05.04.2016 Peter Dittmar

Goethes geheime Leidenschaft

Johanna Lessmann fasst die Majolika-Sammlung des Dichters erstmals als Bestandskatalog zusammen

„Sammler sind glückliche Menschen.“ Dieser Satz soll von Goethe stammen, so sagt man – auch wenn sich dafür in dessen Werken und Briefen gar kein Beleg finden lässt. Aber vielleicht hat das Beharren auf der Zitatquelle einfach mit der Tatsache zu tun, dass – was Johann Wolfgang von Goethe betraf – das Glück des Sammlers nie in Zweifel gezogen wurde. Imposante 26.000 Objekte erfasste der Nachlasskatalog „Goethe’s Kunstsammlungen“ von Christian Schuchardt, der 1848 erschien. Und darin sind unter den Nummern 308 bis 410 die „Majolica-Schüsseln und Vasen mit Malereien“ aufgeführt.

All diese Majolika bewahrt heute die Klassik Stiftung Weimar im Goethehaus am Frauenplan auf, wenngleich im „Majolikazimmer“ in den Glasschränken, die der Dichter seinerzeit dafür extra anfertigen ließ, nur 33 von ihnen ausgestellt werden. Zudem mangelte es bislang an einem Bestandskatalog. Johanna Lessmann, Autorin des 1979 erschienenen, maßgeblichen Katalogs „Italienische Majolika“ zur Sammlung des Herzog-Anton-Ulrich-Museums in Braunschweig, übernahm 2009 auch die Katalogisierungsaufgabe in Weimar. Ihre Wahl scheint absolut passend – denn Goethes Besitz beschränkt sich, bis auf vier Stücke, ebenfalls ausschließlich auf italienische Provenienzen.

Teller mit dem Evangelisten Markus (Faenza, Werkstatt Calamelli, um 1550) (Foto: Klassik Stiftung Weimar/Alexander Burzik)
Teller mit dem Evangelisten Markus (Faenza, Werkstatt Calamelli, um 1550) (Foto: Klassik Stiftung Weimar/Alexander Burzik)

Der nun vorliegende Band über „Italienische Majolika aus Goethes Besitz“ räumt mit der Befürchtung auf, Bestandskataloge versprächen wegen überbordender Klugheit wenig Lesefreuden. Die Zugänglichkeit wird durch die ansehnlichen Illustrationen erreicht, die auch den Kenner antiker Mythen und mythisierter Geschichten herausfordern. Denn was in der Tafelmalerei meist verhältnismäßig leicht zu entschlüsseln ist, erweist sich bei den Tellern, Schalen und Gefäßen aus den Majolikawerkstätten in Castel Durante, Urbino, Pesaro, Faenza oder Venedig häufig als recht verrätselt.

Das hängt zum einen mit der wesentlich kleineren Fläche zusammen, die zu gedrängten, schwer zu deutenden Darstellungen verleitet. Zum anderen mit den Vorlagen, gewöhnlich Reproduktionsstichen nach Raffael und Giulio Romano, die abgewandelt oder durch die Kombination von Szenen und Figuren von verschiedenen Blättern zu neuen Kompositionen zusammengefügt werden. Hinzu kommt wegen der Beschränkung der Palette auf Kupfergrün, Antimongelb, Kobaltblau und Manganviolett eine Verfremdung der Farbigkeit. Deshalb gibt es, obwohl die Majolika nur bedingt als Unikate gefertigt wurden, im Grunde keine identischen Exemplare.

Der „Raub der Helena“, von Marcantonio Raimondi und Marco Dente da Ravenna nach Raffael oder Giulio Romana gestochen, ist dafür ein Beispiel: Der Goethe’sche Teller aus Urbino, 1542 datiert, stammt von Francesco Xanto Avelli, einem der bedeutendsten Majolikamaler. Anders als auf einem zweiten Teller, den das Getty Museum besitzt, hat der Maler den Tempel rechts oben durch eine Stadt vor einer Felsenlandschaft ersetzt und im Vordergrund eine kleine Insel mit einem Baumrest hinzugefügt.

 

Diese Majolika zeigt Moses, der die silbernen Trompeten blasen lässt (um 1550–1560) (Foto: Klassik Stiftung Weimar/Alexander Burzik)
Diese Majolika zeigt Moses, der die silbernen Trompeten blasen lässt (um 1550–1560) (Foto: Klassik Stiftung Weimar/Alexander Burzik)

Sechsstellige Zuschläge sind heute für Majoliken noch immer die Ausnahme. Und Goethe erwarb im Jahr 1817 durchaus preisbewusst 42 Majoliken und drei Gefäße aus Limoges mit Emailmalerei für 200 Reichsthaler – nachdem er zuvor klargemacht hatte, dass er die vom Nürnberger Sammler von Derschau ursprünglich geforderten 246 Reichsthaler zu zahlen nicht bereit sei. Zuvor besaß er zehn oder zwölf Majoliken. Zwischen 1825 und 1829 wuchs Goethes Sammlung dann auf die erhaltenen knapp hundert Stücke an.

In seinen Briefen, die Lessmann zitiert, sind die Kaufabsichten und Käufe recht aus- führlich dokumentiert. Aber in seinen Wer- ken haben sie keine Spuren hinterlassen. In einem Brief nennt Goethe die Majolika „subalterne Kunstwerke, die nur in Masse beurtheilt werden“ können. Und an anderer Stelle bemerkt er noch spitzer: „Dieß ist eine Art Thorheit, in die mein Sohn einstimmt.“ Und dennoch fügt er in Weiterem hinzu: „Gepriesen aber sey jede Thorheit, die uns dergleichen unschädlichen Genuß verleiht.“ An diesem Genuss (und einem Bündel gelehrten Wissens) kann man teilhaben, wenn man sich der fundierten Recherche von Johanna Lessmann zuwendet.

Johanna Lessmann, »Italienische Majolika aus Goethes Besitz«, Arnoldsche, 320 S., 49,80 Euro

 

Diesen Beitrag finden Sie in Weltkunst Nr. 112 / März 2016