Julia Stoschek Collection

Zur Hölle mit der Freundlichkeit

Die neue Ausstellung „A Fire in My Belly“ in der Berliner Julia Stoschek Collection versammelt künstlerische Werke zum Thema Wut, Verlust und Hilflosigkeit. Wer alle sehen will, muss einen Tag lang bleiben – oder wiederkommen

Von Christiane Meixner
12.02.2021

Da sitzt etwas tief im Bauch, das möchte, nein: das muss jetzt raus. Ein Zorn, wie ihn Monica Bonvicini seit Jahren kultiviert. Schwarz-Weiß, glasklar und so schnörkellos, dass man ihre Geste gar nicht anders interpretieren kann. Die Künstlerin schlägt mit aller Wucht auf die Verhältnisse ein.

Dabei passiert in ihrem 30-minütigen Video „Hammering out (an old Argument)“ kaum mehr als bei gewöhnlichen Abbrucharbeiten. Man sieht jemanden den Putz von einer Wand herunterhauen, bis die Mauer sichtbar wird. Ein bisschen jedenfalls. Dann schaltet die Szene in den Loop, und die Plackerei beginnt von vorn. Signalisiert Bonvicini damit Vergeblichkeit? Oder lässt sie einen darauf hoffen, dass ihre stete Mühe irgendwann ein Resultat erzielt?

Julia Stoschek Collection David Wojnarowicz
Das titelgebende Video „A Fire in my Belly“ von David Wojnarowicz entstand 1986–1987. © Courtesy of the Estate of David Wojnarowicz and PPOW Gallery, New York

„Hammering Out“ bleibt bewusst in der Schwebe und steht deshalb für den Spirit der Berliner Ausstellung „A Fire in my Belly“. Über 40 Arbeiten haben die Kuratorinnen Lisa Long und Julia Stoschek zum Thema zusammengebracht – das meiste aus der Sammlung Stoschek und vieles erst im vergangenen Jahr angekauft. Hinzu kommen Leihgaben von Zoe Leonard, Adrian Piper oder Kandis Williams, die 2018 in ihrer sensiblen Performance „Eurydice“ darüber nachdenkt, für welche Projektionen schwarze Körper über Jahrhunderte standen. Ein Katalog mit Texten und Theorien zu den versammelten Werken, der sich als PDF von der Website laden lässt, komplettiert die anspruchsvolle Schau mit Material für über 20 Stunden Aufenthalt in den ehemaligen Räumen des tschechischen Kulturzentrums.

Als das Projekt begann, war Corona mit all seinen Konsequenzen für das kulturelle und soziale Leben noch gar nicht abzusehen. Nun aber, zur stillen Eröffnung in der Julia Stoschek Collection, wirkt die Schau wie ein Reflex auf die jüngere Vergangenheit – ein künstlerischer Sturm gegen Willkür, Isolation, Rassismus, Ungerechtigkeit.

Julia Stoschek Collection
Das Video „Get Rid of Yourself“ von Bernadette Corporation aus dem Jahr 2003 sucht zwischen medialen Bildern nach dem wahren Leben. © Courtesy of the artists and Greene Naftali, New York

Dabei sind Arbeiten wie „Hammering out“ oder das titelgebende Video „A Fire in my Belly“ von David Wojnarowicz teils schon Jahrzehnte alt. Doch war das Aids-Virus, an dem der amerikanische Künstler ebenso wie sein Partner Peter Hujar erkrankte und 1992 schließlich starb, die Geißel der Achtzigerjahre. „A Fire in my Belly“ ist eine subjektive Abrechnung: mit dem Leid, dem Tod, der Wut auf die eigene Hilflosigkeit. Gefühle, die mühelos durch Zeit und Raum diffundieren. Wer Wojnarowiczs filmisches Werk neben jüngeren Arbeiten etwa von Arthur Jafa, Laure Provost oder Anne Imhof sieht, das erst vor wenigen Wochen fertig geworden ist, spürt die Unmittelbarkeit von Gewalt- und Verlusterfahrungen, die alle hier vertretenen KünstlerInnen umtreibt. Sei es im hoch ästhetischen Hologramm von Cyprien Gaillard, das ein Kriegsmonster von Max Ernst aus dessen Gemälde isoliert und sich selbst verschlingen lässt. Oder im von dokumentarischem Material überbordenden Video „Get Rid of Yourself“ von Bernadette Corporation aus dem Jahr 2003, das zwischen den medialen Bildern nach dem wahren Leben sucht.

Service

AUSSTELLUNG

A Fire in my Belly
Juli Stoschek Collection, Leipziger Str. 60, Berlin
Aktuell ist ein Teil der Videos auf der Website jsc.art zu sehen. Die Ausstellung steht mit dem Ende des Shutdowns offen und verlängert sich entsprechend. Die Eintrittskarte (5 Euro) gilt dann sechs Monate lang.

ONLINE-SAMMLUNGSKATALOG

Der Online-Bestandskatalog beinhaltet über 860 Werke von mehr als 282 Künstlerinnen und Künstlern aus der Julia Stoschek Collection.