31.12.2019 Peter Dittmar

Im ewigen Loop: Die Comicwelten von Giraud

Das Max Ernst Museum zeigt die bislang umfangreichste Ausstellung des Comiczeichners Jean Giraud

Das hätte sich der ehrwürdige August Ferdinand Möbius (1790 – 1868) – Mathematikprofessor an der Universität Leipzig – gewiss nicht träumen lassen, dass er dereinst ein Stückchen seines Nachruhms einem Comiczeichner zu verdanken hätte. Und zwar Jean Henri Gaston Giraud, 1938 geboren und 2012 gestorben, der sein Brot mit den Zeichnungen zu den Wild-West-Abenteuern des Leutnants Blueberry verdiente, die sich Jean-Michel Charlier ausgedacht hatte. 

Aus Giraud wird Moebius

Das begann 1963 in der Comic-Zeitschrift Pilote und endete 2007, nachdem Giraud den 25 Alben über den Soldaten noch sechs über den pensionierten „Mister Blueberry“ nachgereicht hatte. „Gir“ signierte Giraud diese Arbeiten. Allerdings füllte ihn diese Comicroutine bald nicht recht aus. Deswegen gründete er 1975 zusammen mit Philippe Druillet, Jean-Pierre Dionnet und Bernard Farkas die Zeitschrift Métal Hurlant, die es in 22 Jahren auf 133 Ausgaben brachte. Sie pflegte vor allem ein Fantasy-Genre, bei dem Vergangenheitsfantasien mit Zukunftsvisionen in utopischen Landschaften verschmolzen. Jedoch nicht mit jenem dystopischen Pessimismus amerikanischer Serien wie Sin City von Frank Miller. Die für Métal Hurlant charakteristischen Geschichten spielen – so tautologisch es klingt – nicht in Fantasy- sondern in Fantasie-Welten. Und Giraud lebte dabei sein zweites Ich aus, das nichts von einer kontinuierlichen Erzählweise gängiger Comics hielt, sondern assoziativ und oft sprunghaft Orte und Handlungsstränge verband, in denen seine Protagonisten wortkarg bis wortlos agierten.

Moebius, „Inside Moebius“, Tusche auf Papier, digital bearbeitet und koloriert, 2007, Blatt 82/83, Band 6, 2010, Abb.: © 2019 Moebius Production
Moebius, „Inside Moebius“, Tusche auf Papier, digital bearbeitet und koloriert, 2007, Blatt 82/83, Band 6, 2010, Abb.: © 2019 Moebius Production

Diese Serien, deren Hauptdarsteller der Major Grubert mit dem Tropenhelm eines preußischen Kolonialoffiziers, der Arzach mit dem Urvogel als Reittier in den Lüften oder der Weltraumdetektiv John Difool als Hüter des geheimnisvollen Incals sind, signierte Giraud mit Moebius. Angeregt durch das „Möbiusband“, jenem von August Ferdinand Möbius 1858 beschriebenen Ring, bei dem Innen und Außen identisch sind. In der Kunst begegnet man diesem irritierenden Effekt wiederholt in den Grafiken von M. C. Escher oder bei Stein-Skulpturen von Max Bill. Und Giraud / Moebius hat sich, sein Pseudonym aufnehmend, einmal mit einem Möbiusband als Brille selbst porträtiert.

Von der Schwierigkeit, Comic auszutellen

Das Blatt hängt in der Ausstellung „Moebius“ in Max Ernst Museum in Brühl, die mal wandgroß aufgeblasen, mal als Original im Rahmen die fantastischen Welten jener „vergangenen Zukunft“ des Jean Giraud aufblättert. Eine direkte Verbindung zu Max Ernst lässt sich nicht erkennen. Sie muss rhetorisch durch Berufung auf die Irrealität / Surrealität der Bilder, die unwirkliche Wirklichkeiten entwerfen, beschworen werden. Aber darauf kommt es auch nicht an. Wesentlich ist das Augenvergnügen, in diesen seltsamen Kosmos einzutauchen, wenngleich sich oft – weil es lediglich einzelne Bilder aus den verschiedenen Alben sind – die Eigenart der Erzählung nicht nachvollziehen lässt. Diesem Geburtsfehler aller Comic-Ausstellungen vermag auch Brühl nicht zu heilen. Aber da es Moebius, als er in die Jahre kam, liebte, sich selbst als seltsamen Fremden zu zeichnen, dem Realen wie aller Erdenschwere enthoben, füllen eine Reihe recht unterschiedlicher Selbstporträts – mal spiegelgleich mit der Feder gezeichnet, mal sein Tun wie das eines anderen reflektierend, mal gedankenwild in Kopfgeburten schwelgend – eine Wand.

Und ausgiebig sind auch Folgen aus den sechs Bänden Inside Moebius zu betrachten, auf denen er spielerisch seine Gedankenflüge wie die Überwältigungen durch rätselhafte Einfälle ins Bild setzt. Dazu kommen Entwürfe für Wandgemälde als große farbfreudige Tableaus, Wimmelbilder, in denen sich der Blick wie in einem Labyrinth verheddert, oder die Zeichnungen zum Paradies in Dantes Göttlicher Komödie, bei denen sich Gustave Doré und Arthur Rackham jugendstilverliebt über den Weg zu laufen scheinen. Das Motto der Pariser 68er „Die Phantasie an die Macht“ könnte für diese Blütenlese bedenkenlos übernommen werden.

Moebius Kooperationen fallen unter den Tisch 

450 Arbeiten seien es insgesamt, erfährt man. Wobei der Dank an die „Moebius Production“ gebührend eingeflochten wird, weil man auf den Nachlass zugreifen konnte. Und offensichtlich wirkten die Interessen der Nachlassverwalter auch auf die Auswahl ein. Denn Giraud wird hier auf „Moebius“ reduziert. Was er vorher und gleichzeitig schuf, bleibt ausgeklammert. „Blueberry“ ist lediglich karg als Alibi dabei (und wird in der Bibliografie negiert). Auf vergleichende Beispiele mit anderen Comiczeichnern, die wie Philippe Druillet und Enki Bilal thematisch wie stilistisch zu einem solchen Vergleich herausfordern, wird verzichtet. Obwohl Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten keineswegs zufällig sind, scheinen sie und andere Zeichner weder die Kuratoren noch die Autoren des Begleitbuches zu kennen. Da wird in der Biografie bei der Gründung von Métal Hurlant nur Giraud und kein anderer Name genannt. Auch dass er nur die ersten sechs John-Difool-Bände in Schwarzweiß zeichnete, die Kolorierung Yves Chaland, Isabelle Beaumenay-Joanne und Zoran Janjetov übernahmen, der dann die Serie als Vor dem Incal fortführte, bleibt unerwähnt.

Umgang mit dem Nachlass 

Nicht anders ist es bei der Marktpräsenz. 276 000 Euro, die 2015 in Hongkong für die Titelseite von Le garage hermétique gezahlt wurden, sind Moebius’ höchster Auktionszuschlag, gefolgt von 126 000 Euro für eine Farbseite von Arzach (mit 355 000 Euro liegt Bilal erheblich darüber, während Druillet mit 169 000 Euro darunter bleibt). Das meiste begnügt sich bei allen dreien allerdings mit vier- und fünfstelligen Erlösen. Und für Moebius gilt – wie für nicht wenige Künstler mit „Namen“ –, dass mit dem Tod die Kunstproduktion nicht endet. Während der „Starwatcher et le Lézard“ noch zu seinen Lebzeiten radiert wurde – das Exemplar 102 von 120 hängt in der Ausstellung –, meint bei der Serie „40 Jours dans le désert B“ die Jahreszahl 1999 lediglich das Entwurfsdatum. Was an der Wand hängt, ist das 20. Exemplar (von 30) der postumen Vervielfältigung als Serigrafie. Außerdem wird bei nicht wenigen Bilder als Technik „Digigrafie“ genannt. Und das heißt, es sind keine Originale sondern beliebig zu vermehrende Drucke. Die Beischriften verraten das nicht. Ein wenig mehr Offenheit sollte ein Museum auch gegen die Wünsche der Nachlassverwalter durchsetzen können. Den Genuss an den kühl-kühnen Visionen wie den fantastischen Ekstasen der Moebius-Welt hätte das nicht beeinträchtigt.

Service

Ausstellung

„Moebius“

Max Ernst Museum, Brühl
bis 16. Februar

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 18/2019