Jawlensky in Wiesbaden

„Alle haben einen Jawlenskyfimmel"

Wiesbaden nahm Alexej von Jawlensky mit offenen Armen auf und wurde sein letzter Wohnort. Nirgends lässt sich seine farbgewaltige Malerei so umfassend sehen wie hier im Museum

Von Tim Ackermann
12.08.2026

Der Zug fährt in Wiesbaden in einen Kopfbahnhof ein. Ob Alexej von Jawlensky damals die Symbolik gesehen hat? Er war ja der Maler der Köpfe. Jahrzehnte seines Schaffens hatte er diesem uralten Motiv gewidmet und ihm immer wieder neue Variationen und Bedeutungen abgerungen. Und gleichzeitig vermittelt der Wiesbadener Bahnhof, bei dem die Gleise eben nicht am Gebäude vorbeilaufen, sondern direkt davor stoppen, das Gefühl eines endgültigen Ziels: Jawlensky war im Juni 1921 in Wiesbaden nicht nur angekommen. Er war gekommen, um zu bleiben. Unterwegs hatte er bereits von Basel aus eine verfrühte Ankunftsnachricht an einen Züricher Freund in die Post gegeben: „In Wiesbaden man erwartet mich schon.“ Zum Ausdruck kam in seinen Worten unter anderem eine nicht geringe Vorfreude.

Die Hoffnungen des Malers waren ja berechtigt. Eine große Ausstellung seiner Bilder war im Vorjahr in der Berliner Galerie von Fritz Gurlitt gestartet und – nach Stationen in Hamburg, München, Hannover und Frankfurt – schließlich im Januar 1921 auch im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden eröffnet worden. An keinem anderen Ort war die Schau so erfolgreich. Mitte Februar vermeldete seine Agentin Emmy Scheyer in einem Brief an den noch in der Schweiz lebenden Maler den Verkauf von 20 Bildern und stellte eine weitere günstige Prognose: „Alle Leute lassen Sie herzlich grüßen u. alle haben einen Jawlenskyfimmel. – Geld wie Heu!“

Tatsächlich gab es in Wiesbaden bedeutende Förderer der modernen Kunst wie Heinrich Kirchhoff. Dieser Sammler allein kaufte schon fünf Bilder aus der Schau des 1864 oder 1865 im russischen Torschok geborenen Malers, der großen Ruhm in der expressionistischen Künstlervereinigung Der Blaue Reiter erlangt hatte. Die gleiche Zahl an Werken erwarb zudem Edmund Fabry, der Ausstellungsleiter des Nassauischen Kunstvereins, für das Museum. Und Fabry half auch noch bei der Suche nach der ersten eigenen Wohnung Jawlenskys. Das weiße Wohnhaus aus der Gründerzeit mit den ionischen Säulen in der Bahnhofstraße 25 – damals Nikolasstraße – ist kein wirklicher Umweg für uns auf der Route vom Ankunftsgleis zum Kunstmuseum Wiesbaden.

Das Museum, ein dreiflügeliger Bau an der Friedrich-Ebert-Allee, wurde nach Plänen des Architekten Theodor Fischer zwischen 1913 und 1915 errichtet. Als Jawlensky in der Stadt ankam, war das Haus also praktisch brandneu. Dessen Gemäldeabteilung übersah der schon erwähnte Naussauische Kunstverein. Wer heute durch die Räume läuft und sich von den farbgewaltigen Gemälden des russischen Expressionisten beeindrucken lässt, der könnte die erlesene Qualität der gezeigten Bilder dem „Jawlenskyfimmel“ der Wiesbadener 1920er-Jahre zuschreiben. Aber das ist nicht richtig. Wie in vielen deutschen Institutionen sorgte auch in Wiesbaden die dunkle Zeit des Nationalsozialismus für einen Bruch mit der modernen Kunst: 1933 wurden die Jawlensky-Bilder, die als Leihgaben im Haus waren, an ihre Besitzer zurückgegeben. Die museumseigenen Werke wanderten ins Depot, wurden dann vier Jahre später als „entartet“ beschlagnahmt und verschwanden für immer. Es ist daher die Glanzleistung einer geschickten und beharrlichen Ankaufspolitik in den Nachkriegsjahrzehnten, dass es heute in Wiesbaden wieder einen Jawlensky-Bestand gibt – und nicht nur irgendeinen, sondern mit 116 Werken tatsächlichen den größten. Auch aus diesem Grund strahlt das Konvolut weit über die Grenzen der Stadt hinaus.

Porträt einer Dame mit Fächer vor orangenem Hintergrund
Alexej von Jawlensky, „Dame mit Fächer", (1909). © Museum Wiesbaden/Bernd Fickert

In einem Saal zum Beispiel leuchtet die „Dame mit Fächer“ von der Wand. Oranger Hintergrund, blaue Bluse, rotes Dekor am wiederum blauen Hut, grüner Fächer. Die Farben brüllen ihre Kraft heraus – und doch wirkt das Bild in seiner Komposition harmonisch und konzentriert, ja man möchte fast sagen: still. „Dame mit Fächer“ entstand 1909, also während Jawlenskys Münchner Jahre und nach dem ersten legendären Sommerurlaub, den er 1908 mit Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin in Murnau verbrachte. Die Malereiexperimente dieses Kreises wurden wenige Jahre später zu einem Grundstein für den Blauen Reiter und verhalfen so dem Expressionismus zum Durchbruch in München. Jawlensky hatte an dieser Entwicklung keinen geringen Anteil, weil er auf Reisen nach Paris und in die Provence die französische vormoderne Malerei gründlich studiert hatte und deren Innovationen nun nördlich der Alpen vorführte.

Die „Dame mit Fächer“ wirkt wie die Bündelung des Gelernten: Die flächige Bildanlage erinnert an Paul Gauguin, während die mutige Farbwahl auf Jawlenskys großes Vorbild Vincent van Gogh und die Fauvisten, die ihm nachfolgten, verweist. Auch Spuren des Japonismus lassen sich in der Figur der Dame finden, deren Identität bis heute ungeklärt blieb. Spekuliert wurde, dass der russische Tänzer Alexander Sacharoff verkleidet Modell gesessen haben könnte, aber im Grunde ist es zweitrangig, wer hier dargestellt ist, denn das Bild zeigt vor allem eines: die Malerei selbst! Dass dieses wichtige Hauptwerk im Jahr 1956 als erste Arbeit aus dem Nachlass des Künstlers für nur 8000 Mark erworben wurde, war ein echter Coup von Clemens Weiler – dem neuen Direktor des Wiesbadener Museums nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Fächerdame hängt nun in einem Saal mit zwei weiteren wichtigen Bildern dieser Zeit: dem Selbstbildnis des Künstlers von 1912 und „Nikita“ von 1910, das seinen Neffen zeigt. In beiden ist das expressive Farbenspiel ebenso prächtig.

Porträt eines jungen Mannes in expressiven Farben
Alexej von Jawlensky, „Nikita", (1910). © Museum Wiesbaden/Bernd Fickert

Das Besondere an der Wiesbadener Sammlungspräsentation ist jedoch, dass sie Bilder aus allen Schaffensphasen Jawlenskys bieten kann. Anfang dieses Jahres gab es sogar einen Neuankauf, das noch vom Impressionismus beeinflusste Bild „Bahnhof Füssen im März“ (1905), mit dem eine wichtige Lücke geschlossen wurde. In Wiesbaden lässt sich – durch den Vergleich der Werkphasen – die Entwicklung des Künstlers besonders gut nachvollziehen. Bei „Nikita“ beispielsweise kommt nicht die individuelle Persönlichkeit des Jungen zum Ausdruck, sondern das viel allgemeinere Unsicherheitsgefühl des Heranwachsens, das alle jungen Menschen begleitet. Mit dieser Verallgemeinerung vollzog Jawlensky hier einen entscheidenden Schritt, der vorausweist auf seine zunehmend abstrahierten Bilder der Serien „Mystische Köpfe“, »Heilandsgesichter« und „Abstrakte Köpfe“, die jeweils ab 1916, 1917 und 1919 in der Schweiz entstanden.

Alexej von Jawlenskys Schweizer Zeit begann allerdings schon mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der den Maler und seine Familie zu „Feindstaatenausländern“ in Deutschland machte. Der Haushalt siedelte nach Saint-Prex am Genfer See über und bestand aus Jawlensky, seiner Lebenspartnerin und Mitstreiterin Marianne von Werefkin, seiner zweiten Geliebten Helene Nesnakomoff, Mutter seines Sohnes Andreas, und ebendiesem. Im erzwungenen Exil wurde die Kunst des Malers nachdenklicher. Das auf fast philosophische Weise die Entwurzelung reflektierende Bild „Große Variation – Großer Weg (Abend)“ von 1916 ist dafür ein schönes Beispiel in Wiesbaden. Aus roten, grünen, blauen Flecken zusammengehaucht, scheint die Landschaft ephemer. Nur das schwarze Tor im Hintergrund versperrt massiv den titelgebenden Weg. Das Bild wird an einer Wand mit drei weiteren „Variationen“ der Jahre 1916 bis 1921 präsentiert. Damit sind durch die Hängung auch subtil zwei wichtige Informationen vermittelt: Jawlensky arbeitete in der Schweiz seriell, indem er einzelne Motive immer wieder variierte. Und er führte diese Serien teilweise noch in Wiesbaden fort. Denn die letzte Variation an der Wand, „Variation Nr. 84: Geheimnis“, entstand dort.

Abstraktes Gemälde mit bunten Farben
Alexej von Jawlensky, „Große Variation – Großer Weg (Abend)", (1916). © Museum Wiesbaden/Bernd Fickert

Auch seine Kopf-Gemälde, die zweifellos russische Ikonenbilder als Vorfahren haben und die zu seinem Markenzeichen wurden, beschäftigten Jawlensky an seinem neuen Wohnort weiter. Die Sammlungspräsentation zeigt ein frühes „Heilandsgesicht“ mit offenen Augen von 1917 neben einer Variante von 1921. In letzterer sind die Augen geschlossen, was eine stärkere Innerlichkeit suggeriert. Dieses introspektive Gefühl beherrscht auch seine „Abstrakten Köpfe“. Wer in Wiesbaden das Bild „Kopf in Rot-Weiß-Gold“ (1923) betrachtet, das in seiner zarten Farbigkeit ganz bezaubernd wirkt, der ahnt, weshalb diese spirituell-abstrakte Malerei ein Impuls für das amerikanische Color Field Painting wurde. Anteil daran hatte seine Agentin Emmy Scheyer, die 1924 nach New York gezogen war und Jawlensky dort bekannt machte. Ihre Verkäufe halfen ihm über finanzielle Engpässe hinweg.

Denn man darf auch das nicht verschweigen: Jawlenskys triumphale Jahre in Wiesbaden, wohin ihm Helene Nesnakomoff und Sohn Andreas folgten – Marianne von Werefkin war dagegen in der Schweiz geblieben – lassen sich an einer Hand zählen. Zwar hatte er am Anfang häufige Ausstellungen, doch gegen Ende der Dekade machten die Weltwirtschaftskrise und der erstarkte Nationalchauvinismus im deutschen Kunstbetrieb Probleme, bevor der Maler dann mit der Machtübernahme der Nazis ein Ausstellungsverbot erhielt.

Ein paar Jahre zuvor hatte er zudem die Diagnose einer Arthrose bekommen, die eine zunehmende Lähmung und den nahen Tod in Aussicht stellte. In dieser physisch und psychisch schwierigen Situation begann er ab 1934 mit den „Meditationen“. Die letzte Serie umfasst die eindrucksvolle Zahl von rund 1000 Bildern, gemalt von Jawlensky bis 1937 unter immer größeren Schmerzen – „die Palette auf den Knien, Pinsel haltend mit zwei Händen“, wie er seinem Kollegen Emil Nolde klagte. Im Museum Wiesbaden hängen sechs dieser „Meditationen“. Man sieht in ihnen, wie sich die früheren Köpfe fast gänzlich in Farbfeldern aufgelöst haben. In deren Mitte schweben schwarze Linien, die einer Kreuzform ähneln. Das Gesicht verliert sich in Dunkelheit. Es sind kleine, aber sehr berührende Bilder, die uns daran erinnern, dass Jawlensky in dieser düsteren Zeit noch einmal etwas Großes schuf. Hier in Wiesbaden, wo er 1941 unbesungen starb und wo er auf dem Neroberg begraben liegt. Einer Stadt, die seine Erinnerung dennoch wachhielt und die mit seinem Werk auf immer verknüpft bleibt.

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Sammlung Jawlensky,

Museum Wiesbaden,

Friedrich-Ebert-Allee 2
65185 Wiesbaden

„Jawlensky Pfad“– Auf Jawlenskys Spuren durch Wiesbaden.

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