Interview mit Yilmaz Dziewior

„Der Anspruch der Ludwigs war, enzyklopädisch zu sammeln"

Das Museum Ludwig in Köln feiert dieses Jahr sein 50. Jubiläum. Wir sprachen mit Direktor Yilmaz Dziewior über das Erbe des Ehepaars Ludwig, japanische Pop-Art und die „Mona Lisa“ von Köln

Von Kira Breitbach
02.03.2026

Sie leiten das Museum seit 2015. In einem Interview haben Sie mal geäußert, dies sei schon während des Studiums ihr Traum gewesen. Was macht das Haus für Sie so besonders?

Was ich jeden Tag genieße, ist die Sammlung. Sie ist absolut herausragend und hat Weltniveau. Es ist nicht von ungefähr, dass unsere Partner das MoMA in New York, das Centre Pompidou in Paris oder die Tate in London sind und wir gemeinsam Ausstellung realisieren. Zudem bin ich in der glücklichen Lage, dass das gesamte Team hier am Haus extrem kompetent ist, und ich weiß die Atmosphäre im Team sehr zu schätzen. Die Stadt Köln macht das Haus für mich auch so besonders. Eine Stadt, die dafür bekannt ist, sehr weltoffen zu sein, queeres Leben ist Teil des Selbstverständnisses und der Selbstdarstellung der Stadt. Das sind alles Aspekte, die ich zu schätzen weiß und genieße.

Was war für Sie Ihr größter Erfolg als Direktor hier?

Worüber ich mich sehr freue, ist, dass es uns mit dem Team gelungen ist, einen umfangreichen Bestandskatalog zur Sammlung zu publizieren, der mittlerweile vergriffen ist. Und wir haben vor zwei Monaten einen neuen konzentrierten Sammlungskatalog mit 146 Werken herausgegeben. Wir merken, dass gerade Touristinnen und Touristen, die ins Haus kommen, gerne auch ein Souvenir von der Sammlung mitnehmen möchten. Über diese Publikation freue ich mich sehr. Auch für die verschiedenen Auszeichnungen, die wir bekommen haben, bin ich sehr dankbar. Wir wurden beispielsweise für die Ausstellung „Otto Freundlich“ aus dem Jahr 2017 von der AICA als besondere Ausstellung ausgezeichnet. 2018 haben wir den art-Kuratorenpreis für die „James-Rosenquist-Ausstellung“ erhalten, was auch eine schöne Anerkennung ist. Und gerade jüngst wurden wir zur besten Ausstellung des Jahres 2025 für die „Fünf Freunde“-Ausstellung von der AICA ausgezeichnet. Das sind Anerkennungen, über die ich mich freue und die ich auch als Wertschätzung der Arbeit, die wir hier im Haus mit dem gesamten Team machen, sehe. Außerdem bin ich begeistert, dass es uns gelungen ist einen amerikanischen Förderkreis zu initiieren und den am Laufen zu halten. Das ist zum einen als finanzielle Unterstützung gut, aber auch als Multiplikatoren für das Haus sehr gut.

Und im Hinblick auf die Sammlung?

Wenn ich auf die letzten zehn Jahre zurückschaue, ist es so, dass wir fast 2000 Werke für die Sammlung erworben haben. Ungefähr die Hälfte davon sind Schenkungen. Wir versuchen also die Tradition von Peter und Irene Ludwig fortzusetzen. Alexander Schröder hat uns beispielsweise substanzielle Arbeiten von Kai Althoff, Cosima von Bonin oder Renée Green geschenkt. Von der Bartenbach-Familie haben wir große Fotokonvolute erhalten und von dem Ehepaar Anna Friebe-Reininghaus und Ulrich Reininghaus haben wir beispielsweise die gesamten Editionen von Sigmar Polke und Blinky Palermo erhalten. Erst letztes Jahr haben uns Herbert Meyer-Ellinger und Andreas Vowinckel ein großes Konvolut mit Arbeiten auf Papier der Klassischen Moderne gestiftet. Das Vertrauen dieser Sammlerinnen und Sammler in unsere Aktivitäten weiß ich sehr zu schätzen.

Wie alltäglich sind denn Schenkungen bei Ihnen?

Es kommt so etwa alle zwei, drei Monate vor, dass wir ein Werk als Schenkung offeriert bekommen. Es ist aber sehr selten, dass wir diese Angebote annehmen, da wir nur Werke akzeptieren, die wir zwingend für unsere Sammlung benötigen. Weil unsere Depots voll sind, müssen wir sehr selektiv sein. Wir wollen diverser werden, also verstärkt künstlerische Positionen aus Asien, Lateinamerika und Afrika für unsere Sammlungen erhalten. Auch Künstlerinnen interessieren uns sehr im historischen Teil unserer Sammlung. Also wenn Sie jemand wissen, der uns einen David Hammons schenkt oder eine Barbara Chase-Riboud, die würden beide hervorragend in unsere amerikanische Sammlung passen. Die Preise für die Werke dieser Künstlerin und dieses Künstlers sind aber leider so exorbitant hoch. Aber da würden wir uns sehr freuen, wenn wir so ein Werk geschenkt bekämen.

Blick in das Museum Ludwig Köln.
Blick in das Museum Ludwig Köln. © Alexander Fische / Museum Ludwig Köln

Glauben Sie, dass es Ihnen gelungen ist, den Kanon der Sammlung zu erweitern?

Unsere Sammlung ist schon vielfältiger, es ist aber noch ein weiter Weg die Diversität der Gesellschaft auch wirklich in unserer Sammlung abzubilden. Außerdem lernen wir permanent im Bezug auf unsere Vermittlung. Wir sind sehr daran interessiert, und wenn ich wir sage, meine ich auch wirklich das ganze Team, was unser Publikum erwartet, wie wir es involvieren können, wie – und das ist vielleicht die entscheidendste Frage – wir weiterhin relevant bleiben können, relevant für die Menschen der Stadtgesellschaft. Viele denken immer noch: Ach, das ist Hochkultur, und damit habe ich gar nichts zu tun. Ja, wir sind Hochkultur, aber wir wollen diese so niedrigschwellig wie möglich vermitteln. Zum einen wollen wir den Begriff der Hochkultur hinterfragen und gleichzeitig wollen wir sagen, selbst wenn wir hier die kunsthistorisch wichtigsten Werke zeigen, haben die etwas mit dir zu tun. Bei bekannten Künstlern gibt es auch Themen, die einen betreffen. Beispielsweise Warhol war ein queerer Mann, mit migrantische Eltern, das ist super spannend! Und wie kann man das einem Publikum vermitteln? Das sind nur einige der Fragestellungen, die uns umtreiben.

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