03.04.2020 WELTKUNST Redaktion

Kunst im Couchkino

Ob Dokumentation, Biopic, Satire oder Horror-Thriller – die Kunst bietet variantenreichen Kinostoff. Die Redaktion der WELTKUNST empfiehlt ihre Lieblingsfilme, die sich aktuell im eigenen Wohnzimmer streamen lassen

Mr. Turner – Meister des Lichts

Das Genie grunzt. Da mögen edle Lords, reiche Sammler und feingeistige Kritiker seine Bilder in noch so wortreichen Reden preisen – der große William Turner reagiert auf Lob mit einer Salve unverständlicher Kehllaute. Statt Vorträge zu halten, stapft der Maler durch die englische Landschaft, saugt mit seinen Augen die Szenerie auf und lässt anschließen den Pinsel auf der Leinwand sprechen. Im Film „Mr. Turner – Meister des Lichts“ wird dieser Gigant der Schroffheit von Timothy Spall sensationell verkörpert. Spall lernte für die Rolle extra das Malen und erhielt 2014 in Cannes verdient die Goldene Palme als bester Darsteller.

Der Zweieinhalbstünder des englischen Regisseurs Mike Leigh besticht auch durch die aufwendige Inszenierung: Unter anderem wurde eine komplette Ausstellung der Royal Academy rekonstruiert. In dieser wird Mr. Turner seinem Ruf als größter Künstler Englands gerecht, als er spontan noch eine rote Boje in eines seiner bereits aufgehängten Seestücke hineinpinselt. Und damit vor den Augen der Kollegen den Malstil seines größten Konkurrenten John Constable verhöhnt. All das – natürlich – ohne Worte.

Tim Ackermann

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Eva Hesse mit ihrem Werk
Eva Hesse mit ihrem Werk "Repetition 19" (Foto: Norman Goldman / Courtesy: Real Fiction)

Eva Hesse 

„Mein Leben verlief niemals normal“, hört man eine Frauenstimme aus dem Off sagen. Der Satz aus dem Tagebuch der Künstlerin Eva Hesse zieht sich wie eine Prophezeiung durch Marcie Begleiters Dokumentation. Nach der Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland ließ sich Hesses jüdische Familie in New York nieder. In der Kunst fand sie früh Halt, zu ihrem Kreis gehörten der Minimalist Sol LeWitt, der Bildhauer Richard Serra und die Objektkünstlerin Rosie Goldman – sie alle kommen in Begleiters Film zu Wort, erinnern sich an ihre Freundin und die Suche nach neuen Stilen.

Wie sehr Hesse ihr eigenes Tun hinterfragte, wird dabei nicht ausgeblendet. Spielerisch experimentierte sie mit neuen Materialien, bis es ihr gelang, aus Latex und Fiberglas Skulpturen zu schaffen, die alles sind, was eine Skulptur bis dahin nicht sein sollte: zerbrechlich, weich, absurd, lustig. Hesse hatte eine vollkommen neue Sprache gefunden. Den Anfang ihres Erfolgs erlebte sie noch mit, bevor sie mit nur 34 Jahren an einem Hirntumor starb. Marcie Begleiter zeichnet in ihrem Film aus dem Jahr 2016 den beeindruckenden Lebensweg einer besonderen Künstlerin nach, ohne Sentimentalität oder Kitsch. Sie zeigt eine Frau, die man gerne persönlich gekannt, eine Künstlerin, von der man gerne noch mehr gesehen hätte.

Laura Storfner

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Zawe Ashton und Jake Gyllenhaal in
Zawe Ashton und Jake Gyllenhaal in "Die Kunst des toten Mannes" (Foto: Netflix)

Die Kunst des toten Mannes

Es beginnt wie eine Satire: Arrogante Kunstkritiker und überspannte Galeristen bevölkern die Art Basel Miami Beach. Um Kunst geht es marginal, schließlich sind wir auf einer Messe. Zurück in Los Angeles, stößt Galerie-Assistentin Josephina auf die Gemälde ihres soeben verstorbenen Nachbarn. Ein Sonderling, dessen Figuren ein bisschen zu lebendig wirken. Hier beginnt der Horror, den Regisseur Dan Gilroy mit den vertrauten Mitteln des Genres inszeniert: Wer immer an den faszinierenden Bildern verdienen will, wird von ihnen bestraft. Die Story des Films ist schon schräg, findet aber dank großartiger Schauspieler wie Jake Gyllenhaal oder John Malkovich ihre Balance.

Christiane Meixner

(Netflix)

 

Filmszene aus
Filmszene aus "The Square" (Foto: Alamode Film)

The Square 

Auf Parship wäre dieser Christian ein heißgehandelter Kandidat. Attraktiv und im besten Mannesalter, toller Job als mächtiger Kurator in einem großen Museum in Stockholm, gewandt und gut vernetzt auf internationalem Parkett. Und doch kann so ein perfektes Leben leicht aus dem Tritt geraten. Christian wird sein Handy gestohlen und danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Geradezu fahrlässig zerstreut nimmt er nun seine Termine wahr – die endlose Abfolge von Pressegesprächen, Agenturpitches, Vernissagen und Sponsorendinner –, weil all seine Gedanken jetzt nur noch darum kreisen, den Dieb zu stellen.

Der schwedische Regisseur Ruben Östlund hat 2017 mit seinem Film „The Square“ eine brillante Komödie über den zeitgenössischen Kunstbetrieb geschaffen und seine für Außenstehende oft seltsam anmutenden Gepflogenheiten. Jeder, der seine Vorurteile über die oft wichtigtuerische, leicht überspannte und pseudoprovokative Kommunikation in dieser Gesellschaftsnische bestätigt sehen will, wird hier auf seine Kosten kommen. Und zugleich etwas erfahren über das dünne Eis aus Worten und Verabredungen, auf denen dieser Betrieb seine Pirouetten dreht. Oder in Östlunds eigenen Worten: „Mit der Kunst ist etwas passiert, seit Duchamp mit seinem Pissoir in einem Ausstellungsraum alles verändert hat. Heute erscheint sie mir manchmal wie ein Briefmarkensammlerverein. Alle, die dabei sind, kennen die Werte, aber von außen sieht alles ein bisschen lächerlich aus.“

Matthias Ehlert

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Antonio Banderas als Regisseur Salvador Mallo in
Antonio Banderas als Regisseur Salvador Mallo in "Leid und Herrlichkeit" (Foto: Studiocanal)

Leid und Herrlichkeit

Filme über Filmregisseure sind seit der Nouvelle Vague ein beliebtes Genre des Autorenkinos. Doch dieser ist etwas ganz Besonderes. In Pedro Almodóvars Altersmeisterwerk von 2019 geht es weniger um das Filmschaffen an sich und das Wohl und Weh derjenigen, die sich daran versuchen, sondern um Freundschaft und Erinnerung. Wir sehen einen von Rückenschmerzen, Migräne und diversen anderen Leiden gepeinigten Mann, berührend gespielt von Antonio Banderas, der sich in seine Wohnung zurückgezogen und das Leben (und Arbeiten) eingestellt hat.

Er verweilt dort, umgeben von seiner Kunstsammlung, zwischen farbenfrohen Wänden und runden Memphis-Designermöbeln – und führt uns lange vor den heutigen Coronazeiten vor, wie sich ein eremitisches Dasein anfühlen kann. Doch der Regisseur wird nicht in seiner Starre verharren, so viel sei verraten. Er gerät in Bewegung durch die Begegnung mit liebenden Menschen, mit der eigenen Vergangenheit – und einer Zeichnung. Flüchtig hingeworfen, der Strich geführt von einem noch nicht gewussten Begehren. Ein laienhaftes Kunstwerk und doch ein Moment für die Ewigkeit.

Simone Sondermann

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