Pfaueninsel

Die Südsee von Berlin

Im Gartenreich auf der Berliner Pfaueninsel träumten ein König und seine Geliebte von Tahiti und fernen Epochen. Jetzt ist das frisch restaurierte Schloss neu zu entdecken

Von Dirk Boll
08.06.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 250

Schon vom Festland hört man ihre Rufe. Wurden die Pfauen einst tatsächlich verzehrt? Ihr Fleisch soll ausgesprochen zart sein. Historische Überlieferungen berichten, dass die kleinen Inseln in der Havel nach ihrem Beitrag zur Tafel der Herrscher benannt waren. So hieß die Pfaueninsel im 17. Jahrhundert unter Friedrich Wilhelm, dem „Großen Kurfürsten“, zunächst Kaninchenwerder. König Friedrich Wilhelm II. ließ erstmals 1795 Pfauen hierherbringen, bis heute sind sie zuständig für die Prise Exotik, die das Eiland von anderen Ausflugszielen in Berlin unterscheidet. Die Beliebtheit der Pfaueninsel bei der Stadtbevölkerung hat verschiedene Gründe. Da ist der Landschaftspark in malerischer Lage an der Wassergrenze zu Potsdam, seine Gestaltung, die eine königliche Vergangenheit beschwört. Ein Meilenstein der Gartengeschichte mit jahrhundertealtem Baumbestand und berühmtem Rosengarten. Und da ist das weit über das Wasser leuchtende Schloss, dessen Interieurs authentisch von der Wohnkultur, aber auch von einem Eskapismus um 1800 erzählen. Schließlich lockt als Belohnung für die subtile Weiterbildung die Liegewiese samt zünftiger Grillbude. Die Insel, die von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg bewahrt und verwaltet wird, erfüllt viele Funktionen und Sehnsüchte.

Der Mythos der Pfaueninsel beruht aber nicht nur auf ihrer Lage und den Ziervögeln, sondern reicht beinahe 350 Jahre zurück. Der Große Kurfürst holte Johann Kunckel nach Brandenburg und übertrug ihm 1685 das Eiland als Bauplatz für ein Laboratorium. Der Alchemist hielt die Bevölkerung der benachbarten Ufer mit allerlei Gruselgeschichten von der Insel fern, die bis heute die diffuse Wahrnehmung des Ortes färben. Trotz der Ungestörtheit und großzügigen Materialausstattung gelang es Kunckel auch hier nicht, aus unedlen Zutaten Gold zu machen – dafür schuf er ein sehr wertgeschätztes Rubinglas, das sogar seinen Namen trug.

Ein seltener weißer Pfau
Ein seltener weißer Pfau. © Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG)

Ein Jahrhundert später sollte die geheimnisumwitterte Insel zu einem paradiesischen Eiland werden. Preußens Kronprinz fand hier einen romantischen Rückzugsort für sich und seine Geliebte Wilhelmine Enke. Nach seiner Krönung 1786 kaufte Friedrich Wilhelm II. die Insel und veranstaltete Sommerfeste in türkischen Zelten, inmitten der Wildnis. 1794 beauftragte er den Hofzimmermeister Johann Gottlieb Brendel aus Potsdam mit dem Bau eines Sommerschlösschens. Vielleicht spürte der König, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, denn das Gebäude war innerhalb von 18 Monaten bezugsfertig. Der Preis kurze Errichtungszeit war eine Gestaltung, die die Raffinesse gleichzeitiger Hofbauten vermissen lässt und von Zeitgenossen mit teils harscher Kritik belegt wurde.

Blick nach Potsdam

Das Schloss selbst hat keinen eigenen Namen, denn seine physische Existenz und mehr noch seine Wahrnehmung sind untrennbar mit der Pfaueninsel verbunden. Es wird dominiert von zwei Türmen, verbunden von einer gusseisernen, auf einem Spitzbogen ruhenden Brücke. Vorbeisegelnde Bootspassagiere könnten den großen Rundbogen im Erdgeschoss für einen Durchblick ins Gartenparadies halten, doch handelt es sich um eine augentäuschende Illusionsmalerei. Ein zweigeschossiger Baukörper duckt sich hinter diese Portalstaffage. Ganz dem leichten Leben verpflichtet, trägt einer der beiden Türme eine Aussichtsplattform. Für diesen Blick nach Potsdam wurde der Bau ganz in die Südspitze der Insel gerückt und so auch zum Point de Vue vom Marmorpalais am Heiligen See, der Sommerresidenz Friedrich Wilhelms II. In der Mode der Zeit täuscht die Architektur eine gotische Ruine vor, die in starkem Gegensatz zu den eleganten Ausstattungen der Innenräume steht, welche Wilhelmine Enke – mittlerweile zur Gräfin Lichtenau geadelt und nun mehr Vertraute als Mätresse des Königs – offenbar stark beeinflusste. Es soll sogar ihrem Einspruch zu verdanken sein, dass der Bau nicht mit grauer Borke, sondern einem weißen Anstrich versehen wurde. Was zur Fernwirkung nicht unerheblich beitrug.

Die künstliche Ruine mit Holzfassade: Das Frisch sanierte Schloss auf der Pfaueninsel. Die Malerei im Bogen wurde wurde nach alten Vorlagen vom Streetart-Duo Julia Heinisch und Frederic Sonntag geschaffen
Die künstliche Ruine mit Holzfassade: Das Frisch sanierte Schloss auf der Pfaueninsel. Die Malerei im Bogen wurde wurde nach alten Vorlagen vom Streetart-Duo Julia Heinisch und Frederic Sonntag geschaffen. © Daniel Lindner / Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG)

Die Kulissenhaftigkeit des Schlosses bestätigt ein Klopfen an die strahlend weiße Fassade, deren hohler Ton die Holzkonstruktion verrät: eine klassische Folly-Architektur, dem romantischen Augenblick verpflichtet. Als dieser vorbei war und sich die Nachfolger Friedrich Wilhelms II. nach dessen Tod 1797 zum Erhalt der Anlage entschlossen, begann eine bis heute andauernde Folge aufwendiger Erhaltungsmaßnahmen. Rund alle 50 Jahre musste die Außenhaut saniert werden. Die Restaurierungen folgten dem jeweiligen Kenntnisstand, so brachte man im frühen 20. Jahrhundert Zementputz an, der die Luftzirkulation behinderte und die Feuchtigkeit im Haus einschloss, was den Verfall der hölzernen Unterkonstruktion und Stockflecken auf den Innenraumtextilien zur Folge hatte. Zahlreiche, zum Teil gravierende Schäden (vor allem durch eindringende Nässe) machten erneut eine Sanierung nötig. Daraus wurde eine grundlegende siebenjährige Kampagne. Seit 2018 war das Schloss geschlossen, nach umfassenden Voruntersuchungen wurden ab 2021 die maroden Teile der Holzkonstruktion und das Dach erneuert, die Holzbohlenverschalung rekonstruiert, die Kellerwände gegen Feuchtigkeit abgedichtet, das Entwässerungssystem verbessert. Im Inneren unterzog man die weitgehend original erhaltenen Wände, Böden, Türen, Vertäfelungen, Papier- und Textiltapeten sowie das Mobiliar einer behutsamen Reinigung und Restaurierung. Gesamtkosten: rund 7,5 Millionen Euro. Seit Mai 2025 ist das Schloss wieder geöffnet.

Nächste Seite