Wenn Anfang Mai die Biennale beginnt, feiert die ganze Stadt für sechs Monate ein großes Fest. Wir zeigen Ihnen die Orte, die Sie in diesem langen Sommer der Kunst unbedingt besuchen sollten
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05.05.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 255
Das Leitmotiv ihrer Biennale hatte Leiterin Koyo Kouoh längst festgelegt, als sie im vergangenen Mai überraschend verstarb: „In Minor Keys“, die diesjährige Hauptausstellung im Arsenale und
dem zentralen Pavillon in den Giardini orientiert sich also an den Moll Tonarten, die oft sehr eindrücklich die Schönheit im Tragischen offenbaren. Das passt zu den 111 von Kouoh ausgewählten Kunstschaffenden: Die kanadische First Nation Künstlerin Bonnie Devine etwa engagiert sich beharrlich seit Jahrzehnten gegen die Zerstörung der Natur und der Menschen, nicht nur als Professorin, sondern auch in Bildern („Third Battle of Ypres, Passchendaele Belgium, January 1918“, 2024). Zu den jüngeren Positionen, die vom 9. Mai bis zum 22. November gezeigt werden, gehört der 1997 geborene Mohammed Z. Rahman, dessen Werk „Memento Vivere“ (2024) an die Helden der Aids Krise der Achtzigerjahre erinnert.
In der Casa dei Tre Oci auf der Giudecca Insel werden Ausstellungen gezeigt, die einen direkten Bezug zu Venedig haben. Der Konzeptkünstler Joseph Kosuth lebte von 2021 bis 2025 in der Stadt, für seine Schau „The-exchange-value-of-language-has-fallen-to-zero“ (bis 22.11.) hat er eine neue ortsspezifische Arbeit geschaffen. Im Atrium des neugotischen Palastes ist unterhalb der Balkendecke das Motto „A Chain of Resemblance“ in Neon Schreibmaschinenschrift zu lesen, das Zitat stammt von dem Philosophen Michel Foucault. Der Künstler reflektiert dessen Beschreibung der Welt als ein System von
Analogien und Berührungen, in dem sich die Dinge gegenseitig widerspiegeln. Außerdem sind sein Schlüsselwerk „One and Three Mirrors“ und andere Arbeiten aus den Sixties zu sehen. Auch am Campo Santa Maria Formosa leuchtet nachts etwas von Kosuth: „La materia dell’ornamento“ (1997), eine Neon Installation an der Fassade eines Renaissance Palastes, wurde kürzlich zu seinem 80. Geburtstag restauriert.
Die Jahre 1938–1939 stehen im Mittelpunkt der Ausstellung „Peggy Guggenheim in London“, die fulminante Bilder der Moderne zeigt. Die Schau im einstigen Wohnhaus der Wahl venezianerin am Canal Grande beleuchtet bis zum 19. Oktober ihre avantgardistische Pionierarbeit in der britischen Metropole. Die New Yorkerin hatte nur wenige Jahre zuvor angefangen, sich mit zeitgenössischer Kunst zu beschäftigen, nachdem ihr der Schriftsteller Samuel Beckett dazu geraten hatte. In ihrer Galerie Guggenheim Jeune präsentierte sie Werke von Wassily Kandinsky, Piet Mondrian und Sophie Taeuber Arp („Equilibrium“, 1932), sie förderte aber auch Newcomer wie Lucian Freud, der 15 war, als sie ihn entdeckte. Innovativ war die Art, wie sie Farbfotografien von Gisèle Freund ausstellte: Sie projizierte sie an die Wand – Peggy Guggenheim war einfach eine Vordenkerin der Kunst des 20. Jahrhunderts.
Etwas abseits im Santa Croce Viertel befindet sich die Stoffmanufaktur Tessitura Luigi Bevilacqua. Das Familienunternehmen feiert sein 150 jähriges Bestehen. In der Werkhütte kann man zusehen, wie auf alten Webstühlen und später zugefügten Jacquard Maschinen in Handarbeit kostbare Samt und Brokatstoffe gefertigt wer den (Führungen werden angeboten). Die klassischen Muster zeigen Granatäpfel und Blüten im Renaissance Stil, neu ist in diesem Frühjahr das Dekor „Coccodrillo“, eine pinkfarbene Animalier Variation. Im Showroom gibt es eine exquisite Auswahl an Accessoires, zum Teil auch aus günstigeren, industriell gewobenen Textilien.
Der indischen Fotografin Dayanita Singh, Jahrgang 1961, hat es das venezianisches Staatsarchiv angetan. „Seltsamerweise fühlte ich mich dort vollkommen zu Hause“, so die Künstlerin. Bis zum 31. Juli läuft in dieser Schatztruhe der Geschichte ihre Einzelausstellung Archivio. Die ästhetisch berückenden Fotografien von jahrhundertealten Folianten und den Menschen, die sich ihnen widmen, sind eine Meditation über die Frage, wie Erinnerung geformt und gelagert wird. „Ich war fasziniert von den Archivaren, die unermüdlich arbeiten, um unsere Vergangenheit für unsere Zukunft zu bewahren“, sagt Singh.
Bei dieser Biennale präsentieren sich 99 Nationen mit Länderpavillons. Spannend sind natürlich immer die Neuzugänge. Zu den Erstauftritten gehört das ostafrikanische Somalia, das vom 9. Mai bis 22. November Ayan Farah ins Rennen um den Goldenen Löwen schickt. Die in Stockholm lebende Künstlerin wird im Palazzo Caboto an der Via Garibaldi betörende Arbeiten aus so verschiedenen Materialien wie Indigo, Ton, Zeichentusche und Leinen zeigen – wie oben „Heliacal (Light)“ von 2025.