Ragnar Kjartansson

Normale Tage in Arkadien

Seine Malerei und Videos begeistern die Kunstwelt, aber er hütet lieber Schafe. Nun sind Werke von Ragnar Kjartansson in Recklinghausen zu sehen. Ein Atelierbesuch in Reykjavík

Von Simone Sondermann
03.06.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 255

Die Werke, die in Recklinghausen zu sehen sind, nehmen die Betrachtenden mit, laden sie ein. Es sind Arbeiten voller feiner kunsthistorischer und intellektueller Bezüge, die dennoch mit einer emotionalen Unmittelbarkeit zu einem sprechen, die in der bildenden Kunst selten ist. In „No Tomorrow“ etwa bewegen sich auf sechs großen Videoscreens, die die Museumsbesucher umgeben, acht Tänzerinnen der Iceland Dance Company in Bluejeans und weißem T-Shirt vor einem lichtgrünen Vorhang. Sie haben Gitarren in der Hand, jeder Akkord, den sie spielen, ist mit einer Bewegung verbunden, eine Verneigung vor Karlheinz Stockhausens Idee von Musik im Raum und vor der Schönheit des Balletts. „Sunday Without Love“ ist eine Art riesiges Videogemälde, zu dem ihn eine Postkarte inspirierte, die lange an seinem Kühlschrank hing. Männer und Frauen in altertümlicher Kleidung sitzen und stehen in einer sattgrünen Berglandschaft. Das Ganze erinnert an ein Altmeistergemälde, aber es kommt einem auch die Verfilmung des Broadway-Musicals „The Sound of Music“ in den Sinn. Gedreht wurde in den flämischen Ardennen. Mit den immergleichen Worten singen die Protagonisten, darunter Kjartansson selbst, dass man lernen müsse, ohne Liebe zu leben, dass man aufhören müsse, sich danach zu sehnen: „Love is not good for you.“

Insel der Vulkane

Kjartansson hat ein Haus auf dem Land, hier verbringt er mit seiner Frau und den drei Töchtern die Sommer und frönt seinem Hobby, dem Schafehüten. Seine kleine Farm umgeben vier Vulkane, erzählt er, und in der Nähe ist das größte Lavafeld der Menschheitsgeschichte. Es entstand im späten 18. Jahrhundert. Als der Laki-Vulkan 1783 ausbrach, veränderten die daraus resultierenden Wetterphänomene das Licht in Europa und nicht nur dort. Von Benjamin Franklin, einem der Gründerväter der damals noch ganz jungen Vereinigten Staaten, ist der Ausspruch überliefert, dass die Sonne braun wurde. Es kam zu politisch folgenreichen Missernten und Hungersnöten, nur sechs Jahre später begann die französische Revolution.

In dieser geschichtlich so wirkmächtigen und zugleich so weltabgewandten Natur entstand Kjartanssons Gemäldezyklus „Weekdays in Arcadia“, der auch in Recklinghausen ausgestellt wird. Fünf fast drei Meter breite Gemälde von Vulkanen, moosbewachsenen Flächen und Felsspalten, in denen klitzekleine Menschen ihren Tätigkeiten nachgehen, gehen, schauen, Schafe begleiten. Die Seelenlandschaft, die Kjartansson bei seinen Helden Caspar David Friedrich und Edvard Munch so bewundert, wird hier zum Überwältigungserlebnis mit einer Prise absurder Komik. Nico Anklam, der Direktor der Kunsthalle Recklinghausen, der die Schau in Kooperation mit dem Kunstmuseum in Tallinn kuratiert hat, betont Kjartanssons Verbindung zur nordischen Pleinair-Malerei des 19. Jahrhunderts, zum damals neuen „Erlebnis der Landschaft als begehbarem Naturerfahrungsraum“. Zugleich, so Anklam, „hinterfragt er in seinen Werken die nationalromantische Idee des Landschaftsmalers“. Auch Kjartansson sagt, dass es ihm nicht darum gehe, die Schönheit der isländischen Landschaft einzufangen, „denn dies ist unmöglich“. Dass es ihm auf seine Weise dennoch gelingt, macht seine Bilder so berührend.

Auf dem Bild von Ragnar Kjartansson ist eine düstere Landschaft mit Nebel auf Island zu sehen
Blick auf den Uxatindar aus dem Gemäldezyklus „Weekdays in Arcadia“, 2025. © Courtesy of the artist/Vigfus Birgisson/Luhring Augustine, New York and i8 Gallery, Reykjavik

Beim Spaziergang an der Küste des Nordatlantiks, der in der isländischen Wintersonne geradezu unwirklich glitzert und in dem man beim Anflug auf Reykjavík die Wale springen sehen kann, erzählt Kjartansson von seinem nächsten Projekt. Es geht um einen verbrannten Wald im Westen Kanadas, und er rezitiert ein Gedicht von James Wright: „A Breath of Air“. Darin begibt sich das lyrische Ich nach dem Verlust der Liebe in den Wald, um durchzuatmen, und kehrt von dort zurück mit einem Gefühl der Akzeptanz: „And things were as they were.“ Am meisten hat es Kjartansson die verzweifelte Zeile „Looking in vain for lies“ angetan, „vergeblich nach Lügen suchend“, die der Einsicht des Ich vorausgeht. Bryce Dessner wird dieses Gedicht für ihn vertonen, gedreht wird bald in British Columbia, und neben einer sechsköpfigen Band sollen auch zwei Hunde mitspielen. Ihr Heulen wird Teil des Songs und des Kunstwerks, inmitten von totem Holz. Er hat dafür extra eine Tiertrainerin engagiert. Es wird nicht einfach, die Hunde dazu zu bringen, an der richtigen Stelle zu singen. Aber wenn es einer schafft, dann Ragnar Kjartansson.

Ein Mann läuft unter Schneekanonen im Bláfjöll-Skigebiet
Der Künstler als Popstar unter Schneekanonen im Bláfjöll-Skigebiet. © Ari Magg

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Ragnar Kjartansson. Sunday Without Love“,

Kunsthalle Recklinghausen,

bis 16. August

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