Seine Dschungelbilder sind Meilensteine der Moderne, und er nahm den Surrealismus vorweg. Dennoch galt Henri Rousseau lange als naiver Dilettant. Eine Schau zeigt ihn nun in neuem Licht
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26.03.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 252
Anders als in den akademischen Bildern gibt es bei Rousseau keine prallen Brüste, kaum nackte Haut, keine schwüle Erotik. Die Spannung ist da, aber das Sexuelle ist extrem fetischisiert. Die Erregung wird durch einfache Formen symbolisiert, den aufgerichteten Schwanz des Löwen, den Stock in der Hand der Liegenden. Die Frau ist keine hilflose Touristin, sondern archaische Göttin. Der Stock, der Krug, die Gitarre sind lyrische, erotische Objekte. Auch in der „Schlangenbeschwörerin“, die Robert Delaunay 1907 für seine Mutter in Auftrag gibt, finden sich kaum zu übersehende Andeutungen. Die im Schatten stehende Figur spielt die Flöte und verführt die sich windenden „phallischen“ Schlangen. Wie in der „Schlafenden Zigeunerin“ geht es um einen Moment der Überraschung, des Innehaltens, um die feine Balance zwischen Trieb und Kultur, Kontrolle und Ekstase. Die Lust ist geheimnisvoll und unerreichbar, sie entsteht aus der Zurückhaltung, Versagung, im Traum.
Ganz deutlich wird das auch im Werk „Böse Überraschung“. Ein zottiger Bär will sich auf eine nackte Badende stürzen, die die Arme eher empfangend als abwehrend hochwirft, als wäre sie bereit, zerfetzt oder vergewaltigt zu werden. Doch ein Jäger im Gebüsch richtet das Gewehr auf die Bestie und drückt ab. Diese Dreiecksbeziehung verkörpert Ideen, die Sigmund Freud dreißig Jahre später formulierte: dass die Kultur eine Quelle des Leids ist, weil sie auf der Unterdrückung von Triebbefriedigung aufbaut, die persönliche Freiheit einschränkt. Der Zweck: die Beherrschung der Natur und die Regelung menschlicher Beziehungen. Nur diese Triebunterdrückung unterscheide den Menschen vom Tier.
Was passiert, wenn die animalischen Triebe entfesselt werden, sieht man in Rousseaus blutrünstigen Dschungelbildern wie „Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope“. Es gilt: fressen oder gefressen werden. Rousseau erlebte eine Ära, in der sich die Beziehungen zu Lust und Sexualität radikal veränderten. 1871 veröffentlichte Darwin sein epochales Buch „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“. Der Mensch ist nicht Krone der Schöpfung, sondern Teil der Natur, eine weitere Bestie wie die ausgestopften Tiere und Wachsfiguren, die auf Weltausstellungen und in Museen bestaunt werden. Sex ist nicht, wie von der Kirche postuliert, eine teuflische Versuchung, der man abschwören kann, sondern ein uralter, natürlicher Trieb.
Darwin formulierte ein Lebensprinzip, das auch im modernen Kapitalismus gilt: Im Kampf um Nahrung und Lebensraum kann nur überleben, wer am besten an seine Umwelt angepasst ist. Rousseau ist ein Paradebeispiel dafür. Ist es also der Dschungel der Moderne, den er da malt? „Ich glaube, ja“, sagt Christopher Green, emeritierter Professor des Londoner Courtauld Institute of Art und Co-Kurator der Rousseau-Ausstellung in der Barnes Foundation: „Darwins Ideen vom Kampf ums Überleben waren in der Gesellschaft der Dritten Republik weitverbreitet und spiegeln sich in der Begeisterung für blutrünstige Darstellungen der wilden Natur in der Massenpresse wider.“ Eine erste Fassung des „Hungrigen Löwen“ zeigte Rousseau auch unter dem Titel „Der Kampf ums Leben“. Green ergänzt zu diesem Kontext: „Die Wachsfigur des Löwen im Pariser Naturkundemuseum, die Rousseau zum ›Hungrigen Löwen‹ inspirierte, war so blutrünstig, dass bei der Restaurierung von 2000 die offenen Wunden entfernt wurden, aus Rücksicht aufs heutige Publikum.“ Und Nancy Ireson, Kuratorin der Barnes Foundation, fügt hinzu: „Als ehemaliger Verkäufer von Tageszeitungen wie Le petit journal verstand Rousseau die Anziehungskraft sensationeller Tierkampfszenen. Die Wahl dieses Themas war in vielerlei Hinsicht eine urbane Entscheidung.“
Dieses Urbane ist in Rousseaus Dschungeln zu spüren. Sie wirken nicht wie Szenen aus fernen Ländern, die er nie besucht, nur erträumt hat. Sie erscheinen absolut künstlich, choreografiert wie Stücke, die ein Regisseur auf Bühnen, in Museen, Gewächshäusern inszeniert hat, um das Lebensgefühl, den Massengeschmack, das Überleben in Paris widerzuspiegeln. Rousseaus Bestien sehen aus, als würden Menschen in Kostümen stecken. Nicht nur die Mikrodramen in seinen Bildern, sondern auch die eigene Rolle des „naiven Künstlers“, die er zeitlebens spielt, wirken performativ.
Als Rousseau Bankbetrug beging, wurden Gemälde von ihm in den Gerichtssaal getragen, um seine Naivität zu bezeugen. Doch selbst sein Anwalt, den Rousseau zu manipulieren versuchte, traute der Show nicht und glaubte, dass dieser „eine Art Komödie“ spiele. Rousseau, der mit dem Dramatiker Alfred Jarry, dem Schöpfer von »König Ubu«, befreundet war, selbst Theaterstücke schrieb, wollte nicht in Traumwelten fliehen. Er wollte Teil des urbanen Lebens sein, sensationelle Werke, großes Theater schaffen. Dass er in Paris nun endlich – jenseits der Sonntagsmaler-Legende – als ambitionierter Künstler gefeiert wird, ist eine späte Genugtuung. Wäre Rousseau eine Gestalt in seinen Bildern, würde er aus einer Wolke auf uns herunterschauen und vor Freude weinen. Im Leben blieb ihm dieser Triumph versagt.
„Henri Rousseau, l’ambition de la peinture“,
Musée de l’Orangerie, Paris,
25. März bis 20. Juli 2026