Seine Malerei und Videos begeistern die Kunstwelt, aber er hütet lieber Schafe. Nun sind Werke von Ragnar Kjartansson in Recklinghausen zu sehen. Ein Atelierbesuch in Reykjavík
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03.06.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 255
Das Werk von Ragnar Kjartansson ist durchdrungen von der Liebe zum Theater, zur Maskerade. Er schlüpft für seine Videos immer wieder in Rollen, legt sich mit einer Gitarre in die Badewanne, singt mit Haartolle und weißem Anzug wie ein nordischer Elvis oder isst im Rokokokostüm ein Steak. Es passt gut zur Bühnenhaftigkeit seines Œuvres, dass die Schau in der Kunsthalle Recklinghausen, die ab Mai neuere Videoarbeiten sowie eine Serie von Landschaftsgemälden zeigt, Teil der Ruhrfestspiele ist, eines der größten Theaterfestivals in Europa.
Schon bei seinem ersten großen internationalen Auftritt auf der Venedig-Biennale, als Kjartansson 2009 den isländischen Pavillon bespielte, hat er so getan, als ob. Hat sich als Maler inszeniert – der er ja tatsächlich ist –, während er jeden Tag das gleiche Modell, einen Freund in Badehose, porträtierte. 144 Gemälde sind so entstanden, in einem Palazzo aus dem 14. Jahrhundert, zwischen Bierflaschen und Zigarettenschachteln. Und die Langzeitperformance wurde zum tableau vivant eines Künstlers als junger Mann.
Eigentlich wollte Kjartansson Popstar werden. „Ich bin an die Kunsthochschule gegangen, weil alle wichtigen europäischen Popmusiker Kunst studiert haben. Ich habe mir gedacht: Wo lerne ich, Popstar zu werden? An der Kunsthochschule!“, erzählt er und lacht. Und berichtet von dem Plattenvertrag, den er mit seiner Band Trabant hatte, von der „Shithole“-Tour durch Großbritannien in den frühen 2000er-Jahren, wo sie in kleinen Käffern vor ein paar Leuten spielten, eine Erfahrung, die ihn auch politisch gebildet hat. Der Brexit später habe ihn nicht überrascht angesichts der Bitterkeit und des Gefühls der Abgehängtheit, die er schon damals bei vielen Briten beobachtet habe. Er entschied sich schließlich für die bildende Kunst, aus Freude, wie er betont, und nicht aus Ehrgeiz. „Ich wollte verzweifelt ein erfolgreicher Musiker werden, und schließlich habe ich Kunst gemacht, einfach weil ich es geliebt habe.“
Kjartanssons künstlerische Arbeit wirkt leicht, trotz aller technischen Finesse seiner Videoinstallationen. Daran konnte auch der Erfolg nichts ändern, im Gegenteil. Sein Neun-Kanal-Video „The Visitors“, das 2012 in einer alten Villa der Astor-Familie im Hudson Valley im Staat New York entstand und das er nach dem letzten Album von ABBA benannte, war sein Durchbruch, es hat die internationale Kritik geradezu in Ekstase versetzt und tourt bis heute durch Museen weltweit. Mit einer Gruppe von Musikerfreunden drehte er an einem einzigen Abend diesen Film, in dem Menschen, in einzelnen Räumen voneinander getrennt und nur durch Kopfhörer verbunden, gemeinsam musizieren und feiern: ein melancholisches Hohelied der Freundschaft, mit dem Kjartansson die Trennung von seiner ersten Frau verarbeitete und zugleich den Nerv der Obama-Ära traf, in der so vieles möglich schien.
Musik ist ein wesentlicher Bestandteil von Kjartanssons Kunst. Er hat von der Popmusik gelernt, dass es auf den Refrain ankommt, auf die Eingängigkeit, den Evergreen, die Wiederholung, Vor allem das Prinzip der Repetition hat er perfektioniert. 2013 brachte er die US-amerikanische Band The National dazu, im New Yorker MoMA ihren Song „Sorrow“ bis zur Erschöpfung zu wiederholen – sechs Stunden lang. Immer wieder begann der Sänger von vorn: „Sorrow found me when I was young. Sorrow waited, sorrow won“, eine Meditation über den Weltschmerz mit den rauchigen Mitteln von Gesang und E-Gitarre. Aus diesem Parforceritt entstand eine bis heute währende Freundschaft mit der Band, vor allem mit dem Gitarristen und Komponisten Bryce Dessner.
Für die Videoarbeit „Sunday Without Love“, die in der Ausstellung in Recklinghausen ihre Europa-Premiere feiern wird, hat Ragnar Kjartansson ein Lied des deutschen Sängers Rocko Schamoni adaptiert. Er nutzt nur den Refrain und verleiht dem Stück so neue Allgemeingültigkeit und Tiefe. Dass Kjartansson – wie Christoph Schlingensief – in seiner Jugend Messdiener war, hat seinen Sinn für die Kraft des Rituellen geschärft, auch das Gebet lebt von der Wiederholung. Bis heute fühlt er sich dem Christlichen, bei aller Distanz zur Kirche, innerlich verbunden.
Von Kjartanssons Studio ist es nur ein kurzer Spaziergang zum Marshall House, einem ehemaligen Fabrikgebäude im alten Hafen. Im Erdgeschoss befindet sich ein gutes Restaurant, wo wir zu Mittag essen, es gibt Kabeljau, von dem es in den Gewässern rund um Island nur so wimmelt. Über der Bar prangt die Leuchtschrift „Scandinavian Pain“. Die ursprüngliche Version installierte Kjartansson 2006 in einem Schuppen in der norwegischen Landschaft, in dem er eine Woche lang lebte und dem Leiden nordischer Künstler wie Edvard Munch oder August Strindberg nachfühlte. Im Marshall House betreibt auch die i8 Gallery einen ihrer beiden Standorte in Reykjavík, ganz oben hat Olafur Eliasson sein Studio, der aus Island stammt und dort sporadisch lebt und arbeitet. Kjartansson hingegen ist ein Fixstern der isländischen Kunstszene, fördert junge Talente und bringt für seine großen Produktionen ständig Leute zusammen. Im Restaurant begrüßt er jeden zweiten Gast persönlich, in seinem Studio herrscht ein reges Kommen und Gehen, Freunde schauen vorbei, mit denen er gerade an Projekten arbeitet oder die Mittwinterfeier auf dem Land vorbereitet.
Für ihn scheint Islands Randständigkeit eine Stärke zu sein, sie gibt ihm Freiheit, die großen Marktplätze der Kunst sind sowieso woanders. „Wir gehören nicht zur kommerziellen Kunstwelt“, meint er. „Wenn ich reise und mich in diese Welt begebe, ist das für mich wie Urlaub in Benidorm. Ich denke: wow! Hier gibt’s Champagner, wie nett!“ International vernetzt ist er dennoch, mit Joan Jonas und Marina Abramović, den Künstlerinnen, die er am meisten bewundert, ist er persönlich befreundet, die wegweisende feministische Performancekünstlerin Carolee Schneemann, die 2019 verstarb, war auf seiner Hochzeit.
Islands geopolitische Lage macht ihn zu einem aufmerksamen Beobachter. Die Insel liegt zwischen den Kontinenten Europa und Amerika, quasi in der Mitte zwischen Moskau und Washington, das seit Kurzem so umkämpfte Grönland ist nicht weit. Eine Zeit lang war das Politische in Kjartanssons Kunst stärker präsent. Eine Ausstellung in Moskau endete ausgerechnet am ersten Tag des Ukrainekriegs, die Wirren der frühen Kriegstage in Russland erlebte er live mit. 2025 kuratierte er daraufhin mit seiner Frau Ingibjörg Sigurjónsdóttir eine Ausstellung mit den Putin-Gegnerinnen Pussy Riot im Münchner Haus der Kunst. 2016 zeigte er in einer Schau in Tel Aviv Gemälde von Häusern radikaler Siedler im Westjordanland, die er en plein air vor Ort geschaffen hatte – nicht selten angepöbelt und bedroht von den jüdischen Eigentümern.
Heute fragt er sich, ob und wie er diese Gemälde noch zeigen kann, angesichts der verhärteten Debatten, die keine Zwischentöne mehr zulassen. Je mehr sich die internationalen Konflikte verschärfen, desto mehr besinnt er sich auf die Poesie. „Wir müssen kämpfen, indem wir gute Kunst machen, und nicht, indem wir den Leuten sagen, was sie zu denken haben. Das hat die Linke versucht, und es hat nicht funktioniert. Es wurde einfach langweilig.“