Interview mit Yilmaz Dziewior

„Der Anspruch der Ludwigs war, enzyklopädisch zu sammeln"

Das Museum Ludwig in Köln feiert dieses Jahr sein 50. Jubiläum. Wir sprachen mit Direktor Yilmaz Dziewior über das Erbe des Ehepaars Ludwig, japanische Pop-Art und die „Mona Lisa“ von Köln

Von Kira Breitbach
02.03.2026

Dieses Jahr feiert das Museum Ludwig sein 50. Jubiläum. Im Jahr 1976 legte die Schenkung des Ehepaars Ludwig den Grundstein für das Museum Ludwig. Wie hat dies das Haus geprägt?

Das Museum Ludwig würde es ohne diese Schenkung von Peter und Irene Ludwig nicht geben. Das war die Initialzündung. Zum einen schenkten Peter und Irene Ludwig der Stadt Köln 350 Werke und zusätzlich gaben sie eine Reihe wichtiger Dauerleihgaben, von denen viele später in Schenkungen umgewandelt wurden. Dies hat die Sammlung und Weiterentwicklung des Hauses definiert. Als die Stadt Köln damals von Irene und Peter das Angebot für diese Schenkung bekam, die neben Picasso, der sogenannten Russischen Avantgarde vor allem für ihre Pop-Art und amerikanische Gegenwartskunst bekannt war, entschied die Stadt, diese wirklich herausragende Sammlung mit der Kunst des 20. Jahrhunderts aus dem Wallraf-Richartz-Museum, größtenteils der Sammlung Josef Haubrichs, zu kombinieren.

Was ist für Sie an der Sammlung besonders?

Es ist interessant, dass Peter und Irene Ludwig schon sehr international gesammelt haben, also beispielsweise auch Kunst aus Asien und Lateinamerika. Wir haben durch die Ludwigs Huang Yong Ping in der Sammlung oder Cai Guo-Qiang, die früh von ihnen gesammelt wurden. Heute zählen sie zu den wichtigsten chinesischen Künstlern. Mit dem kuratorischen Team schauen wir, wie wir unsere Sammlung möglichst international aufstellen können – und damit meine ich nicht nur Europa und Nordamerika, sondern global. Daran haben wir in den letzten Jahren gearbeitet, indem wir zum Beispiel Arbeiten von lateinamerikanischen Künstlerinnen wie Teresa Burga oder Marta Minujín für die Pop-Art-Sammlung erworben haben. So entwickeln wir die Sammlungsgrundlage der Ludwigs weiter in die Zukunft. Außerdem versuchen wir mehr Künstlerinnen auch für unsere Klassische Moderne zu erwerben, wie Elfriede Stegemeyer für die Kölner Progressiven, oder Gabriele Münter und Maria Marc für die Blauen Reiter.

Das Ehepaar Ludwig in seinem Wohnhaus in Aachen
Das Ehepaar Ludwig 1977 in seinem Wohnhaus in Aachen. © Irene und Peter Ludwig Stiftung

Gibt es ein Werk, das für Sie symbolisch für die gesamte Sammlung steht?

Dieses eine Werk gibt es nicht. Wir feiern aber ja dieses Jahr unseren 50-jährigen Geburtstag, und da gibt es ein konkretes Werk, das wir als Anlass nehmen für eine große Retrospektive, nämlich das Werk „Compulsion Furniture, (Triebmobiliar)“ 1966 von Yayoi Kusama. Die Arbeit haben Peter und Irene Ludwig 1976 der Stadt Köln geschenkt, es war also Teil der ursprünglichen Stiftung zur Museumsgründung. Zum einen präsentieren wir diese Arbeit als Teil unserer Pop-Art-Sammlung und gleichzeitig blicken wir auf die Pop-Art aus einer japanischen Perspektive und feiern damit unsere Stärke. Für mich ist das eine herausragende Arbeit. Aber es gibt eine ganze Reihe von Werken und Künstlerinnen und Künstlern, die mir einfallen, wie beispielsweise Marisol Escobar oder das Bild „Maybe“ von Roy Lichtenstein, das wir scherzhaft die „Mona Lisa von Köln“ nennen. Wir haben in unserer Sammlung unglaublich große Schätze.

Yayoi Kusamas „Compulsion Furniture (Triebmobiliar)“ von 1966 aus der Sammlung Ludwig
Yayoi Kusamas „Compulsion Furniture (Triebmobiliar)“ von 1966 aus der Sammlung Ludwig. © Museum Ludwig Köln

Gibt es ein Kunstwerk, das Sie persönlich nicht „loslässt“?

Auch da gibt es nicht das eine. Wir zeigen im Moment eine riesige Installation „Mountains of Encounter“ von Haegue Yang, die aus roten Aluminiumjalousien und Suchscheinwerfern besteht. Was mich an dieser Installation so fasziniert ist, dass es Alltagsobjekte sind, die in diesem Fall zwar maßgeschneidert sind, aber die Grundlage sind reguläre Jalousien, die man kaufen kann. Also ein Alltagsobjekt, das wir in der Tradition von Marcel Duchamp als Ready-Made kennen. Was Haegue Yang aber macht, ist, dass sie so einen atmosphärisch dichten Raum schafft, der gleichzeitig auf bestimmte historische Ereignisse innerhalb der koreanischen Geschichte verweist und dafür ein Bild beziehungsweise eine Installation schafft, die auch ohne das Wissen um diese Geschichte funktioniert.

Wie blicken Sie denn heute auf das Werk von Peter und Irene Ludwig?

Es ist beeindruckend, wie früh Peter und Irene Ludwig die Bedeutung von Künstlern erkannt haben und wie früh sie Kunst erworben haben. Beispielsweise die Bedeutung von Jasper Jones oder Robert Rauschenberg oder auch Roy Lichtenstein. Und das Interessante in den genannten Fällen ist, dass sie dann nicht nur eine Arbeit dieser Künstler gekauft haben, sondern ganze Konvolute. Deshalb haben wir von den genannten und vielen weiteren, wie Andy Warhol oder Claes Oldenburg, umfangreiche Bestände in unserer Sammlung. Bei Peter und Irene Ludwig gibt es häufig die Vorstellung, dass sie sehr plakativ gesammelt hätten. Sie hätten vor allem Pop-Art, also eine Kunst, die eher laut und sehr zugänglich ist, gesammelt. Das stimmt nur bedingt. Gleichzeitig wird oft gesagt, dass sie hauptsächlich Arbeiten von Männern gekauft haben. Wenn man aber genauer schaut, sieht man, dass sie auch Künstlerinnen gesammelt haben, wie beispielsweise Eva Hesse, Hanne Darboven oder Marisol Escobar. Es ist interessant zu sehen, dass der Anspruch von Peter und Irene Ludwig wirklich enzyklopädisch war, was man heute vielleicht als vermessen empfinden würden. Sie wollten die bildende Kunst in all ihren Facetten auf allen Kontinenten durch ihre Sammlung abbilden – sie nannten das damals Weltkunst. Diese sogenannte Globalisierung ist heute für uns etwas viel Selbstverständlicheres, das haben die Ludwigs schon früh in ihrer Sammlung reflektiert, und das finde ich bemerkenswert.

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