Seine Dschungelbilder sind Meilensteine der Moderne, und er nahm den Surrealismus vorweg. Dennoch galt Henri Rousseau lange als naiver Dilettant. Eine Schau zeigt ihn nun in neuem Licht
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26.03.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 252
Die Sammler von Rousseau waren damals eine Schar von Kennern, vor allem aber Nachbarn, Lebensmittelhändler, Wäscherinnen, Leute, denen der Maler Geld schuldete. Wie der Gemüsehändler „Père Junier“, dessen Frau für Rousseau kochte und den er 1908 mit der Familie auf seinem Wagen malte. Im selben Jahr kaufte Picasso Rousseaus 1895 entstandenes „Porträt einer Frau“. Er war so begeistert, dass er dem Schöpfer ein Bankett ausrichtete. Zu den Gästen gehörten George Braque und Gertrude und Leo Stein. Das Bild hatte Picasso bei einem Trödler auf dem Montmartre gefunden.
Niemand ahnte damals, dass Rousseau posthum ein echter Marktkünstler sein würde, seine Gemälde schon nach dem Ersten Weltkrieg bei Auktionen hohe Preise erzielten, dass sämtliche berühmten Pariser Avantgarde-Galerien von Daniel-Henry Kahnweiler bis zu Berthe Weill mit ihnen handelten. Sammler, Museen in Europa, Amerika und Asien überboten sich in den Zwanzigerjahren bei Auktionen, die Gemälde kosteten Hunderttausende Francs. „Die Pariser Händler erkannten, wie entscheidend es war, eine amerikanische Kundschaft zu gewinnen, die nicht in gleichem Maße vom Krieg betroffen war, und machten Rousseau international bekannt“, sagt Juliette Degenne. Zeitweise war er teurer als Renoir, Picasso oder Cézanne. Auch Rousseau wird sich nicht ausgemalt haben, dass 2023 sein Gemälde „Die Flamingos“ bei Christie’s in New York mit Aufgeld für 43,5 Millionen Dollar versteigert werden würde.
Schon einer seiner ersten Auftritte war groß: ein Bild, das er unter dem Titel „Ich selbst. Porträt-Landschaft“ 1890 im Salon des Indépendants in Paris ausstellte. Rousseau porträtierte sich darin als Gigant, mit Palette, vor der Kulisse von Paris, an der Seine. Ein selbstbewusster Künstler. Am Himmel ein Heißluftballon, im Hintergrund der gerade erbaute Eiffelturm. Rousseau hat Probleme, seine Figur perspektivisch in die Stadtlandschaft einzupassen. Als Riese sieht er aus, als schwebe er vor der Stadt. Trotzdem spielte er kühn mit den Proportionen, erfand ein neues Genre, die Porträt-Landschaft. Er verortete sich eindeutig als Maler des anbrechenden Industriezeitalters. Einer der Ersten, der seine Kühnheit bewunderte, ist Paul Gauguin, der ebenfalls im Salon des Indépendants ausstellte.
Damals war Rousseaus erste Frau, die Näherin Clémence Boitard, seit zwei Jahren tot, verstorben an Tuberkulose mit nur 37 Jahren. Rousseau hatte sie als 17-jährige Tochter seiner Vermieter kennengelernt. Die Schwiegereltern verhalfen ihm zum Job bei der städtischen Zollbehörde, wo er „Verwaltungsangestellter zweiter Klasse“ wurde, hier stellte er 1871 auch seine ersten Bilder aus. 1872 bekam das Paar eine Tochter, die nur drei Wochen alt wurde. Von vier Kindern, die in den Folgejahren auf die Welt kamen, erreichte nur eine Tochter das Erwachsenenalter. Eine existenzielle Tragödie, die man auch in den vielen, immer etwas wächsernen, puppenartigen Kinderbildern erahnen kann.
Im Jahr 1899 heiratete Rousseau die Witwe Joséphine-Rosalie Noury. Er malte aus diesem Anlass „Die Vergangenheit und die Gegenwart, oder Philosophisches Denken“, ein Bild, das ein Phänomen der Zeit aufgreift – den Spiritismus. Es zeigt die Eheleute bei der Vermählung, während ihre verstorbenen Partner aus Wolken, die an Ektoplasma erinnern, wohlwollend auf sie herabblicken. Rosalie starb nur vier Jahre später, doch trotz all dieser Schicksalsschläge entwickelte Rousseau eine unglaubliche Produktivität. Es entstanden eher konventionelle Auftragsarbeiten: Porträts, Familienbilder, die „kleinen Räume“, die Rousseau eigens für die Nachbarschaft preisgünstig und in kleineren Formaten malte. Da sind Ansichten von Vororten, vom Zolltor, an dem er arbeitete, Gemälde von Pariser Häfen, Promenaden, Fabriken, Brücken, Kasernen. Diese Panoramen aus der Peripherie erscheinen leer und unspektakulär. Zugleich porträtieren sie das moderne Paris auf fast intime Weise.
Doch schon vor seinem aufsehenerregenden Selbstporträt entstanden theatralische Bilder, wie Operninszenierungen. Mysteriöse Szenen, in denen Erotik, Gewalt und Suspense lauern. „Kreationen“ nannte Rousseau seine Allegorien und Dschungelszenen, für die er höhere Preise verlangte als für seine Landschaften. 1896 malte er den mondbeschienenen „Karnevalsabend“, in dem eine dunkle Gestalt einem kostümierten Paar in einem nächtlichen Park auflauert. Ein Jahr später die berühmte „Schlafende Zigeunerin“, eine dunkelhäutige Frau, auch unter einem Vollmond, von einem Löwen beschnüffelt. Das monumentale Gemälde, das 1897 im Salon des Indépendants gezeigt wurde, entpuppte sich als Flop. Rousseau versuchte vergeblich, es dem Bürgermeister seiner Heimatstadt Laval zu verkaufen, schließlich landete es im Besitz eines Pariser Kohlenhändlers. Ende der 1920er-Jahre erwarb es dann Alfred Barr für sein neu gegründetes MoMA in New York. Doch damals verstand es das Publikum nicht.
Dabei war die Dramatik, das Exotische in der Historienmalerei, im Orientalismus schon lange verankert, genauso wie das Thema des „Animalischen“, Darstellungen weißer Frauen, die von Tieren oder indigenen Männern bedroht werden. Rousseau, der die Genehmigung hatte, im Louvre Gemälde zu kopieren, kannte sich gut aus in der Kunst des 19. Jahrhunderts. Er verehrte Jean-Léon Gérôme, einen Meister des Akademismus, der für biblische Szenen, Haremsbilder, Duelle, Historienszenen berühmt war. Gérôme, so Rousseau, soll ihn trotz der Widerstände sogar in seinem „naiven“ flächigen Malstil bestärkt haben, der Elemente des Surrealismus vorwegnahm.