11.12.2019 Sebastian Preuss

Die Beraubung eines jüdischen Sammlerpaares

Ein Dokumentarfilm auf 3sat verfolgt das Schicksal eines schwäbischen Fabrikanten und seiner Frau. Die Nazis vertrieben und beraubten Ernst und Agathe Saulmann, von ihrer Sammlung wurden bislang nur wenige Werke wiedergefunden und an die Erben restituiert. „Geraubte Kunst. Jüdische Sammlungen im Nationalsozialismus“ zeigt, was die Suche nach verlorenen Objekten bis heute erschwert

Agathe Saulmann war eine außergewöhnliche Frau. Es gab nur wenige Pilotinnen in der Weimarer Republik, und bei ihr war es besonders exzentrisch, denn sie startete und landete ihr Flugzeug in der schwäbischen Provinz: im kleinen Pfullingen, auf einer Wiese direkt neben ihrem Wohnhaus. Es gibt noch einige betagte Menschen in der Gegend, die sich an die fliegende Agathe erinnern, zumal ihr Mann Ernst hier als größter Unternehmer eine wichtige Persönlichkeit war. Seine Mechanische Baumwollweberei Eningen im Nachbarort beschäftigte 500 Angestellte. Das Ehepaar wohnte im Erlenhof, einem malerisch gruppierten Anwesen in idyllischer Landschaft. Seit ihrem Einzug 1927 hatten sie es mit Kunstwerken ausgestattet, spätgotische Skulpturen, Renaissance-Gemälde, Möbel des 18. Jahrhunderts, alte Majolika-Gefäße und andere kunsthandwerkliche Stücke. Der Erlenhof ist heute noch eindrucksvoll, und auf den wenigen erhaltenen Fotos aus den Dreißigern sieht man, was für ein herrliches Refugium sich die Saulmanns hier geschaffen hatten.

Der Erlenhof in Pfulligen 1936, Foto: Nachlass Ernst und Agathe Saulmann

Nicht einmal zehn Jahre konnten die beiden ihr Paradies genießen. Ende Dezember 1935 mussten sie über Nacht vor den örtlichen Nazis fliehen, die mit Hetzparolen Stimmung gegen sie machten und eine Verhaftung von Ernst androhten. Die Filmemacher Felix von Boehm und Constantin Loeb verfolgen das traurige Schicksal des jüdischen Ehepaars in einer Dokumentation, die am 14. Dezember auf 3sat ausgestrahlt wird. Alles wurde den Saulmanns genommen: die Firma, der Erlenhof und die Sammlung, die sie im Sommer in München versteigern ließen, wobei sie sich dem Kunsthändler Julius Harry Böhler anvertrauten, bei dem sie viele Werke erworben hatte. Er profitierte von der Zwangslage seiner jüdischen Kunden, so auch im Fall der Saulmanns, die von dem Erlös der Sammlung keinen Pfennig sahen, weil er direkt zur Tilgung der „Reichsfluchtsteuer“ eingezogen wurde.

Todesgefahr in Südfrankreich

Da waren Agathe und Ernst vor den Nazi-Repressalien bereits nach Florenz ausgewichen, wo sie einen Zweitdomizil besaßen. Ende 1937 flohen sie erneut, diesmal vor den Rassegesetzen der italienischen Faschisten. In Nizza, wo sie nun unterkamen, wurden sie während des Kriegs vom Vichy-Regime im gefürchteten  Lager Gurs in den Pyrenäen interniert. Wann und wie sie dort wieder herauskamen und vor allem, wie sie nach der deutschen Besetzung Südfrankreichs der drohenden Deportation entgangen, ist unbekannt. Im April 1946 starb Ernst Saulmann in Paris an den Folgen der Lagerhaft.

Die „Drei Engel mit dem Christuskind“ wurde den Saulmann-Erben zurückgegeben. Das Berliner Bode-Museum hat das das Werk 2018 dauerhaft erworben, Foto: © LUPA Film
Die „Drei Engel mit dem Christuskind“ wurde den Saulmann-Erben zurückgegeben. Das Berliner Bode-Museum hat das das Werk 2018 dauerhaft erworben, Foto: © LUPA Film

Der Film „Geraubte Kunst. Jüdische Sammlungen im Nationalsozialismus“ zeigt einen berührenden Fall, der für zahllose andere Schicksale in der Hölle von Hitlers Rassenwahn steht. Ausführlich zu Wort kommen Julius Harry Böhlers Enkel, der sich mit Veröffentlichung seines Firmenarchivs an der Aufarbeitung des Unrechts beteiligt, sowie der Erbe der Saulmanns, der sich um die Rekonstruktion der zerstreuten Sammlung bemüht, bislang aber nicht einmal ein Dutzend von einst mehr als hundert versteigerten Werken zurückerhalten hat.

Wende in Washington

Intensiv und erfreulicherweise ziemlich differenziert steigen Felix von Boehm und Constantin Lieb in das komplizierte Feld der Provenienzforschung und der Raubkunst-Restitutionen ein. Wissenschaftler, Museumsverantwortliche und Kulturpolitiker kommen zu Wort und zeigen, wie lang meist der Weg ist, bis ein geraubtes Werk wieder bei seinen rechtmäßigen Eigentümern ist. Der Film erinnert erfreulicherweise mit Filmausschnitten und Interviews an die Washingtoner Konferenz von 1998, die das Problem der NS-Raubkunst völlig neu aufrollte. Es ist viel geschehen in den letzten zwanzig Jahren, aber sehr viel ist auch noch zu tun. Die Schatten der Geschichte sind lang – und werden immer länger.

Agathe Saulmann auf ihrer Privatlandebahn, Foto: Nachlass Ernst und Agathe Saulmann
Agathe Saulmann auf ihrer Privatlandebahn, Foto: Nachlass Ernst und Agathe Saulmann

Service

SAMMLUNG SAULMANN

Die Doku „Geraubte Kunst. Jüdische Sammlungen im Nationalsozialismus“ von Felix von Boehm und Constantin Lieb wird am 14. Dezember um 19.20 Uhr auf 3sat und am 27. Dezember auf ZDFinfo ausgestrahlt.

Mehr zum Fall Saulmann ist in Felix von Boehms Beitrag „Letzter Flug aus Pfullingen“ in der WELTKUNST Nr. 164 und auf ZEIT ONLINE zu lesen.