Kandinsky und Münter im Lenbachhaus

Am Anfang war das Pleinair

Das Münchner Lenbachhaus zeigt in seiner Ausstellung „Unter freiem Himmel“ Reisebilder des Künstlerpaares Gabriele Münter und Wassily Kandinsky aus ihrem Verlobungssommer 1903

Von Tim Ackermann
16.10.2020
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 177

Im Juni 1903 kam Gabriele Münter mit dem Flussschiff aus Regensburg die Naab hinauf. Als sie an der Anlegestelle Kallmünz den Fuß auf den Boden setzte, wurde die Malereistudentin schon sehnsüchtig erwartet. Wassily Kandinsky, einer der Lehrer aus der Münchner Phalanx-Kunstschule, war es, der die 26-Jährige in Empfang nahm. Er war schon einige Wochen zuvor angereist, um alles für den Sommerkurs vorzubereiten. Eigentlich hatte Münter gar nicht kommen wollen – der Wunsch des bereits verheirateten Kandinsky nach einer engeren Beziehung schien ihr zukunftslos. Nur wegen seiner jammernden Briefe hatte sie nachgegeben. In Kallmünz aber präsentierte sich Kandinsky gar nicht weinerlich, sondern sehr aufgeräumt und führte sie zum Gasthof „Zur Roten Amsel“, dem Domizil von Lehrer und Schülern. Es wurden dann noch angenehme Sommermonate. Bei der Abreise im August waren Münter und Kandinsky verlobt.

Wassily Kandinskys, Kallmünz – Gabriele Münter beim Malen II, 1903
Farbenfrohe Impressionen von fremden Orten: Wassily Kandinskys Bild „Kallmünz – Gabriele Münter beim Malen II“ entstand im „Verlobungssommer“ 1903. © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Da Gabriele Münter seit einem Urlaub 1898 in Amerika eine handliche Kodak-Boxkamera besaß, gibt es auch aus Kallmünz einige Erinnerungsfotos: Sie mit Staffelei unterm Arm und Leinwand in der Hand am Brückengeländer; er mit dem Fahrrad vor der Tür der „Roten Amsel“. Und natürlich gibt es die gemalten Bilder, die von der gemeinsamen Leidenschaft erzählen. In zwei Rückenansichten mit dem Titel „Gabriele Münter beim Malen“ (1903) zeigt Kandinsky seine geliebte Schülerin neben ihrer Staffelei, einmal mit Sonnenschirm, einmal ohne. Im Hintergrund sind jeweils Häuser des Ortes zu sehen. Münter wiederum verewigte „Kandinsky beim Landschaftsmalen“ (1903): In ordentlicher Schieflage hat sich dieser auf einem Abhang niedergelassen und hält den kleinen Block fest in der Hand. Eine Szene mit Action-Potenzial, es wirkt, als könne er jederzeit zu Tal rutschen.

Wassily Kandinsky, Holland – Strandkörbe, 1904
Im Jahr 1904 schuf Wassily Kandinsky „Holland – Strandkörbe“. © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Die gemeinsamen Bilder aus Kallmünz sind jedoch nur ein Kapitel der Ausstellung „Unter freiem Himmel. Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter“, in der das Lenbachhaus die gemeinsamen Reisen des Künstlerpaars in den Jahren 1902 bis 1908 thematisiert. Dem „freien Himmel“ kommt dabei besondere Bedeutung zu: Denn es war Münters ausdrücklicher Wunsch, die Pleinairmalerei zu erlernen, der sie zum ersten Sommerkurs bei Kandinsky, 1902 in Kochel am See, brachte. Dort entdeckten die beiden ihr Talent zum Radfahren, und so konnten sie sich von dem Rest der eher stationär ausgerichteten Studentengruppe absetzen. Bei diesen Ausflügen in die Natur entstanden impressionistische Bilder – rasch mit dem ­Palettenmesser auf die Leinwand geworfene Eindrücke von einem Schloss zwischen dunklen Bergen, einem Wasserfall, einem Ruderboot auf dem See. Es ist die Kunst noch deutlich vor dem Blauen Reiter, der erst 1911 geboren wurde.

Doch der aktuelle Fokus des Lenbachhauses auf diese weniger bekannte Phase des Künstlerpaars lohnt unbedingt: Denn wer hätte je mit einem geradezu lieblichen Kandinsky-Bild wie „Holland – Strandkörbe“ (Mai/Juni 1904) gerechnet? Ähnlich sonnendurchflutet ist die „Allee im Park von Saint-Cloud“ bei Paris, die Münter 1906 malt. Kandinsky stellt das Motiv im selben Jahr interessanterweise etwas düsterer dar, als „Im Park von St. Cloud – Herbst II“.

Auf seinen Reisen konnte das Künstlerpaar, das bis zur Trennung 1914 nie heiratete, ungestört und jenseits der gesellschaftlichen Norm glücklich sein. Man kann sich vorstellen, dass es diese Freude über das Zusammensein war, die sich hier in ihren Experimenten mit Farben und Lichtstimmungen erhalten hat.

Wassily Kandinskys, Kallmünz – Gabriele Münter beim Malen I, 1903
Wassily Kandinsky malte 1903 seine geliebte Schülerin Gabriele Münter neben ihrer Staffelei während seines Sommerkurses in Kallmünz. © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Service

AUSSTELLUNG

„Unter freiem Himmel. Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter“

Lenbachhaus, München

bis 6. Juni 2021