Bild des Tages

Der Junge, der kein Deutsch mehr sprach

Eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus in Berlin erinnert an den „Kindertransport” nach Großbritannien, mit dem vor 85 Jahren mehr als 10.000 jüdische Kinder gerettet wurden

Von Simone Sondermann
31.01.2024

Heinz Lichtwitz war sein Name. Schon die ersten Jahre seines Lebens waren nicht leicht gewesen. Die Mutter starb durch Suizid, nun waren sie nur noch zu zweit in Berlin, der kleine Heinz und sein Vater Max. Doch als sich die Lage für Juden in Deutschland immer mehr verschlechterte, nach den Novemberprogromen 1938, entschied sich sein Vater schweren Herzens, ihn fortzuschicken. Heinz kam auf einen „Kindertransport“ ins rettende Großbritannien, im Februar 1939 begann für ihn in Wales ein neues Leben. Da war er gerade sechs Jahre alt.

Dass er seinen Vater nie wiedersehen würde, ahnte er damals nicht. Dieser schickte ihm wunderschön bebilderte Postkarten, anfangs noch hoffend, er käme auf ein Schiff hinterher, dann mit einem Unterton der Verzweiflung, die er vor dem Jungen in liebevollen Worten zu verbergen trachtete. Als es Max Lichtwitz nach einigen Monaten endlich gelang, mit dem Sohn zu telefonieren, hatte dieser sich schon so weit entfremdet, dass er kein Deutsch mehr sprach. Die letzten Karten schrieb der Vater nun in der fremden Sprache, auf Englisch. Max Lichtwitz sollte den Holocaust nicht überleben, er wurde in Auschwitz ermordet. Aus dem kleinen Heinz Lichtwitz wurde Henry Foner, er trug nun den Namen seiner walisischen Pflegeeltern.

Die Geschichte des kleinen Heinz ist eine von vielen, die eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus in Berlin erzählt, anlässlich des 85. Jubiläums des „Kindertransports“, bei dem mehr als 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland und weiteren von den Nazis beherrschten Ländern nach Großbritannien verschickt und so gerettet wurden. Zur Eröffnung waren auch überlebende Zeitzeugen aus dem Kindertransport geladen, die einstige Journalistin Hella Pick, geboren in Wien, und der heute 90-jährige Lord Alfred Dubs, der als Kind aus Prag nach London kam. Henry Foner lebt heute hochbetagt in Jerusalem und konnte die Reise nach Berlin nicht mehr antreten. Er hat drei Kinder und acht Enkel.

Übrigens: Die Ausstellung „I said, ‘Auf Wiedersehen’. 85 Jahre Kindertransport nach Großbritannien“, kuratiert von Ruth Ur, läuft bis 23. Februar im Paul-Löbe-Haus in Berlin.

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