01.11.2019 Weltkunst Redaktion

Die letzte Süße: Kunstherbst in Wien

Im Herbst stehen Wiens Museen traditionell in voller Pracht. Wir haben sieben hochkarätige Ausstellungen ausgewählt – von Bernini bis Bircken

Wien 1900
Leopold Museum, ständige Ausstellung

Natürlich, die Wiener Moderne präsentiert sich opulent in Gustav Klimts farbmächtiger Allegorie „Tod und Leben“ von 1910/1915 oder in den harten und nervösen Linien des „Sitzenden Männerakts (Selbstdarstellung)“ von Egon Schiele aus dem Jahr 1910. Doch abseits von solchen Klassikern der Malerei fand sich das moderne Bewusstsein in der Donaustadt genauso in den kleinen und teilweise unscheinbaren Dingen. In der Schachbrettmuster-Sitzfläche des Armlehnstuhls etwa, den Koloman Moser für das Sanatorium Purkersdorf entwarf. Modern dachte zudem der Architekt Otto Wagner, als er Geländer in Sonnenblumenform als durchgängiges Erkennungszeichen der Stadtbahn verwendete. Das Leopold Museum führt all das nebeneinander vor Augen. Und wer die neue Dauerpräsentation, die sich über drei Etagen erstreckt, noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen. Tiefer als dort kann man gerade nirgendwo sonst in Wiens Vorzeigeepoche eintauchen.

Alexandra Bircken
Secession, bis 10. November

Kleidung ist der Panzer, der die Zumutungen der Außenwelt vom eigenen Körper fernhält. Alexandra Bircken, die in den Neunzigerjahren in London Modedesign studierte, verweist auf diese Funktion, wenn sie mit Materialien wie Latex und Leder arbeitet. Doch gleichzeitig vermitteln ihre Werke ein Gefühl von Verletzlichkeit: Aus Motorradfahrermonturen schneidert Bircken tragisch wirkende Figuren wie „INXS“ von 2016. Und die Latexanzüge drapiert sie oft – wie jetzt in Wien – als leblos erschlaffte Wesen. Der Anblick verstört. Und so greift das, was uns schützen sollte, uns doch im Kern an.

Alexandra Bircken, „INXS“, 2016, Foto: Sovrintendenza Capitolina, Musei Capitolini – Pinacoteca Capitolina, Roma

Pierre Bonnard
Kunstforum Wien, 10. Oktober bis 12. Januar

Böhmen liegt laut Ingeborg Bachmann am Meer – für das heutige Österreich gilt das allerdings nicht. Und deshalb kann man es den Wienern nicht verdenken, dass sie sich mit den Werken von Pierre Bonnard jetzt eine Prise mediterrane Lebenslust gönnen, wie beispielsweise mit „Meeresufer, Rotes Feld“ von 1939. Die Sonne Südfrankreichs scheint in Bonnards Bildern für immer. Das macht auch diese Retrospektive zum Urlaub im Museum.

Caravaggio & Bernini
Kunsthistorisches Museum Wien, 15. Oktober bis 19. Januar

In den Gemälden von Michelangelo Merisi da Caravaggio vollzog die Kunst den Schritt zum wahrhaftig ausgedrückten Gefühl. Die erotische Figur des „Heiligen Johannes“ (um 1602) erscheint uns so lebensecht wie der erschrockene Knabe, den die Eidechse in den Finger beißt. Die beiden kapitalen Leihgaben aus Italien deuten die Dimension dieser Blockbuster-Schau an, die mit dem Universalgenie Gian Lorenzo Bernini noch einen zweiten Großmeister der hochschäumenden Emotionen zeigt.

Caravaggio, Dornenkrönung Christi, um 1601, Foto: KHM-Museumsverband
Caravaggio, Dornenkrönung Christi, um 1601, Foto: KHM-Museumsverband

Otto Prutscher
MAK – Museum für angewandte Kunst, 20. November bis 17. Mai

Im Korbstuhl konnte Otto Prutscher offensichtlich gut denken – obwohl das Design nicht von ihm stammte, sondern von seinem Kollegen Josef Zotti. Doch ansonsten entwarf Prutscher so ziemlich alles, was man für den standesgemäßen Bürgerhaushalt brauchte: vom bequemen Jugendstil-Fauteuil bis zum schlicht-modernen Deckelpokal, dessen Cuppa an eine Gugelhupfform erinnert. Das MAK zeigt im Herbst die Bandbreite des Vielgestalters.

Otto Prutscher in einem Stuhl von Josef Zotti, 1913, Foto: © Karl Ehn

Albrecht Dürer
Albertina, Wien, bis 6. Januar 

Albrecht Dürer war ein Meister darin, mit der Kunst eine zweite Natur zu schaffen – und ebnete der Renaissance im deutschsprachigen Raum den Weg. Die Albertina in Wien öffnet nun ihre Schatzkammer für eine berührende Schau. Der „Feldhase“ (1502) gehört auch dank seiner Detailfülle zu den berühmtesten Dürer-Werken.

Eva Hesse
Mumok, 16. November bis 16. Februar

Die wundervoll versponnenen Postminimalismus-Gebilde der früh verstorbenen Bildhauerin Eva Hesse (1936–1970) finden ihre Entsprechung in ihren grandios schrägen Zeichnungen wie „No Title“, 1964, die das Allen Memorial Art Museum zum Jahresende aus Hesses Nachlass verleiht. 

Eva Hesse, „No title“, 1964, Stift, Wasserfarbe, Gouache und Collage auf Papier, 29.4 × 42.1 cm, Allen Memorial Art Museum, Oberlin College, Oberlin, OH., Schenkung von Helen Hesse Charash, 1983.106.1, Foto: © The Estate of Eva Hesse. Courtesy Hauser & Wirth
Eva Hesse, „No title“, 1964, Stift, Wasserfarbe, Gouache und Collage auf Papier, 29.4 × 42.1 cm, Allen Memorial Art Museum, Oberlin College, Oberlin, OH., Schenkung von Helen Hesse Charash, 1983.106.1, Foto: © The Estate of Eva Hesse. Courtesy Hauser & Wirth

Service

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 162/2019