Künstlerkolonie Mathildenhöhe

Zauberberg der Moderne

Gute Formen für eine bessere Welt: Die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt war ein Zukunftslabor der Zeit um 1900. Seit fünf Jahren ist das faszinierende Ensemble Welterbe

Von Sabine Spindler
18.09.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr.258

Der Straßenlärm in Hessens ehemaliger Hauptstadt verflüchtigt sich mit jedem Schritt, der uns dem kreativen Olymp näher bringt. Dann fesselt ein Backsteingigant den Blick, halb protoexpressionistischer Turm mit mittelalterlichen Anklängen, halb modernes Hochhaus mit über Eck laufenden Fensterbändern und einer glänzenden Bogenbekrönung. Der 1908 von der Darmstädter Künstlerkolonie erbaute Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe ist das Wahrzeichen der Stadt – Symbol des Glaubens an gesellschaftlichen Fortschritt durch moderne Architektur und Kunstgewerbe.

Nicht nur der Turm hat die Anhöhe, die in den 1830er-Jahren als Landschaftsgarten für Prinzessin Mathilde angelegt wurde, 2021 zum Welterbe der Unesco gemacht. Zwischen 1901 und 1914 wuchs hier ein unvergleichliches Ensemble zu einem Forum der Visionen heran. Die 1899 vollendete Russische Kapelle mit ihren goldenen Kuppeln erinnert an die dynastischen Beziehungen des Hauses Hessen zum russischen Zarenhof. Neben den Bauten der Künstlerkolonie wirkt sie wie ein letzter Gruß des Historismus. Als Antwort darauf hat Albin Müller 1914 das Bassin davor mit leuchtend türkisfarbenen, bunt ornamentierten Kacheln und gedrungenen Säulen ausgestattet.

Ganz hell hingegen erhebt sich am höchsten Punkt das facettenreiche Ausstellungsgebäude von 1908. In dessen Schatten am Südhang steht das eigentliche Kraftwerk der Kreativität: das Atelierhaus. Dessen Vorderseite signalisiert unübersehbar den hehren Anspruch von Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens oder Hans Christiansen, die hier in den Anfangsjahren wirkten. Der weihevolle Eingang in Form eines Omegabogens verströmt den symbolistischen, morgenrotgeschwängerten Jugendstil-Geist. Wobei der Begriff Jugendstil viel zu eng ist für das, was hier passierte.

Außenansicht und Zugang zum Ernst Ludwig-Haus
Das Ernst-Ludwig-Haus auf der Mathildenhöhe in Darmstadt. © David Vasicek/#visitrheinmain; Gregor Schuster/Institut Mathildenhöhe Darmstadt

Die Mathildenhöhe war keine Kunstschule, keine Künstlervereinigung und kein streng organisiertes Entwurfsbüro. Die Kolonie war eines der frühesten Zukunftslabore. Das Leben sollte ein Gesamtkunstwerk sein. „Jedes Detail vom Möbel bis zur Türklinke, vom Messer bis zum Wasserglas, die Treppe, der Kamin sollten künstlerisch durchgestaltet werden“, sagt Philipp Gutbrod, Direktor des städtischen Instituts Mathildenhöhe.

Nur eine kleine, progressive Elite von Architekten, Entwerfern, bildenden Künstlern wurde berufen; sie erhielten hier beste Arbeitsbedingungen und konnten selbst entworfene Wohnhäuser beziehen. Sie waren die Schrittmacher ihrer Zeit und ziemlich erfolgreich. „Raumkunst“ heißt die Dauerausstellung im Atelierhaus, wo die realisierten Entwürfe der Mathildenhöhe-Künstler zu sehen sind. Die Stadt hat mittlerweile eine enorme Sammlung aufgebaut, darin etwa Behrens’ konstruktiv-sachliches Speisezimmer, das 1902 das Kaufhaus Wertheim anbot. Oder Patriz Hubers Entwürfe für den Schmuckhersteller Theodor Fahrner, die allein in den Schauräumen eine ganze Vitrine füllen. Auch die Keramikfabrik Villeroy & Boch, Textilfirmen und Metallwarenhersteller realisierten zahlreiche Entwürfe. Und da die Firma Opel im nahe gelegenen Rüsselsheim die Produktion von Nähmaschinen auf Automobile umstellte, konzipierte Künstlerkolonie-Mitglied Olbrich ein Arbeitersiedlungshaus, preiswert und in zeitgenössischer moderner Gestaltung.

Für jedes Zukunftsmodell gibt es einen Impresario. In Darmstadt um 1900 hieß er Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein, Enkel von Queen Victoria und inspiriert von der britischen Arts-and-Crafts-Bewegung. Franz von Stuck porträtierte ihn 1907 als eleganten Dandy – Ernst Ludwig verfasste neben seinen Amtsgeschäften Gedichte und Theaterstücke. Während der Kaiser in Berlin von einem vierten Rokoko träumte, blickte der Landesherr in Darmstadt vom höchsten Hügel der Stadt weit ins 20. Jahrhundert. Er sah in der Vereinfachung der Form die Ästhetik von morgen und sich selbst als Förderer moderner Gestaltungsideen. Ohne Nutzen für den Staat sollte die von oben organisierte Reformbewegung natürlich nicht sein. Der Großherzog versprach sich von ihr wichtige Impulse für die allein 100 Möbelfabriken und Schreinereien in Darmstadt, für Textil- und Steingutfirmen und andere Branchen. Und das nicht erst in Jahrzehnten.

Das Tempo war atemberaubend. 1899 gründete Ernst Ludwig die Künstlerkolonie und engagierte den Wiener Architekten Joseph Maria Olbrich als Spiritus Rector. Er vertrat die Wiener Moderne, die in Darmstadt als Blaupause diente. Der sogenannte Ernst-Ludwig-Bau, Hauptgebäude für die Ateliers der Künstler, war noch nicht fertig, da präsentierte sich Hessen im Jahr 1900 auf der Weltausstellung in Paris mit einem „Darmstädter Zimmer“: Mit Pfeilerschränkchen und kubischen Sesseln von Olbrich, gefertigt vom Hofmöbelfabrikanten Julius Glückert, einem Teppich von Behrens, Bucheinbänden des Malers Hans Christiansen und Kleinskulpturen von Ludwig Habich erhielt das Ensemble eine Goldmedaille. Darmstadt platzierte sich damit auf der Landkarte der Moderne.

Ausstellungsplakat mit Zeichnung und Schriftzügen
Ausstellungsplakat für die Künstlerkolonie Mathildenhöhe aud em Jahr 1901. © Gregor Schuster/Institut Mathildenhöhe Darmstadt

Im Mai 1901 wurde das Atelierhaus fertig. Olbrichs Bau erscheint mit seinen klaren Formen, den glatten Wänden und dem auskragenden Pultdach wie ein weißer Tempel der Arbeit. Die Treppe zum Eingang flankieren zwei monumentale Figuren von Ludwig Habich, die Kraft und Schönheit versinnbildlichen. Eine Pathoskulisse für die Einweihungsfeier, die Behrens mit dem Dichter Georg Fuchs als symbolbeladene Prozession inszenierte. Ein Kristall wurde die Treppe hinaufgetragen, Symbol für die „Neue Zeit“.

Der Begriff „Künstlerkolonie“ erhielt seinen Sinn auch durch die Künstlerhäuser am Rand des Hügels (die Hälfte davon ist heute in Privatbesitz). Die Idee des Gesamtkunstwerks, der Verschmelzung von Kunst und Leben, stand hier auf dem Prüfstand. So komponierte Olbrich jedes Detail seines Hauses streng durch, ebenso tat es Behrens: In seinem Musikzimmer offenbarte sich seine Zarathustra-Begeisterung. Nicht nur den Flügel, auch die Türblätter und das Parkett versah er mit strahlenförmigem, Adlerflügel assoziierendem Dekor.

Ebenfalls in erster Reihe stehen die Häuser des Hofmöbelfabrikanten Glückert, entworfen von Olbrich. Im kleineren lebte Glückert selbst mit seiner Familie, im großen präsentierte er die Musterzimmer seiner Firma. Es ist das einzige Haus, das heute öffentlich zugänglich ist. Ein gewaltiger, kubischer Kamin empfängt die Besucher. Darüber wachsen stilisierte Pfauenfedern und ein bunter Ornamentalfries empor. Das Treppengeländer schwingt sich in fließenden Linien nach oben.

Die Mathildenhöhe hat sich seit der Einweihung des Atelierhauses, die 1901 zugleich der Startschuss für die erste Künstlerkolonie-Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“ war, stets selbst inszeniert. In den Jahren 1904, 1908 und 1914 folgten weitere Leistungsschauen samt neuer Häuser. Alles war käuflich. In Olbrichs sachlich-kühlem Ausstellungsgebäude von 1908 beleuchtet momentan die Sonderschau „A Step Ahead. 125 Jahre Mathildenhöhe Darmstadt“ die Großereignisse von einst und fragt, wie Design, Architektur und Kunst damals und heute gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen. Nachdem die erste Ausstellung als zu elitär kritisiert wurde, konterte man 1904 und 1908 mit temporären Bauten und sozial ausgerichteten Musterhäusern. Die Hauptattraktion der letzten Exposition 1914 war Albin Müllers Mietshäusergruppe mit Gartenanlage und einem neuen Ateliergebäude, das mit seiner klaren Gliederung schon das Neue Bauen der Zwanziger vorwegnahm. Heute ist die Mathildenhöhe eine Zeitkapsel, in der die Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts emblematische Marksteine gesetzt hat. Bernhard Hoetgers Skulpturenensemble für den Platanenhain etwa ist ein Musterbeispiel expressionistischer Bildhauerei.

Steinrelief im Platanenhain auf der Mathildenhöhe Darmstadt
Bernhard Hoetgers Steinrelief „Frühling" von 1914 im Platanenhain auf der Mathildenhöhe. © Chromorange / Wolfgang Cezanne /mauritius images

Den Darmstädtern war die Bedeutung der Mathildenhöhe immer bewusst. So hat sich nach 1945 kein Hochhaus, keine Verkehrsachse hineingedrängt. Aber auch das kostbare Ensemble wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt; besonders betroffen waren einige Künstlerhäuser, die Mietshäuser sowie die gestalteten Freiflächen. In den letzten Jahrzehnten investierte die Stadt Millionen in die Sanierung der Gebäude, die vom Landesdenkmalamt kompetent begleitet wurde.

„Es gibt für den Welterbe-Status drei wichtige Voraussetzungen“, erzählt Markus Harzenetter, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege Hessen und Begleiter aller Maßnahmen sowie des aufwendigen Antragsverfahrens bei der Unesco. Ein Objekt muss unversehrt sein, das Material und die Substanz sollen authentisch erhalten sein, das Erscheinungsbild darf sich nicht verändert haben. „Und es muss einen bedeutsamen Abschnitt in der Geschichte der Menschheit verkörpern.“ Wer könnte da bei der Mathildenhöhe widersprechen? Der nächste Schritt des Landesamts wird die Fertigstellung eines Großinventars sein, das alle Bauten, Kunstwerke und Ausstattungsdetails bis zu den Bänken und Brunnen der Grünanlagen wissenschaftlich akkurat dokumentiert und würdigt.

Die experimentelle Wohn- und Arbeitswelt war einmalig. „Die Ausstellungen, die zum wegweisenden Ensemble der Mathildenhöhe Darmstadt geführt haben, hatte es weltweit zuvor nicht gegeben“, erklärt Gutbrod. Umgekehrt war Darmstadt ein Einfluss für andere. Walter Gropius bezeichnete 1919 bei der Gründung des Bauhauses die Mathildenhöhe als wichtigen Vorläufer.

Die Zeitläufte machten keinen Bogen um diesen Zauberberg der Moderne. Der Erste Weltkrieg war eine heftige Zäsur. In den Fabriken wurden Haubitzen statt formschönen Hausrats produziert, und 1918 wurde der Großherzog entmachtet. Doch im Atelierhaus mieteten sich weiter Künstler ein, und 1920 fand eine wichtige Ausstellung zum Expressionismus statt. Später verschonte der Ungeist der Nazis auch die Mathildenhöhe nicht, sodass die Avantgarde dort erst ab 1945 wieder eine Chance hatte. Das Ausstellungsgebäude wurde über all die Jahrzehnte immer von der Stadt bespielt. Nach langer, 2024 abgeschlossener Sanierung ist es jetzt auch technisch bestens dafür gerüstet.

Der Spirit, die Gegenwart menschlich, progressiv und kreativ zu gestalten, ist auf der Mathildenhöhe bis heute präsent. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat hier ihren Sitz, und ab 1950 unterrichtete die Werkkunstschule in Albin Müllers Ateliergebäude junge Kunsthandwerker und Designer. Heute ist der Bau ein Wahrzeichen des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt. Das Welterbe bleibt lebendig.

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