24.03.2016 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist beim Dhaka Art Summit

Ein Besuch im Parlamentsgebäude und bei einem Gipfeltreffen der Kunst

Was haben Sie gesehen, Herr Obrist?

Seit Langem wollte ich mir das berühmte Gebäude in Dhaka, Bangladesch ansehen, das Louis I. Kahn ab den Sechzigerjahren gebaut hat: das Jatiya Sangsad Bhaban, den Sitz des Nationalparlaments.

Warum interessierte Sie dieser Bau?

Es ist einer der wichtigsten Bauten der jüngeren Architekturgeschichte, ein riesiger Komplex auf 800.000 Quadratmetern. Die Planung begann 1961, damals war Bangladesch noch Ost-Pakistan. Nachdem Le Corbusier und Alvar Aalto abgesagt hatten, bekam glücklicherweise Kahn den Auftrag. Das Gebäude spielt eine große Rolle in dem Dokumentarfilm über ihn, »My Architect«, den man sich unbedingt ansehen sollte. Wegen des Bürgerkriegs um die Unabhängigkeit Bangladeschs waren die Arbeiten lange unterbrochen. Erst 1983 wurden sie abgeschlossen, neun Jahre nach Kahns Tod.

Inwiefern ist es architektonisch besonders?

Diese unglaubliche Mischung aus einer fast prähistorischen Dimension und einer sehr modernen Architektur. Der Amerikaner Kahn hat sich wirklich auf die lokale Tradition eingelassen, es gibt viele örtliche Bezüge in den Formen. Und er hat das Licht ins Zentrum seines Masterplans gerückt. Diese unglaublichen Lichtfraktionen kann man über Abbildungen gar nicht vermitteln, man begreift sie erst vor Ort, wenn man das Gebäude begehen kann. Das Innen ist dort Außen und das Außen ist Innen.

Innenansicht des Parlamentes von Dhaka (Foto: Jens Schwarz/ laif)
Innenansicht des Parlamentes von Dhaka (Foto: Jens Schwarz/ laif)

Was meinen Sie damit?

Es ist einerseits ein Bunker und andererseits sehr offen, wegen des Lichts, das von überall ins Gebäude fällt. Mir fiel sofort das Zitat von Isa Genzken ein: »More Light Research«, mehr Lichtrecherche. Genzken bezieht das natürlich auf ihr eigenes Werk, aber hier bei Kahn stimmt es auch. Was mich außerdem beeindruckt hat, ist die Leere im Gebäude, ständig sind Lücken zu sehen. Und natürlich wie schön es in die Landschaft eingefügt ist, in das Grün und an den See. Leider ist der Komplex aus Sicherheitsgründen heute komplett abgeriegelt. Man muss seinen Pass abgeben, überall sind bewaffnete Wächter zu sehen. Das ist sehr schade, weil die Architektur ja genau das Gegenteil ausdrücken wollte: eine Öffnung, eine Einladung an die Bevölkerung.

Warum waren Sie in Bangladesch?

Ich war eingeladen zum Dhaka Art Summit, das von der Familie Samdani veranstaltet wird zur Förderung zeitgenössischer lokaler und westlicher Kunst; angesichts der politischen Lage ein geradezu heroischer Akt. Das Summit ist keine Messe, sondern eine Plattform, die anschließend mit ihrem Programm tourt. Es waren Arbeiten etwa von Lynda Benglis und Tino Sehgal zu sehen. Besonders überraschend war Dayanita Singh aus Indien, die ihr »Museum des Zufalls« gezeigt hat. Ihr geht es darum, dass man Fotografie nicht nur im Museums- oder Galerieumfeld sieht, sondern für alle zugänglich macht. Sie hatte ihre portable Ausstellung mitgebracht, 88 Quadraturen, Bilder, die paarweise auf der Vorder- und Rückseite eines Buchs zu sehen sind und immer wieder neu arrangiert werden.

Sie haben mit ihr einen Talk gemacht, der im Netz zu finden ist …

Ja, unter www.dayanitasingh.com. Was mir noch wichtig ist: Bei jedem Summit wird ein junger lokaler Künstler mit einem Förderpreis ausgezeichnet, diesmal ging er an Rasel Chowdhury, dessen Fotografien die Umweltprobleme seiner Heimatstadt Dhaka dokumentieren. Der Preis wurde kuratiert vom neuen Leiter der Kunsthalle Zürich Daniel Baumann.

Und was beschäftigt Sie derzeit außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese das Buch des Architekten Claude Parent, der kürzlich verstarb, und seines Schülers Jean Nouvel. Darin finden Sie viele nicht realisierte Entwürfe. Deshalb heißt das Buch übersetzt »Kommende Museen«.