Der Hamburger Bahnhof präsentiert seine Sammlung in einer neuen Präsentation. „Tausendmal Berlin“ soll das Potenzial einer Stadt aufzeigen, die seit einem Vierteljahrhundert den Diskurs in der zeitgenössischen Kunst anführt
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05.10.2026
Berlin ist ein Wellblechzaun. Wer die neue Sammlungspräsentation „Tausendmal Berlin“ im Hamburger Bahnhof besucht, der steht vor silbrig schimmernden, industriell gefertigten Wänden, die die Ausstellung optisch dominieren. Gemälde wie die monumentale Atelieransicht von Roy Lichtenstein oder Julie Mehretus abstraktes Farbgewitter „Metoikos“ behaupten sich hier spielend, kleinere Arbeiten haben es schwer. Doch mit dem Zaun suggeriert man die Metropole als ewige Baustelle, Mythos und Klischee – auch wenn es längst nicht mehr passt, weil sich die Räume für immer neue Entfaltungen minimiert haben.
Aber darum geht es in der Jubiläumsschau zum 30. Geburtstag der Nationalgalerie der Gegenwart wohl auch nicht. Eher um ein Klima, in dem die ausgestellten Arbeiten entstehen konnten und das vom Haus noch einmal beschworen wird. Mit gut 70 Werken direkt aus dem Hochofen einer Stadt, die nach 1945 eine andere Richtung als der Rest der Bundesrepublik nahm. Entsprechend divers, global, politisch und unangepasst ließ es sich in Berlin leben – und die Kunst spiegelt diese Zeit.
So das plakatwandgroße Statement von Katharina Siverding. „Deutschland wird deutscher“, wusste sie schon 1992, als bei einem Brandanschlag in Mölln drei Angehörige einer türkischen Familie umkamen. Bis heute wirkt ihre fotografiertes Selbstporträt, auf dem sich scharfe Messer knapp um den vermummten Kopf ins Holz dahinter bohren, wie ein Menetekel.
„Burned out“ hat Michel Majerus in eines seiner Bilder geschrieben. Das war 2000, zwei Jahre vor dem Absturz einer Linienmaschine, die ihn ins heimatliche Luxemburg bringen sollte. Der vielversprechende Künstler starb mit gerade einmal 35 Jahren, sein Erbe ist eine Malerei, die sich komplett aus der damaligen Gegenwart speiste. Dennoch dokumentiert jede Neupräsentation zugleich die Überzeitlichkeit seines Werks, ein anderes Wort für Qualität.
Verlust ist ein Grundton der Ausstellung, wenn Rikrit Tiravanija seinen kleinen, alten Peugeot 2010 mit einer Vitrine umbaut und die raumfressende Skulptur „All the Days on the Autobahn“ nennt. Vorbei die Fahrten, wohin auch immer. Vielleicht ist aber auch sein Wagen inzwischen eine Nummer größer.
Künstler und Künstlerinnen entwickeln sich fort, Katharina Grosse und Alicja Kwade waren früh im Hamburger Bahnhofs präsent: Grosse vor 26 Jahren als Nominierte für den Preis der Nationalgalerie, Kwade 2008 als Förderpreisträgerin. Heute sind beide unfassbar gefragt und global unterwegs.
Erfolge grundieren „Tausendmal Berlin“ demnach ebenso wie das Unwiederholbare, und so verfliegt der Hauch von Melancholie, der sich über solche Anfänge senkt, als alles noch möglich schien. Till Fellrath und Sam Bardaouil, das Direktorat am Hamburger Bahnhof, schielt ohnehin nur mit einem Auge auf das Vergangene. Berlin hat ihrer Ansicht nach noch immer großes Potenzial, das zeigen ihre Ankäufe für das Museum seit 2022 ebenso wie die kuratorische Verantwortung, die sie seit einigen Jahren für die Sammlung des Bundes haben – und damit auch Zugriff auf weitere erstklassige Arbeiten.
Aus beidem extrahieren Bardaouil und die Kuratorin Charlotte Knaup ein wildes, hedonistisches, schlafloses Berlin, in dem die junge Texanerin Bunny Rogers ebenso nach ihrer Identität sucht wie Sung Tieu, deren Eltern am Ende der DDR als Vertragsarbeiter aus Vietnam kamen. Aus den Erfahrungen mit seelenloser Bürokratie wie auch der Hetze nach dem Mauerfall gegen alles vermeintlich Fremde zieht das Werk der 1987 geborenen Künstlerin, die aktuell auch im Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig vertreten ist, seine Anziehungskraft. Man möchte mehr wissen, verstehen, sich solidarisieren.
„Tausendmal Berlin“ provoziert also auch Gefühlschaos. Zwischen wegweisenden, musealen Erwerbungen und spannenden jungen Positionen erinnert der kurzweilige Parcours nicht zuletzt an die Bedeutung der in Berlin ansässigen Galerien. Viele von ihnen agieren global und holen immer wieder – wie einst das Stipendium des DAAD, das internationale Stars in die Stadt lockte und oft auch hier hielt – Talente zu sich in die Räume.
Bei Tanya Leighton ist es die in Kanada geborene, in Berlin lebende Künstlerin Elif Saydam, deren Bilder der Werkgruppe „Späti Paintings (2021-2026) ebenfalls im Hamburger Bahnhof hängen. Ihr Einzug kurz vor der Eröffnung von „Tausendmal Berlin“ verdankt sich der Ingeborg und Dr. H. Jürgen Tiemann-Stiftung: Sie gab zum vierten Mal 50.000 Euro, damit ein Museum zeitgenössische Malerei erwerben kann, die zur jeweiligen Sammlung passt.
Die Häuser bewerben sich mit einem konkreten Vorschlag, eine Jury wählt das beste Match. Diesmal entschied sie sich für eher kleine Sujets, gespickt mit architektonischen Elementen, Goldschrift, Pailletten und zarten Mustern. Elif Saydam, Jahrgang 1985, feiert das urbane Phänomen des Spätkauf-Ladens, in ihren Bildern avanciert er zur Konsumkathedrale des Alltags. Berlin hat zahllose dieser Institutionen, der Hamburger Bahnhof lieh sich zu seinen sechs abgekauften Motiven noch einen Teil der umfangreichen Serie hinzu. So zeigt sich schließlich doch das Ideenpotenzial einer Stadt, die angeblich niemals schläft. Obwohl: Ein Teil von Saydams Bildern heißt „Zu spät“. Da hält dann auch der Späti weder Bier noch Club-Mate bereit.
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Invalidenstr. 50,
Dienstag, Mittwoch & Freitag 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Samstag/Sonntag 11-18 Uhr