Ragnar Kjartansson

Normale Tage in Arkadien

Seine Malerei und Videos begeistern die Kunstwelt, aber er hütet lieber Schafe. Nun sind Werke von Ragnar Kjartansson in Recklinghausen zu sehen. Ein Atelierbesuch in Reykjavík

Von Simone Sondermann
03.06.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 255

Auf der Verpackung der Schokolade, die es im Duty-free-Shop am Flughafen von Reykjavík zu kaufen gibt, steht eine dramatische Geschichte: Das Jahr 1918 begann mit heftigem Frost, der die nationale Lebensmittelversorgung erheblich beeinträchtigte. Der gefährliche Vulkan Katla brach aus, und die spanische Grippe wütete über die Insel, die noch im gleichen Jahr ihre Unabhängigkeit von Dänemark beschloss. Damals gründeten mutige Unternehmer die erste Schokoladenfabrik auf Island. Wer diesen Text auf der Rückseite einer 100-Gramm-Tafel liest, weiß sofort: Dies ist ein Land der Poeten und Geschichtenerzähler.

Das Studio von Ragnar Kjartansson liegt am alten Hafen von Reykjavík. Der Weg von der Innenstadt dorthin führt an einer langen Reihe geduckter Gebäude entlang, mit dicken, schrägen Mauern und schrägem Dach, denen die Atlantikwellen bei Sturm nichts anhaben können. Früher wurden in den wetterfesten Hallen die Boote repariert. In diesem Februar lässt die Sonne die weißen Fassaden und türkisfarbenen Türen so derart leuchten, dass man sich einbilden könnte, man sei an der Mittelmeerküste. Wäre da nicht die eisige Luft, die daran erinnert, dass nur ein wenig weiter nördlich die Arktis beginnt.

Ragnar Kjartansson in der Nähe seines Studios auf Island im Februar 2026.
Im alten Hafen von Reykjavík hat Kjartansson seit vielen Jahren sein Atelier, auch seine Galerie liegt ganz in der Nähe. © Ari Magg

Hier arbeitet einer der bedeutendsten isländischen Künstler der Gegenwart, der mit seinem Werk zwischen Popkultur und Meditation, zwischen nordischem Weltschmerz und herzerwärmendem Humor, zwischen Rokoko und Romantik seit mehr als fünfzehn Jahren Museumsbesucher auf der ganzen Welt begeistert und Kritiker zum Schwärmen bringt. Kjartansson ermöglicht mit seinen Mehr-Kanal-Videoinstallationen Erfahrungen im Raum, die sich kaum abbilden lassen, nicht Social-Media-tauglich sind, aber für die, die sie gesehen haben, zu bleibenden Erinnerungen werden. Ab Mai gibt es eine der eher seltenen Gelegenheiten, ihn in Deutschland zu erleben, in einer Schau in der Kunsthalle Recklinghausen.

Ragnar Kjartanssons Studio ist überraschend bescheiden

Ragnar Kjartansson betritt freundlich lachend sein Studio, er schiebt einen Kinderwagen durch die kleine Tür, darin schläft dick eingepackt seine jüngste Tochter Hildi. Drinnen herrscht ein angenehmes Chaos, eine Mischung aus Probenraum, Bühne, Maleratelier und Wohnzimmer. Auf einer kleinen Orgel liegen die Noten für ein Bach-Präludium, auf einer Empore steht ein Schlagzeug, Gemälde warten auf den letzten Pinselstrich, an der warmroten Wand hängt die Skizze für sein nächstes Videoprojekt. Zwischendrin gemütliche Sessel, ein Barbie-Puppenhaus und eine Küchenbar, hinter der seine Studiomanagerin Lilja, die er schon seit der Grundschule kennt, uns Kaffee und „Kex“ anbietet. Dieser Wohlfühlort gibt einen kleinen Eindruck seiner künstlerischen Vielfältigkeit, die Malerei und Performance, Musik und Videokunst beinhaltet. Für einen international gefeierten Künstler, der sein Land mit Anfang dreißig auf der Venedig-Biennale vertrat und dessen Videoinstallation, „The Visitors“ vom britischen Guardian schon 2019 als „das wichtigste Kunstwerk des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde, ist sein Studio überraschend bescheiden.

Auf dem Gemälde sieht man ein Atelier mit einem braunen Stuhl und einer grünen Decke, die über Kisten liegt
Das Atelier als Bühne: Kjartanssons „Grüner Veltliner“ von 2024. © i8/Luhring Augustine NY

Ragnar Kjartansson ist kürzlich fünfzig geworden, im Atelier liegen noch die Zeichnungen der bunten Torten, die seine Frau, die Künstlerin Ingibjörg Sigurjónsdóttir, zu diesem Anlass nach seinen Entwürfen gebacken hat. Sein Großvater, dessen Namen er trägt, war Bildhauer und Keramiker, ein Pionier dieser Kunstform auf Island. „In seinen Anfängen war mein Großvater sehr modern, er schuf avantgardistisches Zeug“, erzählt Kjartansson. Ragnar Kjartansson senior war mit Dieter Roth befreundet, dem Schweizer Fluxus-Künstler, der lange in Island lebte. Sie teilten sich ein Studio, im Haus der Großeltern hing ein großes Eat-Art-Werk von Roth aus „verrottendem Sauerfleisch“. „Ich glaube, ich bin Künstler geworden, weil ich so verzaubert war von der Atmosphäre im Kreis um meinen Großvater und seine Freunde“, sagt Kjartansson.

Immer wieder hat er sich in seiner eigenen Arbeit mit dem Künstlertum beschäftigt, hat die Klischees rund um die Person des Künstlers inszeniert, persifliert, auf die Spitze getrieben, ganz nach dem Vorbild seines bärtigen, feierfreudigen Großvaters. Auch dass er sich nicht festlegen lässt auf ein bestimmtes Genre, seinen „postmodernen Ansatz“ verdanke er ein wenig dem Vorfahr, sagt er. Er habe von ihm gelernt, dass diverse künstlerische Ausdrucksformen die gleiche Berechtigung haben, radikal moderne wie die von Dieter Roth oder scheinbar rückwärtsgewandte wie der sozialistische Realismus, dem sich der Großvater später zuwandte: Denkmäler von Seeleuten oder Bäuerinnen, die heute überall in Island in der Landschaft stehen, Kjartansson zeigt sie schmunzelnd auf seinem Handy.

Kjartanssons Studio am alten Hafen von Reykjavík ist eine Mischung aus Maleratelier, Probenraum und Wohnzimmer. Hier liegt der Künstler auf einem Sessel und spielt Gitarre
Der Künstler vereint nordischen Weltschmerz mit der Leichtigkeit des Pop, sein Studio ist eine Mischung aus Maleratelier, Probenraum und Wohnzimmer. © Ari Magg

Seine Eltern sind Schauspieler und Theatermacher, er sei quasi hinter der Bühne aufgewachsen, erzählt er. Bis heute fühle er sich „gut und sicher“, wenn er von laut lachenden Schauspielern umgeben sei, fasziniert von dieser kleinen Welt des Theaters wie der Junge in Ingmar Bergmans Film „Fanny und Alexander“. Seine Mutter Guðrún Ásmundsdóttir sei so mit Leib und Seele Schauspielerin, dass sie Mitleid empfinde für jeden, der einen bürgerlichen Beruf wie etwa Rechtsanwalt ergreift. In seinem Langzeitprojekt „Me and My Mother“ führen die beiden seit 2000 alle fünf Jahre die gleiche Performance auf: Sie stehen vor einem Bücherregal, und seine Mutter spuckt ihm mehrfach von der Seite ins Gesicht. Als sie damit anfingen, war Kjartansson noch an der Kunstakademie in Stockholm. Heute ist seine Mutter 90, und alle hoffen, dass es 2030 noch eine weitere Folge mit ihr geben wird.

Für seinen Galeristen Börkur Arnarson nimmt „Me and My Mother“ eine besondere Stellung in Kjartanssons Œuvre ein. „Es begann als ein kleines Slapstickvideo, ein Kunsthochschulprojekt und wurde zu etwas so Tiefem und Traurigem, zu etwas, das über so viele Jahre dazu einlädt, über das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn, zwischen einer berühmten Schauspielerin und einem jungen Mann, der selbst ein berühmter Künstler wurde, nachzudenken.“ Und über das Verhältnis von Männern und Frauen generell, möchte man hinzufügen – Kjartansson hat wiederholt geäußert, dass der Feminismus für ihn die wichtigste Errungenschaft des 20. Jahrhunderts sei. Börkur Arnarsons Galerie i8 in Reykjavík vertritt Kjartansson schon seit dessen Abschluss von der Hochschule, es ist eine gemeinsame Erfolgsgeschichte. i8 hat heute neben isländischen auch wichtige internationale Künstlerinnen wie Alicja Kwade oder Roni Horn im Programm. Und Kjartansson ist der Galerie treu geblieben, auch wenn mit Luhring Augustine in New York eine zweite hinzugekommen ist.

Auf dem Foto sieht man Kjartansson und seine Mutter, die auf ihn spuckt
Alle fünf Jahre bespuckt die Mutter ihren Sohn: Kjartanssons Langzeitprojekt „Me and My Mother“, hier 2020. © Courtesy of the artist, Luhring Augustine, New York and i8 Gallery, Reykjavik

Erster großer Auftritt auf der Venedig-Biennale

Das Werk von Ragnar Kjartansson ist durchdrungen von der Liebe zum Theater, zur Maskerade. Er schlüpft für seine Videos immer wieder in Rollen, legt sich mit einer Gitarre in die Badewanne, singt mit Haartolle und weißem Anzug wie ein nordischer Elvis oder isst im Rokokokostüm ein Steak. Es passt gut zur Bühnenhaftigkeit seines Œuvres, dass die Schau in der Kunsthalle Recklinghausen, die ab Mai neuere Videoarbeiten sowie eine Serie von Landschaftsgemälden zeigt, Teil der Ruhrfestspiele ist, eines der größten Theaterfestivals in Europa.

Schon bei seinem ersten großen internationalen Auftritt auf der Venedig-Biennale, als Kjartansson 2009 den isländischen Pavillon bespielte, hat er so getan, als ob. Hat sich als Maler inszeniert – der er ja tatsächlich ist –, während er jeden Tag das gleiche Modell, einen Freund in Badehose, porträtierte. 144 Gemälde sind so entstanden, in einem Palazzo aus dem 14. Jahrhundert, zwischen Bierflaschen und Zigarettenschachteln. Und die Langzeitperformance wurde zum tableau vivant eines Künstlers als junger Mann.

Ein Foto von Kjartanssons Performance in Venedig auf dem ein Segelboot zu sehen ist, das durch Venedig fährt
Die Performance „S.S. Hangover“ mit Schiff und Blechbläsern fand 2013 im Arsenale von Venedig statt, bei Kjartanssons zweitem Biennale-Auftritt. Das daraus entstandene Zweikanal-Video ist derzeit in Recklinghausen zu sehen. © Mit Genehmigung des Künstlers / Luhring Augustine, New York und i8 Gallery, Reykjavik

Eigentlich wollte Kjartansson Popstar werden. „Ich bin an die Kunsthochschule gegangen, weil alle wichtigen europäischen Popmusiker Kunst studiert haben. Ich habe mir gedacht: Wo lerne ich, Popstar zu werden? An der Kunsthochschule!“, erzählt er und lacht. Und berichtet von dem Plattenvertrag, den er mit seiner Band Trabant hatte, von der „Shithole“-Tour durch Großbritannien in den frühen 2000er-Jahren, wo sie in kleinen Käffern vor ein paar Leuten spielten, eine Erfahrung, die ihn auch politisch gebildet hat. Der Brexit später habe ihn nicht überrascht angesichts der Bitterkeit und des Gefühls der Abgehängtheit, die er schon damals bei vielen Briten beobachtet habe. Er entschied sich schließlich für die bildende Kunst, aus Freude, wie er betont, und nicht aus Ehrgeiz. „Ich wollte verzweifelt ein erfolgreicher Musiker werden, und schließlich habe ich Kunst gemacht, einfach weil ich es geliebt habe.“

Kjartanssons künstlerische Arbeit wirkt leicht, trotz aller technischen Finesse seiner Videoinstallationen. Daran konnte auch der Erfolg nichts ändern, im Gegenteil. Sein Neun-Kanal-Video „The Visitors“, das 2012 in einer alten Villa der Astor-Familie im Hudson Valley im Staat New York entstand und das er nach dem letzten Album von ABBA benannte, war sein Durchbruch, es hat die internationale Kritik geradezu in Ekstase versetzt und tourt bis heute durch Museen weltweit. Mit einer Gruppe von Musikerfreunden drehte er an einem einzigen Abend diesen Film, in dem Menschen, in einzelnen Räumen voneinander getrennt und nur durch Kopfhörer verbunden, gemeinsam musizieren und feiern: ein melancholisches Hohelied der Freundschaft, mit dem Kjartansson die Trennung von seiner ersten Frau verarbeitete und zugleich den Nerv der Obama-Ära traf, in der so vieles möglich schien.

Auf dem Foto ist ein brennendes Haus im Wald zu sehen
„Burning House“ aus Kjartanssons Videoserie „Scenes from Western Culture“, 2015. © Ragnar Kjartansson; Courtesy of the artist, Luhring Augustine, New York and i8 Gallery, Reykjavik

Musik ist ein wesentlicher Bestandteil von Kjartanssons Kunst. Er hat von der Popmusik gelernt, dass es auf den Refrain ankommt, auf die Eingängigkeit, den Evergreen, die Wiederholung, Vor allem das Prinzip der Repetition hat er perfektioniert. 2013 brachte er die US-amerikanische Band The National dazu, im New Yorker MoMA ihren Song „Sorrow“ bis zur Erschöpfung zu wiederholen – sechs Stunden lang. Immer wieder begann der Sänger von vorn: „Sorrow found me when I was young. Sorrow waited, sorrow won“, eine Meditation über den Weltschmerz mit den rauchigen Mitteln von Gesang und E-Gitarre. Aus diesem Parforceritt entstand eine bis heute währende Freundschaft mit der Band, vor allem mit dem Gitarristen und Komponisten Bryce Dessner.

Für die Videoarbeit „Sunday Without Love“, die in der Ausstellung in Recklinghausen ihre Europa-Premiere feiern wird, hat Ragnar Kjartansson ein Lied des deutschen Sängers Rocko Schamoni adaptiert. Er nutzt nur den Refrain und verleiht dem Stück so neue Allgemeingültigkeit und Tiefe. Dass Kjartansson – wie Christoph Schlingensief – in seiner Jugend Messdiener war, hat seinen Sinn für die Kraft des Rituellen geschärft, auch das Gebet lebt von der Wiederholung. Bis heute fühlt er sich dem Christlichen, bei aller Distanz zur Kirche, innerlich verbunden.

Fixstern der isländischen Kunstszene

Von Kjartanssons Studio ist es nur ein kurzer Spaziergang zum Marshall House, einem ehemaligen Fabrikgebäude im alten Hafen. Im Erdgeschoss befindet sich ein gutes Restaurant, wo wir zu Mittag essen, es gibt Kabeljau, von dem es in den Gewässern rund um Island nur so wimmelt. Über der Bar prangt die Leuchtschrift „Scandinavian Pain“. Die ursprüngliche Version installierte Kjartansson 2006 in einem Schuppen in der norwegischen Landschaft, in dem er eine Woche lang lebte und dem Leiden nordischer Künstler wie Edvard Munch oder August Strindberg nachfühlte. Im Marshall House betreibt auch die i8 Gallery einen ihrer beiden Standorte in Reykjavík, ganz oben hat Olafur Eliasson sein Studio, der aus Island stammt und dort sporadisch lebt und arbeitet. Kjartansson hingegen ist ein Fixstern der isländischen Kunstszene, fördert junge Talente und bringt für seine großen Produktionen ständig Leute zusammen. Im Restaurant begrüßt er jeden zweiten Gast persönlich, in seinem Studio herrscht ein reges Kommen und Gehen, Freunde schauen vorbei, mit denen er gerade an Projekten arbeitet oder die Mittwinterfeier auf dem Land vorbereitet.

Ragnar Kjartansson, „Zíta in the role of Sleeping Eros contemplating Venus de Milo“, 2020 zeigt Kjartanssons zweite Tochter.
Ragnar Kjartansson, „Zíta in the role of Sleeping Eros contemplating Venus de Milo“, 2020 zeigt Kjartanssons zweite Tochter. Courtesy of the artist/Luhring Augustine, New York and i8 Gallery, Reykjavik

Für ihn scheint Islands Randständigkeit eine Stärke zu sein, sie gibt ihm Freiheit, die großen Marktplätze der Kunst sind sowieso woanders. „Wir gehören nicht zur kommerziellen Kunstwelt“, meint er. „Wenn ich reise und mich in diese Welt begebe, ist das für mich wie Urlaub in Benidorm. Ich denke: wow! Hier gibt’s Champagner, wie nett!“ International vernetzt ist er dennoch, mit Joan Jonas und Marina Abramović, den Künstlerinnen, die er am meisten bewundert, ist er persönlich befreundet, die wegweisende feministische Performancekünstlerin Carolee Schneemann, die 2019 verstarb, war auf seiner Hochzeit.

Islands geopolitische Lage macht ihn zu einem aufmerksamen Beobachter. Die Insel liegt zwischen den Kontinenten Europa und Amerika, quasi in der Mitte zwischen Moskau und Washington, das seit Kurzem so umkämpfte Grönland ist nicht weit. Eine Zeit lang war das Politische in Kjartanssons Kunst stärker präsent. Eine Ausstellung in Moskau endete ausgerechnet am ersten Tag des Ukrainekriegs, die Wirren der frühen Kriegstage in Russland erlebte er live mit. 2025 kuratierte er daraufhin mit seiner Frau Ingibjörg Sigurjónsdóttir eine Ausstellung mit den Putin-Gegnerinnen Pussy Riot im Münchner Haus der Kunst. 2016 zeigte er in einer Schau in Tel Aviv Gemälde von Häusern radikaler Siedler im Westjordanland, die er en plein air vor Ort geschaffen hatte – nicht selten angepöbelt und bedroht von den jüdischen Eigentümern.

Heute fragt er sich, ob und wie er diese Gemälde noch zeigen kann, angesichts der verhärteten Debatten, die keine Zwischentöne mehr zulassen. Je mehr sich die internationalen Konflikte verschärfen, desto mehr besinnt er sich auf die Poesie. „Wir müssen kämpfen, indem wir gute Kunst machen, und nicht, indem wir den Leuten sagen, was sie zu denken haben. Das hat die Linke versucht, und es hat nicht funktioniert. Es wurde einfach langweilig.“

Auf dem Foto sieht man Tänzerinnen der Iceland Dance Company, die Gitarre spielen. Im Hintergrund hängen türkisfarbene Vorhänge
Für „No Tomorrow“ lernten die Tänzerinnen der Iceland Dance Company Gitarre spielen, es ist auf sechs Leinwänden im Obergeschoss der KunsthalleRecklinghausen zu erleben. © Ragnar Kjartansson, Margrét Bjarnadóttir, & Bryce Dessner; Courtesy of the artists, Luhring Augustine, New York and i8 Gallery, Reykjavik

Die Werke, die in Recklinghausen zu sehen sind, nehmen die Betrachtenden mit, laden sie ein. Es sind Arbeiten voller feiner kunsthistorischer und intellektueller Bezüge, die dennoch mit einer emotionalen Unmittelbarkeit zu einem sprechen, die in der bildenden Kunst selten ist. In „No Tomorrow“ etwa bewegen sich auf sechs großen Videoscreens, die die Museumsbesucher umgeben, acht Tänzerinnen der Iceland Dance Company in Bluejeans und weißem T-Shirt vor einem lichtgrünen Vorhang. Sie haben Gitarren in der Hand, jeder Akkord, den sie spielen, ist mit einer Bewegung verbunden, eine Verneigung vor Karlheinz Stockhausens Idee von Musik im Raum und vor der Schönheit des Balletts. „Sunday Without Love“ ist eine Art riesiges Videogemälde, zu dem ihn eine Postkarte inspirierte, die lange an seinem Kühlschrank hing. Männer und Frauen in altertümlicher Kleidung sitzen und stehen in einer sattgrünen Berglandschaft. Das Ganze erinnert an ein Altmeistergemälde, aber es kommt einem auch die Verfilmung des Broadway-Musicals „The Sound of Music“ in den Sinn. Gedreht wurde in den flämischen Ardennen. Mit den immergleichen Worten singen die Protagonisten, darunter Kjartansson selbst, dass man lernen müsse, ohne Liebe zu leben, dass man aufhören müsse, sich danach zu sehnen: „Love is not good for you.“

Insel der Vulkane

Kjartansson hat ein Haus auf dem Land, hier verbringt er mit seiner Frau und den drei Töchtern die Sommer und frönt seinem Hobby, dem Schafehüten. Seine kleine Farm umgeben vier Vulkane, erzählt er, und in der Nähe ist das größte Lavafeld der Menschheitsgeschichte. Es entstand im späten 18. Jahrhundert. Als der Laki-Vulkan 1783 ausbrach, veränderten die daraus resultierenden Wetterphänomene das Licht in Europa und nicht nur dort. Von Benjamin Franklin, einem der Gründerväter der damals noch ganz jungen Vereinigten Staaten, ist der Ausspruch überliefert, dass die Sonne braun wurde. Es kam zu politisch folgenreichen Missernten und Hungersnöten, nur sechs Jahre später begann die französische Revolution.

In dieser geschichtlich so wirkmächtigen und zugleich so weltabgewandten Natur entstand Kjartanssons Gemäldezyklus „Weekdays in Arcadia“, der auch in Recklinghausen ausgestellt wird. Fünf fast drei Meter breite Gemälde von Vulkanen, moosbewachsenen Flächen und Felsspalten, in denen klitzekleine Menschen ihren Tätigkeiten nachgehen, gehen, schauen, Schafe begleiten. Die Seelenlandschaft, die Kjartansson bei seinen Helden Caspar David Friedrich und Edvard Munch so bewundert, wird hier zum Überwältigungserlebnis mit einer Prise absurder Komik. Nico Anklam, der Direktor der Kunsthalle Recklinghausen, der die Schau in Kooperation mit dem Kunstmuseum in Tallinn kuratiert hat, betont Kjartanssons Verbindung zur nordischen Pleinair-Malerei des 19. Jahrhunderts, zum damals neuen „Erlebnis der Landschaft als begehbarem Naturerfahrungsraum“. Zugleich, so Anklam, „hinterfragt er in seinen Werken die nationalromantische Idee des Landschaftsmalers“. Auch Kjartansson sagt, dass es ihm nicht darum gehe, die Schönheit der isländischen Landschaft einzufangen, „denn dies ist unmöglich“. Dass es ihm auf seine Weise dennoch gelingt, macht seine Bilder so berührend.

Auf dem Bild von Ragnar Kjartansson ist eine düstere Landschaft mit Nebel auf Island zu sehen
Blick auf den Uxatindar aus dem Gemäldezyklus „Weekdays in Arcadia“, 2025. © Courtesy of the artist/Vigfus Birgisson/Luhring Augustine, New York and i8 Gallery, Reykjavik

Beim Spaziergang an der Küste des Nordatlantiks, der in der isländischen Wintersonne geradezu unwirklich glitzert und in dem man beim Anflug auf Reykjavík die Wale springen sehen kann, erzählt Kjartansson von seinem nächsten Projekt. Es geht um einen verbrannten Wald im Westen Kanadas, und er rezitiert ein Gedicht von James Wright: „A Breath of Air“. Darin begibt sich das lyrische Ich nach dem Verlust der Liebe in den Wald, um durchzuatmen, und kehrt von dort zurück mit einem Gefühl der Akzeptanz: „And things were as they were.“ Am meisten hat es Kjartansson die verzweifelte Zeile „Looking in vain for lies“ angetan, „vergeblich nach Lügen suchend“, die der Einsicht des Ich vorausgeht. Bryce Dessner wird dieses Gedicht für ihn vertonen, gedreht wird bald in British Columbia, und neben einer sechsköpfigen Band sollen auch zwei Hunde mitspielen. Ihr Heulen wird Teil des Songs und des Kunstwerks, inmitten von totem Holz. Er hat dafür extra eine Tiertrainerin engagiert. Es wird nicht einfach, die Hunde dazu zu bringen, an der richtigen Stelle zu singen. Aber wenn es einer schafft, dann Ragnar Kjartansson.

Ein Mann läuft unter Schneekanonen im Bláfjöll-Skigebiet
Der Künstler als Popstar unter Schneekanonen im Bláfjöll-Skigebiet. © Ari Magg

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Ragnar Kjartansson. Sunday Without Love“,

Kunsthalle Recklinghausen,

bis 16. August

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