Halle am Berghain

Mensch versus Maschine

Die Berliner Kunstplattform LAS lädt mit ihrer aktuellen Ausstellung zu einer Reise in die Zukunft ein. Der in New York lebende Künstler Ian Cheng bespielt die Halle am Berghain mit einem provokanten Zukunftsentwurf, in dem menschliche und künstliche Intelligenz aufeinandertreffen

Von Lisa-Marie Berndt
09.09.2022

„Life After BOB“ heißt die Ausstellung, die aktuell in der Halle am Berghain zu sehen ist. BOB – kurz für „Bag of Beliefs“, etwa „ein Sack voller Glaubenssätze“ – ist eine künstliche Persönlichkeitstechnologie, die dazu entwickelt wurde, Menschen durch die psychischen Herausforderungen des Lebens zu geleiten. Man begegnet in dieser Ausstellung zahlreichen Begrifflichkeiten, die fremdartig erscheinen: Zoroaster Immeasurables, Atemporalyse, Neoproteine. Sie sind alle Teil der von Ian Cheng erschaffenen Welt seines 50-minütigen Animationsfilms „Life After BOB: The Chalice Study“, der den Mittelpunkt der Ausstellung bildet und gemeinsam von LAS, The Shed und der Luma Foundation in Auftrag gegeben wurde.

Der Film spielt in den Jahren 2074 bis 2084. Der Neuroingenieur Dr. Wong hat die von ihm erfundene KI-Technologie „BOB“ in das zentrale Nervensystem seiner 10-jährigen Tochter Chalice implantiert. Die KI steuert Chalices Körper und Geist und soll ihr helfen, sie durch die Herausforderungen des Heranwachsens zu leiten und ihren optimalen Lebenspfad zu bestimmen. Jedoch kommt es schon bald zu unvorhergesehenen Konsequenzen: BOB droht, Chalices Leben besser leben zu können als sie selbst – und das Mädchen fragt sich, was von ihrem menschlichen Ich noch übrig bleibt.

Ian Cheng Life After BOB
Chalice und Dr. Wong in Ian Chengs Animationsfilm „Life After BOB: The Chalice Study“. © 2021 Ian Cheng

Der 1984 in Los Angeles geborene Künstler Ian Cheng produziert seit 2012 Live-Simulationen. „The Chalice Study“ bildet die erste Episode einer geplanten achtteiligen Serie. Cheng suchte „nach einem Weg, Filmschaffen in das Programmieren von Software zu übersetzen“ – und entwickelte den Film in der Videospiel-Engine. Erzählung und Simulation gehen hier ineinander über, das heißt: Auch wenn sich das Narrativ nicht verändert, so ist jede Filmvorführung individuell, da die Animation bei jeder Betrachtung neu generiert wird. Es ist der längste Film, der jemals mit dieser Technologie produziert wurde.

„Ich wollte das kindliche Staunen und die Freude über das Eintauchen in eine fiktive Welt zurückbringen“, sagt der Künstler. „Eine Geschichte ist dabei nicht nur eine Geschichte, die konsumiert wird; sie ist ein Portal in eine Welt, in der man leben und in verschiedene Rollen schlüpfen kann.“ Passend dazu können die Besuchenden der Ausstellung nach der Filmvorführung tiefer in das Universum von Chalice & Co. eintauchen. Mehrere Bildschirme im unteren Teil der Halle laden zur Interaktion ein – und zu einer psychologisch aufgeladenen Reise in die Zukunft.

Ian Cheng Life After BOB
Nach der FIlmvorführung können die Besucherinnen und Besucher in das BOB-Universum eintauchen. © 2022 Ian Cheng / Andrea Rossetti

Service

Ausstellung

„Ian Cheng: Life After BOB“,

bis 6. November,

Halle im Berghain

lightartspace.org

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