Stück für Stück verwandelt Katharina Grosse das ehemalige Rinderzuchtkombinat „Völkerfreundschaft“ in ein Kunstareal. Ein Besuch im brandenburgischen Groß Kreutz
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28.08.2026
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Erschienen in
Weltkunst Nr.259
Rund fünfzig Kilometer westlich von Berlin, in der flachen, sandigen Landschaft Brandenburgs, liegt die Siedlung Schenkenberg. Von Berlin aus kommt man entweder mit der Regionalbahn in Richtung Magdeburg nach Groß Kreutz, die Gemeinde, zu der Schenkenberg gehört. Oder man fährt gut eine Stunde mit dem Auto, durch den Stadtverkehr, dann hinaus aufs Land, Karls Erlebnis-Dorf passierend, über die Havel, vorbei an Feldern, geduckter Dorfarchitektur, einer Landbäckerei, einem Dönerladen, einem Kreisel und dem Rinderzuchtmuseum Groß Kreutz. Unser Ziel ist die Trechwitzer Straße. Unauffällige Wohnhäuser im Grünen säumen sie auf einer Seite, auf der anderen breitet sich das weite, struppige Gelände der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft „Völkerfreundschaft“ aus. Das Tor des einstigen Rinderkombinats steht offen: Hier hat seit 2022 die Wunderblock Stiftung der Künstlerin Katharina Grosse ihren Sitz. Grosse hat das verwahrloste Grundstück auf rund sechs Hektar Land mit den riesigen Kuhställen, Scheunen und einem Schweinestall erworben – acht große Gebäude sind es insgesamt – und verwandelt es Stück für Stück in einen Ort für die Kunst.
Jetzt kommt sie die Stufen der ehemaligen Traktorwerkstatt herunter, in Jeans, blauem Pulli und mit schwarzen Gummistiefeln. Wir sind zum Gespräch verabredet und wollen einen Gang über das Gelände machen, durch hohes Gras und über zubetonierte Flächen, an Gemäuern und einer kürzlich gepflanzten Linde vorbei. Zuerst habe sie in Berlin nach einem Atelier gesucht, erzählt Katharina Grosse. Zwar hatte sie eine Halle in einer ehemaligen Pulverfabrik, doch die war nicht groß genug. „Ich wollte etwas mit Außenbereichen, in denen ich arbeiten, in denen ich auch mal was liegen lassen kann. Mich aufhalten kann. Ich wollte das Drinnen- und Draußenarbeiten anders verbinden.“
Die Künstlerin ist berühmt für ihre grenzenlosen Malereien, Kompositionen, die sich in leuchtenden Farben über Mauern, Fenster, Türen, Zimmer, Möbel, Erde, Bäume oder Straßen erstrecken. Für die Berliner Nationalgalerie verwandelte sie 2020 die historische Halle des Hamburger Bahnhofs mit gesprühter Malerei und skulpturalen Einbauten, ein verlassenes Militärgebäude am Strand der Rockaways am Stadtrand von New York wurde 2016 samt seiner Umgebung zur dreidimensionalen Leinwand, einen Park in Aarhus bearbeitete sie 2017 mit ihren Spritzpistolen und letztes Jahr den Basler Messeplatz.
Für das, was ihr bei ihrer Ateliersuche vorschwebte, sagt sie, sei Berlin zu dicht bebaut. Das Gelände in Schenkenberg habe eine Größe, die eben noch überschaubar sei, aber ausreichend, „um eine Strecke zu gehen und ein bisschen zu vergessen, woher man gerade kam“. Dieses Gefühl stellt sich schnell bei unserem Spaziergang ein – Gräser, Schafgarbe und Königskerzen wiegen sich in der Brise, ein Kuckuck ruft, die Zeit scheint stillzustehen. Nicht nur die Traktorwerkstatt, auch Berlin liegt auf einmal ganz weit weg. Für die Künstlerin ist die Natur, das Draußensein, seit Kindheitstagen wichtig. Sie ist 1961 in Freiburg im Breisgau geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen. „Da gab es um Neubausiedlungen herum ständig Baustellen, mit Pfützen und Teichen, mit Lehm oder Sachen, die man bewegen konnte. Für ein Kind waren das Rohmaterialien, ungeformt von der zivilen Funktionalität.“
Seit der ersten Besichtigung hat die Künstlerin Georg Augustin und Ute Frank vom Berliner Architekturbüro augustinundfrank/winkler eingebunden, mit denen sie schon in der Vergangenheit Projekte realisiert hat: Mit minimalen Eingriffen haben Augustin und Frank eine DDR-Kaufhalle im Ostberliner Stadtteil Friedrichshain für sie zum Bungalow mit Garten umgestaltet und auf einem Kasernengelände in Moabit einen beeindruckenden, preisgekrönten Betonquader für ihr Atelier gebaut. Das Architektenteam hat sich einen Namen damit gemacht, behutsam und minimalistisch mit alten Beständen umzugehen. „Ich arbeite gerne mit ihnen, weil sie ein tolles Gefühl für Raum und Proportionen haben und nicht so sehr in die Oberflächendetails gehen. Es bleibt eine Art Grobheit und Einfachheit bestehen, die mir sehr wichtig ist.“
Vieles ist nun in Schenkenberg schon entwickelt worden und zugleich vieles noch möglich. Es gibt Räume für Ausstellungen und Performances, imposante freigelegte Dachstühle, Wohnräume, Ateliers und Lager. Der größte Stall ist für die Stiftung und die Bibliothek vorgesehen. Doch bitte nichts zu sehr festlegen … die geradezu schroffe Offenheit des Ortes geht mit einer großen Offenheit der Planungen einher. „Wir haben Schritt für Schritt verstanden, was sinnvoll ist. Dadurch hat sich der Plan immer mal wieder verändert“, erzählt Grosse. Im Gespräch mit anderen kamen Ideen: ein Haus, das man nur im Sommer benutzen könne, oder eines, das nur im Winter funktioniere, oder eines, das alles sein könne, Ausstellungshalle, Treffpunkt, Fabrikation, Ateliers. „So habe ich die festen Pläne schnell fallen gelassen, um mich mehr dem zu widmen, was flexibel immer wieder neu entwickelbar ist.“
Die drei riesigen Scheunen am Waldrand sind zu Sommerateliers, zum Winteratelier mit Wohnung und zum Kunstlager umfunktioniert worden. Das mittlere, beheizbare Gebäude hat im Erdgeschoss zwei symmetrische Ateliers, eines für Katharina Grosse und eines für ihre Lebensgefährtin, die neuseeländische Künstlerin Judy Millar. Dazwischen haben die Architekten einen Raum mit Küche und ein Bad eingebaut und darüber, eingehängt unter dem Dach, ein loftartiges Schlafzimmer mit großen Fenstern. Auf einer Seite öffnet es sich zum Waldstück, das Teil des Geländes ist, und zum dahinter liegenden Vogelschutzgebiet. Auf der anderen Seite führt der Blick über das Grundstück, das von oben betrachtet ebenso erstaunlich herb ist wie von unten.
Der Schlafraum selbst ist fast leer – die Objekte von Kamin bis Bett lassen sich an einer Hand abzählen. Hat sie denn nirgends Unordnung? „Doch, klar“, sagt die Künstlerin, „wenn ich arbeite, geht das ganz schnell.“ In ihrem Berliner Atelierhaus sei das Ambiente durchaus dichter als auf dem Land. Ihr gefällt dieser Schnitt: „Ich habe mir angewöhnt, alles mitzubringen, was ich brauche, was ich esse oder was ich anziehe, und alles wieder nach Hause mitzunehmen. So ist es hier immer frisch, neu, klar.“ Das sei ihr wichtig, erklärt sie mit Blick auf den Wald, weil die Natur selbst hier so detailreich sei, die Bäume, die hier wachsen, die Gräser, die Gerüche. „Als ich heute Morgen aufgewacht bin, konnte ich die Vögel hören – das ist nicht nur so ein bisschen Gepiepe. Das schallt so richtig aus dem Wald heraus, in allen Tonlagen, wie ein in sich organisiertes Geflecht. Vielleicht ist es so etwas zugänglicher, wenn es nicht so voll ist.“ Einmal sei nachts eine Eule ins Schlafzimmer geflogen, erzählt sie, „das war eine besondere Begegnung“.
Die Fensterwand zum Gelände hin lässt den Blick zur Linken auf den größten Stall fallen, in dem einmal die Stiftung und die Bibliothek unterkommen sollen. Geradeaus ist nah an der Einfahrt die Traktorwerkstatt zu sehen, die zuerst fertiggestellt wurde – hier zieht demnächst für ein paar Wochen eine Soundkünstlerin ein –, und rechts davon stehen weitere Ställe. Von einem sind nur noch die Außenmauern übrig – darauf steuern wir als Nächstes zu. Wir gehen die stählerne Außentreppe hinunter, die Augustin und Frank mit schimmernder Metallverkleidung in einen effektvollen Kontrast zu der alten Sichtbetonfassade gebracht haben, eines der wenigen Elemente, die als neu ins Auge fallen.
Schon gleich nach dem Erwerb des Grundstücks hat Katharina Grosse den niederländischen Landschaftsgärtner Piet Oudolf angerufen. Dessen Philosophie und Ästhetik sind von den verschiedenen Stadien der Pflanzen geprägt. Er findet Schönheit auch im Vergehen und hat auf diese Weise nachhaltige Prinzipien in der Gartengestaltung salonfähig gemacht – dass eine Distel etwa nicht nur in voller Blüte, sondern auch im abgestorbenen Zustand ein Blickfang ist. Seine Gärten auf der High Line in New York, bei Vitra in Weil am Rhein und für die Galerie Hauser & Wirth in Somerset und auf Menorca sind legendär. „Als Quelle der neuen Entwicklung bei den Staudengärten ist er eben das Original“, meint Katharina Grosse und hat ihn daher gleich am Anfang nach Schenkenberg eingeladen.
„Er hat ganz einfache Entscheidungen getroffen, auf die ich nicht gekommen wäre, weil ich nicht wusste, wie man mit so einem Gelände umgeht. Durch ihn haben wir eine gute Perspektive gewonnen. Zum Beispiel hat er sofort erkannt, wie die Achsen laufen sollten.“ Auf seinem Grundstücks- und Pflanzplan, den wir uns nachher anschauen, ersetzen diagonale, geschwungene Wege die streng geometrischen Verbindungsachsen zwischen den weit auseinanderliegenden Gebäuden. Piet Oudolf habe ihr außerdem den Rat gegeben, das Gelände besser nach außen abzuschließen, „damit man das Gefühl bekommt, es gibt ein Stück Erde, da ist man ganz alleine“, sagt sie.
Am Streifen entlang der Trechwitzer Straße wurden Ahorn, Kiefern, Mispeln, Schwarzer Holunder, Haselnusssträucher, Beeren und vieles andere gepflanzt, was hier in der Gegend gedeiht: „Piet nennt es ‚Zaubergarten‘.“ In ein paar Jahren könnte es hier fast romantisch werden. „Wir haben die Wäldchen mit ganz kleinen Nacktwurzlern angelegt, wie im Straßenbau – pro Quadratmeter eine Pflanze –, mit der Idee, dass 70 Prozent nicht überleben. Doch sie wachsen gut. So gibt es dort eine Art Verdichtung, ein Screening.“ Über das Gelände verteilt sind ein paar größere heimische Bäume gepflanzt worden. Vieles will sie aber einfach der Natur überlassen. Mehr als 4000 Quadratmeter versiegelte Flächen ließ sie aufbrechen. „Sie tragen jetzt dazu bei, dass wir weniger Erhitzung haben. Das kann erst mal von allein anfangen, sich zu erholen.“
Die Sommer werden heißer, es gibt seltener Regen. Die Pflanzen müssen mit immer trockeneren Perioden, aber auch mit Minustemperaturen im Winter umgehen können. Gepflanzt wird nur, was nicht auf dauerhafte Bewässerung angewiesen ist. Die Winter verbringt Grosse zusammen mit ihrer Partnerin in Neuseeland in einem abgeschiedenen Haus, wo sie Regenwasser sammeln, weil sie nicht an die öffentliche Versorgung angeschlossen sind. „Dort wohnen wir auf kleinem Raum in der Natur, auf einer Klippe mitten im Busch. Wir bauen unser eigenes Gemüse an, weil wir so weit weg von allem leben.“ Gemüsebeete könnten in Zukunft Teil des „Hortus conclusus“ werden – so nennt sie den Garten, der in den Außenmauern des eingestürzten Rinderstalls entsteht. Sie hat den Schutt ausräumen lassen, einige wenige Sträucher gepflanzt und stellt sich hier – „es ist der einzige Teil des Grundstücks, der ein bisschen windgeschützt ist“ – einen großen Tisch zwischen Obstbäumen vor.
Im hohen Gras liegen Baumstämme, die ihre bunten Spuren tragen. „Das ist eine Pinie, die Ingres in der Villa Medici pflanzen ließ“, sagt sie. Ingres war von 1835 bis 1841 Direktor der Französischen Akademie in Rom, die bis heute ihren Sitz in der Villa Medici hat. Katharina Grosse war 2018 zusammen mit Tatiana Trouvé dort für eine Ausstellung eingeladen. Alles in diesem Anwesen sei denkmalgeschützt, erzählt sie, das machte einen malerischen Eingriff von ihr an den Wänden, Decken oder Böden unmöglich. Schließlich habe sie im Garten der Villa die Pinie entdeckt, die kurz zuvor gefällt werden musste. Die aufgetürmten Segmente des monumentalen Pinienstamms, besprüht mit Blau, Grün, Rot, Orange und Weiß, fanden auf diese Weise neues Leben, installiert im Treppeneingang der Villa Medici, „dort, wo vor 500 Jahren Mitglieder der Familie Medici mit ihren Pferden ins Gebäude ritten“. Was jetzt hier in der Wunderblock Stiftung im Gras liegt, sind Überbleibsel.
Sie erläutert, was die unterschiedlichen Malgründe für sie bedeuten: „Je nachdem, auf welche Oberfläche in der Welt die Malerei trifft, ist die Funktion des Bildes, seine Wirkmächtigkeit, eine andere. Auf die Pinie von Ingres zu malen, war witzig, fast frivol, aber doch ist das Medium, in dem Malerei auftritt, sei es Holz, Stein oder Tuch, tief verwurzelt in den jeweiligen Orten. Wenn sie auf dem Messeplatz der Art Basel erscheint, der größten Kunstmesse der Welt, dann macht diese Arbeit ein Paradox auf gegenüber dem Markt – es ist eine Arbeit, die man nicht verkaufen kann, die man nicht besitzen kann und die nach sieben Tagen verschwinden wird.“ Sie sieht eine Verbindung zur Tradition ephemerer Kunst, die weit in die Geschichte zurückreicht, seien es von Dürer gestaltete Festzüge oder der Transport von Michelangelos Kartons mit den Vorzeichnungen für die Wandbilder des Palazzo Vecchio in Florenz.
„Ich bin daran interessiert, alle Möglichkeiten der Malerei auszuprobieren und zu testen. Meine Bilder entwickeln sich nicht aus sprachlicher Konsequenz oder aus etwas, was vorgedacht wird. Ich male nichts, was repräsentiert oder abbildet. Farbe ist anarchisch, sie hat energetisches Potenzial, kann alles transformieren, einen Baumstamm rot oder ein Stück Erde gelb erscheinen lassen. Alles, was ich so mache, ist eben, dass das Bild in der Welt ausgehandelt wird und nicht im Atelier oder an einem isolierten Ort, der das Werk behütet wie in Quarantäne.“
Deshalb sei ein so offenes Gelände für sie besonders interessant. „Neben den Innenräumen hat man auch den Außenraum als Größenordnung ständig bei sich. Er ist nicht messbar, eher empfindbar. Darüber der weite Himmel. Das Schauen, das tastende Erkunden mit dem Auge von dem, was mich umgibt, ist ein wichtiger Punkt für meine Arbeit. Mit der Möglichkeit des Sprayens den Raum einzunehmen, ihn sich einzuverleiben, sich selbst in einem Gelände präsent zu machen.“ Dadurch, dass sie hier so eine große Anlage hat, kann sie das immer wieder anders ausprobieren: „Ich kann mal ganz klein sein, ich kann mich größer machen, ich kann mich mit dem Tisch unter einen Baum setzen. Das ist eine Art Versuchsanordnung, die mir ganz andere Fragen eröffnet als die Arbeit im Atelier in Berlin.“
Sie setzt sich dem Himmel und dem Wetter aus: „Ich bin darauf trainiert, damit umzugehen. Das ist ein organischer Teil meiner Arbeit.“ Diesen Sommer wird sie einem Künstler ganz nahe kommen, Edvard Munch, der sich in und mit seiner Kunst vor rund hundert Jahren ebenfalls den Elementen ausgesetzt hat. Manche seiner Malereien hat Edvard Munch monatelang im Schnee stehen lassen. Für einen Monat wird Grosse nun direkt in seinem Atelier in Ekely am Oslofjord arbeiten. Munch hat schon früh in ihrer Ausbildung eine wichtige Rolle gespielt: „Das offene, fast nicht zu Ende gemalte Bild, das schnelle und wie eine These formulierte Hinsetzen dieser Farbhiebe.“ Gleichzeitig empfindet sie seine Malerei als fließend – „die Linie hört nie auf“ – wie die Bewegung in manchen Kampfkünsten.
Als Studentin ist sie nach Norwegen gereist, um herauszufinden, warum Munchs Schatten violett sind. „Wie kann das sein? Das ist tatsächlich so zu sehen, tags und auch in den Nächten, die halb hell, halb dunkel sind.“ Außerdem wollte sie damals unbedingt die Werke sehen, die Munch für die Aula der Universität in Kristiania (heute Oslo) gemalt hat. „Er hat seine Bilder in eine Umgebung gebracht, die strenge Rahmenbedingungen gestellt hat. Ich fand toll, dass er seiner Malerei so etwas zumutet. Er perforiert sozusagen seine Kunst mit der Umgebung, mit dem Leben und der Gewalt der Natur.« So lässt sie auch ihre eigenen Werke an unerwarteten Orten erscheinen: „Bevor den Leuten bewusst wird, dass sie mit einem Bild in Kontakt sind, sind sie schon längst damit beschäftigt.“
Am 26. September eröffnet Katharina Grosses Ausstellung im Munch-Museum in Oslo. Sie wird hier die neuesten Aquarelle präsentieren, die in Ekely entstehen, außerdem wird ein großes gewölbtes Stück Aluminium in die Ausstellungshalle hineinragen, und sie übermalt ihren Werkzyklus „Das Bett“ neu – 2004 ist diese Installation in ihrem Schlafzimmer in Düsseldorf entstanden. Jetzt soll es ganz dunkel werden. „Schwarzes Bett“ wird quasi ein Gegenpol zu Munchs Gemälde „Die Sonne“.
Neben der Natur mit ihren Elementen gibt es eine weitere Protagonistin in der Landschaft, durch die wir spazieren: die deutsch-deutsche Geschichte. Überhaupt sei in Europa das Umwerten des Bestandes ein ständiges Thema, sagt sie und erwähnt die umgebauten Zechen im Ruhrgebiet, in denen jetzt Theater und Triennalen stattfinden, oder die Leipziger Baumwollspinnerei mit ihren Galerien. „Viele Freunde mit ostdeutscher Biografie, die hierherkommen, erkennen sofort die Klarheit und die Struktur, die in der DDR jeder Örtlichkeit eingeschrieben waren.“
Sie selbst ist zwar in Westdeutschland aufgewachsen, doch in ihrer Jugend habe sie sich mit ihrer Familie ständig über die verschiedenen Systeme ausgetauscht, denn ihre Eltern kamen aus Sachsen, und sie hatte Tanten in der DDR, in Bautzen, Leipzig und Oschatz. Mit dem Erwerb des Geländes wollte sie sofort mehr über die Umgebung und seine „Verwurzelungen“ erfahren. Sie hat die Schriftstellerin und Journalistin Annett Gröschner dafür gewonnen, die Geschichte des Ortes von der Eiszeit bis heute zu erforschen, in den Archiven, aber auch durch Gespräche mit den Leuten, die hier leben und einst in der LPG „Völkerfreundschaft“ gearbeitet haben.
Vergangenen Sommer hat Katharina Grosse in einem der ehemaligen Ställe für ein paar Tage an den unverputzten Wänden das fotografische Langzeitprojekt »Ein Dorf 1950–2020« von Ludwig Schirmer und Ute und Werner Mahler gezeigt, das rund sieben Jahrzehnte Leben und Gesellschaft im thüringischen Ort Berka dokumentiert. Die Künstlerin freut sich, dass viele Leute aus Groß Kreutz und aus ganz Brandenburg kamen, um die Ausstellung zu sehen, auch gab es einen Talk mit dem Journalisten Kito Nedo, der im Museum Minsk in Potsdam eine Ausstellung über den Plattenbau kuratiert hatte. Sie sieht, dass sich aktuell ein neuer Blickwinkel auf die Entwicklungen der ostdeutschen Geschichte durchsetzt: „Plötzlich – nein, endlich – werden diese Fragen neu gesehen.“ Der aktuelle, von Kathleen Reinhardt kuratierte Deutsche Pavillon der Biennale von Venedig mit den Künstlerinnen Sung Tieu und Henrike Naumann ist für sie eine Inspiration: „Ich sehe es als Aufgabe, den Bestand zu aktualisieren, in jeder Form. Ob es das Gelände ist oder mein eigener Bilderbestand, mein Œuvre, das muss auch ins Jetzt geholt werden.“
Auf dem Weg zurück zur Traktorwerkstatt kommen wir an einem Ginsterstrauch mit leuchtend gelben Blüten vorbei. „In jeder anderen Umgebung wäre das eine große Pflanze“, sagt sie, „aber hier wirkt er nur wie ein kleines Tüpfelchen. Das begeistert mich an dem Gelände: diese Fläche, über der sich mit dem Himmel so eine unheimlich große Kuppel spannt.“
Wollen Sie mehr über die Architekten erfahren, die die einstige LPG „Völkerfreundschaft“ für Katharina Grosse umgebaut haben?