Pfaueninsel

Die Südsee von Berlin

Im Gartenreich auf der Berliner Pfaueninsel träumten ein König und seine Geliebte von Tahiti und fernen Epochen. Jetzt ist das frisch restaurierte Schloss neu zu entdecken

Von Dirk Boll
08.06.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 250

Der erste Rosengarten in Preußen

Die königlichen Gärten dienten vor allem der Versorgung des Hofes mit Obst und Gemüse, waren Wirtschaftsbetriebe und eigentlich keine Orte der Vergnügungen. Friedrich Wilhelm II. aber schien die Wildnis der Pfaueninsel bewahren zu wollen, denn unmittelbar nach dem Erwerb des Eilands untersagte er jedwedes Fällen von Bäumen. Bis heute prägen über 200 große Eichen, aber auch abgestorbene Baumriesen den natürlichen Charakter der Insel. Unter König Friedrich Wilhelm III., dem Nachfolger des ersten Bauherrn, wurde der agrarische Charakter zunächst ausgedehnt, die königliche Musterlandwirtschaft jedoch bereits ab 1817 durch den späteren Gartendirektor Peter Joseph Lenné in einen Landschaftspark umgestaltet. Dessen Bepflanzung wurde zunehmend ornamentaler. Das Wasser der Havel wirkt als Wärmereservoir und bietet der Botanik bessere Voraussetzungen als in anderen Gärten der Berlin-Potsdamer Schlösserlandschaft. Nachdem der König eine Berliner Sammlung von mehr als 12.000 Rosen erworben hatte, entstand ab 1821 der erste Rosengarten Preußens auf der Pfaueninsel. Diese wurde Teil des Potsdamer Masterplans, und neben Lenné widmete sich nun auch der visionäre Hofarchitekt Karl Friedrich Schinkel ihrem Ausbau.

Die Gestaltung der Insel folgte weiterhin dem Wunsch nach Abbild der Welt und ihrer Regionen. So wurde etwa das Kavaliershaus, ursprünglich der Gutshof der Insel, auf Schinkels Anregung mit der Fassade eines spätgotischen Danziger Bürgerhauses verblendet. Damit passte sich das Domizil der Hofangestellten nahtlos den anderen Bauten an, die pittoresk und auf Fernwirkung gestaltet wurden und Räumlichkeiten für die königliche Sommerfrische vorhielten. Die in einem frühen Akt der Denkmalpflege Stein für Stein transportierte Fassade des Kavalierhauses sollte nicht das einzige Spolium bleiben: Das ebenfalls nach einem Entwurf Schinkels ab 1830 erbaute Palmenhaus enthielt die steinernen Reste eines ostindischen Tempels. Wie beim Rosengarten gab der Erwerb einer Pflanzensammlung den Anlass: 1831 trafen 55 Palmen der Sammlung Fulchiron aus Paris auf der Insel ein. Schinkel schuf dafür eine avantgardistische Zweckarchitektur, deren Hauptfassade beinahe vollständig aus Fenstern bestand, die sich durch Kettenzüge einzeln öffnen ließen. Dass der Bau noch nicht gänzlich aus Gusseisen, sondern in vielen Bauteilen wie Türen und Fensterrahmen aus Holz bestand, wurde ihm zum Verhängnis. Im Jahr 1880 brannte das Palmenhaus ab, zum Glück ist es wenigstens durch Fotografien und zwei stimmungsvolle Gemälde Carl Blechens überliefert, Letztere sind heute im Neuen Pavillon neben dem Schloss Charlottenburg zu bewundern.

Die Gotische Brücke von 1802, eines der pittoresken Elemente im Park
Die Gotische Brücke von 1802, eines der pittoresken Elemente im Park. © Reinhardt & Sommer / Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG)

Die Umgebung des Palmenhauses wurde mit exotischen Pflanzen passend gestaltet, Lennés Planung machte statt der Südsee den Orient zum Sehnsuchtsort. Die Vegetationsfülle wurde von einer Bewässerungsanlage ermöglicht, betrieben von der ersten Dampfmaschine Preußens. Ab 1824 arbeitete die englische Konstruktion von James & John Cockerill unermüdlich gegen den Sandboden an. Rosen und Palmen, die Hauptzierpflanzen der Insel, waren sehr durstig. Trotz der guten Wasserversorgung sollte die Bepflanzung später vor allem der modischen Vorliebe für Blattgewächse folgen, die ab der Jahrhundertmitte die Begeisterung für Blühpflanzen ablöste.

Der Besuch des Pariser Jardin des Plantes hatte in Friedrich Wilhelm III. den Wunsch nach einer eigenen Menagerie geweckt. Als Standort wählte er die Pfaueninsel. Ab 1824 entstanden Käfige für Adler, Bären und Löwen, Häuser für Affen und Kängurus, eine Pagode für Wasservögel und eine große Voliere für weiteres Federvieh. Im Jahr 1832 waren es 847 Tiere. Der Stilpluralismus von Bebauung und Bepflanzung sowie die exotischen Tiere inspirierten die Assoziationswelten der flanierenden Hofgesellschaft und schon unter Friedrich Wilhelm III. an zwei Tagen pro Woche auch des breiteren Publikums. Sein Sohn, Friedrich Wilhelm IV., hatte von der Insel eher die Idealvorstellung eines Erinnerungsortes an die Epoche der Eltern und der eigenen Jugend. Die Menagerie passte nicht in dieses Bild, so wurden ihre Tiere 1842 an den neu gegründeten Berliner Zoo abgegeben. Die gestalterische Entwicklung der Insel kam zu einem Abschluss, das reduzierte Budget diente fortan der Bewahrung der historischen Gestaltung. Eine Parzellierung zum Landhausbau kurz nach dem Ersten Weltkrieg konnte verhindert werden, 1924 wurde die Pfaueninsel unter Naturschutz gestellt. Seit 1990 ist sie Weltkulturerbe, als Teil der Schlösser- und Parklandschaft, die sich von Potsdam bis in den Südzipfel Berlins erstreckt.

Heute präsentiert sich die Pfaueninsel weitgehend als eine typische Landschaft unserer Klimazone. Sie ist das Ergebnis professioneller Vernachlässigung: Je künstlicher eine Landschaft, desto höher der Pflegeaufwand – und desto schneller entwickelt sie sich zurück in ihren Ursprungszustand, sobald die Fürsorge aufhört. Die Gesamtanlage, die Bauten im Park sowie die exotischen Gehölze künden aber nach wie vor von der farbenprächtigen Vergangenheit. Und noch immer leben auf der Insel mehr als 50 Pfauen. Im Sommer verlieren die Männchen ihr prachtvolles Federkleid: In Indien ist dann Monsun, und ein nasser Pfau würde leicht zur Beute seiner Fressfeinde. Dadurch sind die Prachtvögel ausgerechnet in der Hauptbesuchszeit der Insel nicht so ansehnlich. Doch nur in der Theorie braucht dieser Ort, der als ein Paradies auf Erden konzipiert wurde, Wärme und Sonne. In der Realität können der romantischen Exotik der Pfaueninsel nicht einmal Herbstgrau oder Berliner Regen etwas anhaben.

Service

ÖFFNUNGSZEITEN

Schloss Pfaueninsel

April bis Oktober

Dienstag bis Sonntag: 10:00 bis 17:30

Besichtigung aus konservatorischen Gründen nur mit Führung, die Führungen finden auf Deutsch statt.

spsg.de

Zur Startseite