Kunstherbst München

Möbel im Messeherbst

Auf unserem Rundgang durch die Münchener Messen blicken wir heute auf historische Möbel: von großen deutschen Ebenisten bis zu volkskundlichen, bemalten Exemplaren. Sowohl im Postpalast als auch in der Residenz pflegen die Aussteller der „Kunst & Antiquitäten“ und der „Highlights“ das Handwerk in feinsten Ausführungen

Von Gloria Ehret
24.10.2016

„Hüben und drüben“ sind es nicht zuletzt die Generalisten, deren facettenreiches Angebot Gemälde verschiedener Jahrhunderte, Kunsthandwerk und Mobiliar umfasst.
Glanzlichter setzten auf der „Highlights“ die Stände von Peter Mühlbauer und Christian Eduard Franke in der Residenz mit ihren durchweg musealen Objekten. Mühlbauer avisiert neben zwei neu entdeckten Möbeln von Abraham bzw. David Roentgen einen Augsburger Elfenbein-Kabinettschrank um 1650 aus der Werkstatt des Melchior Baumgartner, der noch ganz in der Kunstkammer-Tradition gefertigt worden ist. Die drei Schauseiten sind polychrom mit den Vier Jahreszeiten bemalt. Das Innere offenbart zwölf Schubladen mit vergoldeten Beschlägen um ein verspiegeltes Türfach, hinter dem sich wiederum zahlreiche Geheimschübe verbergen. Die bis ins kleinste Detail großartige Ausstattung mit reichem, auf die Natur bezogenen Bildprogramm lässt vermuten, dass das Kabinett zur Aufbewahrung einer naturkundlichen Sammlung gedacht war. Es hat 2012 auf einer Stuttgarter Versteigerung um die 672.000 Euro gekostet. Mühlbauer hat es jüngst aus einer Privatsammlung erworben und bietet es nun – zur Freude neuer Interessenten – für 285.000 Euro an.

Rund hundert Jahre später wurde Elfenbein in der Möbelkunst nur mehr akzentuierend eingesetzt. Ein Paradebeispiel hierfür ist der Braunschweiger Aufsatzsekretär um 1760 (94.500 Euro), während die Gebrüder Spindler zur selben Zeit bei dem dekorativen Marketeriebild  ihrer „Sans travers“-Kommode auf die Kontrastwirkung verschiedener Hölzer setzten (94.800 Euro, beide Christian Eduard Franke, Highlights).
Heute haben Spielcasinos mit Automaten unser Land flächendeckend überzogen. Im 18. Jahrhundert frönte man dieser Leidenschaft im geselligen Kreis. Dazu fertigten Kunsthandwerker raffinierte Verwandlungsmöbel, aufwendig veredelte Spielbretter, kostbare Figuren und Steine an. Brigitte Martini wartet im Postpalast mit einem französischen Tric-Trac-Spieltisch um 1790 samt dazugehörigem Schachbrett und passenden Spielsteinen und Schachfiguren auf (Abb., 9.800 Euro).

 

Stuhl für einen römischen Wohnraum, Entwurf Emanuel von Seidl
Stuhl für einen römischen Wohnraum, Entwurf Emanuel von Seidl, Ausführung Wenzel Till (1842–1908), Birnbaum schwarz gefasst, farbig aufgetragener Dekor, 83,5 x 50,3 x 55,5 cm (Foto: Kunsthandel Spindler, München)

Nach dem Biedermeier-Hype in den 1970ern bis weit in die 1990er Jahre mit viel hochgeschwemmter Mittelware und dem folgenden Einbruch hat sich dieser Möbelsektor wieder völlig konsolidiert. Dies spiegelt sich im Postpalast-Angebot. Hier wird die klassische Wohnkultur der Biedermeier-Epoche von Dr. Tilman Roatzsch oder S. Hawari museal vertreten. Dr. Roatzsch schwärmt von seiner Thüringer Biedermeier-Semanière um 1825. Die praktische, in Kirschbaum auf Nadelholzkorpus furnierte Wochenkommode verfügt über sieben Schubladen – für jeden Wochentag eine – die zur Aufbewahrung  der Wäsche und anderer Nécessaires dienten. Das seltene Stück ist in vollkommen originalem Zustand erhalten. Selbst die Schlösser, Schlüssel und die oft durch das andauernde Bodenwischen gern in Mitleidenschaft gezogenen Füße sind original (14.500 Euro). Biedermeier-Möbel sind selten signiert. Um so erfreulicher, dass Roatzsch  ein solches Beispiel anbieten kann. Es handelt sich um einen ebenfalls in allen Teilen originalen  Kleiderschrank aus Niederbayern, der in Kirsch- und Nussbaum auf Nadelholz furniert und mit vergoldeten Schnitzereien verziert ist. Im Inneren trägt er den stolzen Vermerk „Anton Eichinger Schreiner Sohn in Aspach Anno 1838“ (17.800 Euro). Bei S. Hawari besticht eine zierlich-elegante, ganz auf das symmetrische Kirschbaum-Furnier konzentrierte Kommode um 1810, die wohl aus der Münchner Hofschreinerei Daniel stammt (5.900 Euro).

Neben viel süddeutschem Biedermeier fällt im Postpalast bei Veronika Czarny ein Hamburger Mahagoni-Aufsatzsekretär um 1820 ins Auge (6.500 Euro), ebenso wie ein rund einhundert Jahre jüngerer, „Revington London“ signierter Art-déco-Barschrank (7.500). Wer das dekorative Einzelstück sucht, muss sich bei Berhard Pfeiffer umsehen. Unter dem Motto „Ägyptomania“ bietet er unter anderem einen ausgefallenen geschnitzten, polychrom lackierten venezianischen Guéridon in Gestalt eines knienden Ägypters mit Pharaonenmaske, vom Ende des 19. Jahrhunderts an (2.300 Euro, Postpalast). Klaus Spindler wartet mit einer kleinen Sensation auf: dem einzigen original erhaltenen Exemplar des 1898 in München gefertigten schwarz gefassten Stuhls „für einen römischen Wohnraum“ mit farbigem Dekor und originaler Polsterung (Abb.), der auf einen Entwurf des Münchner Architekten und Innenausstatters Emanuel von Seidl  (1856–1919) zurückgeht (alle Postpalast).    

Service

Abbildung:

Tric-Trac-Tisch mit Spielsteinen und Schachfiguren, Frankreich, um 1790, 76,5 x 114 x 59cm (Foto: Kunsthandel Brigitte Martini, Epfach)

Messen:

Kunst & Antiquitäten, Postpalast, München, 22. bis 30. Oktober

Highlights – Internationale Kunstmesse, München, Residenz, 26. bis 30. Oktober

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