Schloss Neuhardenberg in Brandenburg feiert den 300. Geburtstag des Illustrators Daniel Chodowiecki, der sich mit Witz und Geschick für die Aufklärung einsetzte
Von
28.09.2026
/
Erschienen in
Weltkunst Nr. 260
Daniel Chodowiecki hatte 1779 einen Sonntagsausflug mit seiner Familie nach Französisch Buchholz geplant. Als dieser aufgrund von Unwetter ins Wasser fiel, war die Enttäuschung seiner Kinder groß. Um sie aufzumuntern, fertigte er eine humorvolle Zeichnung mit der „Wallfahrt nach Französisch Buchholz“ an. Daraus entstand später die Radierung. Sie zeigt die Familie auf dem fiktiven Ausflug in das hugenottisch geprägte Dorf im Norden von Berlin: vorneweg Suzette, die Tochter des Künstlers mit Heugabel samt Knoblauchwürsten und Brezel. Zu viert auf einem Esel reitend, folgen ihre Geschwister, der Neffe sowie Chodowiecki selbst. Am Ende des Zuges spielt ein Familienfreund Violine. Mit feinsten Strichen stellt der Künstler jedes kleine Detail dar, dokumentiert die enge Beziehung zu seinen Angehörigen ebenso wie die Mentalitäten des anbrechenden bürgerlichen Zeitalters.
In über 2000 Radierungen und mehreren Tausend Zeichnungen, teilweise nur halb so groß wie eine Kreditkarte, hielt Daniel Chodowiecki das alltägliche Leben der Mittelschicht des 18. Jahrhunderts in vertrauten Szenen fest. Als gelernter Kaufmann hatte er mit diesen Bildern für die Rocktasche eine Marktlücke erkannt: Zusammengebunden in handliche Kalender, erzählten sie Geschichten, die in bildungsbürgerlichen Kreisen gern gelesen wurden.
Anlässlich seines 300. Geburtstags wird das Leben und Schaffen von Chodowiecki im Schloss Neuhardenberg im Osten Brandenburgs wiederentdeckt. Die kleinformatigen Radierungen galten lange als verstaubt, sind aber heute wieder aktuell: „Sein großes Talent war es, Sachen zu komprimieren, auf winzigste Fläche zu bringen“, erzählt Simon Häuser, der Kurator der Ausstellung. „Auf zwölf kleinen Bildern lässt sich ganz anders erzählen als in einem großen. Durch das Blättern wird der Medienbezug zur heutigen Zeit klar erkennbar.“ Eine für die Schau angefertigte Videoarbeit konkretisiert die Zugänglichkeit von Chodowieckis Grafiken für die digitale Welt: Abfolgen der kleinen Bilder werden in einen Instagram-Feed übertragen und automatisch heruntergescrollt.
Die „zwölf Leben“, in die die Ausstellung gegliedert ist, beschreiben die Vielschichtigkeit von Chodowieckis Biografie: 1729 in einen französisch-deutschsprachigen Haushalt in Danzig geboren, floh er mit 17 Jahren aus der Armut nach Berlin. Nach der Kaufmannslehre verdiente er seinen Unterhalt mit der Malerei, fand aber erst im Alter von über vierzig Jahren hauptberuflich zur Grafik, die ihn zu einem erfolgreichen Illustrator seiner Zeit machte. Als Direktor der Königlichen Akademie der Künste porträtierte der Maler aus hugenottischer Herkunft den preußischen Hof.
Einer seiner größten Verehrer war Johann Wolfgang von Goethe. Dieser schätzte die Unmittelbarkeit zur Natur und zum Leben der Menschen in Chodowieckis Darstellungen sowie seinen scharfen Fernblick auf internationale politische Ereignisse. Mit Aufträgen für die Berliner Akademie der Wissenschaften wurde Chodowiecki schließlich zu einem wichtigen Vermittler der Aufklärung in Preußen: Seine Kalender zu den „Natürlichen und affektierten Handlungen des Lebens“ und zu „Mode-Torheiten“ bekämpften mit leicht verständlichen Bildern den Aberglauben und den Spiritualismus als Feinde des wachen Verstandes.