09.10.2017 Sebastian Preuss

Los Angeles wird zum Schaufenster der lateinamerikanischen Kunst

Das gewaltige Kunstfestival „Pacific Standard Time“ zeigt in mehr als 70 Ausstellungen Kunst von Mexiko bis Argentinien und wie die „Latinos“ die kalifornische Kultur beeinflussen

Wer einmal die lateinamerikanische Kunst in der Tiefe kennenlernen, dafür aber nicht kreuz und quer durch die Riesenweiten des Kontinents südlich der USA reisen will, hat derzeit die einmalige Gelegenheit, einen tiefen Einblick an einem Ort zu gewinnen. Zum kulturellen Selbstverständnis wie zur sozial-wirtschaftlichen Realität von Los Angeles gehört es schon seit Langem, dass hier viele „Hispanics“ oder „Latinos“ leben. 2010 waren es fast die Hälfte, während die „Non Hispanic White“ nur noch ein Drittel ausmachten. Eine Mischkultur mit einer ganz eigenen Dynamik, die auch Donald Trump mit seinen Abschottungsplänen gegenüber Mexiko nicht eindämmen wird. Zum zweiten Mal nach 2011/12 haben sich – unter der Führung der reichen Getty-Stiftung und ihrer sagenhaften Kunst-Akropolis, dem Getty Center – die Museen der Stadt zu einem Ausstellungsfestival mit gemeinsamer inhaltlicher Ausrichtung zusammengetan. „Pacific Standard Time“ heißt die gewaltige Kulturanstrengung. Damals war es die Kunstentwicklung Südkaliforniens von 1945 bis 1980, jetzt ist „Latin American and Latino Art in L.A.“ Mehr als 70 Museumsausstellungen kreisen um das Thema, und fast noch einmal so viele Galerien haben sich mit einer Aktivität angeschlossen.

Wichtige Unterscheidung zwischen „Latin American Art“ und „Latino Art“

Kaum jemand wird alles sehen können, aber es ist ein einmaliges Angebot, dass auf alle Fälle die Reise nach Los Angeles lohnt. Natürlich sind da das Transportproblem, die weiten Entfernungen, der dichte Verkehr, aber wer sich Zeit nimmt, ein Auto mietet, wird auf den Fahrten zwischen den Ausstellungen zugleich eine faszinierende Metropolis mit allem ihrem Glanz und Elend, vor allem aber der kulturellen und urbanen Vielfalt kennenlernen. Die Unterscheidung zwischen „Latin American Art“ und „Latino Art“ ist wichtig und eminent. Erstere meint das, was in Zentral- und Südamerika geschieht, Letztere das Schaffen von Künstlern in der Diaspora, die aus (in welcher Generation auch immer) lateinamerikanische Wurzeln haben. „Pacific Standard“ kreist also in kluger, äußerst facettenreicher Weise vor allem um die Rolle der lateinamerikanischen Kunst in Los Angeles. Im Anti-Trump-Staat Kalifornien versäumt kaum ein Museumsdirektor oder Kurator den Hinweis, dass man Grenzen überwinden und nicht schaffen will.

 

Gilbert
Gilbert "Magu" Luján, "Gender Consensus", 2005. In der Ausstellung "The Journey of Chicano Artist Gilbert "Magu" Luján", University Art Gallery, University of Califonia, Irvine (Foto: the Estate of Gilbert "Magu" Luján)

Was gibt es also zu erleben? Siehe oben, die Fülle ist unerschöpflich. Ein klassischer Anfang wäre die weiße Kunstburg des Getty Center hoch auf einem Hügel in Brentwood mit grandiosem Blick auf die Stadt. Dort führt die Schau „Golden Kingdoms“ auf höchstem Niveau präkolumbische Kunst von Mexiko bis Peru vor. Daneben gibt es dort ein enormes Panorama argentinischer Fotografie sowie einen Blick auf die konkrete Kunst, die in der Nachkriegszeit eine wichtige Rolle in den Kunstzentren zwischen Buenos Aires, São Paulo und Caracas gespielt hat. Das LACMA, das große Universalmuseum der Stadt, eröffnet ein spannendes Panorama über mexikanische Einflüsse in der Architektur und des Designs in Kalifornien. Daneben ist unter dem Fokus eine lange Parade von wichtigen lateinamerikanischen und Latino-Künstlern zu erleben, während eine Einzelretrospektive dem neoexpressiven Malers Carlos Almaraz huldigt, ein wichtiger Maler in Los Angeles der Siebziger- und Achtzigerjahre, für Europäer, ja überhaupt für Nichtkalifornier vollkommen neu zu entdecken.

Überhaupt ist hier ungeheuer viel zu entdecken, was man noch nie gesehen hat: vom enormen Panorama „Radical Women“ zur feministischen Kunst in Lateinamerika bis zum schwulen „Chicano“ Underground in L.A., von der vielschichtigen Brasilianerin Anna Maria Maiolino bis zum argentinischen Konzeptkünstler David Lamelas, von zur afrobrasilianischen Kultur in Salvador de Bahia bis zum spanischsprachigen Film in Hollywood oder der Disney-Rezeption in Lateinamerika. Und so fort, es geht endlos. So etwas gab es noch nie und wird es wohl auch nicht wieder geben.

„Pacific Standard Time: LA/LA. Latin American & Latino Art in LA“, das Kernprogramm erstreckt sich bis Januar, aber viele Ausstellungen sind noch bis März oder April zu sehen.