Israel

„Wir fühlen uns isoliert“

Viele Kunst- und Kulturschaffende in Israel kritisieren die Politik der rechten Regierung und haben sich für die Belange der Palästinenser eingesetzt. Nach den Terror-Attacken der Hamas fühlen sie sich von der internationalen Kunstszene im Stich gelassen. Ein Gespräch mit Tania Coen-Uzzielli, der Direktorin des Tel Aviv Museum

Von Simone Sondermann
25.10.2023

Frau Coen-Uzzielli, wie geht es Ihnen?

Nun ja, es gab schon bessere Zeiten, für uns als Gesellschaft, für uns als einzelne Menschen. Meinem engeren Kreis geht es gut, meiner Nachbarschaft, meinen Kindern auch, aber in meinem größeren Umfeld ist jeder auf irgendeine Weise betroffen. Es ist eine schwere Zeit.

Wie steht es um Ihr Museum in Tel Aviv?

Am Morgen des 7. Oktober, an dem der schreckliche Angriff geschah und Raketen auf Tel Aviv gefeuert wurden, haben wir das Museum geschlossen. Es war der letzte Tag einer Giacometti-Ausstellung, mit vielen Leihgaben und vielen schon verkauften Tickets für diesen Tag. Morgens ab 9 Uhr brachten wir innerhalb von zwei Stunden alle Werke in den Schutzraum. Am nächsten Tag hängten wir vieles aus der ständigen Sammlung ab, seitdem haben wir geschlossen. Wir versuchen jetzt, unserer Communitiy zu helfen, wir schicken zum Beispiel unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Notunterkünfte, um dort mit den Kindern Kunstprojekte zu machen. Und wir bieten Onlinevorträge an, die auf überraschend viel Interesse stoßen. Wir hätten gedacht, die Leute sind mit etwas anderem beschäftigt, aber sie reagieren positiv darauf. Und auf der Plaza vor unserem Museum haben wir einen Tisch zum Sabbat aufgebaut, mit 200 leeren Plätzen für die entführten Geiseln, wo auch deren Familien sich versammeln konnten.

Tel Aviv Museum
Herta and Paul Amir Building des Tel Aviv Museum. © Amit Geron

Sie haben einen offenen Brief an ICOM, den International Council of Museums, verfasst. Worum ging es dabei?

Ich möchte zuerst sagen, dass wir nach der schrecklichen terroristischen Attacke viele Nachrichten bekamen, viel Zuspruch, viel Ausdruck von Solidarität aus der ganzen Welt. Das tat sehr gut in all diesem Schmerz. Aber das waren alles individuelle Stimmen, keine institutionellen. Von Museen und anderen Kultureinrichtungen gab es nur Schweigen. Und dann erschien der offene Brief im internationalen Kunstmagazin Artforum, der sich einseitig auf die Seite der Palästinenser schlug. Das hat uns nicht nur sehr verletzt. Es geht auch darum, dass wir dachten, wir seien Teil der internationalen Kunst-Community, dass wir die gleichen Werte teilen – Menschlichkeit, Liberalismus, Gleichheit. Uns sind diese Werte wichtig, wir stehen für sie ein. Auch gegen unsere eigene Regierung, was uns mitunter Nachteile eingebracht hat. Wir haben uns gegen die Besatzung ausgesprochen und für die palästinensische Community. Aber der Terrorangriff war eine rote Linie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Palästinenser gibt, die diese so schrecklichen Dinge, diesen Horror, den ich gar nicht aussprechen kann, gutheißen, um dadurch andere Menschen zu befreien. Ich glaube, dass Menschen aus der Kunstszene, dass Intellektuelle die Komplexität der Situation verstehen sollten. Das kann man von ihnen verlangen. Man darf, wenn man für bestimmte Werte einsteht, einfach keinen Terror verteidigen. Aber das ist geschehen. Das hat uns sehr verletzt und ein Gefühl von Desorientierung ausgelöst. Wir fühlen uns isoliert. Wir waren schon durch unsere eigene Regierung isoliert, und jetzt fühlen wir uns in unserer eigenen Kunstcommunity isoliert. Jetzt gab es endlich eine erste Reaktion von ICOM, aber das hat lange gedauert.

Blick in die Dauerausstellung des Museums, Mizne-Blumental Collection
Blick in die Dauerausstellung des Museums, Mizne-Blumental Collection. © Elad Sarig

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie die großen propalästinensischen Demonstrationen überall auf der Welt sehen?

Im Krieg gibt es keine Symmetrie. Krieg ist eine Tragödie. Die Palästinenser haben ihre berechtigte Sicht, und Israel hat seine eigene Art von Schuld. Jetzt stecken wir mitten in einer Tragödie. Die meisten der entführten Israelis sind Kinder, wir haben keinerlei Kontakt zu ihnen, sie wurden aus ihren Häusern heraus verschleppt. Das ist nicht das Gleiche wie die Gegenangriffe der israelischen Armee. Sie sind furchtbar, aber es ist dennoch nicht das Gleiche. Man kann Schmerz nicht vergleichen. Schmerz ist Schmerz, Krieg ist Krieg, ein Verbrechen ist ein Verbrechen. Das heißt, es gibt das Recht, für die Palästinenser zu demonstrieren, aber die Botschaft, die zum Teil dabei herauskommt, ist gegen den Judaismus gerichtet, gegen Juden und nicht gegen Luftangriffe. Dieser Kontext ist beängstigend, und er erinnert an Dinge, die noch nicht so lange vergangen sind. Das hat mit Freiheit für die Palästinenser nichts zu tun.

Was wünschen Sie sich von der internationalen Kunst-Community?

Ich habe den Eindruck, die westlichen Regierungen sind alle sehr klar darin, die Geiselnahmen zu verurteilen, und die jüdischen Gemeinden in aller Welt auch. Aber was ist mit den Intellektuellen, den Universitäten? Für mich gehört die deutsche Regierung nicht zu meiner Community, aber die deutschen Museen, die Kuratorinnen und Kuratoren, die Kunstschaffenden gehören dazu. Und sie sind jetzt nicht da für uns. Israel leidet, die Taten vom 7. Oktober waren schrecklich und werden den Palästinensern nicht helfen, wir stehen an Israels Seite: Diese klare Botschaft wünschen wir uns. Das erwarte ich von einer liberalen und intellektuellen Gemeinschaft.

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