01.04.2020 Julia Voss

Hilma af Klint und das wilde Zeichnen

In unserer Reihe Digitales Schaufenster stellt die Buchautorin und Kuratorin Julia Voss die Ausstellung zu Hilma af Klint und ihrem spirituellen Umfeld in der Villa Grisebach vor

Stockholm, November 1906: Die schwedische Künstlerin Hilma af Klint ist 44 Jahre alt, als sie ihr Leben auf den Kopf stellt. Von der akademischen Malerei, in der sie ausgebildet wurde, wendet sie sich ab und beginnt, abstrakt zu arbeiten – in immer größeren Formaten. In den folgenden Monaten entstehen zahlreiche Serien, darunter der Zyklus „Die Zehn Größten“, dessen Bilder mehr als drei Meter in der Höhe messen. Kandinskys, Malewitschs oder Mondrians Experimente mit der ungegenständlichen Malerei liegen noch in weiter Ferne, als Hilma af Klint in ihrem Notizbuch festhält: „Die Versuche, die ich unternommen habe […], werden die Menschheit in Erstaunen versetzen.“ Ihre Voraussage bewahrheitete sich spätestens 2018, als das Solomon R. Guggenheim Museum in New York eine große Retrospektive zu ihrem Werk eröffnete, die mehr als 600.000 Besucher anzog.

Die wegen Corona geschlossene Ausstellung bei Grisebach mit Werken von Hilma af Klint
Die wegen Corona geschlossene Ausstellung bei Grisebach mit Werken von Hilma af Klint

In der Ausstellung „Hilma af Klint und das wilde Zeichnen“ zeigen wir das einzige überlieferte Selbstporträt der Künstlerin, das noch nie außerhalb von Schweden zu sehen war. Auf dem Aquarell trägt die Malerin einen weißen Umhang und gibt den Moment der inneren Versenkung detailscharf wieder: Als wir das Bild in Berlin auspackten, stellten wir überrascht fest, dass die Künstlerin sogar die Zähne festhielt, die auf der Unterlippe aufsetzen – umrissen von hauchzarten Bleistiftlinien. Der Strich ist so fein, dass er auf den Reproduktionen verschwindet.

Kolorierte Fotografie von Hilma af Klint, Studien für die Serie „Gemälde für den Tempel“, undatiert (Copyright: Stiftelsen Hilma af Klints Verk)
Kolorierte Fotografie von Hilma af Klint, Studien für die Serie „Gemälde für den Tempel“, undatiert (Copyright: Stiftelsen Hilma af Klints Verk)

Was sich vor af Klints innerem Auge abspielen könnte, stellen wir auch aus: Aus dem Privatarchiv Monica von Rosen zeigen wir zahlreiche Zeichnungen, die während Séancen um die Jahrhundertwende entstanden sind. Ausgeführt wurden sie in den spirituellen Kreisen Stockholms, in denen auch af Klint verkehrte: Geister erscheinen auf den Blättern, Striche explodieren wie in einem Feuerwerk und Pflanzen wuchern über das Papier.

Hilma af Klint, „Selbstportrait“, undatiert, Aquarell auf Papier (Copyright Antonia Ax:son Johnson)
Hilma af Klint, „Selbstportrait“, undatiert, Aquarell auf Papier (Copyright Antonia Ax:son Johnson)

Eine Weltpremiere gibt es in den Räumen der Villa Grisebach außerdem: Zum ersten Mal werden Hilma af Klints Entwürfe für ein Koffermuseum ausgestellt. Um ihre riesigen Leinwände auch außerhalb des Ateliers vorführen zu können, ließ sie die Werke abfotografieren und kolorierte die Aufnahmen anschließend. Von ihrer berühmten Serie „Die Zehn Größten“ (1907) schuf sie auf diese Weise eine Miniaturversion, die nun in den Vitrinen der Ausstellung ruht.

Séance-Zeichnung vom 2.-3. Mai 1895 (Copyright Monica von Rosen, Privatarchiv, EWF)
Séance-Zeichnung vom 2.-3. Mai 1895 (Copyright Monica von Rosen, Privatarchiv, EWF)

Service

Buchtipp

Das Buch „Die Menschheit in Erstaunen versetzen: Hilma af Klint, Leben und Werk“ von Julia Voss ist im S. Fischer Verlag erschienen.

Virtuelle Rundgänge und Talks zur Ausstellung „Hilma af Klint und das wilde Zeichnen“ in der Villa Grisebach unter www.instagram.com/grisebach_/