Im Gartenreich auf der Berliner Pfaueninsel träumten ein König und seine Geliebte von Tahiti und fernen Epochen. Jetzt ist das frisch restaurierte Schloss neu zu entdecken
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08.06.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 250
Während der Vorbereitung der Instandsetzung stellte man fest, dass bei der letzten Maßnahme in den Siebzigerjahren der Zementputz zwar entfernt, aber durch einen asbesthaltigen Anstrich ersetzt worden war, dessen Abtragung verschärften Sicherheitsbestimmungen unterlag. Die jetzt neu erstellte Fassade ist erstmals hinterlüftet. Um ihre Gewichtsbelastung auf das Gebäude zu reduzieren, wurde sie statt in Eiche in Nadelholz ausgeführt und mit einer am historischen Erscheinungsbild orientierten Oberfläche versehen: Der „versteinerte“, mit geglühtem Quarzsand versetzte Farbauftrag wird dazu führen, dass das Schloss recht bald seinen frischen Hochzeitstortencharakter ablegen und eine diskrete Patinierung annehmen wird.
Im Gegensatz zum rustikalen Ruinencharakter des Außenbaus präsentiert sich das Schloss im Inneren mit einer höfischen Ausstattung nach der um 1795 neuesten Mode. Dieser Kontrast sollte die unvorbereitet Eintretenden überraschen, was auch heute noch gelingt. Es ist offensichtlich, dass die Gestaltung vom Talent der königlichen Geliebten profitierte, von den Eindrücken ihrer Italienreise, vor allem aber von ihrer ästhetischen Prägung: Aufgewachsen als Tochter eines anhaltinischen Hofmusikers in Dessau, kannte sie vermutlich die klassizistischen Baumaßnahmen des dortigen Herrschers. Mehr noch als das gleichzeitig erbaute Marmorpalais transportiert das Schloss auf der Pfaueninsel einen gewissen „Wörlitzer Geist“.
Das Raumprogramm stellt ein protokollarisches Minimum für einen königlichen Aufenthalt dar: Im Erdgeschoss befinden sich neben dem Vestibül zwei Wohnräume und ein Kabinett im Turm. Im Obergeschoss gruppieren sich zwei Schlafzimmer samt Nachtstuhlkabinett um einen kleinen Festsaal, ergänzt durch die obere Entsprechung des Turmzimmers. Das Erdgeschosskabinett wurde im Stil einer Südseehütte gestaltet: das „Otaheitische Kabinett“. Louis-Antoine de Bougainville hatte Otaheite (später Tahiti) 1768 entdeckt und durch seine überschwängliche Schilderung bekannt gemacht. 1779 erschien Georg Forsters Bericht der „Weltumseglung mit Kapitän Cook“, auch er schilderte seinen Aufenthalt auf Tahiti. Die Sensation dieser Eindrücke vom anderen Ende der Welt war also noch ziemlich frisch, als Preußens König die Exotik der Südsee und die dort vermuteten paradiesischen Verhältnisse in der Havel nachbilden ließ. Das Kabinett möchte die Betrachtenden keineswegs in die Südsee verbringen, sondern die illusionistische Wandmalerei platziert das Inselschloss in der exotischen Landschaft, holt die Südsee nach Brandenburg. Die Havellandschaft wird zur Pazifikküste.
Nicht nur die Einrichtungen, sondern auch fast alle Oberflächen in den Räumen sind im Originalzustand der Erbauungszeit um 1795 erhalten. Sie entsprechen den Vorlieben des Klassizismus, wenngleich in sommerlich-einfachen Materialien. Statt Marmor gibt es im Vestibül steingrau bemalte Holzwände, statt Seide in den Wohnräumen geblümte Papiertapeten oder Bespannungen aus bedruckter Baumwolle. Diese Auswahl war weniger sparsam als avantgardistisch: Obgleich die Papiertapeten mit ihrer Gestaltung Wandbespannungen imitieren, waren sie doch eine praktische, neuartige und überaus passende Wahl. Im Unterschied zu französischen Seiden unterstützte ihr Ankauf zudem die heimische Industrie, denn sie wurden seit den 1780er-Jahren in Berliner Manufakturen hergestellt. Die vermeintlich indischen Baumwollgewebe im Obergeschoss entpuppten sich hingegen bei der Restaurierung als schweizerisch. Im Schlafzimmer entdeckte man hinter der Sockelvertäfelung die Herstellermarke „J. Scheideger“.
Die Zimmer bestimmt eine einfache, trotzdem königliche Gestaltung, herausragend der Festsaal im Obergeschoss mit geschnitzter Vertäfelung aus Schwarzpappel- und Nussbaumholz. Baudetails sind innovativ und teilweise sehr aufwendig, etwa der tönerne Ofenaufsatz in Form einer Statue der Göttin Pomona, wodurch auch die Abluft der offenen Feuerstelle zur Heizung genutzt wurde. Oder die konsequent an die Rundung der Wände angepassten Elemente in den beiden Turmkabinetten, von gebogenen Fensterscheiben bis zu konkav gewölbten Bilderrahmen. In ihren Einzelaspekten ist die Ausstattung sehr elegant, keine Spur von „Camping Royal“.
Hinter dem spektakulär gut erhaltenen Erscheinungsbild der Interieurs steckt hoher konservatorischer Aufwand. Unter der Maßgabe geringstmöglicher Eingriffstiefe wurden alle Oberflächen analysiert und nur im Bedarfsfall behandelt. Mit Laser reinigte man die Papiertapeten, wo frühere Retuschen (oder die Hände des Publikums) dunkle Verfärbungen hinterlassen hatten; abgelöste Kanten wurden neu verleimt. Die Baumwollgewebe im „Otaheitischen Kabinett“ und in den Schlafzimmern wurden von Putzbeuteln befreit, die entstehen, wenn sich abfallende Wandpartikel hinter den Stoffen ansammeln. Böden und Holztäfelungen wurden von speckigen Nutzungsspuren befreit, die Schuhe oder Reinigungsgerätschaften hinterlassen hatten. Das besonders aufwendige Furnier der Festsaalwände barg unter Schmutz und Staub eine Überraschung: die originale Bienenwachspolitur. Sie wurde unter Erwärmung zu neuem Glanz gebracht und ist eine ebenso authentische Oberfläche aus der Erbauungszeit wie die Papier- und Stoffbahnen der Wohnräume.
Gleichzeitig mit dem Schloss entstanden auf der Insel weitere Staffagebauten, die Luxusnutzung mit land- oder gartenwirtschaftlichen Zwecken zu verbinden suchten: Anlegestelle, Kastellanhaus, Molkerei (Meierei) und Kuhstall, die beiden Letzteren nach englischem Vorbild pittoresk als „Ornamented Farm“ gestaltet. Ihre Funktionalität und die Anmutung einer Ruine bedienten die Vorstellung des einfachen Landlebens und erinnerten an dessen Vergänglichkeit.