Berliner Museumsinsel

So blau war Babylon

Das Pergamonmuseum ist Deutschlands größte Kulturbaustelle. Zu ihm gehört auch das Vorderasiatische Museum. Während die ersten sanierten Teile in einem Jahr wiedereröffnen, bleibt die weltberühmte babylonische Sammlung noch lange unter Verschluss. Wie kann sich das Haus in der Zwischenzeit neu erfinden?

Von Sebastian Preuss
21.05.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 253

Walter Andrae wusste, wie man große Effekte erzeugt. „Werden die Emailletiere schön? Ist denn schon etwas Propaganda gemacht worden für eine monumentale Ausstellung?“, schrieb er im Januar 1904 von seinem Ausgrabungshaus in Assur nach Berlin. „Die Tiere gehören nicht in einen Schuppen! Da muss was Anständiges drumherum. Es ist möglich, etwas ganz Großartiges, noch nicht Gesehenes daraus zu machen.“ Damals war Andrae 28 Jahre, hatte Architektur in Dresden studiert und danach den Archäologen Robert Koldewey 1899 als Grabungsassistent nach Babylon begleitet. Er war dabei, als unter vielen Metern Schutt die Stadtbefestigung König Nebukadnezars II. auftauchte, die Prozessionsstraße und das der Göttin Ischtar gewidmete Stadttor. Alle Mauern waren einst mit Reliefs aus farbig glasierten Ziegeln dekoriert, deren Bruchstücke jetzt zu Tausenden zum Vorschein kamen. Bald fanden sich auch Hinweise auf den Standort des legendären Marduk-Tempels, des „Turmbaus zu Babel“ aus dem Alten Testament. Andrae sollte eigentlich nur zwei Jahre bleiben, aber es wurde eine Lebensaufgabe daraus. Mesopotamien, das „Zweistromland“ zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Irak, wo die ersten Städte entstanden waren und man im 4. Jahrtausend v. Chr. die Schrift erfand, ließ ihn nicht mehr los. Er wurde ein bedeutender Ausgräber, aber auch ein eigenwilliger, fast schon exzentrischer Vermittler der Kunst und Architektur des alten Orients.

Das Vorderasiatische Museum auf der Berliner Museumsinsel ist ohne Walter Andrae (1875–1956) nicht zu verstehen. Er hat es geprägt und seine Einrichtung wurde nie einschneidend verändert. Derzeit aber ist es eine Sammlungs- und Forschungseinrichtung ohne Publikum. Denn das Pergamonmuseum, dessen Teil es ist, wird seit 14 Jahren saniert: Deutschlands teuerste Kulturbaustelle, deren Kosten immer weiter anwuchsen und derzeit auf 1,5 Milliarden angesetzt sind. „Das Pergamonster“ betitelte der Spiegel eine Reportage über die zahlreichen Probleme und Pannen bei den Bauarbeiten. Seit Herbst 2014 sind der weltberühmte Pergamonaltar im Mitteltrakt sowie der Nordflügel nicht mehr zugänglich. Im Oktober 2023 wurde das gesamte Haus dichtgemacht – damit auch das Vorderasiatische Museum, das frühestens 2037 mit seiner Wiedereröffnung rechnen kann. Dann allerdings mit großem Gewinn: Es erhält ein zweites Geschoss im Südflügel, es verdoppeln sich die Ausstellungsfläche und die Zahl der gezeigten Exponate; bisher waren es rund 2000 Objekte aus fünf Jahrtausenden. Damit eröffnen sich viele Chancen und viele Fragen: Wie umgehen mit den historischen Raumkonzepten? Was soll bewahrt, was verändert werden? Welche Themen und Geschichten dieser faszinierenden Hochkulturen lassen sich erzählen? Wie können die nicht minder faszinierenden Erkenntnisse der modernen Archäologie und die Methodik der Rekonstruktionen verständlich gemacht werden? Es geht um die Zukunft eines Museums, das mit 500.000 Objekten zu den größten und bedeutendsten seiner Art zählt.

Auf dem Bild sind zwei kopfförmige Steinskulpturen zu sehen. Der Kopf einer Frau steht vor dem eines Mannes.
Sinnlichkeit des 22. Jahrhunderts v. Chr., Kopf eines Mannes und einer Frau. © Olaf M. Teßmer/Staatliche Museen zu Berlin - Vorderasiatisches Museum

Robert Koldewey, der mit seinen systematischen Grabungen und Dokumentationsmethoden die Altertumswissenschaft bis heute beeinflusst und als Erster erkannte, wie man die Lehmziegel-Architektur in Mesopotamien am besten untersucht, war von seinem Mitarbeiter Andrae zunächst wenig begeistert: „Ich habe hier einen harmlosen Jüngling, der kann nicht einmal ein Stemmloch von einem Wolfsloch unterscheiden – aber er malt und zeichnet entzückend“, schrieb er einem Kollegen. Doch Andrae lernte schnell und wurde schon bald mit eigenen Grabungen betraut. Bis 1914 legte er bedeutende Teile von Assur frei, der Hauptstadt Assyriens, des ersten Imperiums der Weltgeschichte, das vom 9. bis 7. Jahrhundert v. Chr. den Nahen Osten vom Mittelmeer bis in den Iran beherrschte.

Andraes künstlerische Ader half ihm, aus den Fundamenten und Bruchstücken anschauliche, so weit wie möglich wissenschaftlich abgesicherte Rekonstruktionen der Archiktekturen zu entwerfen. Als Assistent in Babylon gelang es ihm, aus Tausenden Splittern farbig glasierter Ziegel die göttlichen Tiersymbole von den Bauten zusammenzufügen. Der Löwe ist das Symbol der Ischtar, der ein Tempel und eine gewaltige Toranlage gewidmet waren; der Stier steht für den Wettergott Adad, der Drache für Marduk, den Stadtgott von Babylon. Neben seiner akribischen Arbeit als Archäologie hielt er unermüdlich die Städte, Landschaften und Menschen fest, so wie er sie damals erlebte. Um 1900 war in diesem Zipfel des Osmanischen Reichs die Moderne noch fern. Die Berliner Staatsbibliothek verwahrt mehr als 200 seiner Zeichnungen und Aquarelle; in dem Buch „Bilder eines Ausgräbers“ blättert man sich durch eine Welt wie aus Tausendundeiner Nacht und stößt dazwischen immer wieder auf Andraes expressive Visionen, wie die Paläste, Tempel und Stadtmauern in Babylon oder Assur einst ausgesehen haben könnten.

Im Südflügel des Berliner Pergamonmuseums, das 1930 eröffnet wurde, konnte Andrae Vorstellungen umsetzen, die ihn schon als jungen Ausgräber umgetrieben hatten: mit den Rekonstruktionen des 15 Meter hohen Ischtar-Tors und der 30 Meter langen Prozessionsstraße von Babylon, mit Nachbildungen einer Tempelfassade in Uruk, eines Palastraums in Assur oder des Burgtors von Sam’al. Im Jahr 1928 wurde Andrae Direktor der Vorderasiatischen Abteilung, wie sie damals noch hieß. Fieberhaft arbeitete er nun an seinen monumentalen baulichen Reenactments. Und als die staatlichen Geldgeber zögerten, ließ er kurzerhand das Ischtar-Tor aus Holz und bemaltem Papier in Originalgröße aufbauen, um sie zu überzeugen.

Das Museum ist Andraes Lebenswerk, er hat es unverwechselbar gemacht. Vor allem das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße, zusammengesetzt aus farbigen, zum größten Teil blauen Glasurziegeln, haben Millionen von Menschen in Bann geschlagen. Nur rund zwanzig Prozent der Bauten aus Babylon sind original, der Rest ist modern. Das mindert nicht die Fantasie, zu der sie anregen, und auch nicht die Lust, sich umso intensiver mit den antiken Werken und ihrem historischen Kontext zu beschäftigen. „Babylon Berlin“ – der Titel, der enorm zum weltweiten Erfolg der Filmserie beigetragen hat, die um 1930 spielt, passt auf das Vorderasiatische Museum, das in eben dieser Zeit real entstand, noch sehr viel besser.

So wird das Pergamonmuseum künftig aussehen: im Nordflügel (li.) das Museum für Islamische Kunst, im Südflügel (re.) das Vorderasiatische Museum, dazwischen der neue Verbindungstrakt.
So wird das Pergamonmuseum künftig aussehen: im Nordflügel (li.) das Museum für Islamische Kunst, im Südflügel (re.) das Vorderasiatische Museum, dazwischen der neue Verbindungstrakt. © ART+COM

Sehr unkonventionell ging Andrae auch in den Räumen ohne Architekturen vor. Er nutzte kräftige Farben, gruppierte mit viel Geschmack Skulpturen und Vitrinen voll von Kleingegenständen. Und auf die Höhe der Säle, die ihn störte, reagierte er, indem er über den Fundstücken große Gemälde von den entsprechenden Grabungsstätten anbringen ließ. Die meisten dieser Bilder schuf seine Schwester Elisabeth in einem gemäßigten Spätimpressionismus. Im Zuge der Sanierung wurden sie bereits restauriert, auch künftig sollen sie dort hängen, wo Andrae sie platzierte. „Ihm ging es nicht nur um eine wissenschaftlich korrekte Ausstellungsgestaltung, sondern auch um eine lebendige Begegnung mit der Welt des Alten Orients“, so beschrieb die Archäologin Barbara Feller vor einigen Jahren seinen Ansatz in einem Essay. Andrae wollte „alle Sinne ansprechen und möglichst viele Emotionen wecken. Das Museum als große Kulisse, eine fast theatralische Inszenierung der Vergangenheit.“

Das Konzept des gesamten Pergamonmuseums war in seiner Konsequenz einzigartig und ist es bis heute. Das Spektrum der ergrabenen Fragmente, die hier in Architekturrekonstruktionen in Originalgröße integriert sind, reicht von hellenistischen Säulen und Tempelpartien über das Hauptmonument, den Pergamonaltar mit dem weltberühmten Figurenfries, von dort zur römischen Baukunst mit der spektakulären Fassade aus Milet, weiter zum Wiederaufleben von Babylon und des Alten Orients, schließlich zur Außenfront des Schlosses Mschatta, das die Umayyaden-Kalifen im 8. Jahrhundertn. Chr. in der jordanischen Wüste errichteten. Was häufig vergessen wird: Das Pergamonmuseum besteht aus drei Museen – die Antikensammlung mit den griechischen und römischen Werken, das Vorderasiatische Museum für die frühen Hochkulturen des Nahen Ostens sowie das Museum für Islamische Kunst. Mit dem großen Umbau kommt das Ägyptische Museum hinzu: Im neuen, weitgehend verglasten Trakt, der Nord- und Südflügel wie eine Vitrine zum Kupfergraben hin verbindet, kann es endlich Großarchitekturen wie das vor den Fluten des Assuanstaudamms gerettete Kalabscha-Tor ausstellen, das im benachbarten Neuen Museum keinen Platz fand.

Die Monumental-Inszenierungen standen immer wieder in der Kritik, etwa weil sie kaum noch Veränderungen zuließen. Von Beginn an waren sie aber ein Besuchermagnet. Das Pergamonmuseum ist unbestritten das erfolgreichste und beliebteste Haus der Staatlichen Museen Berlins. Zugleich ist es seit Langem ein Sorgenfall. Schon seine Errichtung zog sich 20 Jahre hin. Der Erste Weltkrieg verzögerte die Eröffnung bis 1930, vor allem aber beeinträchtigten gravierende Probleme mit dem Baugrund die Fertigstellung der Dreiflügelanlage. So tat sich unter dem Südtrakt ein 40 Meter tiefer Hohlraum aus der Eiszeit auf. Mit Schlamm gefüllt und nicht tragfähig, musste die „Kolkrinne“ von einer komplizierten Betonkonstruktion (der berühmt-berüchtigten „Kolkbrücke“) überdeckt werden. Das macht jeden späteren Eingriff äußerst heikel.

Es ist also kein Wunder, dass diese Baustelle eine Dauerbaustelle ist. Immer wieder tauchen neue Schwierigkeiten in der maroden Bausubstanz auf. Auch für den Architekten Jan Kleihues ist es ein Lebenswerk, wenn am Ende des Projekts mindestens 25 Jahre vergangen sein werden. Erschwerend kommt hinzu: Kleihues führt aus, was ein anderer erdacht hat. Als der Kölner Architekt Oswald Mathias Ungers 2000 den Wettbewerb für den Umbau des Museums gewann, blieben ihm nur noch einige Jahre, zu wenig, um den Baubeginn zu erleben, aber genug, um das Projekt bis in die Details zu planen. Für den neuen, vierten Flügel in seinem typischem Quadratschematismus, der exakt die Horizontalen des Altbaus aufgreift, ließ sich der 2007 verstorbene Ungers von einer Kolonnade inspirieren, die sein Vorgänger Alfred Messel, der erste Architekt des Museums, an der Stelle plante.

Wie trainiert man Streitwagen-Pferde? Auf der Tontafel aus Hattuscha, der Hauptstadt des Großreichs der Hethiter, um 1350 v. Chr., steht es geschrieben. © Sandra Steiß/SMB, VAM
Wie trainiert man Streitwagen-Pferde? Auf der Tontafel aus Hattuscha, der Hauptstadt des Großreichs der Hethiter, um 1350 v. Chr., steht es geschrieben. © Sandra Steiß/SMB, VAM

Wie geht man mit dem Entwurf eines verstorbenen Kollegen um? „Ich konnte mich anfangs nicht wirklich damit anfreunden. Ich fand ihn sehr spröde. Aber je länger man daran arbeitet und sieht, wie viele Architekturmoden kommen und gehen, denke ich, dass das ein wirklich zeitloses und funktional richtiges Konzept ist“, sagte Kleihues vor einem Jahr in einem Interview. „Die Qualitäten kann man im bereits fertigen Nordflügel sehen. Der Stein für den Neubau wird der gleiche sein wie der an den Bestandsfassaden. Es wird keinen Materialwechsel geben. Der Bau wird aufregend aber nicht aufgeregt.“ In den Details wurde einiges auf Wunsch der Denkmalpflege oder der Museumskustoden verändert. Aber Kleihues betont: „Wir legen sehr großen Wert darauf, dass gerade bei den Neubauten der Entwurf von Ungers eins zu eins umgesetzt wird.“

Ungers’ Verdienst ist es, dass er Alt und Neu geschickt vereinte und eine klare Lösung fand, die Besichtigung der antiken Großarchitekturen, also der Hauptattraktionen, künftig in einem einzigen Rundgang durch das ganze Hauptgeschoss zu ermöglichen. Das gilt auch für die zweite entscheidende Verbesserung: die Neuordnung der Bestände. Durch den Umzug des Museums für Islamische Kunst vom Obergeschoss des Südflügels in beide Geschosse des Nordflügels – inklusive des aufwendigen Ab- und Wiederaufbaus der Mschatta-Fassade, die sich jetzt perfekt in den Architekturparcours einfügt – kann sich diese Sammlung ausbreiten und kommt nach dem Abschluss des ersten Bauabschnitts 2027 ganz neu zur Geltung.

Die Nachahmung eines assyrischen Palastraums, 1934/1958, wird bei der Neugestaltung des Museums bewahrt. © Klaas Goeken/SMB, VAM
Die Nachahmung eines assyrischen Palastraums, 1934/1958, wird bei der Neugestaltung des Museums bewahrt. © Klaas Goeken/SMB, VAM

Und auch das Vorderasiatische Museum erhält endlich zwei Etagen plus Teile der niedrigeren Räume im Sockelgeschoss. Aber es sind noch viele Punkte offen. „Auf der Hauptebene wollen wir mehr Raum schaffen“, sagt die Direktorin Barbara Helwing. Das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße stehen ohnehin für sich. Aber auch in den kleineren Sälen sollen die architektonischen Elemente, Skulpturen und größere Objekte besser ihre Wirkung entfalten. So werden zwei Räume zusammengelegt, damit hier Stelen aus Assur, die in Inschriften an Könige und hohe Würdenträger erinnern, intensiver als zuvor zu erleben sind. Die Figuren von Tell Halaf finden in der unteren Ebene und am Übergang zum neuen Verbindungsflügel zum ersten Mal einen Standort. Bei schweren Stücken muss die exakte Platzierung jetzt schon feststehen, um die Tragsicherheit der Böden zu gewährleisten. Aber wie genau Andraes künstlerisch inspirierte Räume am Ende aussehen werden, ist noch nicht klar. Demnächst wird die Innenarchitektur ausgeschrieben. Auf die Gestalterin oder den Gestalter kommt es an. Andraes Konzept ist faszinierend, aber es wirkte zuletzt an manchen Stellen auch etwas muffig. Hier muss man mit subtilem Geschmack eine Lösung finden, die nicht modisch ist, unserer heutigen Ästhetik aber entgegenkommt. Eine Walter-Andrae-Weihestätte sollte und will man vermeiden.

Nachbildung der Palastfassade von Tell Halaf mit den Steinfiguren des 10./9. Jahrhunderts v. Chr., Rendering vom Übergang des neuen, vierten Flügels zum Vorderasiatischen Museum. © Kleihues + Kleihues Architekten
Nachbildung der Palastfassade von Tell Halaf mit den Steinfiguren des 10./9. Jahrhunderts v. Chr., Rendering vom Übergang des neuen, vierten Flügels zum Vorderasiatischen Museum. © Kleihues + Kleihues Architekten

Nadja Cholidis, die vom Museum aus die Planung betreut, erläutert einige Themen, die im Obergeschoss in Szene gesetzt werden sollen. Da geht es etwa darum, wie sich im 4. Jahrtausend v. Chr. in Uruk, der ältesten Stadt der Welt, eine neue Form von gemeinschaftlichem Leben entwickelte, wie die Staatenbildung funktionierte. Allgegenwärtig in Mesopotamien und seinen Nachbarregionen waren die Götter. Wie huldigten die Menschen ihnen? Deutlich mehr Raum als bisher soll die Schriftkultur bekommen, als eine der wichtigsten Errungenschaften Vorderasiens. Schließlich besitzt das Museum eine der größten Sammlungen an überlieferten Texten in Keilschrift. In ihnen geht es um Gesetze und Kriege, um Verwaltung und Wirtschaft, aber auch um viele private Belange. „Es ist immer wieder beeindruckend, was auf den Tontafeln steht. Die Menschen hatten die gleichen Sorgen wie wir heute“, erzählt Cholidis.

Und: In den neuen Räumen muss es auch um die Herkunft der Fundstücke gehen. Im Deutschen Reich fühlte man sich bei den Grabungen in Vorderasien von Frankreich und England abgehängt. Umso ehrgeiziger unterstützten Kaiser Wilhelm II., die eigens gegründete Deutsche Orient-Gesellschaft und private Mäzene ab 1899 die Kampagnen in Babylon, Assur, Hattuscha oder Uruk. Begünstigt durch die guten politischen Beziehungen zum Osmanischen Reich, das die Lizenzen für die Forschungen erteilte und in einem Gesetz Fundteilungen mit den Ausgräbern ermöglichte, kam es zu spektakulären Entdeckungen. Und Tausende Objekte gelangten nach Berlin in die Preußischen Museen. Eine vereinbarte Anzahl von rekonstruierten glasierten Tieren aus Babylon ging nach Istanbul zurück. Doch was bedeutet es für die Ursprungsländer, wenn Teile aus ihren Grabungsstätten in Berlin und nicht dort zu bewundern sind? Das Thema ist heikel, und im Museum ist man um Transparenz bemüht.

Die lange Schließung bis mindestens 2037 ist bitter. Da ist es gut, dass es derzeit einen Grund zur konkreten Vorfreude gibt: Nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts werden im Juni 2027 die Trakte des Pergamonaltars und der Islamischen Sammlung wiedereröffnet. Das Vorderasiatische Museum kann dann Hauptwerke seiner Sammlung in einem Interrimssaal im Nordflügel präsentieren. Eine Kulturgeschichte in 60 Objekten, sie wird die Neugierde auf das ganze neue Haus wachhalten.

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