Die Kuratorin und Kunsthistorikerin Ruth Ur ist seit gut einem Jahr Direktorin der Stiftung Exilmuseum Berlin. Wir sprachen mit ihr über ihre Kindheit in London, Aktenablage beim British Council, ihren Neuanfang in Berlin und Menschen, die Zuflucht suchen
ShareDie aus Großbritannien stammende Kuratorin und Kunsthistorikerin Ruth Ur ist seit dem Frühsommer 2025 Direktorin der Stiftung Exilmuseum Berlin. Sie verfügt über mehr als 25 Jahre internationale Erfahrung in der Konzeption und Umsetzung wegweisender Kulturprojekte. Für den British Council war sie von 1998 bis 2017 in führenden Positionen tätig – unter anderem in Großbritannien, Deutschland, Israel, der Türkei und Indien. 2018 gründete sie das Unternehmen Urkultur, das Museen und öffentliche Kunstprojekte berät. Von 2019 bis 2024 vertrat sie außerdem die Internationale Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Deutschland und verantwortete zahlreiche Ausstellungen und Kampagnen zum jüdischen Leben und zur Schoah.
Fashion-Designer. Ich bin im London der 1970er- und 1980er-Jahre aufgewachsen. Wir wohnten an der Kensington High Street nahe dem Kensington Market, der Portobello und King’s Road. Mich haben Vivienne Westwood, Lady Diana und die Sloane Rangers, Laura Ashley und der Gothic Look inspiriert. Ich habe sogar noch meine alten Entwürfe von damals, auch wenn ich die niemandem gezeigt habe.
Ja, meine Eltern waren Einwanderer, sie sind Anfang der Sechzigerjahre aus Israel nach England gekommen. Mein Vater war ursprünglich Arzt und dann ist er Erfinder geworden. Meine Mutter war – und ist immer noch mit 91 Jahren – Töpferin und hat zwischenzeitlich in einem Büro gearbeitet. Sie hatten beide keine konventionellen Laufbahnen, hatten wenig Ahnung von der britischen Gesellschaft, wohnten extra in einem nichtjüdischen Stadtteil und waren geistig sehr frei. Das Leben in Central London bedeutete für mich als Kind, dass ich in einer unglaublich gemischten, toleranten und kosmopolitischen Welt großgeworden bin. Von meinen Eltern habe ich einen „healthy lack of respect for hierarchies“ gelernt und eine unendliche Faszination für andere Menschen.
Meine Eltern waren keine Sammler, aber sie haben sich für Kunst begeistert. Für meinen Vater waren das eher die deutschen Impressionisten wie Leistikow und Liebermann, für meine Mutter waren es die Young British Artists wie Tracey Emin und Damien Hirst. Das waren ganz verschiedene Richtungen, und es gab bei uns zu Hause immer sehr heiße Diskussionen über Kunst.
Ich war nicht sehr gut in der Schule, aber es gab zwei Sachen, die mir überraschend leichtfielen: Sprachen und Kunstgeschichte. Letzteres war eine große Entdeckung für mich, es hat mir wahnsinnig Spaß gemacht, und plötzlich war ich in etwas richtig gut. Ich hatte schon vorher Interesse an Geschichte, aber es kam mir viel zugänglicher und einfacher vor, durch Kunst Geschichte zu verstehen als durch Geschichtsbücher. Ich habe dann in Cambridge Philosophie und Kunstgeschichte studiert, und mein Professor kam damals auf mich zu und sagte mir: Ich sehe dich als Kuratorin an der Tate Modern! Zuvor hatte ich noch in der Schule den Katalog zu einer Francis-Bacon-Ausstellung in Moskau gefunden, das war noch vor dem Mauerfall. Und ich dachte damals, wow, wie cool ist es, Kunst in Ländern zu zeigen, mit denen man keine Kontakte hat. Kunst kann Leute und Orte erreichen, die sonst unerreichbar sind. Die Bacon-Schau war vom British Council organisiert, und ich dachte, ja, da muss ich arbeiten. Das hat mich dann zu einer 20 Jahre währenden Karriere beim British Council geführt, als Kulturattaché und im Kunstbereich.
Das Tolle in Cambridge war, dass man alles machen konnte: Ausstellungen organisieren, Theaterstücke produzieren, Regie führen. Ich konnte die Ideen, die ich hatte, verwirklichen, es gab Finanzierungen dafür, und ich habe dann immer gleich gedacht: Ich gehe mal zur lokalen Bank und frage die, ob sie das sponsern wollen. Dieses Unternehmerische, das war schon damals meine Richtung.
Viele! Bernd Schultz, der Gründer des Exilmuseums. Wir haben uns durch seine Kollegin Micaela Kapitzky kennengelernt, die meinte, wir sollten uns unbedingt treffen wegen seines Exilmuseum-Projekts. Mittlerweile kennen wir uns fast zehn Jahre, davon war ich sechs Jahre im Vorstand des Exilmuseums, inzwischen bin ich seit einem Jahr Direktorin. Wir treffen uns jede Woche zum Jour fixe in seinem fantastischen Büro in der Berliner Fasanenstraße, das nur ein paar Schritte vom Exilmuseum entfernt liegt. Das erinnert mich sehr an meine Cambridge-Zeit, wo ich einmal in der Woche zur Einzel-Supervision bei meiner Kunstgeschichtsprofessorin Sylvia Stevenson gegangen bin. Sehr wichtig war auch meine erste Chefin Andrea Rose, die legendäre Direktorin der Kunstabteilung des British Council. Eine der klügsten Kunstkennerinnen und die begabteste Diplomatin, die ich kenne. Sie hat verstanden, welche Rolle Kunst zwischen Nationen und Kulturen spielen kann. Sie hat mich sehr gefördert und ist die Person, die mich am meisten geprägt hat.
Das war kein Bewerbungsgespräch im normalen Sinne. Nach dem Studium in Cambridge habe ich einen Master am Courtauld Institute in London gemacht, zur deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts. Das war eine traditionelle Laufbahn, um Kuratorin zu werden. Aber ich wollte damals unbedingt nach Berlin und zum British Council. Deshalb habe ich das British Council angerufen und gefragt, ob sie mich nach Berlin in ihr dortiges Büro entsenden könnten. Sie haben geantwortet, das machen sie nicht, sie fanden es geradezu absurd, ich sei noch so jung und unerfahren. Ich habe dann aber dennoch einen Job bekommen beim British Council in Berlin und war zunächst zuständig für die Aktenablage. Es war alles sehr hierarchisch dort. Aber es hat mir Spaß gemacht, und ich habe unheimlich viel gelernt.
Es ist ganz wichtig, vor allem Begeisterung zu zeigen und große Lust auf das zu haben, wofür man sich bewirbt. Aber ein gewisses Hinterfragen ist auch gut. Ich habe einen Kollegen und erinnere mich noch gut daran, dass er in dem Vorstellungsgespräch eine ganz präzise Frage gestellt hat. Diese Frage hat gezeigt, dass er eine Idee hatte, wie man etwas noch besser machen könnte.
Das British Council nach 20 Jahren zu verlassen war sehr schwer. Ich hatte eine internationale Karriere und war dort Teil einer großen Familie. Ich hatte viel erreicht, viel Unabhängigkeit und habe dann in Berlin aus persönlichen Gründen wieder von vorn angefangen. Ich kam nach Deutschland ohne ein Netzwerk und konnte auch kaum Deutsch sprechen. Dennoch war das eine ganz wichtige und tolle Entscheidung und im Nachhinein genau das Richtige. Ich bin sogar überrascht, wie unkompliziert es war, mich hier zu etablieren trotz der großen Angst.
Das Buch, das mir einen Platz in Cambridge gesichert hat, war „Art and Illusion“ von Ernst Gombrich. Und es ist heute noch wichtiger für mich, wenn ich mich mit dem Thema Exil beschäftige.
Ich bin in meinen zwanzig Jahren beim British Council unheimlich viel herumgekommen in der Welt und durfte auch in vielen verschiedenen Ländern arbeiten: Ägypten, Türkei, Israel, Indien, Südsudan. Ich liebe Sprachen, um so mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch zu kommen. Deshalb ist die Aufgabe, ein Exilmuseum aufzubauen, perfekt für mich: Denn es erzählt die Geschichte der Auswanderung oder besser gesagt der Flucht aus Deutschland ins Exil. Es geht immer um Deutschland und die Welt. Neulich war ich in Sanary-sur-Mer und folgte den Spuren der vielen Künstler sowie Schriftsteller, die dort Zuflucht suchten – von Thomas Mann bis Walter Bondy, den Gründer der Weltkunst. Es hat mich tief beeindruckt, mir vorzustellen, wie sie sich gefühlt haben müssen: fern der Heimat, ohne zu wissen, wann oder ob sie jemals zurückkehren würden.
Da gibt es viele. Künstlerinnen und Künstler sind meine große Inspiration, weil sie die Welt so anders sehen und mich immer wieder damit überraschen, wie sie die Welt widerspiegeln: Sophie von Hellermann, Yael Bartana und Tacita Dean sind sehr unterschiedliche Künstlerinnen, die alle wichtig in meinen Leben sind. Kürzlich hatten wir eine Veranstaltung in Albert Einsteins ehemaligem Sommerhaus in Caputh bei Berlin, um an die vergessen Komponistin Julia Kerr zu erinnern. Dafür hat Sophie von Hellermann einen fantastischen Paravent gebaut und mit einer Traumsequenz aus Julia Kerrs Oper „Der Chronoplan“ bemalt. Die unglaublich begabte Schauspielerin und Sängerin Ruth Rosenfeld hat Kerrs Lieder gesungen und ihre Briefe gelesen. Ich bewundere diese Frauen sehr – ihre Kraft und Klugheit.
In den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit in Deutschland habe ich mich sehr für mein Deutsch geschämt. Vor allem, dass ich nie konsequent die Grammatik gelernt habe. Ich befürchtete damals, dass die Menschen denken, dass ich beim Lernen der deutschen Grammatik einfach nicht gründlich genug oder nicht klug genug dafür bin. Gegen dieses Gefühl musste ich sehr ankämpfen. Heute denke ich, wie toll, dass ich überhaupt Deutsch sprechen kann. Mittlerweile kann ich vor einem Publikum auf Deutsch reden, nach dem Motto: Life’s too short! Beim Schreiben kann ich das weniger kaschieren, deshalb schreibe ich oft noch auf Englisch. Neulich war ich auf einer beruflichen Reise in England und habe dort viele Komplimente für mein Englisch bekommen, da alle glaubten, eine deutsche Museumsdirektorin zu treffen.
Unbedingt soziale Fähigkeiten entwickeln und aus der Komfortzone rausgehen. Gehe allein zu einer Party oder Veranstaltung! Das ist wie ein Sprung ins kalte Wasser: Man lernt ganz neue Leute kennen, man lernt, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. So öffnet sich eine ganze Welt.
Botschafterin. Ich müsste nur entscheiden, für welches Land. Ich glaube, Deutschland!
Wenn ich Zeit mit der Familie und Freunden verbringe.
Das Interview erschien am 14. Juli 2026 im WELTKUNST INSIDER