Sebastian Preuss

ist stellvertretender Chefredakteur der WELTKUNST und von KUNST UND AUKTIONEN. Er kommentiert, was ihn aufregt oder erfreut im Kunstbetrieb.

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Christoph Amend

ist Chefredakteur des ZEITmagazins und Herausgeber von WELTKUNST und KUNST UND AUKTIONEN. Jeden Monat befragt er den Kurator Hans Ulrich Obrist nach seinen Entdeckungen.

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Tillmann Prüfer

ist Style Director des ZEITmagazin. Er stellt jeden Monat herausragende Leistungen der Handwerkskunst vor.

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Annegret Erhard

Annegret Erhard ist ehemalige Chefredakteurin von KUNST UND AUKTIONEN. Den Markt beobachtet sie seit vielen Jahren.

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24.03.2016 Susanne Schreiber

Wider die Biederkeit

Firmensammlungen spielen eine große Rolle auf dem Kunstmarkt. Doch oft werden nur Werke gesammelt, die nicht anecken. Es geht auch anders

Mit dem Erwerb von Kunst schaut ein Unternehmen über den Tellerrand seiner Branche hinaus und spiegelt die Gesellschaft. Mitarbeiter erfahren, wie die zeitgenössische Kunst tickt, Geschäftspartner lassen sich bei einer Vernissage elegant umgarnen, noble Coffee-Table-Books dokumentieren die auf dem Markt erworbenen Trophäen. Galerien und Messen leben von Privatsammlern, aber auch von Unternehmen. Sie sind eine wichtige Säule im internationalen Marktgeschehen. Jährlich dürfen Direktoren größerer Firmen sechsstellige Beträge für die Corporate Collection ausgeben.
Wer die herausragenden deutschen Firmensammlungen ins Auge fasst, stellt fest, dass es so etwas wie eine geheime Regel geben könnte. Kaufe so, dass sich kein Mitarbeiter schämen muss, dass die Sujets nette Gesprächseröffnungen nahelegen, aber niemanden in Verlegenheit bringen. In diesem Rahmen ist – selbstverständlich – Abstraktion Trumpf. Sie lässt alles offen und tut keinem weh. Dazu die Phalanx figurativer Maler, die seit den Siebzigerjahren Deutschland repräsentieren: Richter, Polke, Baselitz, Immendorff und Lüpertz. Bei solchen Sammelstrategien bleiben zwei Sujets so gut wie immer außen vor: politisch kämpferische Kunst und die Huldigung an den meist weiblichen unbekleideten Körper in der Aktmalerei. Und wenn es in einer Firmensammlung dann doch mal eine Nackte zu sehen gibt, dann verunklärt die malerische Geste, was die Mitarbeiterschaft beschämen könnte.

Es geht auch weniger bieder, weniger ängstlich, weniger konventionell. Der österreichische Stromanbieter Verbund leistet sich seit 2004 eine Kunstsammlung mit zwei Schwerpunkten: der feministischen Avantgarde und einem Komplex zu raumspezifischen Arbeiten. Als die Frauen während der Studentenrevolte gegen geschlechterspezifische Grenzen der Gesellschaft Sturm liefen, ersetzten sie den männlichen Blick auf den weiblichen Körper durch einen mal schonungslosen, mal komischen weiblichen Blick. Malerei und Bildhauerei waren Männerdomänen, also wurde der weibliche Körper zum künstlerischen Material für Foto, Film und Performances, die ein Ziel hatten: das vorherrschende Bild der Frau zu verändern. Das Mittel: Sexualität zu enttabuisieren, denn sie berührt jeden.

Verbund hat mittlerweile große Konvolute von Birgit Jürgenssen, Cindy Sherman, Francesca Woodman (Abb. oben) und Penny Slinger erworben. Meist, als die Preise noch niedrig waren. Denn der Marktwert für Künstlerinnen ist sowieso meist geringer als der für ihre männlichen Kollegen. Viele der feministischen Künstlerinnen haben längst keine Galerien mehr, und wenn doch, dann steigen sie nur langsam im Preis.

Systematische Ausstellungen und wissenschaftliche Publikationen machten zugleich die wiederentdeckten feministischen Künstlerinnen und das Unternehmen Verbund in der Szene bekannt. Die Folge: Die Preise ziehen an. Der Wert der Sammlung hat sich in acht Jahren um 80 Prozent erhöht. Die Entscheidung, Werke von zumeist übersehenen Künstlerinnen anzukaufen, war in jeder Hinsicht lohnend. Diese einmalige Erfolgsgeschichte zeigt, dass sich ein Unternehmen nicht nur mit üblichen Standardwerken schmücken, sondern mit Mut zu einem ungewöhnlichen Schwerpunkt profilieren und aus dem Mainstream der Firmensammlungen abheben kann.

Nix für ungut, Ihre Marktfrau

24.03.2016 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist beim Dhaka Art Summit

Ein Besuch im Parlamentsgebäude und bei einem Gipfeltreffen der Kunst

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Seit Langem wollte ich mir das berühmte Gebäude in Dhaka, Bangladesch ansehen, das Louis I. Kahn ab den Sechzigerjahren gebaut hat: das Jatiya Sangsad Bhaban, den Sitz des Nationalparlaments.

Warum interessierte Sie dieser Bau?

Es ist einer der wichtigsten Bauten der jüngeren Architekturgeschichte, ein riesiger Komplex auf 800.000 Quadratmetern. Die Planung begann 1961, damals war Bangladesch noch Ost-Pakistan. Nachdem Le Corbusier und Alvar Aalto abgesagt hatten, bekam glücklicherweise Kahn den Auftrag. Das Gebäude spielt eine große Rolle in dem Dokumentarfilm über ihn, »My Architect«, den man sich unbedingt ansehen sollte. Wegen des Bürgerkriegs um die Unabhängigkeit Bangladeschs waren die Arbeiten lange unterbrochen. Erst 1983 wurden sie abgeschlossen, neun Jahre nach Kahns Tod.

Inwiefern ist es architektonisch besonders?

Diese unglaubliche Mischung aus einer fast prähistorischen Dimension und einer sehr modernen Architektur. Der Amerikaner Kahn hat sich wirklich auf die lokale Tradition eingelassen, es gibt viele örtliche Bezüge in den Formen. Und er hat das Licht ins Zentrum seines Masterplans gerückt. Diese unglaublichen Lichtfraktionen kann man über Abbildungen gar nicht vermitteln, man begreift sie erst vor Ort, wenn man das Gebäude begehen kann. Das Innen ist dort Außen und das Außen ist Innen.

Innenansicht des Parlamentes von Dhaka (Foto: Jens Schwarz/ laif)
Innenansicht des Parlamentes von Dhaka (Foto: Jens Schwarz/ laif)

Was meinen Sie damit?

Es ist einerseits ein Bunker und andererseits sehr offen, wegen des Lichts, das von überall ins Gebäude fällt. Mir fiel sofort das Zitat von Isa Genzken ein: »More Light Research«, mehr Lichtrecherche. Genzken bezieht das natürlich auf ihr eigenes Werk, aber hier bei Kahn stimmt es auch. Was mich außerdem beeindruckt hat, ist die Leere im Gebäude, ständig sind Lücken zu sehen. Und natürlich wie schön es in die Landschaft eingefügt ist, in das Grün und an den See. Leider ist der Komplex aus Sicherheitsgründen heute komplett abgeriegelt. Man muss seinen Pass abgeben, überall sind bewaffnete Wächter zu sehen. Das ist sehr schade, weil die Architektur ja genau das Gegenteil ausdrücken wollte: eine Öffnung, eine Einladung an die Bevölkerung.

Warum waren Sie in Bangladesch?

Ich war eingeladen zum Dhaka Art Summit, das von der Familie Samdani veranstaltet wird zur Förderung zeitgenössischer lokaler und westlicher Kunst; angesichts der politischen Lage ein geradezu heroischer Akt. Das Summit ist keine Messe, sondern eine Plattform, die anschließend mit ihrem Programm tourt. Es waren Arbeiten etwa von Lynda Benglis und Tino Sehgal zu sehen. Besonders überraschend war Dayanita Singh aus Indien, die ihr »Museum des Zufalls« gezeigt hat. Ihr geht es darum, dass man Fotografie nicht nur im Museums- oder Galerieumfeld sieht, sondern für alle zugänglich macht. Sie hatte ihre portable Ausstellung mitgebracht, 88 Quadraturen, Bilder, die paarweise auf der Vorder- und Rückseite eines Buchs zu sehen sind und immer wieder neu arrangiert werden.

Sie haben mit ihr einen Talk gemacht, der im Netz zu finden ist …

Ja, unter www.dayanitasingh.com. Was mir noch wichtig ist: Bei jedem Summit wird ein junger lokaler Künstler mit einem Förderpreis ausgezeichnet, diesmal ging er an Rasel Chowdhury, dessen Fotografien die Umweltprobleme seiner Heimatstadt Dhaka dokumentieren. Der Preis wurde kuratiert vom neuen Leiter der Kunsthalle Zürich Daniel Baumann.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese das Buch des Architekten Claude Parent, der kürzlich verstarb, und seines Schülers Jean Nouvel. Darin finden Sie viele nicht realisierte Entwürfe. Deshalb heißt das Buch übersetzt »Kommende Museen«.

24.03.2016 Tillmann Prüfer

Starpianisten im Wohnzimmer

Das Selbstspiel-System »Spirio« von Steinway erneuert die alte Idee des automatischen Klaviers – mit digitaler Technik von heute

Klavier spielen zu können war einmal erste Bürgerflicht. Das Bildungsbürgertum definierte sich über die Musik, vor allem die Hausmusik, also musste in jedem Haushalt ein Instrument stehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es allein in Berlin 250 Klavierfabrikanten. Zu dieser Zeit hatte der heute berühmteste aller Klavierbauer das Land schon längst verlassen.

Der Tischlermeister Heinrich Engelhard Steinweg aus Seesen im Harz war 1850 in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Dort nahm er bald den Namen an, der heute eine Legende ist: Steinway. Die Firma Steinway&Sons, die er zusammen mit seinen Söhnen gründete, wurde bald zum Synonym für hochwertige Konzertflügel. 1880 gründete Steinway eine Gesellschaft in Hamburg, die noch heute Flügel in alle Welt liefert.

Eine Fabrikansicht von 1880 (Foto: Steinway SPIRIO)
Eine Fabrikansicht von 1880 (Foto: Steinway SPIRIO)

Um einen guten Flügel zu bauen, braucht man erfahrene Klavierbaumeister, hochwertige Materialien und viel Zeit. Für einen modernen Steinway werden Hölzer wie Ahorn, Whitewood, Fichte, Mahagoni und Bubinga verwendet. Die Fertigstellung eines Flügels dauert etwa ein Jahr. Für das Gehäuse des Instruments, die sogenannte Raste, müssen verschieden harte und weiche Hölzer in Schichten miteinander verleimt werden. Die weichen Schichten ermöglichen die Klangdynamik, das harte Holz gibt dem Flügel Struktur.

Die charakteristische geschwungene Gestalt des Flügels wird durch eine Form erreicht, in die die verleimten Panele gespannt werden. In diese Rast wird später der Resonanzboden eingefügt, das wohl wichtigste Stück Holz in einem Flügel. Dafür wird Fichte aus Höhenlagen verwendet. Die Bäume wachsen dort sehr langsam, entsprechend dicht ist das Holz. Bis es für einen Steinway bereit ist, muss es mehrere Jahre in einem klimatisierten Raum lagern. Der Resonanzboden mit dem aufgeleimten Hartholzsteg und den darunterliegenden Rippen wird mit der inneren Rast verleimt. So bilden alle Teile eine Einheit – den Klangkörper. Als Herz des Flügels wird die 150 Kilogramm schwere gusseiserne Platte eingesetzt, die mit bis zu 243 Saiten bespannt ist. Die Tasten des Instruments, über die die Saiten angeschlagen werden, sind heute nicht mehr aus Elfenbein, sondern aus einem Kunststoff.

Platte eines Flügels
Die gusseiserne Platte wiegt 150 Kilogramm (Foto: Steinway SPIRIO)

Seit langer Zeit werden Flügel so gebaut. Und doch gibt es auch in diesem Handwerk immer wieder Innovationen. Bei Steinway hat man nun das Selbstspiel-System »Spirio« vorgestellt. Es ermöglicht, das eigene Wohnzimmer in einen Konzertsaal zu verwandeln. Dafür ist im Gehäuse des Flügels eine Mechanik verborgen, die digital gesteuert die Klanghämmer schlagen lässt. Und zwar genauso, wie es professionelle Pianisten tun würden. Diese spielen die Stücke nämlich auf einem Werks-Steinway ein, sodass sie später automatisch wiedergegeben werden können. Damit ist »Spirio« eine Neuschöpfung der alten automatischen Klaviere, der Pianolas. Sie wurden schon um 1900 hergestellt – allerdings mit Lochkartensystem. »Spirio« hingegen lässt sich über ein Tablet steuern. Damit kann ein Steinway nun die Interpretation eines Starpianisten wiedergeben. Einen Flügel im Wohnzimmer stehen zu haben ist noch heute ein Statussymbol. Und nun muss man nicht einmal mehr Klavier spielen können, um ihn zu hören.

15.03.2016 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist unterwegs bei den "Engadin Art Talks"

Was machen gestickte Schneeflocken in der Galerie Tschudi, den italienischen Maler Giorgio Griffa und Ibrahim Mahama aus Ghana in der Schweiz?

Herr Obrist, was haben Sie gesehen?

Ich komme gerade aus dem Engadin zurück, das immer ein inspirierender Ort war und ist. Nietzsche etwa hat dort »Also sprach Zarathustra« geschrieben …

…und Sie haben eine Ihrer ersten Ausstellungen im Engadin gemacht, mit Gerhard Richter in Sils-Maria.

Ja, damals haben wir erstmals seine übermalten Fotos ausgestellt, und es ist im Verlag Walther König ein Künstlerbuch von Richter erschienen. Das Engadin ist wieder stärker in den Blick geraten. Ich fahre seit meiner Kindheit hin, und es ist wirklich wahr, dass man dort oben im Hochtal auf 2000 Metern anders denkt: Das Licht des Sü­dens trifft das Licht des Nordens, Skandina­vien trifft auf Italien. Diese Situation reizt Künstler natürlich. Und Denker wie Alexan­ der Kluge und Habermas, die jedes Jahr da sind. Der Maler Albert Oehlen hat mir er­ zählt, dass er viel Zeit im Engadin verbringt, er ist mit seinem Atelier in die Voralpen ge­zogen, nach Appenzell, dorthin, wo Robert Walser seine berühmten Spaziergänge gemacht hat.

Installation von Pipilotto Rist im Künstlerhotel Castell (Foto: hotelcastell.ch)
Installation von Pipilotto Rist im Künstlerhotel Castell (Foto: hotelcastell.ch)

Zuletzt hörte man vom Engadin vor allem im Zusammenhang mit dem Kunstmarkt in St. Moritz und der Eröffnung von Vito Schnabels Galerie.

Das ist ein Aspekt und gleichzeitig ist das Engadin so viel mehr! Es ist Sils­Maria, das Nietzsche­Museum, wo man bis heute seine handschriftlichen Notizen einsehen kann, auch Giacometti spielt im Engadin eine große Rolle. Es gibt neben dem Ober­ engadin auch das Unterengadin, von dort kommt der bekannteste Künstler der Gegend, der Maler und Architekt Not Vital. Er hat im Unterengadin ein architektonisches Ge­samtkunstwerk gebaut mit Pavillons, Brü­cken, Stegen. Neben Sils gibt es Zuoz, wo ich in den letzten Jahren immer hingefahren bin und im Künstlerhotel Castell gewohnt habe. Dort sind Installationen von Pipilotti Rist und von Carsten Höller zu sehen. Und seit fünf Jahren finden die »Engadin Art Talks« statt, die Daniel Baumann, Beatrix Ruf, Philip Ursprung und ich gemeinsam leiten.

Diesmal ging es um Spuren und Fragmente.

Ja, zu Gast war unter anderem der groß­artige italienische Künstler Giorgio Griffs, der in seinen minimalen Gemälden seit über 50 Jahren Spuren und Fragmente malt. Er schafft dadurch eine besondere Form von Konversation. Aus Ghana war Ibrahim Mahama da, der auf der letzten Biennale den langen Korridor gebaut hat. Im Engadin hat er gezeigt, wie er in Ghana ganze Gebäude mit Spuren und Fragmenten bedeckt – und dadurch die Häuser reaktiviert. Koo Jeong A hat mit Magneteffekten gearbeitet, und Rachel Rose hat mit Filmen neue Formen des digitalen Editierens gezeigt, also digitale Fragmente. Ich will aber noch von weiteren Eindrücken aus dem Engadin berichten. Diesmal konnte man beispielsweise in der Galerie Tschudi in Zuoz Schneeflocken ent­decken.

Bethan Huws,
Bethan Huws, "Mae'n Bwrw Eira, 2015", Galerie Tschudi, Zuoz (Foto: Ralph Feiner)

Schneeflocken?

Ja, von Bethan Huws, es waren ge­stickte Schneeflocken, inspiriert vom Engadin, fantastisch. Bei Tschudi ist bis Ende März eine Gruppenausstellung zu sehen, die auf die dreißig Jahre seit Gründung der Ga­lerie zurückblickt.

Sie klingen wirklich euphorisch, wenn Sie vom Engadin sprechen!

Ich kann Ihnen nur sagen: Man kann dort besser denken. Die meisten meiner Ideen kommen aus diesem Tal.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese gerade das Buch »Inside Out« des Architekten Richard Rogers, der gemeinsam mit Renzo Piano das Centre Pompidou in Paris gebaut hat. Seine Idee, dass wir eine schönere Stadt verlassen wollen als die, in die wir hineingeboren sind, hat mir sehr gefallen. Für mich ist es eine interessante Analogie zu meiner eigenen Tätigkeit, dem Kuratieren von Kunst.

14.03.2016 Tillmann Prüfer

Zum Dahinschmelzen

Die Emailleure von Patek Philippe schaffen Uhrkunstwerke, die die Zeiten überdauern. Ihr wichtigster Verbündeter ist das Feuer

In Email zu malen bedeutet Malen für die Ewigkeit. Ist das Bild einmal gebrannt, erstarrt es zu einer glasartigen unverwüstlichen Oberfläche, die Jahrtausende überdauern kann. Die erste bekannte Emailarbeit ist 3500 Jahre alt und in mykenischen Gräbern auf Zypern gefunden worden. Auch die alten Ägypter kannten Email.

Im Mittelalter wurde Email im Rahmen der Goldschmiedekunst eingesetzt. Unter anderem wurden aus einem Golddraht Formen gebogen, die danach mit einen Schmelzpulver gefüllt wurden. Zellenschmelz oder Cloisonné nennt sich diese Kunst.

Beide Techniken, die Cloisonné und die freie Emailmalerei, spielen heute in der Uhrmacherkunst noch eine große Rolle. Mit hoher Kunstfertigkeit wird Email eingesetzt, um Zifferblätter zu gestalten. Bei der Traditionsmanufaktur Patek Philippe etwa werden beide Techniken gepflegt. Für die Zifferblätter von Armbanduhren – und für die Gehäuse prachtvoller Tischuhren.

Dom-Pendulette »Koalas« von Patek Philippe (Foto: Patek Philippe)
Dom-Pendulette »Koalas« von Patek Philippe (Foto: Patek Philippe)

Der Emailleur muss wie ein klassischer Künstler arbeiten, nur dass er kaum eine Möglichkeit hat, einen Fehler zu korrigieren. Er benutzt dabei Pinselchen, die so fein wie ein einzelnes Menschenhaar sind. Er muss die Zusammensetzung der glasartigen Emailsubstanz und der farbgebenden Metalloxide ebenso gut kennen wie die kritischen Temperaturen für den Brennofen. Bei der Email Cloisonné wird bei Pater Philippe stets Gold als Trägermaterial gewählt. Die Konturen einer Zeichnung werden mit Gold-Flachdraht nachgebildet, um die einzelnen Farbzellen zu formen. Der Golddraht wird dann mit einem feinen Klebstoff fixiert, der im Brennofen verdampft.

Nachdem die Flachdrähte geformt und festgeklebt sind, wird die Farbe und Art der Emailmasse ausgewählt, mit denen die einzelnen Farbzellen ausgefüllt werden sollen. Emailkünstler mischen ihre Masse selbst aus Glas-Basissubstanz und weiteren Komponenten zusammen, mit denen sie die gewünschte Farbe und Transparenz genau vorausbestimmen können. Hierzu verwendet jeder Künstler seine eigene Geheimrezeptur. Jetzt füllt der Emailkünstler die Zellen mit jener Emailmasse, die zuvor gemischt und vorbereitet wurde.

Email Farben
Der Emailkünstler muss genau wissen, wie sich seine Farben für die einzelnen Zellen im Brennofen verändern (Foto: Patek Philippe)

Nach jeder Farbschicht muss der Farbauftrag kurz im Ofen angebrannt werden. Danach ist er nicht mehr zu korrigieren. Alle Emailkünstler besitzen ihre eigenen Farbkarten, die sie selbst zusammenstellen und in ihrem Ofen gebrannt haben, um sicherzugehen, dass die Farben für die gegenwärtige Arbeit richtig zusammengesetzt sind. Dabei ist zu bedenken, dass die ursprüngliche Farbmischung der Einzelkomponenten in roher Pulverform nicht dem Endergebnis entspricht. Sie erhält erst nach dem Brand im Emailofen den endgültigen Ton, mit der ein neues Kunstwerk zum Leben erwacht. Der Emailleur muss also nicht nur die Mischung kennen – sondern auch, wie sie sich verändern wird. Nach sechs oder sieben Brennvorgängen bei 800 Grad kann das Kunstobjekt seine ganze Pracht entfalten.

Wenn das Bild fertig ist, kann es immer noch passieren, dass beim Brennen die Emailschicht zerspringt. Dann fängt der Emailleur wieder von vorne an. Es ist eben ein Kunsthandwerk, das eine Ewigkeit in Anspruch nehmen kann.