weltenbummler. Vielleicht auch ein Grund: Als Kulturland zieht Deutschland weithin die Blicke auf sich; da interessiert man sich zwangsläufig in aller Welt auch für die hiesigen Museumsleute. Jeder der Emigranten wird zudem seine ganz persönlichen Gründe für den Umzug ins Ausland haben. Und dennoch: Fatal wäre es, sollte Deutschland für ehrgeizige Museumsdirektoren nicht mehr attraktiv genug sein.

Liebe Leser, mit diesem Artikel beginne ich meinen Blog auf unserer neuen WELTKUNST-Webseite. Künftig werde ich an dieser Stelle aktuelle Ereignisse und Entwicklungen in der Kunstwelt kommentieren. Auch der Kunstmarkt wird natürlich eine Rolle spielen. Die Texte sollen in lockerer, unregelmäßiger Folge erscheinen. Und keine Bange, die wenigstens werden so lang sein wie dieser.

24.03.2016 Susanne Schreiber

Wider die Biederkeit

Firmensammlungen spielen eine große Rolle auf dem Kunstmarkt. Doch oft werden nur Werke gesammelt, die nicht anecken. Es geht auch anders

Mit dem Erwerb von Kunst schaut ein Unternehmen über den Tellerrand seiner Branche hinaus und spiegelt die Gesellschaft. Mitarbeiter erfahren, wie die zeitgenössische Kunst tickt, Geschäftspartner lassen sich bei einer Vernissage elegant umgarnen, noble Coffee-Table-Books dokumentieren die auf dem Markt erworbenen Trophäen. Galerien und Messen leben von Privatsammlern, aber auch von Unternehmen. Sie sind eine wichtige Säule im internationalen Marktgeschehen. Jährlich dürfen Direktoren größerer Firmen sechsstellige Beträge für die Corporate Collection ausgeben.
Wer die herausragenden deutschen Firmensammlungen ins Auge fasst, stellt fest, dass es so etwas wie eine geheime Regel geben könnte. Kaufe so, dass sich kein Mitarbeiter schämen muss, dass die Sujets nette Gesprächseröffnungen nahelegen, aber niemanden in Verlegenheit bringen. In diesem Rahmen ist – selbstverständlich – Abstraktion Trumpf. Sie lässt alles offen und tut keinem weh. Dazu die Phalanx figurativer Maler, die seit den Siebzigerjahren Deutschland repräsentieren: Richter, Polke, Baselitz, Immendorff und Lüpertz. Bei solchen Sammelstrategien bleiben zwei Sujets so gut wie immer außen vor: politisch kämpferische Kunst und die Huldigung an den meist weiblichen unbekleideten Körper in der Aktmalerei. Und wenn es in einer Firmensammlung dann doch mal eine Nackte zu sehen gibt, dann verunklärt die malerische Geste, was die Mitarbeiterschaft beschämen könnte.

Es geht auch weniger bieder, weniger ängstlich, weniger konventionell. Der österreichische Stromanbieter Verbund leistet sich seit 2004 eine Kunstsammlung mit zwei Schwerpunkten: der feministischen Avantgarde und einem Komplex zu raumspezifischen Arbeiten. Als die Frauen während der Studentenrevolte gegen geschlechterspezifische Grenzen der Gesellschaft Sturm liefen, ersetzten sie den männlichen Blick auf den weiblichen Körper durch einen mal schonungslosen, mal komischen weiblichen Blick. Malerei und Bildhauerei waren Männerdomänen, also wurde der weibliche Körper zum künstlerischen Material für Foto, Film und Performances, die ein Ziel hatten: das vorherrschende Bild der Frau zu verändern. Das Mittel: Sexualität zu enttabuisieren, denn sie berührt jeden.

Verbund hat mittlerweile große Konvolute von Birgit Jürgenssen, Cindy Sherman, Francesca Woodman (Abb. oben) und Penny Slinger erworben. Meist, als die Preise noch niedrig waren. Denn der Marktwert für Künstlerinnen ist sowieso meist geringer als der für ihre männlichen Kollegen. Viele der feministischen Künstlerinnen haben längst keine Galerien mehr, und wenn doch, dann steigen sie nur langsam im Preis.

Systematische Ausstellungen und wissenschaftliche Publikationen machten zugleich die wiederentdeckten feministischen Künstlerinnen und das Unternehmen Verbund in der Szene bekannt. Die Folge: Die Preise ziehen an. Der Wert der Sammlung hat sich in acht Jahren um 80 Prozent erhöht. Die Entscheidung, Werke von zumeist übersehenen Künstlerinnen anzukaufen, war in jeder Hinsicht lohnend. Diese einmalige Erfolgsgeschichte zeigt, dass sich ein Unternehmen nicht nur mit üblichen Standardwerken schmücken, sondern mit Mut zu einem ungewöhnlichen Schwerpunkt profilieren und aus dem Mainstream der Firmensammlungen abheben kann.

Nix für ungut, Ihre Marktfrau

24.03.2016 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist beim Dhaka Art Summit

Ein Besuch im Parlamentsgebäude und bei einem Gipfeltreffen der Kunst

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Seit Langem wollte ich mir das berühmte Gebäude in Dhaka, Bangladesch ansehen, das Louis I. Kahn ab den Sechzigerjahren gebaut hat: das Jatiya Sangsad Bhaban, den Sitz des Nationalparlaments.

Warum interessierte Sie dieser Bau?

Es ist einer der wichtigsten Bauten der jüngeren Architekturgeschichte, ein riesiger Komplex auf 800.000 Quadratmetern. Die Planung begann 1961, damals war Bangladesch noch Ost-Pakistan. Nachdem Le Corbusier und Alvar Aalto abgesagt hatten, bekam glücklicherweise Kahn den Auftrag. Das Gebäude spielt eine große Rolle in dem Dokumentarfilm über ihn, »My Architect«, den man sich unbedingt ansehen sollte. Wegen des Bürgerkriegs um die Unabhängigkeit Bangladeschs waren die Arbeiten lange unterbrochen. Erst 1983 wurden sie abgeschlossen, neun Jahre nach Kahns Tod.

Inwiefern ist es architektonisch besonders?

Diese unglaubliche Mischung aus einer fast prähistorischen Dimension und einer sehr modernen Architektur. Der Amerikaner Kahn hat sich wirklich auf die lokale Tradition eingelassen, es gibt viele örtliche Bezüge in den Formen. Und er hat das Licht ins Zentrum seines Masterplans gerückt. Diese unglaublichen Lichtfraktionen kann man über Abbildungen gar nicht vermitteln, man begreift sie erst vor Ort, wenn man das Gebäude begehen kann. Das Innen ist dort Außen und das Außen ist Innen.

Innenansicht des Parlamentes von Dhaka (Foto: Jens Schwarz/ laif)

Was meinen Sie damit?

Es ist einerseits ein Bunker und andererseits sehr offen, wegen des Lichts, das von überall ins Gebäude fällt. Mir fiel sofort das Zitat von Isa Genzken ein: »More Light Research«, mehr Lichtrecherche. Genzken bezieht das natürlich auf ihr eigenes Werk, aber hier bei Kahn stimmt es auch. Was mich außerdem beeindruckt hat, ist die Leere im Gebäude, ständig sind Lücken zu sehen. Und natürlich wie schön es in die Landschaft eingefügt ist, in das Grün und an den See. Leider ist der Komplex aus Sicherheitsgründen heute komplett abgeriegelt. Man muss seinen Pass abgeben, überall sind bewaffnete Wächter zu sehen. Das ist sehr schade, weil die Architektur ja genau das Gegenteil ausdrücken wollte: eine Öffnung, eine Einladung an die Bevölkerung.

Warum waren Sie in Bangladesch?

Ich war eingeladen zum Dhaka Art Summit, das von der Familie Samdani veranstaltet wird zur Förderung zeitgenössischer lokaler und westlicher Kunst; angesichts der politischen Lage ein geradezu heroischer Akt. Das Summit ist keine Messe, sondern eine Plattform, die anschließend mit ihrem Programm tourt. Es waren Arbeiten etwa von Lynda Benglis und Tino Sehgal zu sehen. Besonders überraschend war Dayanita Singh aus Indien, die ihr »Museum des Zufalls« gezeigt hat. Ihr geht es darum, dass man Fotografie nicht nur im Museums- oder Galerieumfeld sieht, sondern für alle zugänglich macht. Sie hatte ihre portable Ausstellung mitgebracht, 88 Quadraturen, Bilder, die paarweise auf der Vorder- und Rückseite eines Buchs zu sehen sind und immer wieder neu arrangiert werden.

Sie haben mit ihr einen Talk gemacht, der im Netz zu finden ist …

Ja, unter www.dayanitasingh.com. Was mir noch wichtig ist: Bei jedem Summit wird ein junger lokaler Künstler mit einem Förderpreis ausgezeichnet, diesmal ging er an Rasel Chowdhury, dessen Fotografien die Umweltprobleme seiner Heimatstadt Dhaka dokumentieren. Der Preis wurde kuratiert vom neuen Leiter der Kunsthalle Zürich Daniel Baumann.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese das Buch des Architekten Claude Parent, der kürzlich verstarb, und seines Schülers Jean Nouvel. Darin finden Sie viele nicht realisierte Entwürfe. Deshalb heißt das Buch übersetzt »Kommende Museen«.

24.03.2016 Tillmann Prüfer

Starpianisten im Wohnzimmer

Das Selbstspiel-System »Spirio« von Steinway erneuert die alte Idee des automatischen Klaviers – mit digitaler Technik von heute

Klavier spielen zu können war einmal erste Bürgerflicht. Das Bildungsbürgertum definierte sich über die Musik, vor allem die Hausmusik, also musste in jedem Haushalt ein Instrument stehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es allein in Berlin 250 Klavierfabrikanten. Zu dieser Zeit hatte der heute berühmteste aller Klavierbauer das Land schon längst verlassen.

Der Tischlermeister Heinrich Engelhard Steinweg aus Seesen im Harz war 1850 in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Dort nahm er bald den Namen an, der heute eine Legende ist: Steinway. Die Firma Steinway&Sons, die er zusammen mit seinen Söhnen gründete, wurde bald zum Synonym für hochwertige Konzertflügel. 1880 gründete Steinway eine Gesellschaft in Hamburg, die noch heute Flügel in alle Welt liefert.

Eine Fabrikansicht von 1880 (Foto: Steinway SPIRIO)

Um einen guten Flügel zu bauen, braucht man erfahrene Klavierbaumeister, hochwertige Materialien und viel Zeit. Für einen modernen Steinway werden Hölzer wie Ahorn, Whitewood, Fichte, Mahagoni und Bubinga verwendet. Die Fertigstellung eines Flügels dauert etwa ein Jahr. Für das Gehäuse des Instruments, die sogenannte Raste, müssen verschieden harte und weiche Hölzer in Schichten miteinander verleimt werden. Die weichen Schichten ermöglichen die Klangdynamik, das harte Holz gibt dem Flügel Struktur.

Die charakteristische geschwungene Gestalt des Flügels wird durch eine Form erreicht, in die die verleimten Panele gespannt werden. In diese Rast wird später der Resonanzboden eingefügt, das wohl wichtigste Stück Holz in einem Flügel. Dafür wird Fichte aus Höhenlagen verwendet. Die Bäume wachsen dort sehr langsam, entsprechend dicht ist das Holz. Bis es für einen Steinway bereit ist, muss es mehrere Jahre in einem klimatisierten Raum lagern. Der Resonanzboden mit dem aufgeleimten Hartholzsteg und den darunterliegenden Rippen wird mit der inneren Rast verleimt. So bilden alle Teile eine Einheit – den Klangkörper. Als Herz des Flügels wird die 150 Kilogramm schwere gusseiserne Platte eingesetzt, die mit bis zu 243 Saiten bespannt ist. Die Tasten des Instruments, über die die Saiten angeschlagen werden, sind heute nicht mehr aus Elfenbein, sondern aus einem Kunststoff.

Platte eines Flügels
Die gusseiserne Platte wiegt 150 Kilogramm (Foto: Steinway SPIRIO)

Seit langer Zeit werden Flügel so gebaut. Und doch gibt es auch in diesem Handwerk immer wieder Innovationen. Bei Steinway hat man nun das Selbstspiel-System »Spirio« vorgestellt. Es ermöglicht, das eigene Wohnzimmer in einen Konzertsaal zu verwandeln. Dafür ist im Gehäuse des Flügels eine Mechanik verborgen, die digital gesteuert die Klanghämmer schlagen lässt. Und zwar genauso, wie es professionelle Pianisten tun würden. Diese spielen die Stücke nämlich auf einem Werks-Steinway ein, sodass sie später automatisch wiedergegeben werden können. Damit ist »Spirio« eine Neuschöpfung der alten automatischen Klaviere, der Pianolas. Sie wurden schon um 1900 hergestellt – allerdings mit Lochkartensystem. »Spirio« hingegen lässt sich über ein Tablet steuern. Damit kann ein Steinway nun die Interpretation eines Starpianisten wiedergeben. Einen Flügel im Wohnzimmer stehen zu haben ist noch heute ein Statussymbol. Und nun muss man nicht einmal mehr Klavier spielen können, um ihn zu hören.

15.03.2016 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist unterwegs bei den "Engadin Art Talks"

Was machen gestickte Schneeflocken in der Galerie Tschudi, den italienischen Maler Giorgio Griffa und Ibrahim Mahama aus Ghana in der Schweiz?

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?

Ich komme gerade aus dem Engadin zurück, das immer ein inspirierender Ort war und ist. Nietzsche etwa hat dort »Also sprach Zarathustra« geschrieben …

…und Sie haben eine Ihrer ersten Ausstellungen im Engadin gemacht, mit Gerhard Richter in Sils-Maria.

Ja, damals haben wir erstmals seine übermalten Fotos ausgestellt, und es ist im Verlag Walther König ein Künstlerbuch von Richter erschienen. Das Engadin ist wieder stärker in den Blick geraten. Ich fahre seit meiner Kindheit hin, und es ist wirklich wahr, dass man dort oben im Hochtal auf 2000 Metern anders denkt: Das Licht des Sü­dens trifft das Licht des Nordens, Skandina­vien trifft auf Italien. Diese Situation reizt Künstler natürlich. Und Denker wie Alexan­ der Kluge und Habermas, die jedes Jahr da sind. Der Maler Albert Oehlen hat mir er­ zählt, dass er viel Zeit im Engadin verbringt, er ist mit seinem Atelier in die Voralpen ge­zogen, nach Appenzell, dorthin, wo Robert Walser seine berühmten Spaziergänge gemacht hat.

Installation von Pipilotto Rist im Künstlerhotel Castell (Foto: hotelcastell.ch)

Zuletzt hörte man vom Engadin vor allem im Zusammenhang mit dem Kunstmarkt in St. Moritz und der Eröffnung von Vito Schnabels Galerie.

Das ist ein Aspekt und gleichzeitig ist das Engadin so viel mehr! Es ist Sils­Maria, das Nietzsche­Museum, wo man bis heute seine handschriftlichen Notizen einsehen kann, auch Giacometti spielt im Engadin eine große Rolle. Es gibt neben dem Ober­ engadin auch das Unterengadin, von dort kommt der bekannteste Künstler der Gegend, der Maler und Architekt Not Vital. Er hat im Unterengadin ein architektonisches Ge­samtkunstwerk gebaut mit Pavillons, Brü­cken, Stegen. Neben Sils gibt es Zuoz, wo ich in den letzten Jahren immer hingefahren bin und im Künstlerhotel Castell gewohnt habe. Dort sind Installationen von Pipilotti Rist und von Carsten Höller zu sehen. Und seit fünf Jahren finden die »Engadin Art Talks« statt, die Daniel Baumann, Beatrix Ruf, Philip Ursprung und ich gemeinsam leiten.

Diesmal ging es um Spuren und Fragmente.

Ja, zu Gast war unter anderem der groß­artige italienische Künstler Giorgio Griffs, der in seinen minimalen Gemälden seit über 50 Jahren Spuren und Fragmente malt. Er schafft dadurch eine besondere Form von Konversation. Aus Ghana war Ibrahim Mahama da, der auf der letzten Biennale den langen Korridor gebaut hat. Im Engadin hat er gezeigt, wie er in Ghana ganze Gebäude mit Spuren und Fragmenten bedeckt – und dadurch die Häuser reaktiviert. Koo Jeong A hat mit Magneteffekten gearbeitet, und Rachel Rose hat mit Filmen neue Formen des digitalen Editierens gezeigt, also digitale Fragmente. Ich will aber noch von weiteren Eindrücken aus dem Engadin berichten. Diesmal konnte man beispielsweise in der Galerie Tschudi in Zuoz Schneeflocken ent­decken.

Bethan Huws, "Mae'n Bwrw Eira, 2015", Galerie Tschudi, Zuoz (Foto: Ralph Feiner)

Schneeflocken?

Ja, von Bethan Huws, es waren ge­stickte Schneeflocken, inspiriert vom Engadin, fantastisch. Bei Tschudi ist bis Ende März eine Gruppenausstellung zu sehen, die auf die dreißig Jahre seit Gründung der Ga­lerie zurückblickt.

Sie klingen wirklich euphorisch, wenn Sie vom Engadin sprechen!

Ich kann Ihnen nur sagen: Man kann dort besser denken. Die meisten meiner Ideen kommen aus diesem Tal.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese gerade das Buch »Inside Out« des Architekten Richard Rogers, der gemeinsam mit Renzo Piano das Centre Pompidou in Paris gebaut hat. Seine Idee, dass wir eine schönere Stadt verlassen wollen als die, in die wir hineingeboren sind, hat mir sehr gefallen. Für mich ist es eine interessante Analogie zu meiner eigenen Tätigkeit, dem Kuratieren von Kunst.