Wir entdecken die vielfältigen Art-déco-Details der Stadt, schlendern über die Einkaufsstraße Rue de Vesle und besuchen das älteste Champagnerhaus der Region
2. Tag
ShareUnseren zweiten Tag starten wir mit einem französischen Frühstück, wobei wir die Zigarette weglassen und anstelle des klassischen Baguettes die rustikalere, schlicht bessere Version wählen: „Une tradition, s’il vous plaît.“ Danach brechen wir zu einem Spaziergang durch die Stadt auf, die sich vor gut hundert Jahren neu erfinden musste. Da nicht nur die Kathedrale, sondern mehr als 60 Prozent der Gebäude von Reims im Ersten Weltkrieg zerstört wurden, folgte in den 1920er-Jahren ein Wiederaufbau im Stil der neuen Zeit. Das Ergebnis: Art déco, so weit das Auge reicht.
Ein Paradebeispiel ist die Bibliothèque Carnegie mit schmuckvollem Kronleuchter und Marmorverzierungen im Interieur. Vorbei am Palais de Justice und der Opéra de Reims gelangen wir auf die Einkaufsstraße Rue de Vesle, die mit einem Schaulaufen eleganter Fassaden besticht. Am pittoresken Kodak-Haus biegen wir rechts ab, passieren einen Springbrunnen und entdecken hinter jeder Ecke neue Ornamente, Muster und Reliefs. Wer möchte, folgt dem offiziellen Art-déco-Rundgang – als Flyer im Tourismusbüro erhältlich. Wir beenden die Tour bei den Halles Boulingrin: Die historische Markthalle präsentiert sich mit dem nur sieben Zentimeter dünnen geschwungenen Betongewölbe als absolutes Juwel der Stilepoche. Freitags und samstags pulsiert hier das Marktleben mit lautem Stimmengewirr, frischen Austern und duftendem Käse. An den anderen Tagen lockt das Lokal Le Bocal de la Poissonnerie des Halles direkt gegenüber.
Zurück in ältere Architekturepochen bringt uns die Abtei Saint-Remi, deren Geschichte bis ins 7. Jahrhundert zurückreicht. Die dreischiffige Basilique Saint-Remi fasziniert durch eine Kombination aus romanischen und gotischen Elementen sowie langen Buntglasfenstern. Nebenan besichtigen wir das Archäologie- und Kunstmuseum, das unter anderem die Reliquien des heiligen Remigius aufbewahrt.
Nicht weit von hier beginnen die großen Champagnerhäuser. Wir besuchen das älteste, die Maison Ruinart. In den Crayères, den alten Kreidekellern unter der Stadt, lernen wir nicht nur das Winzerhandwerk von der händischen Auslese bis zur Etikettierung kennen, sondern erfahren auch, wie sich das Unternehmen den Herausforderungen des voranschreitenden Klimawandels stellt: Extreme Hitze, Starkregen und Dürre gefährden die Qualität der Trauben, daher findet die Ernte mittlerweile Ende August statt Anfang Oktober statt.
Das System der Kellergänge erstreckt sich über acht Kilometer und beherbergt einen Teil der Kunstsammlung von Ruinart. Hier begegnen wir etwa Julian Charrières Licht- und Klanginstallation von 2015, die Wellenbewegungen und Lichtprojektionen auf einer kleinen Wasserfläche zusammenführt und uns mit Meeresklängen umgibt. „Chorals“ soll an die Entstehung der Crayères vor mehreren Millionen Jahren aus Ablagerungen eines längst verschwundenen Meeres erinnern sowie die drohenden Veränderungen unserer Ozeane in der Gegenwart aufzeigen. Die Kellergewölbe von Ruinart boten übrigens zur Zeit des Ersten Weltkriegs der Zivilbevölkerung Schutz vor Luftangriffen. Und rund 30 Jahre später, im Zweiten Weltkrieg, nutzte in der besetzten Stadt die Wehrmacht die Gewölbe als strategischen Stützpunkt. Geschichte ist hier allgegenwärtig.
Nach einer Champagnerverkostung kommen wir beschwingt am pompösen Gebäude des Konkurrenten Vranken Pommery vorbei und schlendern zur Villa Demoiselle, einer Synthese aus Jugendstil und Art déco. Im idyllischen Parc de Champagne promenieren wir im abendlichen Sonnenlicht, bevor wir in der Brasserie Le Jardin einkehren. Wer etwas bodenständiger dinieren möchte, läuft runter in die Altstadt und genießt im Lokal Le Coq Rouge französische Tapas und eine exzellente Weinkarte.