Henri Rousseau in Paris

Die Wildnis in uns

Seine Dschungelbilder sind Meilensteine der Moderne, und er nahm den Surrealismus vorweg. Dennoch galt Henri Rousseau lange als naiver Dilettant. Eine Schau zeigt ihn nun in neuem Licht

Von Oliver Koerner von Gustorf
26.03.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 252

Einige Tage vor seinem Tod am 2. September 1910 war Henri Rousseau zu Besuch bei Roch Grey, einer Malerin und Schriftstellerin aus dem Umfeld der Pariser Avantgarde. Als er ging, blickte Roch ihm vom Balkon hinterher und erinnerte sich später: „Er lief schnell, ein bisschen nach vorne gebeugt und sah auf der weiten, endlosen Straße sehr klein und alt aus.“ Sie hörte, er sei so arm gewesen, dass er noch nicht einmal Bettlaken besaß. Sein ganzes Leben hatte Rousseau mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Selbst als er in Paris berühmt war, musste er seine Leinwände wiederverwenden. So entwickelte er eine besondere Malweise, bei der sich die Farben nicht überlagern, um Ölfarbe zu sparen.

Aus Geldnöten wurde Rousseau schon früh straffällig. Als Sohn eines Blechschmieds 1844 in Laval, einer Kleinstadt in Nordwestfrankreich, geboren, ging er aufs Gymnasium, war ein guter Schüler. Doch als er mit 19 anfing, für einen Anwalt zu arbeiten, stahl er kleine Beträge, wurde erwischt. Um die Strafe abzumildern, verpflichtete er sich für sieben Jahre zur Infanterie, zwischendurch ging er kurz ins Gefängnis. Nach der Entlassung vom Militär zog er nach Paris. Im Alter war er Komplize eines Bankbetrugs. Zugleich machte ihn diese ständige Not auch in der Kunst erfinderisch, durch sie wurde er zum legendären „Zöllner Rousseau“.

Henri Rousseau, Werk „Tropenwald mit Affen“ aus dem Jahr 1910
Henri Rousseau, „Tropenwald mit Affen“, 1910. © National Gallery of Art, Washington DC, John Hay Whitney Collection

Sein von wilden Tieren, mythischen Frauen, modernen Sensationen, Humor und Grausamkeit erfüllter Kosmos erscheint schlicht. Doch tatsächlich ist er konstruiert, psychologisch aufgeladen. Rousseaus Bilder spiegeln die Massenkultur seiner Zeit, das koloniale Weltbild Europas, Gefühle von Lust und Gefahr. Sein visionäres, schlafwandlerisches Werk strahlt wie von einem fernen Ufer zu uns in die Metamoderne hinüber. Heute, im Zeitalter von KI und Fake News, wächst wieder die Sehnsucht nach Authentizität. Nach Künstlerinnen und Künstlern, die nicht für den Profit, sondern aus ihrem Innersten heraus malen, Unschuld verkörpern. Wie Rousseau, der Inbegriff des „Sonntagsmalers“, der seine Träume auf die Leinwand bringt, ohne sich um Kunstgeschichte, Moden oder Markt zu kümmern.

Mit dieser Vorstellung räumt jetzt die wohl hochkarätigste Rousseau-Ausstellung aller Zeiten auf. „Henri Rousseau, l’ambition de la peinture“ (Der Ehrgeiz der Malerei) im Pariser Musée de l’Orangerie ist ein Once-in-a-lifetime-Ereignis. Unter anderem weil hier die beiden größten Rousseau-Sammlungen der Welt zusammenkommen – die der Barnes Foundation in Philadelphia, wo die Schau startete, und die Kollektion des Kunsthändlers Paul Guillaume im Musée de l’Orangerie. Es ist eine Sensation, dass Rousseaus Gemälde, die seit den 1920er-Jahren im Haus von Albert C. Barnes neben Hauptwerken der Pariser Moderne, etwa von Renoir, Cézanne, Picasso oder Modigliani, hängen, erstmals seit ihrem Ankauf reisen dürfen. Denn Barnes hatte eigenwillige Vorstellungen, er verbot zu Lebzeiten Farbabbildungen seiner Kunstwerke, weil sie nicht detailgetreu seien, und untersagte auch nach seinem Tod 1951 testamentarisch jeden Leihverkehr. Doch jetzt treffen, ergänzt durch bedeutende Leihgaben, erstmals Werke aufeinander, die seit über einem Jahrhundert nicht gemeinsam zu sehen waren – und so wahrscheinlich auch nie wieder zu erleben sein werden.

In seinem programmatischen Gemälde „Ich selbst. Porträt-Landschaft“, das er 1890 im Salon des Indépendants ausstellte, zeigt sich Henri Rousseau vor der Kulisse von Paris als selbstbewusster Künstler
In seinem programmatischen Gemälde „Ich selbst. Porträt-Landschaft“, das er 1890 im Salon des Indépendants ausstellte, zeigt sich Henri Rousseau vor der Kulisse von Paris als selbstbewusster Künstler. © National Gallery Prague

Die Ausstellung zeigt Rousseau nicht als Naiven, sondern als professionellen Künstler, der die Kunstgeschichte kannte und von einem Netzwerk aus jungen Avantgardisten, modernen Sammlern und Galeristen umgeben war. Hinter der „unschuldigen“ Fassade taucht ein anderer Henri Rousseau auf. Ein Maler, der einen Platz in der Kunstgeschichte will, der strategisch, marktorientiert, manipulativ sein kann. Jemand, der wie ein heutiger Künstler nach lukrativen Themen in der Massenkultur sucht.

Rousseau malte für unterschiedliche potenzielle Käufer auch völlig unterschiedliche Bilder. Dazu sagt Juliette Degennes, die Kuratorin des Musée de l’Orangerie: „Rousseaus Entscheidung, sich auf diese Weise zu vermarkten, kann heute als echte Verkaufsstrategie verstanden werden, die den Mythos des Amateurs untergräbt.“ Dennoch galt der Autodidakt den meisten seiner Zeitgenossen als naiv, seine Ideen als versponnen. Rousseau verbarg seine Verletzlichkeit, die Tragödien, die Demütigungen, die er für sich und seine Kunst ertragen musste. Er war eine chaplineske Figur, die immer wieder aus der Klemme fand, nie aufhörte zu träumen. Tatsächlich schaffte er es durch seine Strategie, zu einem der berühmtesten Künstler der Moderne zu werden. Doch das erlebte er nicht mehr. Als es für ihn losging, bekam er eine Blutvergiftung. Die Ursache waren seine offenen Beine, die er, wie auch seine Armut, geschickt verbarg. Rousseau starb allein im Hospital Necker, eingestuft als Alkoholiker, ein Original mit gewisser Berühmtheit.

Er wurde auf einem Armenfriedhof ohne Grabstein beerdigt. Nur sieben Trauergäste kamen, darunter Apollinaire, Robert und Sonia Delaunay, Rousseaus Hauswirt und der Bildhauer Brancusi. Der meißelt Apollinaires Epitaph auf den Grabstein, der erst zwei Jahre später von Delaunay durch den Verkauf von zwei Porträts Rousseaus finanziert wird. Die erlesene Trauergemeinde, gepaart mit dem Notbegräbnis, das passt zu Rousseau. Ebenso wie der Umstand, dass der deutsche Kunsthändler Wilhelm Uhde, Sammler der ersten Stunde, gleich nach der Todesmeldung losging und alle im Pariser Stadtteil Plaisance verbliebenen Leinwände zu Schleuderpreisen aufkaufte. Für einige Bilder wie „Frau in Rot im Wald“ bezahlte er nur fünf Francs. Er wurde Rousseaus Biograf und erfand 1920 den irreführenden Begriff der „Naiven Kunst“, der die Rezeption von Rousseaus Werk bis Ende des 20. Jahrhunderts prägen wird.

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