31.12.2016 Gloria Ehret

Stilkunde: Reisebesteck

Aus kostbaren Materialien ausgeführt, wurde das Reisebesteck und Mundzeug häufig in edlen Etuis getragen.

Jahrhundertelang aßen unsere Altvorderen feste Speisen mit drei Fingern, den Löffel ver­wendeten sie für flüssige oder breiartige Nahrung. Zum Auf­spießen konnte man sich der spitzen Messer­-klinge bedienen, die nach der Verbreitung der Gabel abgerundet wurde. Denn die Spei­segabel trat, von Italien ausgehend, ihren Sie­geszug in Europa erst im Laufe des 16. Jahrhunderts an. Die Kirche ächtete sie als „Teufelszeug“ oder „Teufelskralle“. „Gott behüte mich vor Gäbelchen“, verkündete Mar­tin Luther 1518, und Erasmus von Rotterdam schrieb 1530 zu den Tischmanieren: „Der Becher und das gut gesäuberte Messer zur Rechten, zur Linken das Brot, das ist das Tafelgedeck.“ Und: „Was gereicht wird, hat man mit drei Fingern oder mit Brotstücken zu nehmen.“
Selbst König Ludwig XIV. von Frank­reich, dem wir unsere heutige Tischkultur verdanken, „blieb der alten Sitte, mit dem Messer und den Fingern zu essen, bis an sein Ende treu“, berichtet der Herzog von Saint­ Simon. Wie auch immer der Sonnenkönig selbst aß – an seinem Hof entwickelten sich um 1670 einheitlich gestaltete Tafelservice und Besteckgarnituren, zu denen auch drei­ oder vierzinkige Speisegabeln gehörten.

Set im Bayerischen Nationalmuseum, 17. Jh.
Set im Bayerischen Nationalmuseum, 17. Jh. (Foto: Bayerisches Nationalmuseum)

Der Begriff Besteck bezog sich ursprünglich auf das Futteral, das mit den mitgeführten Utensilien „besteckt“ und am Gürtel getragen wurde. Bis weit ins 18. Jahrhundert war es unabhängig von Stand und Vermögen Brauch, sein eigenes Besteck in einem Köcher, Futteral oder Etui mit sich zu führen. In Johann Heinrich Zedlers Universal-­Lexikon aus dem Jahr 1739 ist zu lesen: „Messer­ und Löffel­-Futteral ist ein von Gold und rothem Leder überzogenes und ausgehöhltes Behältnis, worinnen ein silberner oder ziervergoldeter Löffel mit dem dazu gehörigen Messer und Gabel liegt, deren sich das Frauenzimmer bey Hochzeiten und anderen Gastereyen über der Tafel zu bedienen pflegt.“ Als beliebte Paten­ oder Hochzeitsgeschenke – vor 1700 meist Unikate – sind sie aus kostbaren Materialien dekorativ im Zeitstil ausgeführt. Wegen ihrer anschaulichen Namen seien stellvertretend die typischen stilistischen Ausprägungen „Rat­tenschwanz“ und „Wildspur“ erwähnt. Die häufig goldgeprägten Lederetuis folgen oft formal dem Inhalt und können, wie Besteck­griffe, ein Monogramm oder Wappen tragen.

Nürnberger Reisebesteck
Nürnberger Reisebesteck (Foto: Silbersuite)

Das Frankfurter Museum für angewandte Kunst hat ein Besteck vom Ende des 17. Jahr­hunderts, dessen Griffe als Basiliskenköpfe mit langen Mähnen gestaltet sind. Die Model­le gehen auf den Zürcher Goldschmied Hans Oeri zurück, von dem das Schweizer Landesmuseum in Zürich ein vergleichbares Basilis­kenbesteck besitzt. Der zugehörige Frankfur­ter Köcher mit Kette und Gürtelhaken ist reich getrieben und punziert und kann während des Tragens geöffnet und geschlossen werden. Vor allem in Deutschland waren bis ins 18. Jahrhundert auch Klappbestecke – etwa aus tauschiertem Eisen oder vergoldeter Bronze – im Futteral beliebt. Daneben gibt es zu­ sammenschraubbare Bestecke und solche, bei denen ein Schraubgriff zur Gabel oder zum Messer ergänzt werden kann. Neben Silber kommen gedrechselte oder geschnitzte Holz­ und Elfenbeingriffe vor und solche, die mit Perlmutt, Halbedelsteinen oder Bernstein ver­ziert sind. Venedig war berühmt für seine gläsernen Millefiorigriffe, während Bestecke aus Bergkristall oder Achat eher als Kunstkammer­-Objekte dienten. Ist das Reisebesteck im Etui oder Koffer um Eierbecher, Marklöffel, Gewürzdose mit zwei Fächern für Salz und Pfeffer sowie Trinkbecher oder ­-glas erweitert, spricht man von „Mundzeug“.
Die Goldschmiede-­Metropole Augsburg war nicht nur bei den üppig bestückten höfi­schen Toilettegarnituren führend; auch bei den silbernen Reisebestecken spielte sie eine tragende Rolle. Das Bayerische Nationalmuseum besitzt ein frühes achtteiliges Ensemble im „reisfässlein“ des Goldschmieds Matthäus Schmidt um 1675/80. Es enthält einen koni­schen Becher und ein Schälchen, das als Deckel dient, umfasst darüber hinaus Löffel, Gabel, Messer mit abschraubbarer Klinge, einen kleinen Löffel sowie Gewürzdose und Zahnstocher, alle Teile mit kräftigem Akanthus-­ Rankendekor. Oft sind viele Teile unglaublich geschickt in das Behältnis eingepasst.

Hans Oeris mit Basilisken verzierte Werke im Museum Angewandte Kunst Frankfurt
Hans Oeris mit Basilisken verzierte Werke im Museum Angewandte Kunst Frankfurt (Foto: Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main)

Im napoleonischen Paris waren tonnenförmige Etuis für Reisebestecke und Mundzeuge beliebt, wie ein achtteiliges Beispiel um 1809/19 mit innenvergoldetem Becher und raffiniertem Stecksystem in einer verschließba­ren Schatulle aus Nusswurzelholz mit rotem Lederfutter zeigt. Zu dem Besteck, dessen Griffe über einen Schnappverschluss verfügen, mit dem sie auf die volle Länge zusammengesteckt werden, gibt es einen eigenen Köcher, der wiederum in den Becher eingepasst wird. Griffe und Etui sind zudem mit monogrammierten Perlmutt­-Kartuschen veredelt. Die Silberteile ergänzt ein kleiner Perlmuttlöffel. Das Prachtensemble ist bei der Kunsthandlung Silbersuite für 2750 Euro zu haben. Als Folge der alsbald bei Tisch aufgelegten „Cou­verts“ mit Messer, Gabel, Löffel, Glas und Serviette sowie der Serienproduktion der Silber­fabriken verloren individuelle Reisebestecke an Bedeutung.

Service

ABBILDUNG GANZ OBEN

Praktisch und schön ist das versilberte Klappbesteck der Orfèvrerie Christofle, um 1890 (Foto: Kunsthandlung Silbersuite, Schweitenkirchen)

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WELTKUNST Nr. 115/2016