11.01.2018 Lisa Zeitz

Heinrich Kirchhoff: Wir trafen uns in einem Garten

Ob Paul Klee, Otto Dix oder Max Beckmann – alle großen Maler der Moderne besuchten das Anwesen von Heinrich Kirchhoff in Wiesbaden. An das wenig bekannte Paradies der Avantgarde erinnert sich die Enkelin des Sammlers

Heinrich Kirchhoff war einer der bedeutendsten Sammler der Moderne – doch bisher war sein Name nur Kennern geläufig. Anfang des 20. Jahrhunderts zog der exzentrische Millionenerbe aus dem Ruhrgebiet in den mondänen Kurort Wiesbaden. Hier widmete er sich seinen zwei Leidenschaften, der Kunst und seinem privaten botanischen Garten, der in den Zwanzigerjahren ein Treffpunkt für Künstler wie Paul Klee und Otto Dix, Max Beckmann und Christian Rohlfs wurde. Eine besonders enge Verbindung zu Kirchhoff hatte Alexej von Jawlensky, der ebenfalls in Wiesbaden lebte, seit der Sammler ihm zusicherte, ihm jeden Monat ein Bild abzukaufen. Die rund 600 Werke umfassende Sammlung Kirchhoff wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zerstreut. Jetzt vereint die Ausstellung „Der Garten der Avantgarde“ in denselben Räumen des Museums Wiesbaden, in denen Kirchhoff seine Sammlung vor einhundert Jahre zum ersten Mal zeigte, wieder viele seiner Meisterwerke, von Franz Marcs „Äffchen“ (1912) aus dem Lenbachhaus in München über Jawlenskys „Turandot II“ (1912) aus dem Sprengel Museum in Hannover bis zu Marc Chagalls „Geburtstag“ (1915) aus dem Museum of Modern Art in New York. Ute Berger ist die Enkelin von Kirchhoff. Sie hat ihn selbst nicht kennengelernt, da er schon 1934 starb, aber ihre Mutter, Maria „Mieze“ Binsack, hat ihr viel vom Großvater und seiner Künstler-Entourage erzählt. 

Alexej von Jawlensky, Turandot II, 1912, Sprengel Museum Hannover, Foto: bpk, Michael Herling, Aline Gwose

Was hat Ihren Großvater bewogen, nach Wiesbaden zu kommen?

Er hatte durch den Verkauf des elterlichen Baugeschäfts, das er mit 33 Jahren geerbt hat, ein großes Vermögen. Eigentlich wollte er wegen des Klimas nach Nizza ziehen, aber er kam nach Wiesbaden und verbrachte nur die Winter in Südfrankreich. 1907 kaufte er ein sonniges Grundstück an der Beethovenstraße, im Viertel Sonnenberg, ganz in der Nähe des neu gebauten Kurhauses, und ließ dort eine Villa bauen und seinen berühmten Garten anlegen.

Was war das für ein Garten?

Es gab viele exotische Pflanzen, einen Teich mit Seerosen, ein Blockhaus, eine Voliere und eine Tropfsteinhöhle. Meine Mutter hat auch von den emaillierten Schildern erzählt, mit denen die einzelnen Kakteen und Palmen beschriftet waren. Sie kannte schon als kleines Kind alle ihre lateinischen Namen. Im Winter wurden die Kübel dann in ein Gewächshaus gebracht. Zwei Gärtner waren voll beschäftigt. Der Garten war durch die Farben und Formen für die Künstler faszinierend. Das war ein Motivschatz.

Auch Ihre Großmutter, Tony Kirchhoff, hat viele Künstler inspiriert. Kannte Ihr Großvater sie schon vor dem Umzug?

Ja, sie kam aus Bochum, auch aus einem großbürgerlichen Haus. Ihre Eltern hatten ein Porzellangeschäft. „Die form’ ich mir“, soll er gesagt haben. Da haben aber alle schon gelacht, denn sie hat gemacht, was sie wollte. Sie hat jeden Tag ein Kleidungsstück gekauft, bis er irgendwann gesagt hat: „Jetzt ist Schluss“. Aber sie ging trotzdem weiterhin in die Geschäfte, kaufte ein und sagte: „Ich bin doch Frau Kirchhoff.“ So hat sie alles bekommen, was sie wollte. Die beiden haben nebeneinander hergelebt. Sie ganz feudal mit ihrem Bridge, sie ging jeden zweiten Abend ins Theater. Und er hatte seine Kunst, seine Literatur, seine Bibliothek, seine Freunde und diesen wunderbaren Garten.

Wann kam Ihre Mutter auf die Welt?

Maria, genannt Mieze, ist 1909 geboren als erstes der drei Kinder. Als sie klein waren, gingen sie nicht in die Schule, sondern wurden von Privatlehrern zu Hause unterrichtet. Mieze war diejenige, die den engsten Kontakt zu meinem Großvater hatte.

Wie kann man sich den Haushalt vorstellen?

Als Heinrich Kirchhoff das Ruhrgebiet hinter sich gelassen hat, nahm er nicht nur seine Braut, sondern auch seine Mutter mit. Sie hat den Haushalt organisiert, was seine junge, glitzernde Frau nicht vermochte. Die Mutter hat schon aufgepasst, dass alles seine Wege geht.

Vom Garten gibt es viele Fotos. Wie sah es in der Villa aus?

Da gibt es nicht ein einziges Foto! Nicht mal den Eingang, nicht mal die Treppe.

Aber bestimmt hat er im Haus Kunst gehabt.

Ja natürlich, da war ja Platz genug. Die Wände sollen schwarz gewesen sein, weil mein Großvater fand, dass die Gemälde davor besser wirkten. Meine Mutter hat sich übrigens unter dem Dach eingenistet und wollte möglichst weit weg, weil immer so viel Trubel war.

Oskar Kokoschka, Die Geschwister (Ausschnitt), 1914, Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren. Foto: © Peter Hinschläger, Aachen
Oskar Kokoschka, Die Geschwister (Ausschnitt), 1914, Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren. Foto: © Peter Hinschläger, Aachen

Wenn man sich die Gästebücher anschaut, kann man sehen, dass viele der größten Künstler der Moderne ein und aus gingen.

Abends war immer Halligalli. Es kamen immer Leute, Künstler, aber auch Gartenfreunde. Alle waren sie da. Jawlensky, Klee, Emil und Ada Nolde, George Grosz, Felixmüller, Kandinsky. Besonders oft war die Familie Rohlfs da. Mit Rohlfs war meine Mutter als junges Mädchen sogar in Ascona. Er hatte ein Holzbein, und wenn er sauer war, hat er es abgeschnallt und damit auf den Tisch gehauen. Das hat meiner Mutter wahnsinnig imponiert.

Wenn die Künstler zu Besuch kamen, waren sie dann in der Villa Kirchhoff einquartiert?

Eigentlich nicht, aber Jawlensky hat lange im Haus gewohnt, später dann in derselben Straße. Einmal hat er die Teddybären meiner Mutter gemalt, und sie konnte eine Woche nicht in ihr Bett, weil da die Teddybä­ren saßen, die nicht bewegt werden durften, solange er gemalt hat.

Die Beziehung Ihres Großvaters zum zehn Jahre älteren Jawlensky war sehr eng.

Ja. Aber Jawlensky hatte auch ein Krösken mit meiner Oma.

Wie bitte?

Ein Krösken. Ein Verhältnis, ein Techtelmechtel. Das ist bekannt. Meine Großmutter war eine sehr schöne Frau, Jawlensky nannte sie „die schönste Frau zwischen Sonne und Mond“. Aber als er dann so krank wurde, hat Tony sich von ihm abgewendet, wie mir meine Mutter erzählte.

Und wie hat Heinrich Kirchhoff die Affäre aufgenommen?

Er hat es toleriert. Ich glaube, es war ihm eigentlich egal.

Heinrich Kirchhoff und Alfred Flechtheim vor dem Hintereingang des Museums Wiesbaden, 1918

Auf den Porträts, die zum Beispiel Max Liebermann von ihm gemalt hat, oder auf den Familienporträts von Felixmüller und von Walter Jacob wirkt er ruhig und ausgeglichen. Was war Ihr Großvater für ein Typ?

Ich finde, dass er sehr gütig aussieht, korpulent, geradezu gemütlich, aber er konnte wohl auch streng sein. Das große Bild von Liebermann war übrigens eine richtige Auftragsarbeit. Liebermann soll zu ihm gesagt haben: „Wenn Sie jetzt nicht Ihre Zigarre weglegen, höre ich auf.“ Liebermann konnte nichts mehr sehen, es war alles vernebelt.

Ihr Großvater schätzte Tabak, aber auch guten Wein.

Oh ja. Im Rheingau gibt es ein altes Lokal, die Weinpump, vierzehn Kilometer entfernt von Wiesbaden. Zu dessen Besitzer hatte Kirchhoff ein enges Verhältnis. Da ist er mit dem Zug hingefahren, manchmal mit Künstlern wie Klee oder Nolde. Sie haben dort nur den besten Wein bestellt. Leider hat er viel getrunken und geraucht. Sich eine nach der anderen angezündet, Zigarren und Zigaretten. Im Morgengrauen, wenn die Vögel schon gezwitschert haben, ist der dann zurückgekehrt, wobei er die ganze Strecke am Rhein entlanggelaufen ist.

Hatte er ein Auto?

Technik! Oma hat sich ein Auto gekauft, aber für meinen Großvater war das Teufelszeug. Autos fand er ganz schrecklich. Alle Technik war ihm suspekt. Meine Großmutter dagegen war eine stolze Autofahrerin. Jawlensky hat übrigens die Farben für ihr Auto ausgesucht und genau gesagt, wie die Polster sein müssen, wie es lackiert sein musste.

Wie hat sich Kirchhoff in die Wiesbadener Gesellschaft integriert?

Er hat sich immer zurückgehalten. Man wollte eine Straße nach ihm benennen, das hat er alles abgelehnt. Das wollte er nicht. Er wollte in keinen Club. Vereinigungen jeglicher Art konnte er nicht ausstehen. In der Beziehung war er eigen.

Wassily Kandinsky, Ein Zentrum, 1924, Gemeentemuseum Den Haag, The Netherlands

Heinrich Kirchhoff: „Ich weiß genau, was Kunst und was Scheißdreck ist.“

Seine Liebe zur Kunst fing mit den deutschen Impressionisten an, aber dann ging er mit den jüngeren Gegenwartskünstlern, unterstützte die Expressionisten und war offen für die geometrisch-abstrakten Tendenzen der Bauhauskünstler wie Kandinsky.

Meine Mutter hat gesagt, er habe ein „unwahrscheinliches Gefühl für Kunst“ gehabt. Außerdem gibt es von ihm das Zitat: „Ich weiß genau, was Kunst und was Scheißdreck ist.“

Was bedeutete ihm der persönliche Kontakt zu den Künstlern?

Den Umgang mit den Künstlern hat er unglaublich genossen! Es war für ihn ganz wichtig, sie kennenzulernen, wo sie wohnen, was sie machen, wen sie kennen. Wie sie reagieren, wie sie malen. Alle, die es nötig hatten, hat er unterstützt. Für Felixmüller hat er die Zugbillets gekauft, Walter Jacob hat er die Ölfarben bezahlt. Jacob hat die Farbe übrigens so dick aufgetragen, dass Kirchhoff zu ihm sagte, er solle doch bitte weniger Farbe nehmen, das wäre sonst zu teuer.

Wie war seine Beziehung zum Museum Wiesbaden?

Er hat jeden Sonntag um zwölf Uhr mittags im Nassauischen Kunstverein, der hier im Museum seine Räume hatte, Hof gehalten. Das war sein Gottesdienst, inmitten der Kunst. Da hat er auch viel Kunst gekauft, manchmal reihenweise.

Die Unterlagen des Museums, der Städtischen Gemäldegalerie, waren bei der Vorbereitung der Ausstellung „Der Garten der Avantgarde“ wichtige Quellen für Sibylle Discher, die kürzlich ihre Doktorarbeit über Heinrich Kirchhoff geschrieben hat, und für den Kustos Roman Zieglgänsberger. Da gibt es viele lange Listen von dem, was Ihr Großvater alles über den Nassauischen Kunstverein gekauft hat – sehr viel Nolde, Kokoschka, Liebermann, Slevogt, Barlach –, und man sieht auch, dass er sehr viel Geld für die Kunst ausgegeben hat. Wie war die Reaktion, als er seine junge, aber schon sehr umfangreiche Sammlung 1917 in Wiesbaden zeigte?

Wiesbaden wurde auf einmal als ein Zentrum der Avantgarde wahrgenommen. Natürlich haben sich damals die anderen Museen interessiert. So ist das Ganze ins Rollen gekommen. Es gab die Ausstellungen 1917 und 1919 in Wiesbaden, in den Zwanzigerjahren auch im Kronprinzenpalais in Berlin und in Essen. Die Sammlung war sein Lebenswerk. Meine Mutter hat immer gesagt, es war gut, dass er 1934 gestorben ist, er hätte die Nazis nicht verkraftet. Er hätte sich aufgehängt. Das wäre für ihn ganz furchtbar gewesen. Er hat es noch am Rande mitbekommen. Als die Nationalsozialisten an die Macht gekommen sind, haben sie zum Beispiel gleich den Wiesbadener Museumsdirektor aus seinem Job gedrängt, Freiherr Schenck zu Schweinsberg, der zuvor die moderne Kunst sehr gefördert hatte. Den kannte ich übrigens selbst noch gut, da er auch nach dem Krieg bei uns ein und aus ging.

Alexej von Jawlensky, Anhänger: Kleiner Frauenkopf um 1921, Franz Marc Museum, Kochel a. See, Dauerleihgabe ahlers collection
Alexej von Jawlensky, Anhänger: Kleiner Frauenkopf um 1921, Franz Marc Museum, Kochel a. See, Dauerleihgabe ahlers collection

Was passierte mit der Sammlung, die sich im Museum in Wiesbaden befand?

1934 wurden ihm die ganzen Kisten zu Hause hingestellt, mit der Ansage: „Wir wollen das nicht!“ Da stand verpackt sein Lebenswerk vor ihm. Sein plötzlicher Tod 1934, Herzanfall, wie es in der Anzeige stand, ist wahrscheinlich nicht zufällig gekommen. Er muss sich unglaublich aufgeregt haben.

Und was geschah nach Kirchhoffs Tod mit den Werken?

Ganz viel ging nach Amerika, nachdem er gestorben war. Nach dem Krieg haben wir davon gelebt. Im Haus meiner Eltern hingen die Jawlenskys in Petersburger Hängung. Ich erinnere mich gut daran, wie in der Nachkriegszeit ein netter Amerikaner immer wieder mal zu Besuch kam, der legte magere 100 Mark oder Dollars auf den Tisch, und das war’s dann. Er war beim Militär, hat in Heidelberg gewohnt und war empfänglich für die Kunst. Er hat den Wert erkannt und viel weggeschleppt.

Heute sind viele Werke aus Kirchhoffs Sammlung in New York – im Guggenheim Museum, im Metropolitan Museum und im Museum of Modern Art. Aber es gibt auch Werke beispielsweise in der Albright-Knox Art Gallery in Buffalo. Was ist Ihnen noch von der Sammlung geblieben?

Manches ganz Persönliche bleibt natürlich in der Familie. An Kunst haben wir noch Fritz Erlers Porträt meiner Mutter und Arnold Henslers Büste vom Opa, außerdem das Gästebuch und die Briefe. Jawlensky hat meiner Oma einmal einen silbernen Anhänger geschenkt, den er selbst entworfen und bemalt hat. Den hat meine Großmutter zwar leider auch verkauft, aber mein Mann hat mir eine Kopie davon anfertigen lassen.

Sie und Ihr Mann, Michael Berger, sind ebenfalls Sammler und engagieren sich seit Jahrzehnten für zeitgenössische Künstler. Vor allem die internationale Fluxus-Bewegung hat dadurch auch in Wiesbaden ein Zuhause. Und viele namhafte Künstler haben bei Ihnen gewohnt – das ist eine schöne Parallele zum Künstlerhaushalt von Heinrich Kirchhoff.

Ja, Nam June Paik hat jahrelang bei uns gewohnt, Joe Jones, Al Hansen, die ganzen Fluxuskünstler, Ben Patterson war 20 Jahre bei uns in Wiesbaden, Alison Knowles, Geoffrey Hendricks, Romuald Hazoumè. Wem ich schon alles Hemden gebügelt habe!

Service

Ausstellung

„Der Garten der Avantgarde. Heinrich Kirchhoff:
Ein Sammler von Jawlensky, Klee, Nolde …“,
Museum Wiesbaden, bis 25. Februar

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 137/2017