Ausstellungstipps

Die besten Ausstellungen im Herbst

Von Christo in Düsseldorf über die Tudors in New York bis zu Niki de Saint Phalle in Zürich – diese Ausstellungen leuchten im Herbst

Von Tim Ackermann
20.09.2022
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 203

Schweizer Schatzkiste

„25 Jahre Fondation Beyeler“, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 30. Oktober bis 8. Januar 2023

Wer einmal das irre Gefühl erleben möchte, als Miniaturmensch zwischen die Seiten eines Lehrbuchs zur modernen Kunst geraten zu sein, sollte sich diese Jubiläumsausstellung anschauen. Vor den Augen blättern sich die Highlights auf: Kandinskys Fuge, Monets Seerosen (1916–1919), Rousseaus Löwe im Dschungel, Giacomettis Schreitender und Picassos Avignon-Mademoiselle. Ernst Beyeler sammelte die Avantgarde, sein Erbe ist monumental.

Monet Seerosen Fondation Beyeler
Monets Seerosen (1916–1919) gehören zum monumentalen Erbe Ernst Beyelers. © Robert Bayer, Basel

Die Macht im Blick

„The Tudors“, Metropolitan Museum of Art, New York, 10. Oktober bis 8. Januar 2023

In der Liste der legendären Dynastien der englischen Krone rangieren die Tudors unangefochten an der Spitze. Ein Grund für ihre Berühmtheit ist die fatale Neigung Heinrichs VIII., jeden zu enthaupten, der seinen Plänen in die Quere kam – darunter zwei Ehefrauen. Der Monarch hatte ein Auge für die Kunst und beschäftigte für seine Selbstdarstellung mit Hans Holbein einen der berühmtesten Maler seiner Zeit („Henry VIII“, um 1537). Man schaut ihn daher heute gern an. Seine Tochter Elisabeth I., die „jungfräuliche Königin“, war als Regentin erfolgreicher, ihre Flotte siegte über die spanische Armada. Sie setzte auf flämische Porträtisten. So wird auch das gloriose „Elizabethan Age“ in dieser Schau wieder lebendig.

Hans Holbein Henry VIII
Henry VIII beschäftigte für seine Selbstdarstellung (um 1537) mit Hans Holbein einen der berühmtesten Maler seiner Zeit. © Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid

Farbe als Waffe

„Niki de Saint Phalle“, Kunsthaus Zürich, 2. September bis 8. Januar 2023

Vorsicht, die Künstlerin schießt! Anfang der 1960er-Jahre griff Niki de Saint Phalle zum Gewehr, zielte auf selbst angefertigte Reliefbilder, in denen Beutel mit Farbe verborgen waren und drückte ab. Symbolhaft quoll die Farbe aus den Einschusslöchern. Diese wilde Aktionskunst einer emanzipierten Frau sorgte im ausgehenden Spießerzeitalter für großes Aufsehen. Als Niki de Saint Phalle 1969 von Leonardo Bezzola in Luzern fotografiert wurde, hatte sie sich schon einem neuen Thema zugewandt: dem weiblichen Körper. Ihre weltweit berühmten „Nanas“ sind lebensfroh pralle, bunt bemalte Skulpturen, die natürlich auch ihre Züricher Ausstellung bevölkern.

Niki de Saint Phalle Porträt Luzern
Leonardo Bezzola porträtierte Niki de Saint Phalle 1969 in Luzern. © Nachlass Leonardo Bezzola / Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Echt Plansinn!

„Christo und Jeanne-Claude“, Kunstpalast, Düsseldorf, 7. September bis 22. Januar 2023

Die Verhüllung des Pariser Triumphbogens im vergangenen Herbst hat es noch einmal bewiesen: In Sachen Besuchermassenmobilisierung reicht niemand an Christo und Jeanne-Claude heran. So wird auch bei der mit Zeichnungen und Fotografien eher dokumentarisch angelegten, posthumen Ausstellung in Düsseldorf ordentlich Andrang erwartet. Es ist die letzte Schau des Künstlerpaars, die Christo vor seinem Tod im Mai 2020 absegnete und nun eine gute Gelegenheit, die vielen genialen und verrückten Mammutprojekte erneut Revue passieren zu lassen – inklusive der noch zu realisierenden Ölfasspyramide „The Mastaba (Project for Abu Dhabi, United Arab Emirates)“, illustriert in einer Entwurfszeichnung von 1979.

Christo Jeanne-Claude The Mastaba Düsseldorf
Auch die 1979 entstandene Entwurfszeichnung der noch zu realisierenden Ölfasspyramide „The Mastaba (Project for Abu Dhabi, United Arab Emirates)“ ist in der Ausstellung zu sehen. © Christo and Jeanne-Claude Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn, 2022 / Wolfgang Volz

Ein Schtetl voller Schrecken

„Chagall. Welt in Aufruhr“, Schirn Kunsthalle, Frankfurt, 4. November bis 19. Februar 2023

Allzu leicht verführen die lyrischen Bilderzählungen Marc Chagalls dazu, die gelegentliche Bitterkeit hinter den süßen Motiven zu übersehen. In Frankfurt wird das anders sein, weil bewusst rund 100 Werke ausgewählt wurden, die er im mittleren Alter ab den 1930er-Jahren schuf – einer Zeit, in der er als Jude in großer Gefahr war. Im Mai 1941 floh er vor den Nazis in die USA. Bilder wie „Der Engelsturz“ (1923–1933–1947) zeigen die Vernichtung der jüdischen Kultur in seiner weißrussischen Heimat. Und selbst ein das Leben feierndes Werk wie „Die Lichter der Hochzeit“ (1945) erinnert daran, was im Holocaust verloren ging.

Chagall Die Lichter der Hochzeit Ausstellung
„Die Lichter der Hochzeit“ von 1945, zu sehen in Zürich, thematisiert die Vernichtung der jüdischen Kultur. © Kunsthaus Zürich / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

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