VR Kunstpreis

Zu Besuch bei Fremden

Die Ausstellung „Resonanz der Realitäten“ im Berliner Haus am Lützowplatz präsentiert VR-Kunstwerke, die über die Grenzen unserer physischen Welt hinausgehen

Von Sophie Angelov
18.04.2021

Vogelzwitschern, Wellenrauschen und eine von Felsen umgebene Tallandschaft, in der Einzelpersonen und Gruppen vorbeiziehen. Vieles wirkt vertraut in der von Patricia Detmering konstruierten Welt „Aporia“ und doch fällt schnell auf, dass man Gast in einer unbekannten Umgebung ist, deren Komplexität nicht sofort erfassbar ist. Aus eigenen Aquarellen hat die Künstlerin einen virtuellen Raum geschaffen und zugleich ein soziologisches Kunstwerk erarbeitet, das Gruppendynamiken nach Elias Canettis Werk „Masse und Macht“ (1960) rezipiert. Er beschreibt darin die Formierung von Menschen in der Masse und die daraus erwachsenden Herrschaftsfiguren. So reagieren auch die Avatare, wenn man in ihr Dorf eindringt, indem sie sich zusammenschließen, einen Anführer ernennen und eine rote Mauer auf- oder abbauen. Dabei verlaufen die Prozesse keineswegs normiert, sondern ergeben sich nach einem Zufallsprinzip, das auf Algorithmen und ihren Begegnungen untereinander beruht.

Während man über eine VR-Brille in die virtuellen Welten eintaucht, erzeugen die dazugehörigen Installationen durch wiederkehrende Bildelemente und Materialien eine passende Kulisse im Ausstellungsraum. Die von Tina Sauerländer kuratierte Ausstellung „Resonanz der Realitäten“ im Berliner Haus am Lützowplatz spielt mit dem Gegenüber von digitaler und physischer Welt, die miteinander in einen Austausch treten. So schwingt in der Virtual Reality immer auch ein Teil des realen Raums mit. Oder ist es andersherum? Präsentiert werden fünf Arbeiten von den Stipendiatinnen und Stipendiaten des durch die Deutsche Kreditbank und Contemporary Arts Alliance Berlin ausgelobten VR Kunstpreises.

Die künstlerischen Werke zeigen Technologien, die zwar von Menschen geschaffen sind, aber dennoch eine ganz eigene Dynamik entwickeln können. So wirkt man fremd und unerwünscht in der abstrakten Landschaft von „Poly Mesh“ des Berliner Künstlerduos Banz & Bowinkel. In gedämpftes Neonlicht gehüllt, erinnert die Umgebung an Computerspiele. Darin scheinen KI-gesteuerte, maskierte Avatare mit glänzenden Frauenkörpern sinnlos miteinander zu interagieren und gehen zeitweise bedrohlich nah auf ihre Betrachter:innen zu. 

Die weiblichen Figuren in stilisierter Perfektion spielen auf die meist unreflektiert reproduzierten Stereotypen im Digitalen an. Mit einem Bezug auf weibliche Maschinen, wie sie uns durch die programmierten Sprachassistentinnen Siri oder Alexa als Helferinnen im Alltag begegnen, wird ein weiteres Klischee angesprochen. Auch Evelyn Bencicovas zitiert in „Artificial Tears“ ein narratives Szenario, in dem es um kulturell tradierte Vorstellungen des Mannes als Schöpfer und der Frau als Maschine geht.

VR-Kunst Lauren Moffatt
Lauren Moffatts VR-Experience „Images Technology Echoes“ (2020) führt direkt in die Köpfe zweier Personen, die dasselbe Gemälde unterschiedlich wahrnehmen. © Courtesy: the Artist

Perspektivwechsel und in der realen Welt unzugängliche Blickwinkel ermöglichen die Werke von Lauren Moffatt und Armin Keplinger. Wie gern möchte man manchmal in die Köpfe der anderen hineinschauen – besonders dann, wenn sie vor einem Kunstwerk stehen. Das muss sich auch Lauren Moffatt gedacht haben, als sie „Images Technology Echoes“ entwickelt hat: Mithilfe von VR lässt sie uns in die Köpfe zweier Personen eindringen, die von ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen desselben Gemäldes erzählen, während wir in der realen Ausstellung vor eben diesem Gemälde stehen. Dagegen hebt uns Armin Keplinger mit seiner Arbeit „THE ND-Serial“ hoch hinaus und mitten rein in seine schwarzen Skulpturen aus röhrenartigen Stäben, deren Beschaffenheit wir uns schon im Ausstellungsraum durch deckenhohe Stelen erschließen können.

In einer Zeit, die es durch Reisebeschränkungen kaum zulässt, fremde Orte zu erkunden, ist die kostenlose Ausstellung mit fünf neuen Welten bis zum 6. Juni die perfekte Alternative. Am 7. Mai gibt eine fünfköpfige Jury die drei Preisträger:innen des VR Kunstpreises in einer digitalen Verleihung bekannt.

Service

AUSSTELLUNG

Resonanz der Realitäten
Haus am Lützowplatz, Berlin
16. April bis 6. Juni 2021

Das Haus am Lützowplatz ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Für den Besuch ist eine Terminbuchung notwendig. Der Eintritt ist frei.

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