Magnetic North

Kanadas Wetterleuchten

Die kanadische Natur wurde vor hundert Jahren zur Inspirationsquelle der modernen Malerinnen und Maler Nordamerikas. Eine Schau in der Frankfurter Schirn widmet sich nun dieser Landschaftskunst und macht sie bis zur Eröffnung digital zugänglich

Von Ulrich Clewing
02.02.2021
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 181

Arthur Lismer setzte seine Brille auf, bückte sich und blickte zu Boden. Da waren Farne, Flechten und Wurzeln, er aber sah etwas anderes: „Selbst in solch winzigen Formen liegt Weite“, so formulierte er es einmal, „dort finden sich Ausblicke und Gestaltungsweisen, die, zumindest für meine kurzsichtigen Augen, unübertroffen sind.“ Damit gab Lismer den Ton vor für eine Künstlerbewegung, die nun, sobald der Lockdown ein Ende hat, in einer hochinteressanten Ausstellung in der Frankfurter Schirn zu sehen ist.

Kuratiert hat die Schau, zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen von der Art Gallery of Ontario, Toronto, und der National Gallery of Canada in Ottawa, Martina Weinhart. Sie hat für die Schirn Kunsthalle in den vergangenen Jahren schon eine Reihe hervorragender Ausstellungen organisiert, wie etwa „German Pop“ 2014. „Magnetic North“ präsentiert an die 80 Gemälde und 40 Zeichnungen von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Umkreis der sogenannten Group of Seven, dazu Fotos, Filme und Dokumente, die die in Kanada als nationale Schätze verehrten Werke in einen heutigen Erkenntnissen angemessenen Kontext stellen.

Magnetic North, Tom Thomson, The West Wind
Die menschenleere Wildnis, ihre karge Natur und üppigen Farbspiele bieten einen riesigen Motivreichtum: Tom Thomsons „The West Wind“ entstand im Jahr 1916. © Craig Boyko/Art Gallery of Ontario

Stilistisch gehörten die Mitglieder der Group of Seven zur Moderne: Auf ihren Bildern lösten sich die Formen auf wie bei den Spätimpressionisten, sie verwendeten grelle Farben wie die Fauves und näherten sich der Abstraktion an wie Maurice Denis oder Félix Vallotton. Sie suchten die Seele ihrer Zeit, aber sie fanden sie nicht wie die Maler aus Europa oder den USA in den Städten. Das Erhabene, Ferne, die Natur, reißende Flüsse und die Tiefen des Waldes, das sind die geistigen Koordinaten für ihre Malerei. Als einer der Ersten bricht um 1910 Tom Thomson nach Norden auf – in der Schirn sind die Ölskizzen ausgestellt, die er dort anfertigte: kernige, zupackende, aus sicheren, kräftigen Pinselstrichen gebaute Landschaften im bescheidenen DIN-A4-Format.

Seine Bilder sind die eines Mannes, der nicht zum Himmel aufschaut, wenn er sich seinen Weg durch unbekanntes Gelände bahnt. Sein Modus Operandi ist die Teilhabe, das Pfund, mit dem er wuchert, die Unmittelbarkeit: Malt er Stromschnellen wie im Frühling 1916 bei „Swift Water“, scheint die Gischt über den Bildrand hinauszuspritzen. Steht er am Fuß eines Felshanges („Snow and Rocks“), kommen einem die Baumstämme und Steinbrocken noch heute bedrohlich, fast klaustrophobisch nahe. Thomson bezahlte dafür einen hohen Preis: Auf einer seiner Expeditionen kenterte er 1917 mit dem Kanu und ertrank.

Magnetic North, Lawren Harris, Icebergs, Davis Strait
Seine Reise in die Arktis war für Lawren Harris ein Weg in Richtung Abstraktion. 1930 malte er „Icebergs, Davis Strait“. © McMichael Canadian Art Collection

Sein Abenteurertum inspirierte andere. Der eingangs erwähnte Arthur Lismer besucht den Künstler 1914 und hält „Tom Thomson’s Camp“ fest: Im undurchdringlichen Gewirr aus Ästen und Unterholz ist das Zelt des Freundes kaum zu erkennen. Manchmal durchbrechen Zeichen der Zivilisation die Einsamkeit. Edwin Holgate porträtiert in „The Lumberjack“ einen ernsten jungen Holzfäller mit Hut, die im Gegensatz zu Thomson schon zu Lebzeiten sehr erfolgreiche Mary E. Wrinch widmet 1906 ihre Aufmerksamkeit einem düsteren bewaldeten Hügel mit Sägewerk am Fluss: „Saw Mills, Muskoka“. Franklin Carmichael wird von einer Silbermine und den Hütten der Arbeiter zu einem auratischen stahlblauen Landschaftspanorama angeregt, dessen Fluchtpunkt geradewegs in der Unendlichkeit zu liegen scheint. Wie Wrinch bereits in den Nullerjahren, also noch vor Thomson und Lismer, war auch Emily Carr im nördlichen Kanada unterwegs. An die Totems, die damals so viel Eindruck auf sie gemacht hatten, sollte sie sich 1930 erinnern, als sie nach einer Fotografie das großformatige Gemälde „Blunden Harbour“ schuf. Darauf zeigt sie die rituellen Skulpturen, die Bildhauer des in der Gegend ansässigen Stammes der Nakwaxda’xw am Ufer des Queen Charlotte Strait aufgestellt hatten, wie monumentale Relikte einer außerirdischen Kultur. Und Lawren Harris, mit seinen imposanten, auf wenige Bildelemente reduzierten Kompositionen in der Schirn der künstlerische Gegenpol zu Arthur Lismer, fährt hoch bis ins arktische Meer, wo die einzigen Erhebungen die Eisberge im Wasser sind.

Magnetic North, James E. H. MacDonald, Montreal River
Die Wasserfälle des Montreal River hielt James E. H. MacDonald 1920 fest. © Art Gallery of Ontario 2019

Thomson und seinen Nachfolgern gelingt es, sogar das atemberaubendste, vergänglichste Naturphänomen auf Leinwand zu bannen, die Nordlichter. „Aurora“ von Alexander Young Jackson, von dem auch die taghelle Nachtansicht „Night, Pine Island“ stammt, wäre ein Beispiel, „Aurora, Georgian Bay, Pointe au Baril“ von James E. H. MacDonald ein anderes. Von all diesen Werken geht eine Faszination aus, die mitgeholfen hat, den Mythos von den unberührten Provinzen Kanadas zu befeuern. Der große Vorzug der Ausstellung liegt darin, es nicht dabei zu belassen. Denn diese scheinbar urtümlichen Regionen waren keineswegs so menschenleer, wie es die Bilder der Group of Seven suggerierten, und das mythische Kanada hat, wie man sich inzwischen hat eingestehen müssen, eine Kehrseite.

Daher kommen in „Magnetic North“ auch Künstlerinnen und Künstler zu Wort, deren Vorfahren bereits seit Hunderten von Jahren in dieser vermeintlichen Wildnis gelebt hatten, bevor sie im Zuge der europäischen Kolonialisierung entrechtet und vertrieben, totgeschwiegen, ausgebeutet und umgesiedelt wurden. In dem Zusammenhang sind die Fototriptychen von Jeff ­Thomas eine Entdeckung: Er, der sich einen „urbanen Irokesen“ nennt, kombiniert gefundene historische Fotografien von Angehörigen der indigenen Stämme mit eigenen Bildern. Sie zeigen oft seinen Sohn, Mitbegründer des E-Music-Duos A Tribe Called Red, einen typischen Vertreter der großstädtischen Jugend und damit ein perfektes Antiklischee. Ebenfalls Teil der Schau sind der Film „How a People Live“ von Lisa Jackson und die Videoinstallation „Mobilize“ von Caroline Monnet. In ihnen geht es um die Zusammenhänge von Orten und Identitäten, um indigene Selbstermächtigung und -behauptung. Für die Künstlerinnen und Künstler aus dem Kreis der Group of Seven sind sie die Brücke, die in die Gegenwart führt.

Service

AUSSTELLUNG

„Magnetic North. Mythos Kanada in der Malerei 1910–1940“

Schirn Kunsthalle, Frankfurt, ­Frühjahr 2021

begleitendes Digitorial