Zwei Ausstellungen in Krefeld und Hagen erinnern an Johan Thorn Prikker, der im frühen 20. Jahrhundert Ornament und soziale Utopie verband
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07.07.2026
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Erschienen in
Weltkunst Nr.257
In einer dienenden Rolle können Bilder eine gewaltige Macht entfalten, das war Johan Thorn Prikker immer klar: „Wenn ein Künstler seine Berufung wahrhaft erfasst, muss er sich an die Seite des Volkes stellen – nicht als Meister, sondern als Mitstreiter. Er muss seine Kräfte der Revolution widmen“, erklärte er 1895 in einem Brief. Thorn Prikker war damals Anarchist, 26 Jahre jung und nahm die Revolution sehr ernst. In einer Zeichnung jener Zeit imaginierte er einen Arbeiter mit Spitzhacke und im Hintergrund Laternen, von denen Menschen baumeln. Kaum ein Jahr später jedoch fand der Maler aus Den Haag, der dort an der Kunstakademie studiert hatte, einen anderen Weg, um für Erneuerung zu streiten: Angeregt durch seinen Mentor, den Architekten und Designer Henry van der Velde, entdeckte er das transformative Potenzial der angewandten Kunst.
Im Fin de Siècle gab es mit dem englischen Arts and Crafts Movement und dem europäischen Jugendstil zwei Strömungen, die das Zusammenspiel von Kunstgewerbe und Architektur als Schlüssel zur Verbesserung der Gesellschaft sahen. Dieser Sog erfasste auch Johan Thorn Prikker, der bis zu seinem Tod im Jahr 1932 vor allem im Rheinland und im Ruhrgebiet wirkte und dort viele Spuren hinterlassen hat. Das Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld würdigt ihn nun mit der Ausstellung „Schöne Anarchie“.
In die aufstrebende Textilstadt Krefeld zog Thorn Prikker 1904 auf Anregung von Friedrich Deneken. Der Gründungsdirektor des neuen Kaiser Wilhelm Museums stand der Reformbewegung nah, die Kunst und Handwerk in einer modernen Bildsprache zu versöhnen suchte. Thorn Prikker passte hervorragend zu dieser Idee, zum Beispiel mit den Gouachen von Heuschrecken, Fischen oder Seepferden, die 1904 bei der Ausstellung »Linie und Form« gezeigt wurden. Thorn Prikker verzichtete auf jeglichen Realismus und experimentierte mit eckigen Konturen, klaren Farbflächen und geometrischen Mustern. Die Natur wirkt dem Zeitgeschmack gemäß ornamental-stilisiert. Für »Linie und Form« steuerte der Holländer zudem einen Plakatentwurf mit einem kämpferisch wirkenden Schwertfisch bei. Die Seepferdchen zierten anschließend einen seidenen Krawattenstoff der Firma Audiger & Meyer – der wiederum als mustergültiges Geschmacksbeispiel umgehend von Deneken angekauft wurde.
Thorn Prikkers wahre Bedeutung allerdings, das zeigt die aktuelle Schau deutlich, fußt auf seinen Monumentalwerken: seinen Wandmalereien, Mosaiken und Buntglasfenstern. Bei Letzteren nutzte er kein bemaltes, sondern durchgefärbtes Glas, das in Stücken mit Bleistegen aneinandergefügt wurde. Indem er diese mittelalterliche Technik reaktivierte, steigerte er die Leuchtkraft seiner Werke enorm. Ein tolles Beispiel in der Krefelder Schau sind die drei Fenster, die der Künstler 1912 ursprünglich für das Katholische Gesellenhaus in Neuss schuf: Wer lange auf die strahlenden Farbmuster blickt, bekommt das Gefühl eines Drogenrauschs.
Christliche Symbole wie Kreuze oder Sterne, die Thorn Prikker in seinem Kirchenfenstern einsetzte, lösten sich ab dem 1920er-Jahren in einer zunehmend abstrakten Bildsprache auf. Beeindruckend sind im Kaiser Wilhelm Museum die gigantischen Kartons, mit denen der Künstler minutiös und in Echtgröße jene Mosaike „Der Tag“ und „Die Nacht“ plante, die seit der „Großen Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen“ im Jahr 1926 den Düsseldorfer Ehrenhof zieren. Beim „Tag“ erscheinen die geometrischen Formen in einer harmonisch-regelhaften Anordnung, während sie bei der „Nacht“ exzessiv und explosionsartig durcheinanderwirbeln.
Nicht die Gegensätze des Kosmos, sondern der Kreislauf der Natur bot Inspiration für den Zyklus „Lebensalter (Das Leben)“ , den Thorn Prikker 1923 an die Wände des Marmorsaals des Kaiser Wilhelm Museums malte. Die vier Bilder zeigen mit expressiv-kantigen Formen das Schicksal eines Menschenpaares von der Kindheit bis zum Tod vor dem Hintergrund der sich wandelnden Jahreszeiten. Die Frau muss dabei in der passiven Rolle verharren. Als kunstvollen Widerspruch hat nun in einer Dialogpräsentation die Engländerin Emma Talbot ebenso große wie grandiose Stoffbilder in den Raum gehängt, die Thorn Prikkers Werke teilweise überlagern und von einem rein weiblichen Universum der Gegenwart erzählen: Zwischen bunt geschlängelten Ornamenten werden ihre Frauen in Chaos, Klimakrise und technische Kontrolle hineingeboren, schöpfen als Kollektiv allerdings auch Hoffnung: „Wir sind alle aus Sternenstoff gemacht – Teil der Natur“ , ist in einem Bild zu lesen. Talbots optimistischer Gemeinschaftssinn erinnert an den jungen Thorn Prikker.
Wer von dem holländischen Künstler noch mehr sehen will, sollte anschließend nach Hagen fahren. Im Bahnhof empfängt einen sein frühestes Glasfenster mit dem Titel „Der Künstler als Lehrer von Handel und Gewerbe“ (1911), und aktuell illustriert eine kleine Schau im Osthaus Museum seinen Bezug zur Stadt. Der Sammler Karl Ernst Osthaus warb Thorn Prikker 1910 aus Krefeld ab und holte ihn in seine neu gegründete Künstlerkolonie Hohenhagen. In Osthaus’ Villa Hohenhof lassen sich neben einem Fenster des Künstlers im Treppenhaus heute noch seine abstrahierten Blütenornamente an Decke und Wänden des Arbeitszimmers besichtigen. Im Museum im Stadtzentrum sind davon einige Fotografien und Skizzen zu sehen – neben Entwürfen für andere Projekte in Hagen wie der Prototyp für ein buntes Fenster im Rathaus, das es heute nicht mehr gibt. Die Nazis zerstörten zudem 1939 sein großes Wandmosaik im Kammermusiksaal, von dem sich zum Glück die Probeversion der „Lautenspielerin“ erhalten hat. Sie hängt nun im Museum an der Wand als leuchtendes Zeichen für die gestalterische Kraft von Johan Thorn Prikker.
„Schöne Anarchie. Johan Thorn Prikker und seine Zeit“,
Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld,
bis 27. Juni 2027
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„Thorn Prikker in Hagen“,
bis 15. November