Rembrandt in Kassel

Die Leidenschaft des Landgrafen

Einem kunstsinnigen Herrscher verdankt die Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel ihren großen Rembrandt-Bestand. Dazu gehören auch Bilder von 1632, als der Maler zur Marke wurde

Von Ulrich Clewing
29.07.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 258

Im Jahr 1632 malt Rembrandt Harmensz van Rijn 32 Gemälde. Das klingt zunächst nur wie eine Zahlenspielerei des Zufalls. Wenn man sich allerdings vor Augen hält, wie viele Bilder davor und danach entstanden, sieht die Sache schon anders aus: Man begreift die Dimension dieses besonderen Produktionsjahres. 1631 waren es 14, 1633 zwar fast doppelt so viele, aber immer noch „nur“ 26. Im Jahr dazwischen aber, das haben Justus Lange, Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel und Timo Trümper von der Friedenstein-Stiftung in Gotha überschlagen, schuf Rembrandt mit den 32 Gemälden ungefähr ein Zehntel seines gesamten Œuvres.

„Das Jahr 1632 war für Rembrandt ganz entscheidend“, sagt Lange, „es war das Jahr, in dem er endgültig von Leiden nach Amsterdam übersiedelte, um auf dem sehr kompetitiven Kunstmarkt der Stadt zu reüssieren. Und die hohe Anzahl von Bildern zeigt, dass Rembrandt gut im Geschäft war.“ Für Justus Lange und Timo Trümper war das Anlass genug, über ein gemeinsames Ausstellungsprojekt nachzudenken. Schloss Wilhelmshöhe in Kassel verwahrt nach der Gemäldegalerie in Berlin die meisten Ölbilder des Künstlers in Deutschland, in Gotha gibt es reiche Bestände von Rembrandts bedeutender Druckgrafik.

Radierung auf der ein Mann mit Turban und Umhang zu sehen ist.
Rembrandt „Abraham verstößt Hagar und Ismael" (1637). © Ute Brunzel/Hessen Kassel Heritage

Fünf Jahre dauerten die Vorbereitungen zu der Ausstellung „Rembrandt 1632″, die bis zum 9. August in Kassel läuft und anschließend im Herzoglichen Museum in Gotha präsentiert wird. Leihgaben kommen aus insgesamt 14 deutschen Museen, aus Wien, Zürich und Amsterdam, aus Den Haag und London, aus Mailand, Stockholm, dem Tiroler Landesmuseum Innsbruck und anonymen Privatsammlungen. Gezeigt werden nicht nur an die 50 eigenhändige Werke, sondern auch ein knappes Dutzend Kopien und Werkstatt-Arbeiten. Dazu gesellen sich Gemälde von Zeitgenossen, von Jan Lievens, Thomas de Keyser, Pieter Codde, von Frans Hals, Gerrit Dou und dem „noch zu unbekannten Nicolaes Eliasz Pickenoy“ (Lange), der 1628 die eleganten „Regenten des Spinhuis“ malte.

Ausgesprochen gelungen wirkt die Ausstellungsarchitektur im zweiten Obergeschoss von Schloss Wilhelmshöhe. Die Wände sind in einem auberginefarbenen Ton gestrichen, er macht es leicht, sich auf die Gemälde und Grafiken zu konzentrieren. Ungefähr in der Mitte des Parcours zeigen kleine Farbkopien in einer schematischen Darstellung, wohin es die 32 Gemälde des Jahres 1632 in den Jahrhunderten danach verschlagen hat: buchstäblich in alle Welt, nach Europa, in die USA, nach Japan.

Darstellung einer biblischen Szene.
Rembrandt „Jakob segnet Ephraim und Manasse" (1656). © Hessen Kassel Heritage/Foto: Ute Brunzel

Mit rund einhundert Exponaten ist „Rembrandt 1632“ so überschaubar, dass man sich am Ende des Rundgangs noch problemlos erinnert, wie er begonnen hat. Gleichzeitig ist die Schau doch recht komplex. Sie stellt überzeugend dar, wie es dem Maler Rembrandt Harmensz van Rijn gelang, sich als herausragende Künstlerpersönlichkeit – oder, zeitgenössisch formuliert, „als Marke“ – zu etablieren. Das fängt damit an, wie er seine Bilder signierte.

„Zu Beginn des Jahres benutzt er noch das Kürzel ‚RH van Rijn‘“, erklärt Lange. „Daraus wird dann in den folgenden Monaten erst ‚Rembrant f.(ecit)‘ und dann schließlich ‚Rembrandt‘. Dabei legt er großes Selbstbewusstsein an den Tag.“ Und das ist fast noch untertrieben. Seine Signaturen setzte er nicht etwa an den unteren Rand der Leinwand, er schreibt sie unübersehbar mitten ins Bild. Bei der berühmten, 1632 entstandenen, großformatigen „Anatomie des Doktor Tulp“, die verständlicherweise an ihrem heutigen Standort, dem Mauritshuis in Den Haag bleiben musste, thront „Rembrant f. 1632″ gar ganz oben über den Köpfen der staunenden Amsterdamer Patrizier. (Das Bild ist dennoch in Kassel präsent, in Form einer KI-animierten, „sprechenden“ Videoversion).

Ein anderes Standbein der Vermarktung sind die Selbstporträts, die Rembrandt rund um seinen Umzug nach Amsterdam malte. In Kassel sind allein vier davon zu sehen. Nicht alle stammen von 1632, aber alle erfüllten ihren Zweck: Auf einem blickt er die Betrachterinnen und Betrachter unvermittelt an, als hätte er sich ihnen gerade zugewandt. Auf einem anderen trägt er einen markanten, metallisch schimmernden Brustschild. Er malt sich auch zweimal mit Hut und Spitzenkragen als Bürger der Stadt – und sieht aus wie seine Auftraggeber. Auch von den beiden Letzteren gibt es in Kassel nur Abbildungen, aber das tut dem Reiz der Ausstellung keinen Abbruch: „Auf diesen Gemälden schlüpft Rembrandt in Rollen“, sagt Lange, „mal macht er eine Grimasse, mal zeigt er sich in Kleidung, die er womöglich gar nicht selber trug, mal verschattet er seine Augen. Er wollte sich damit ins Gespräch bringen, der ‚talk of the town‘ sein.“

Selbstbildnis von Rembrandt als junger Mann
Rembrandt, „Selbstbildnis", (um 1628). © Public domain/Hessen Kassel Heritage

Auch sonst machte der Maler vieles richtig: In Amsterdam bezieht er als erstes Wohnung und Atelier bei Hendrick van Uylenburgh in der Sint Antoniesbreestraat in der Nähe des Nieuwmarkts im Zentrum. Im Jahr zuvor, das schreiben Leonore van Sloten und Frans Grijzenhout in ihrem Katalogbeitrag, hatte Rembrandt Uylenburgh ein Darlehen über 1000 Gulden gewährt, damals immerhin das Dreifache des Jahreseinkommens eines Handwerkers. Die genaue Geschäftsbeziehung zwischen dem Kunsthändler und ihm liegt immer noch im Dunklen. Aber Rembrandt profitierte mit Sicherheit von den Kontakten Uylenburghs zum kunstinteressierten Bürgertum. Und er lernt dort die Cousine Uylenburghs kennen: Saskia, mit der er sich 1633 verlobt (Rembrandt porträtierte sie postum 1642 „im Profil“, das Bild gehört zur ständigen Sammlung in Kassel).

Dass Rembrandts Erfolg in Amsterdam nicht selbstverständlich war, wird auch deutlich. Die ausgestellten Arbeiten seiner Zeitgenossen, Jan Lievens’ „Alter Mann“ von 1631/32 – eine Leihgabe aus Schwerin –, Pieter Coddes „Ein Maler in seiner Werkstatt“ um 1629, Gerrit Dous Brustbilder einer „alten Frau mit Pelzkragen“ und eines „alten Mannes mit Halsberge“, ebenfalls um 1631, Frans Hals’ „Bildnis eines jungen Mannes“ von 1635 oder die zwei großen Gesellschaftsporträts von Thomas de Keyser, beide aus Kasseler Beständen, sie alle machen unmissverständlich klar, dass Rembrandt sich gegen mächtige Konkurrenz in der aufstrebenden Kaufmannsstadt durchsetzen musste.

Beispiele für Werke, die wohl im Auftrag entstanden, sind das „Bildnis eines federschneidenden Mannes“, das in Kassel bewahrt wird, und sein mutmaßliches Gegenstück, das „Bildnis einer jungen Frau“ aus der Sammlung der Akademie in Wien. Bei beiden zeigt Rembrandt virtuose Feinmalerei: Licht und Schatten auf der Haut sind ein Schmelz, die Spitzenkrägen filigran gezeichnet.

Bildnis einer jungen Frau mit weißem Tuch über den Haaren, sitzend
Rembrandt „Bildnis einer jungen Frau" (1632). © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

Eine Ausstellung von Werken Rembrandts ist immer auch eine Ausstellung über Zuschreibungen und Abschreibungen, das wissen sie in Kassel aus leidvoller Erfahrung. Den Auftakt der Schau bildet ein Trio von Selbstbildnissen, eines kommt aus Kassel, eines aus Aachen und eines aus Amsterdam. Und nur eines hat das in Fragen der Authentizität maßgebliche Komitee um den 2021 verstorbenen Ernst van de Wetering als eigene Arbeit identifiziert. Es ist das aus Amsterdam, was man in der Gegenüberstellung auch leicht nachvollziehen kann.

Aber in Kassel gibt es noch etliche andere Arbeiten von Rembrandt, nicht alle sind in dieser Ausstellung zu sehen. Man kann sogar so weit gehen zu behaupten, dass Rembrandt und Kassel untrennbar miteinander verbunden sind. Zu verdanken ist dies in erster Linie Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel (1682–1760). Bevor dieser 1751 als Nachfolger seines Bruders Friedrich Landgraf wurde, hatte er jahrzehntelang eine militärische Laufbahn absolviert, die meiste Zeit in der „Republik der Sieben Vereinigten Provinzen“, wie die Niederlande damals hießen. Einer seiner Patenonkel war Wilhelm III. von Oranien, er nahm am Spanischen Erbfolgekrieg teil, wurde 1713 Gouverneur von Breda, zehn Jahre später Gouverneur von Maastricht, 1727 holländischer General der Kavallerie.

In dieser Zeit fand er offensichtlich Gefallen an der niederländischen Kunst. Und er hatte sicher schon immer einzelne Gemälde erworben, aber nachdem er 1747 seinen Dienst in der Armee quittierte, kaufte er ganze Sammlungen. „Wilhelm hatte ein gutes Auge, gute Berater und war geschickt darin, zu günstigen Preisen einzukaufen“, sagt Justus Lange. „Die Landgrafschaft war ja nie ein besonders reiches Fürstentum und konnte mit Sachsen oder Bayern nicht mithalten.“ Aber er kannte die Verhältnisse in den Niederlanden. Die wirtschaftliche Lage war dort im 18. Jahrhundert erheblich schlechter als im Jahrhundert davor. Und das bedeutete auch: Werke aus dem goldenen Zeitalter der niederländischen Kunst kamen zu Dutzenden auf den Markt.

Rembrandt lag Wilhelm besonders am Herzen. Und dabei beschränkte er sich nicht auf holländische Quellen. Justus Lange kennt einen Brief, in dem Wilhelm sich „content“ zeigte, dass unter den gerade erstandenen Bildern eines Sammlers aus Frankfurt am Main „acht Rembrandts“ seien, „gemalt in den unterschiedlichen Manieren“. Um sich diese Sammlung zu sichern, führte Wilhelm zwei Jahre lang über einen Mittelsmann geheime Verhandlungen – er fürchtete, dass die Preise stiegen, würde sein Interesse publik. „Rembrandt gehört zu den Künstlern, die eigentlich nie außer Mode gerieten“, so Lange, „anders als zum Beispiel Vermeer, der Mitte des 19. Jahrhunderts erst wiederentdeckt werden musste.“

Wilhelm war nicht der erste derer von Hessen-Kassel, die Rembrandts Bilder schätzten. Sein Vater, Landgraf Karl, ließ den Bergpark Wilhelmshöhe anlegen und den Herkules errichten – und im Inventar seines Nachlasses ist ein Gemälde von Rembrandt aufgeführt, das „Bildnis eines Greises mit goldener Kette“, es stammt auch aus dem Jahr 1632. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Tronie, eine im 17. Jahrhundert beliebte Allegorie oder Altersstudie, die Rembrandt ungeahnte Freiheiten erlaubte. Pastos modellierte er das Antlitz des Alten, jede Furche im Gesicht ein Tal, das Licht auf der Stirn scheint hell wie eine Sonne, die Goldkette, mit Leuchtpunkten versehen, glimmt auf der dunklen Kleidung des Alten hervor. Bei einem Auftragsporträt wäre dies wohl auf Widerstand gestoßen, doch bei einem Tronie gab es keinen Auftraggeber, der sich hätte gekränkt fühlen und beschweren können. Das „Bildnis eines Greises mit goldener Kette“ hängt in der Ausstellung „Rembrandt 1632″, es gehört aber auch seit Landgraf Karls Zeiten zur ständigen Sammlung der Gemäldegalerie Alte Meister.

Am Ende seiner Sammelleidenschaft hätte sich Wilhelm finanziell fast übernommen. In seinem Bestand verwahrte er 34 Gemälde von Rembrandt, so viele wie von keinem anderen Künstler. Ein paar gelten inzwischen als Werkstatt-Arbeiten, einige gingen in den Napoleonischen Kriegen und im Zweiten Weltkrieg verloren. Doch es ist immer noch eine ansehnliche Anzahl übrig. So kommt es, dass im dritten Stockwerk der Gemäldegalerie im Schloss Wilhelmshöhe noch wahre Schätze warten: eine seltene große Landschaft des Meisters; das erwähnte Profilbild der Saskia; die „Heilige Familie mit dem Vorhang“; das psychologisch ergreifende „Selbstbildnis mit Barett und Goldkette“ von 1654. Zwei Jahre davor porträtierte Rembrandt den Nicolaes Bruyningh, dessen Kopf hell aus der Dunkelheit der Leinwand herausscheint. Und zu guter Letzt der Höhepunkt, Rembrandts „Jakobssegen“, ein Bild, um das Museen rund um den Globus Kassel beneiden.

Hinter Amsterdam, neben Berlin, ist die Gemäldegalerie Alte Meister diejenige, die die meisten Werke Rembrandts besitzt, das vergisst man nur allzu leicht. Wilhelms Vorliebe für niederländische Kunst ruinierte den Staatshaushalt, aber die Dividende fließt bis heute.

Service

Infos zur Ausstellung

Sonderschau „Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“,

Kassler Schloss Wilhelmshöhe,

bis 9. August 2026

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